Zur Selbstmordproblematik bei Jugendlichen

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Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Selbstmordproblematik bei Jugendlichen. Die Uraschen werden beleuchtet und die Prävention thematisiert.

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Zur Selbstmordproblematik bei Jugendlichen - Wenn es im Leben scheinbar keinen Ausweg mehr gibt...

1.Einleitung

Der versuchte oder vollzogene Selbstmord löst in der Umwelt Bestürzung, Ratlosigkeit und Trauer aus. Erscheint der Suizid bei alten, kranken oder vereinsamten Menschen als nachvollziehbar, da sie ihr Leben gelebt haben oder es für sie nicht mehr lebenswert ist, so erscheint der Suizid von Jugendlichen, die den aktiven Teil ihres Lebens noch vor sich haben, als unerklärlich.

Als ich mein Praktikum in der Kinder- und Jugendpsychiatrie absolvierte, musste ich mich mit diesem Thema auseinandersetzen. Ich traf auf Jugendliche, die einen Suizidversuch hinter sich hatten, manche sogar mehrere. Es ist schwer zu begreifen, was einen so jungen Menschen, der sein Leben noch vor sich hat, zu einer solchen Tat bewegt. Um die schwierige Situation der Jugendlichen in der Pubertät zu beschreiben, fasse ich kurz die sozialen, emotionalen und psychischen Anforderungen von Jugendlichen zusammen. Es wird erwartet, dass Jugendliche ihre eigene Geschlechtsrolle akzeptieren und funktionierende Beziehungen zu beiderlei Geschlecht aufbauen. Eine berufliche Zukunft soll geplant werden und die dafür benötigten schulischen Leistungen erfolgen. Sie sollen eine emotionale Unabhängigkeit von den Eltern erlangen und eigene Werte und Handlungsmuster entwickeln. Gleichzeitig müssen sie das Wertesystem der Gesellschaft übernehmen und Verantwortung dafür tragen. Dabei können Probleme auftreten, die eine Identitätskrise hervorrufen. Die verschiedenen Probleme können im Extremfall mit einem Zusammentreffen von fehlenden sozialen Ressourcen und falschen Bewältigungsstrategien zu suizidalem Veralten führen (vgl. Wunderlich, S.104, 1999).

Ich beginne meine Hausarbeit mit geschichtlichen Rückblicken des Selbstmordes. Dies soll nur eine allgemeine und kurze Darstellung über die Ereignisse, Einstellungen und verschiedenen Sichtweisen der Selbstmordgeschichte sein. Der nächste Punkt, „Die Suizidproblematik..." soll eine Übersicht verschaffen, wie häufig, mit welchem Geschlechtsunterschied und mit welchen Methoden der Selbstmord stattfindet. Punkt 4 behandelt die Ursachen von Suizid, indem drei verschiedene Theorien kurz vorgestellt werden. Der Anspruch dieses Kapitels ist nicht, detailliert die Theorien zu beschreiben, sondern einen Überblick zu verschaffen. Ich werde versuchen die Theorien mit Hilfe von Beispielen zu verdeutlichen und in Zusammenhang bringen mit der Suizidproblematik bei Jugendlichen. Als nächstes werde ich auf die Hinweise und Signale für eine Selbstmordgefährdung eingehen. Dabei beschreibe ich die Risikofaktoren und die Alarmzeichen, die von Jugendlichen ausgehen. Als letzten Punkt führe ich die Prävention und Hilfen bei Suizidgefährdung an, die sich in drei Präventionstypen gliedert, welche ich im Einzelnen beschreiben werde. In den Kapiteln 4 - 6 werde ich Beispiele aus meiner Praxis beschreiben, um die vorgestellten Theorien auf die Realität zu beziehen.

2.Geschichtliche Rückblicke

Niemand weiß, wer der Erste war, der sich selbst tötete. Es ist ungewiss, ob es ein Mann oder eine Frau war. Man kann nicht sagen, wie der erste Selbstmord vollzogen wurde oder welche Gründe einen Menschen dazu bewogen. Was jedoch feststeht ist, dass jede Kultur anders mit dem Selbstmord umging. Die Reaktionen gingen von Akzeptanz und Wertschätzung bis zur Ablehnung und Ausgrenzung (vgl. Redfield-Jamison, S. 17 ff, 2000).

In manchen Kulturen, wie den Innuiten, den Norwegern oder den Crow-Indianern wurde der Selbstmord Alter und Kranker akzeptiert oder sogar gefordert. Dies geschah oft, um die Vorräte des Stammes zu schonen oder um das nomadische Weiterziehen des Stammes nicht zu behindern.

Die Selbstmorde, die in der Bibel beschrieben sind, wie der des Judas Ischariot, hatten keine kulturellen oder religiösen Sanktionen zur Folge. Sie wurden wie bei den Griechen als Ehrensache betrachtet, wenn man sich damit aus der Gefangenschaft von Feinden befreien wollte, Sühne für seine Fehler leisten oder wenn man vermeiden wollte, ein religiöses oder philosophisches Prinzip zu verletzen. Ein Beispiel dafür ist Hannibal, der lieber Gift trank, als in Gefangenschaft zu sein oder die Gladiatoren, die sich mit dem eigenen Speer töteten um den Zeitpunkt des Todes nicht durch ihren Gegner bestimmen zu lassen. Im Frühchristentum änderte sich diese Ansicht, und die Christen nahmen dem Selbstmord gegenüber eine ablehnende Stellung ein. Selbstmörder wurden für die Beerdigung nicht gewaschen. Stattdessen wurden sie in den Kleidern, die sie im Augenblick ihres Todes trugen und auf dem Bauch liegend beerdigt. Um sie nicht zu berühren, wurden sie mit Feuerhaken in den Sarg gehoben, da man glaubte, sie würden Krankheiten und Verwünschungen übertragen. Die Selbstmörder wurden bis ins frühe neunzehnte Jahrhundert ohne jegliche Feierlichkeit an abgelegenen Stellen, z. B. im Wald, begraben. Auch die Juden beerdigten einen Selbstmörder nur in abgeschiedenen Teilen des Friedhofes ohne Totengebete. Auch heute noch heißt es bei jüdischen Gelehrten, dass man alles für die Ehre der Überlebenden tut, aber man tut nichts zu Ehren des Toten, außer ihn zu beerdigen. Nach Islamischen Recht wurde der Selbstmord genauso angesehen wie Mord. Das römische Recht besagte, dass der Besitz eines Selbstmörders nicht vererbt werden dürfe. In Frankreich wurde der Selbstmörder mit dem Gesicht nach unten durch die Straßen geschleift und danach an einem Galgen aufgehängt. Ende des siebzehnten Jahrhunderts verlangte das französische Strafrecht, dass die Leiche in die Kloake oder auf den Müllplatz geworfen wurde. Erst im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert wurde der Selbstmord in den meisten Ländern wenigstens formell entkriminalisiert. England und Wales gingen diesen Schritt erst 1961, Irland sogar erst 1993 (vgl. Redfield-Jamison, S. 19ff, 2000).

Die Geschichte über die Gesetze, Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Selbstmördern zeigt die Komplexität dieses Phänomens, denn es ist nicht nur eine Handlung gegen sein eigenes Leben, sondern auch ein gewaltsamer Eingriff in das Leben anderer, die dies nicht verstehen können.

3. Die Suizidproblematik ...

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass es weltweit etwa eine Million Selbstmorde pro Jahr gibt. Im Durchschnitt sterben in der Bundesrepublik Deutschland jährlich zwischen 11.000 und 12.000 Menschen durch Suizid, wobei zusätzlich von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. Diese Zahl entspricht ca. 1,3% aller Todesfälle und ist somit höher als die Anzahl der Verkehrstoten. Im Alter von 15- bis 35 Jahren ist der Suizid die häufigste Todesursache, nach dem Unfalltod.

Die Zahl ernsthafter Suizidversuche liegt bei ca. 100.000 bis 150.000, genaue Angaben sind jedoch durch die Dunkelziffer schwierig. Kurz gesagt, etwa jeder zehnte Suizidversuch ist erfolgreich. Im Jahr 1982 begingen in der Bundesrepublik und der DDR 18.711 Menschen Suizid, während die Zahl im Jahr 2002 bei 11.163 lag. Das bedeutet, dass die Suizidrate im Zeitraum von 20 Jahren um 40,3% zurückging. Von den 11.163 Suiziden im Jahr 2002 waren 8.106 (73%) Männer und 3.057 Frauen. Die Zahl der Suizidversuche ist bei Frauen höher als bei Männern. Allerdings ist die Zahl der erfolgreichen Suizide bei Männern größer. Das Verhältnis der Suizidrate von Frauen zu Männern liegt etwa bei 1:3.

Die häufigste Ursache (90 - 95%) für einen Suizid bzw. Suizidversuch liegt in diagnostizierbaren psychischen Erkrankungen. Suizid kommt gehäuft vor bei allen Psychosen, Depressionen, aber auch bei Suchterkrankungen. Weitere suizidauslösende Faktoren sind Lebenskrisen, wie Trennung, Tod, Versagensängste oder wirtschaftlicher Ruin. Diese Faktoren sind allerdings nur in 5 - 10% der Fälle alleiniger Hintergrund (vgl. www.madeasy.de/4/suizid.htm).

Die Methoden werden zwischen weichen Methoden (z. B.Vergiftung mit Tabletten oder Reinigungsmitteln) und harten Methoden (z. B. Erhängen, Erschießen oder Ersticken) unterschieden. Meistens greifen Jugendliche zu den weichen Suizidmethoden, wenn jedoch harte Methoden zum Einsatz kommen, greifen eher männliche Jugendliche dazu (vgl.Kaiser-Asmodi, S.26, 1997).

4. ... und die Suche nach den Ursachen

Mit der Frage, wieso sich Menschen selbst töten, beschäftigen sich Mediziner, Psychologen, Pädagogen, Theologen und andere Wissenschaftler schon seit Jahrhunderten. Ich stelle nun die drei, für mich am wichtigsten erscheinenden, Theorien vor, die dazu beitragen, das Unfassbare ein wenig fassbarer zu machen. Obwohl Theorien nie einen Einzelfall beschreiben können, sollten sie hier kurz vorgestellt werden, um als Informationshintergrund zu dienen und um Zusammenhänge zum realen Leben herzustellen und speziell auf die Zusammenhänge bei Jugendlichen. Um diese Zusammenhänge zu beschreiben, bediene ich mich einiger Praxiserfahrungen, die ich in meinem Praktikum gesammelt habe. Es wäre noch wichtig zu erwähnen, dass jede Theorie, solange sie alleine steht, als unzureichend widerlegt werden kann. Erst die Integration mehrerer Theorien kann ein so komplexes Wesen wie den Menschen erklären.

4.1 Der soziologische Ansatz

Die soziologische Suizidtheorie bildet den Anfang der Suizidforschung. Der französische Soziologe Emile Durkheim war der erste, der 1897 eine systematische Erfassung und wissenschaftliche Bearbeitung des Phänomens Selbstmords mit seinem Werk „Le Suicide" anfertigte. Er vertrat die Ansicht, dass der Selbstmord nicht nur ein Problem des Individuums darstellte, sondern dass es Gemeinsamkeiten geben müsse, die den Selbstmord kategorisieren lassen. Seine Arbeit hinterfragte nicht, wieso sich der Einzelne umbrachte, sondern welche gesellschaftlichen Zustände zu einer niedrigen bzw. hohen Selbstmordrate führten. Er unterscheidet drei Grundtypen von Suiziden, den egoistischen, den altruistischen und den anomischen Selbstmord.

Der egoistische Selbstmord geschieht dann, wenn Menschen isoliert und nicht integriert leben. Der Grundkern dieser Überlegung ist, das der Mensch ein soziales Wesen ist und einen Lebenssinn braucht. Dieser ist aber nur durch die Zugehörigkeit der Gesellschaft bzw. einer Gruppe erfüllbar. Sie haben jedoch jegliche Bindung zur Gesellschaft verloren und der Suizid nimmt die Bedeutung einer Befreiung vom Zwang zu leben an. (vgl. Durkheim, S. 163 ff, 1995).

Bezieht man diese Theorie, mehr als 100 Jahre später, auf die Jugendlichen, ist festzustellen, dass sich die gesellschaftlichen Strukturen stark verändert haben. Die Scheidungsrate steigt ständig an, die Zahl der Patchworkfamilien mit all ihren Problematiken nimmt zu, fast jedes vierte Kind wird nicht in seiner Ursprungsfamilie groß oder lebt nur mit einem Elternteil und die vaterlose Familie wird langsam zum Normalfall. Durch das Großwerden als Einzelkind wird den Kindern oft die Chance genommen, streiten und teilen zu lernen. Sie bekommen dadurch nicht genügend Erfahrung, sich Konflikten innerhalb der Familie zu stellen, was die Entwicklung des Gefühls von Gemeinschaft blockiert. Auch die Kontakte zu Verwandten reißen immer mehr ab. So nimmt die Vernetzung ab und damit auch die soziale Verantwortlichkeit. Ein weiteres Problem ist das Fernsehen und der Computer, die Freunde ersetzen und von gemeinschaftlichen Unternehmungen abhalten.

Das nebeneinander her leben und die Vereinzelung des Menschen in unserer Gesellschaft, wirken sich gravierend auf die Jugendlichen aus. Sie fühlen sich im Stich gelassen und schließen sich Gruppen mit strikten Regeln und Normen an, wie z. B. Sekten oder neofaschistischen Gruppen, die das Bedürfnis nach Autorität erfüllen und Gemeinschaftsgefühl vermitteln. Denselben Ursprung können Autoaggressionen und damit suizidale Handlungen haben. Durch die lang erlebte Beziehungslosigkeit innerhalb der Familie, entsteht ein Mangel an Lebenssinn. Viele Jugendliche haben das Gefühl von Verbundenheit verloren oder nie entwickelt. Gerade in Krisensituationen kann das Eingebundensein in eine intakte Gemeinschaft, wie der Familie, dem Freundeskreis, der Schule oder auch der Kirche vor einem Suizid schützen (vgl. Käsler-Heide, S.30 ff, 2001).

Der altruistische Selbstmord ist das Gegenteil vom egoistischen Selbstmord. Er ist Ausdruck einer Überidentifikation des Individuums mit kollektiven Normen und Bindungen. Die Menschen leben zu sehr in einer Gruppe, sind integriert bis zur Entmündigung und folgen widerspruchslos ihren Gesetzen, auch wenn es um ihr eigenes Leben geht. Der Suizid wird hier beispielsweise von alten und kranken Menschen vollzogen, die der Gesellschaft nicht mehr zur Last fallen wollen. Als weiters Beispiel nennt Durkheim die Selbstverbrennung von Witwen in Indien (vgl. Durkheim, S.242 ff, 1995).

Wenn man einen Bezug auf junge Menschen nimmt, erkennt man dieses Muster bei Jugendlichen, die kaum eine Chance haben, sich als eigenständiges Individuum zu erleben. Dies kann vor allem in Familien geschehen, in der die Mitglieder in einer starken Abhängigkeit zueinander stehen (vgl. Käsler-Heide, S. 33, 2001).

An einem Beispiel aus meiner Praxis möchte ich dies noch einmal verdeutlichen. Ein Junge berichtete nach einem Selbstmordversuch, wie er jahrelang von seinem Vater missbraucht wurde und die Mutter nichts dagegen tat. Auch unter den Eltern kam es regelmäßig zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Der Junge lernte schon früh, dass es sich um ein Familiengeheimnis handelte, das nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollte. Die Ehre der Familie war das Wichtigste, das es aufrecht zu erhalten galt. Der Vater war Akademiker und somit ein angesehener Mann. Der Arbeitsplatz des Vaters stand immer auf dem Spiel und der Junge glaubte, dass im Falle der Enttarnung des Vaters, die Familie und er verhungern müssten. In diesem Fall kommen zwei Aspekte zusammen. Einerseits wird dem Jungen seine Wertlosigkeit durch den regelmäßigen Missbrauch bewusst, andererseits musste er die Familie schützen und konnte sich von Außen keine Hilfe holen. Mit diesem Hintergrund konnte er nie ein eigenes Ich entwickeln, was auch nicht erwünscht war. Er war Teil einer engen Einheit und durfte, um die Ehre aufrecht zu erhalten, wie alle anderen, dieses Tabu nicht brechen. Eines Tages wurde der Junge bei einem Ladendiebstahl erwischt. Plötzlich stand die Familie im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Was immer vermieden wurde, setzte nun durch sein Verschulden ein. Dies ließen ihn die Familienmitglieder deutlich spüren. Sein innerer Druck nahm so zu, dass er keinen anderen Ausweg mehr sah, als einen Suizidversuch zu unternehmen.

Zum anomischen Selbstmord kommt es, wenn für einen Menschen die alte Ordnung zusammenbricht, die Normen nicht mehr zählen, aber noch keine neuen aufgestellt sind. Einfach gesagt, wenn eine Regellosigkeit besteht. Dies kann sich auf den Zusammenbruch eines politischen Systems beziehen (z. B. Ende des Nationalsozialismus), aber auch ebenso auf den Zusammenbruch eines Familiensystems, oder wenn Grenzen fehlen. (vgl. Durkheim S.272 ff, 1995).

Bei Jugendlichen lässt sich eine klare Bedürfnis- und Triebstruktur erkennen, denn jeder Mensch kommt mit einem Bündel von Bedürfnissen zur Welt. Nach Befriedigung ihrer biologisch-physikalischen Bedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen und dem Verlangen von Sicherheit, Geborgenheit und Liebe richten sie ihr Streben auf Bereiche wie Geltung, Macht, und Selbstverwirklichung. Die zu letzt genannten Bedürfnisse benötigen aber einen klaren Rahmen, damit sie befriedigend wirken. Hier wird wieder die Bedeutung von Grenzen im Sinne von Halt und Sicherheit deutlich.

Jugendliche sind zunächst nicht in der Lage, sich selbst Grenzen zu setzen. Diese Grenzen müssen von außen kommen, in Form von verbindlichen Normen. Junge Menschen testen alle ihre Grenzen aus. Wenn sie innerhalb der Familie keine Grenzen gesetzt bekommen, versuchen sie es in der Schule. Nach schlechten Noten und „Schule schwänzen", werden oft Drogen getestet. Erfolgt weiterhin keine Reaktion, neigen Jugendliche dazu, die nächst höhere Instanz herauszufordern, nämlich die staatliche Ebene. Sie werden kriminell, was die steigende Zahl der Delikte von jungen Menschen zeigt. Jugendliche brauchen Grenzen, die ihnen Halt geben und die Angst ins Grenzenlose zu fallen nimmt. Überschreiten Erwachsene ihre Grenzen wie z. B. durch Gewalt oder sexuelle Übergriffe, zeigt dies Auswirkungen im Alltagsleben von Jugendlichen. Eine der letzten Grenzerfahrungen sind Autoaggressionen. Sie treten meistens kurz vor einem Suizidversuch auf (vgl. Käsler-Heide, S. 34 ff, 2001).

4.2 Die psychoanalytischen Theorien

Die Psychoanalytiker suchen den Grund zur Neigung „Hand an sich legen" in der Psychodynamik des Subjekts. Die meiner Meinung nach wichtigsten Vertreter psychoanalytischer Suizidtheorien sind Sigmund Freud und Heinz Henseler. Freud zufolge wird Selbstmord durch eine Aggressionsproblematik ausgelöst. Henseler stellt dagegen die narzisstische Psychodynamik in den Mittelpunkt seiner Theorie.

Selbstmord durch Aggression nach Freud: Freud setzt sich in seinem Werk „Trauer und Melancholie" (1917) mit dem Suizidproblem auseinander. Er versuchte dies aus der Psychologie der Depressivität abzuleiten. Die Depression wird seiner Meinung nach durch den Verlust einer wichtigen Bezugsperson hervorgerufen. Der Verlust kann entweder durch Tod oder durch eine kränkende Trennung verursacht werden (vgl. Freud, S. 34, 1982). Laut Freud ist ein gesunder Mensch in der Lage, nach einer Zeit der Trauer, die libidinöse Energie von der verlorenen Person abzuziehen und sie an eine andere Person zu binden. Der melancholische Mensch ist jedoch zu einer solchen Handlung nicht in der Lage, da er die Liebesbeweise und Bestätigung seines Partners für die Aufrechterhaltung seines Selbstwertgefühles benötigt. Diese Selbstwertproblematik ist auf eine frühkindliche Bindungslosigkeit zurückzuführen. Das Nichtvorhandensein des Partners löst beim Melancholiker Wut und Hassgefühle aus. Diese Hassgefühle werden sofort von ihm abgewehrt, da ihre offene Äußerung den sicheren Verlust der Beziehungsperson bedeutet. Aber auch abgewehrte Hassgefühle wirken sich aus, sie werden aufgrund der Depressivität immer stärker und stärker. Um das Problem zu bewältigen, verinnerlicht der Melancholiker das Bild der Bezugsperson, um in seiner Phantasie mit ihr abzurechnen. Es existieren zwei Gründe für dieses Verhalten. Entweder die Furcht, durch die offen geäußerten Aggressionen, die Zuwendung der getrennten Person zu verlieren oder, die durch Tod nicht mehr vorhandene Person, die unentbehrlich ist, in sein Gefühlsleben aufzunehmen. Selbstmord in diesem Sinn ist eigentlich ein Partner-Mord, da man sich nicht selber töten will, sondern die verinnerlichte Person, die verloren ist oder verletzend war (vgl. Freud, S. 40 ff, 1982).

Zunächst ordnet Freud diese Energie dem Sexualtrieb zu, ab 1920 beschreibt er den so genannten Todestrieb. Freud war der Meinung, dass allein der Todestrieb für den Suizid verantwortlich sei. Dem Lebenstrieb stand plötzlich ein Todestrieb entgegen, der seine Befriedigung in der Selbstschädigung fand.

Selbstmord im Rahmen einer narzisstischen Krise nach Henseler: Narziss ist ein in der griechischen Mythologie beschriebener schöner Jüngling, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Aufgrund dieser Geschichte führte Freud den Begriff der „narzisstischen Libido" ein. Henseler bezieht sich dabei auf Freud, differenziert aber. Narzissmus ist seiner Meinung nach eine gefühlsmäßige Einstellung des Menschen zu sich selbst. Ein gesunder Narzissmus zeigt sich im Selbstbewusstsein, der inneren Sicherheit und des Selbstwertgefühles. Henseler sieht die Entstehung von Narzissmus im Zusammenhang mit Reifeprozessen. Vor und einige Zeit nach der Geburt erlebt jedes Kind einen „harmonischen Ur- und Primärzustand", der durch die Einheit mit der Mutter und die daraus resultierende Geborgenheit und Sicherheit entsteht. Der „Urzustand ist aber auf Dauer nicht zu halten und das Kind erlebt Gefühle wie Unlust, Enttäuschung, Ohnmacht, Hilflosigkeit und die Abhängigkeit von seiner Bezugsperson. In dieser Zeit, der unvermeidlichen Verunsicherungen, entsteht das narzisstische Regulationssystem. Diese „Ur-Verunsicherung" ist für jeden jungen Menschen wichtig, um eine realitätsgerechte Selbst- und Weltwahrnehmung auszubilden (vgl. Henseler, S. 73, ff, 1984).

Doch nicht immer gelingt es einem jungen Menschen die beschriebene Krise gesund zu bewältigen, d.h. das eigene Selbstbild durch die Realität zu korrigieren. Hier führt meistens eine frühkindliche gestörte narzisstische Entwicklung zu einer narzisstisch-labilen Persönlichkeit, die sich durch zwei extrem schwankende Pole kennzeichnet. Zum einen erlebt sich die Person in ihren Größenphantasien als ideal und unbesiegbar. Durch die Konfrontation mit der Realität erfolgt ein enormer psychischer Sturz und Gefühle von Minderwertigkeit und Ohnmacht treten auf. An diesem Punkt tritt ein narzisstischer Schutzmechanismus ein. Um sein Selbstwertgefühl zu stabilisieren wählt sich der Betroffene einen Partner aus, der ihn bedingungslos liebt und ihm somit seine Selbstsicherheit wiedergibt. Bei der geringsten Kränkung, fällt der Betroffene jedoch wieder in eine Krise, in der ihn die Gefühle des Verlassenseins und der Minderwertigkeit beherrschen. Er versucht mit narzisstischen Phantasien gegenzusteuern, um wieder in seinen „Primärzustand" zu gelangen (vgl. Henseler, S. 81, ff, 1984).

Diese Phantasien reichen aber oft nicht aus, um die Kränkung zu kompensieren. Als einzigen Ausweg wird der eigene Tod gesehen, der den narzisstisch Gestörten in eine „heile Welt" führen soll. Der Tod ist also hier kein Ende, sondern ein Anfang (vgl. Henseler, S. 89, 1984).

Beziehe ich dies auf die Problematik, die bei Jugendlichen entstehen kann, ist zu beobachten, dass bei überbehüteten Jugendlichen oft nur eine kleine Bemängelung durch die Umwelt reicht, um sie bereits in einen Abgrund zu stürzen. Wenn es jedoch genau anders ist, dass der Jugendliche schon als Kind häufig vernachlässigt, geschimpft oder geschlagen wurde, kann der Jugendliche die frustrierende Realität nicht verkraften und flüchtet sich in eine Phantasie, indem er sich selbst und seine Welt in einer idealisierten Form vorstellt. Es ist also eine wichtige Sozialisationsaufgabe, Jugendlichen schon im Kindesalter beizubringen, Frustration auszuhalten, um Bewältigungsstrategien zu entwickeln, die besonders im Erwachsenenalter notwendig sind und vor suizidalen Handlungen schützen.

Ein Beispiel aus meiner Praxis, ist ein sechzehnjähriger Junge, der schon als Kleinkind Gewalt und Brutalität in der Familie erlebt hat. Um dies zu verdrängen, flüchtet er sich in eine Phantasiewelt, in der er stark und unbesiegbar ist. Doch das Verdrängen funktioniert immer weniger und er wird depressiv. Das kann er nicht zulassen und er flüchtet sich in Drogen, die ihn wieder stark machen und ihm sein Selbstbewusstsein wiedergeben (Henseler nennt anstelle von Drogen einen Partner, der den Narzissten bedingungslos liebt). Er empfindet sich selbst als perfekt und steht gerne im Mittelpunkt. Er weist jegliche Probleme von sich und wehrt jede Hilfe ab. Irgendwann können aber auch die Drogen das Problem nicht mehr kompensieren und er sucht sich die höchste Brücke aus, um auch noch nach seinem Tod für Aufsehen zu sorgen.

4.3 Der lerntheoretische Ansatz

Laut dem lerntheoretischen Modell führt man suizidales Verhalten - wie jedes andere Verhalten auch - auf individuelle Lernprozesse zurück. Es sind drei grundlegende Gesichtspunkte des lerntheoretischen Modells wichtig: das klassische Konditionieren (Pawlow), das operante Konditionieren (Skinner) und das Lernen am Modell (Bandura) (vgl. Hadinger, S.44, 1994).

Das klassische Konditionieren bedeutet, dass eine natürliche Reaktion auf einen klassischen Reiz gebunden wird. Beim Menschen können auch Worte und Begriffe Signalfunktionen darstellen. Solche Reiz-Reaktions-Mechanismen sind beispielsweise Schläge - Angst. Verknüpft man nun den reaktionsauslösenden Reiz mit einem bisher neutralen Reiz (die Schläge mit der Visualisierung eines Menschen), so löst der neutrale Reiz allein die ursprüngliche Reaktion aus (vgl. Blank - Mathieu, S. 65, 2002).

Im Blick auf suizidales Verhalten bei Jugendlichen kann diese Form nur beschränkt Wirkung zeigen. Allerdings ist es möglich, dass durch frühkindliche, negative Erfahrungen und Emotionen, diese Erfahrungen konditioniert werden. Auf diese Weise können Bezugspersonen oder bestimmte Situationen, wie Prüfungssituationen, die negativ besetzt sind, Ängste auslösen. Diese Ängste können sich in Depressionen, neurotischen oder psychotischen Reaktionen ausdrücken. Die Auswirkung einer Konditionierung kann wahrscheinlich in irgendeiner Weise bedeutungsvoll für suizidales Verhalten sein, aber trotzdem lässt sich suizidales Verhalten im Blick auf Konditionierung nicht nachvollziehen (vgl. Hardinger, S. 45, 1994).

Das operante Konditionieren erfolgt nicht nur über Reizbedingungen, sondern auch über die Konsequenzen, die einem Verhalten folgen (Bsp.: der Junge hat durch Boxen sein Ziel erreicht, er hat sein Spielzeug wieder. Er hat gelernt, dass Boxen eine positive Konsequenz hat). Hat ein Verhalten positive Konsequenzen, wird dieses Verhalten öfter gezeigt. Hat ein Verhalten jedoch negative Konsequenzen, tritt es seltener auf (vgl. Blank - Mathieu, S. 67, 2002).

Im Leben von jungen Menschen, tritt das operante Konditionieren täglich auf. Sie erfahren durch ihr Verhalten positive Konsequenzen, wie ein Lob, aber auch negative Konsequenzen, wie eine Bestrafung. Wenn ein Jugendlicher aber die Bestrafung als einzige Möglichkeit erfährt, irgendeine Zuwendung - wenn auch in negativer Form - von den Eltern zu erhalten, wird er auch weiterhin dieses negative Verhalten aufweisen, um wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit von den Eltern zu erhalten. Dadurch wird der Jugendliche negativ verstärkt und wiederholt dieses Verhalten vermutlich wieder. Es ist nicht auszuschließen, dass das negative Auftreten immer extremer wird, bis es zu suizidalem Verhalten kommt, um die Aufmerksamkeit der Eltern zu gewinnen.

Eine Form des operanten Konditionierens ist das Vermeidungslernen. Wenn Jugendliche bereits negative Erfahrungen gemacht haben, wie dass beispielsweise massive Strafen bei schlechten Zensuren drohen, versuchen sie die Situation durch Lügen zu vermeiden. Dadurch entziehen sie sich unangenehmen Situationen und werden indirekt belohnt, indem die Strafe ausbleibt. Wenn jedoch das Lügengebäude zusammenbricht, stehen die jungen Menschen ohne Strategie da, die das Problem in einer anderen Weise löst. Da nun auch die Scham dazu kommt, kann es sein, dass die Jugendlichen eine suizidale Handlung als einzigen Ausweg sehen (vgl. Käsler-Heide, S. 43, ff, 2001).

Das Lernen am Modell. Nach der Theorie des operanten Konditionierens, müsste jeder selbst ausprobieren, wie heiß Feuer ist oder wie gefährlich eine Waffe ist. Das Modelllernen lehrt komplexe Verhaltensmuster durch genaues Beobachten und erspart uns einen langen und aufwendigen Lernprozess (vgl. Blank - Mathieu, S. 72, 2002).

Jugendliche hatten schon ihr ganzes Leben Zeit, andere Menschen, wie ihre Eltern, zu beobachten. Sie lernten durch Beobachten, wie man richtig isst, oder wie man mit anderen Menschen redet. Aber genauso lernten sie, wie die Eltern sich stritten und sich beschimpften, wie sie generell mit Konflikten umgingen. Sie lernten, ob die Eltern sich Problemen stellten, oder ob sie unsicher und hilflos reagierten. Jugendliche nehmen daher oft die Verhaltensmuster ihrer Eltern an. So lässt sich auch erklären, dass man bei Betrachtung einer von Suizid betroffenen Familie häufig weitere suizidale Verhaltensweisen in der Verwandtschaft findet. Aber auch außerhalb der Familie kann dieses Modell gefunden werden, beispielsweise bei den Idolen der Jugendlichen. Bei Suiziden von Stars, kommt es bei Jugendlichen zu einer wahren Nachahmungswelle. Wenn suizidales Verhalten imitiert wird, müssen aber bei dem Jugendlichen schon im Vorfeld andere Probleme vorhanden sein, die suizidales Verhalten bewirken (vgl. Käsler-Heide, S.45, 2001).

Ein Beispiel aus meinem Praktikum ist ein siebzehnjähriges Mädchen, das seine depressive Mutter nach einem Suizidversuch findet und rettet. Um das Schicksal der Mutter zu teilen, vollzieht auch sie einen Selbstmordversuch durch die Einnahme von Tabletten und das Aufschneiden der Pulsadern. Hier finden wir aber nicht nur als einzige Ursache, das Lernen am Modell, auch wenn dies ausschlaggebend war, sondern die Rollen von Mutter und Tochter sind vertauscht. Das Mädchen muss sich um die Mutter kümmern und kann nicht Kind sein. Vielleicht hat sie auch Angst, sich von der Mutter abzulösen.

5. Hinweise und Signale für eine Selbstmordgefährdung

Bevor Jugendliche einen Selbstmordversuch begehen, senden sie meistens viele Alarmsignale aus. Diese Hinweise werden Aufgrund ihrer scheinbaren Geringfügigkeit oft nicht erkannt. Es ist aber die Aufgabe der Eltern und der Pädagogen, jeder Veränderung des Verhaltens oder des Empfindens der jungen Menschen Beachtung zu schenken, um eine Verbesserung der Lebenssituation herbeizuführen. Im Folgenden möchte ich einige Beispiele für Warnsignale, aber auch für Risikofaktoren geben, die aber nicht immer bedeuten müssen, dass der Jugendliche nicht mehr leben möchte. Im Anschluss führe ich noch ein Praxisbeispiel an, um die Theorie zu verdeutlichen.

Es gibt einige Risikofaktoren, die suizidale Handlungen fördern. Dies sind frühkindliche traumatische Erfahrungen, wie der Verlust oder die Trennung einer Bezugsperson. Dadurch entsteht ein Mangel an Urvertrauen, das im Jugendalter Bindungslosigkeit, Verlassenheitsängste, soziale Isolation und das Gefühl von Ablehnung hervorruft (vgl. Wunderlich, S. 37, 1999). Psychische Erkrankungen, wie affektive Störungen, Schizophrenie oder die Einnahme von psychotroper Medikamenten fördern das Suizidrisiko. Auch eine Persönlichkeitsstörung, wie beispielsweise eine emotional instabile Persönlichkeit und körperliche Erkrankungen, wie eine HIV-Infektion oder Krebs stellen ein Risiko bei Jugendlichen da (Schneider, S. 9, 2003). G. Heuer stellt einige soziale und familiäre Risikofaktoren zusammen. Darunter fallen ein mangelnde soziales Netzwerk und Unterstützung, das Einnehmen einer Außenseiterrolle, weil man beispielsweise zu dick ist oder stottert, , ständige Misserfolge in der Schule, eine fehlende Ausbildungsstelle oder Arbeitsstelle, finanzielle Schwierigkeiten und Konflikte mit dem Gesetz, aber auch Einwanderung und Zugehörigkeit zu bestimmten Kulturen und Religionen. Zu dieser Problematik, möchte ich ein Praxisbeispiel eines sechzehnjährigen, türkischen Mädchens beschreiben. Das Mädchen ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Es hat noch zwei ältere Brüder, von denen einer im Gefängnis ist und der andere an einem Hirntumor erkrankt ist. Die Familie ist also schon sehr belastet. Seit einiger Zeit hat das Mädchen einen deutschen Freund aus der Schule. Da sie aber nicht alleine aus dem Haus darf, kann sie ihn nicht außerhalb der Schule treffen. Ihr Vater ist sehr autoritär, traditionsbewusst und religiös, was eine Freundschaft seiner Tochter zu einem Mann ausschließt. Das Mädchen befindet sich in einem kulturellen Konflikt. Sie will nicht nur in Deutschland sein, sondern auch „deutsch" leben. Sie sieht keine Chance, dass sich an der Situation Zuhause jemals etwas ändert und sie sich den Eltern mitteilen kann. Sie unternimmt durch Einnahme von Tabletten einen Suizidversuch, der den Eltern die Partnerschaft mitteilen soll, aber auch in der Hoffnung, dass sich das Familiensystem ändert.

Aus familiärer Sicht sind Risikofaktoren mangelnde Erziehungskontinuität oder unangemessenes Erziehungsverhalten im Elternhaus, ständige Familienstreitigkeiten zwischen den Eltern oder den Geschwistern, nicht erfüllbare Leistungsanforderungen von Seiten der Eltern und ein Selbstmord/versuch eines Elternteils. Aber auch ein Selbstmord/versuch eines Freundes oder eines Idols kann zur Nachahmung führen (vgl. Heuer, S. 129, ff, 1979).

Ich komme nun zu den Warnsignalen, die oft von Außenstehenden nur Kleinigkeiten eingestuft werden. Sie werden entweder nicht gesehen oder sie werden gesehen und erregen Ärger, anstatt als Notsignale gesehen zu werden. Solche Notsignale verbergen sich hinter auffälligem Verhalten. Darunter versteht man plötzliche Leistungsverweigerung in der Schule und das Schuleschänzen. Warnsignale sind aber, auch wenn die Jugendlichen nachts nicht mehr nach Hause kommen oder von zu Hause weglaufen, sich zurückziehen und sich von ihren Mitmenschen isolieren. Gewalttätigkeit, Verwahrlosungstendenzen, Veränderung der Essgewohnheiten (Übermäßig viel oder wenig) und Alkohol-, Drogen- und Medikamentenmissbrauch sind Signale, die man ernst nehmen muss (vgl. Käseler-Heide, S.50, ff, 2001).

Ergänzend führt G. Heuer weiteres auffälliges Verhalten an, wenn die Jugendlichen ihre eigene Persönlichkeit in Frage stellen, allgemeine Lebensängste, eine fehlende Zukunftsperspektive, Angst vor Übernahme von Verantwortung und Gefühle der Einsamkeit und des Ausgestoßenseins. Andere Signale sind, wenn der Jugendliche körperliche Selbstwertkonflikte hat, die Angst, sexuell nicht normal zu sein (z. B. lesbisch, homosexuell oder pervers), Schwierigkeiten im Kontakt zum anderen Geschlecht hat, Partnerkonflikte und der daraus resultierende Liebeskummer (vgl. Heuer, S. 129, ff, 1979).

Auf der sprachlich und bildlichen Ebene machen Jugendliche meist verschlüsselt auf sich aufmerksam. Sie sprechen verbale Äußerungen teilweise offen aus („Ich wünschte ich wäre im Himmel."), aber auch versteckt („Ich wäre heute fast überfahren worden."). Neben mündlichen Äußerungen geben auch viele Jugendliche schriftliche Hinweise auf ihre seelische Verfassung. Signale von Jugendlichen können auch bildlicher Art sein, wie z. B. das Abdecken der Spiegel oder das „Schwarzstreichen" der Zimmer. Psychische Veränderungen zeigen sich in Konzentrationsschwierigkeiten, Gleichgültigkeit, ein geringes Selbstwertgefühl, Stimmungsschwankungen, Weltschmerz und Depressionszuständen. Aber auch somatische Beschwerden sind ein Indiz dafür. Diese körperliche Beschwerden entstehen durch psychische Störungen und sind ohne organischen Befund (vgl. Käseler-Heide, S. 65, ff, 2001).

6. Prävention und Hilfe bei Selbstmordgefährdung

Nach all den aufgeführten Hintergründen, warum Jugendliche Suizidversuche begehen, entsteht die Frage, was Eltern, Lehrer und Pädagogen tun können, damit es bei Jugendlichen nicht zu einem Selbstmordversuch kommt. Was können sie konkret dazu beitragen, dass die Ursachen, die zu suizidalem Verhalten führen, gar nicht erst entstehen können? Präventive und therapeutische Maßnahmen greifen dabei eng ineinander. Man unterscheidet zwischen den verschiedenen Präventionstypen: die primäre Prävention, die sekundäre Prävention und die tertiäre Prävention.

6.1 Primäre Prävention

Die primäre Prävention soll von vorneherein verhindern, dass Jugendliche in die Gefahr von Suizidalität geraten. Die drei Säulen der primären Prävention sind die Erziehung durch die Eltern, die Schule und durch die Gesellschaft. Der Erziehungsstil und die Haltung die den Jugendlichen vermittelt wird, prägen das Fundament, das einem jungen Menschen mitgegeben wird.

Die Prävention im Elternhaus ist wohl die wichtigste, da die Eltern ihr Kind am meisten prägen. Eltern müssen die Aufgabe hinterfragen, die sie ihrem Kind bewusst aber auch unbewusst stellen, da die Eltern oft erwarten, dass die Kinder unerfüllte Wünsche der Eltern erledigen sollen. Eltern dürfen ihre Kinder nicht unter diesen Druck stellen, sondern ihre Persönlichkeit respektieren. Sie müssen verbale aber auch nonverbale Grenzen setzen, da die Grenzen den Kindern Halt, Sicherheit und Aufmerksamkeit geben. Eltern sollten Drohungen nur dann aussprechen, wenn tatsächlich Sanktionen folgen, da sie sonst von den Kindern nicht mehr ernst genommen werden. In Scheidungsfamilien sollte der Kontakt zu beiden Elternteilen bestehen bleiben, auch wenn sich das Kind für den „bequemeren" Elternteil entscheidet. Eltern sollten nicht aus der Angst, ihr Kind zu verärgern und dann an den Partner zu verlieren, die Grenzen verschwimmen lassen. Sie müssen in ihren Handlungen und Einstellungen immer eine Vorbildfunktion übernehmen. Sie dürfen nicht den Fehler von materieller Verwöhnung anstelle emotionaler Zuwendung begehen. Oft sind dies Schuldgefühle von Eltern, die zu wenig Zeit haben. Das wichtigste ist jedoch, dass Eltern den Kindern jeden Tag vermitteln, wie wertvoll sie sind (vgl. Käsler-Heide, S.107, ff, 2001).

Ein Beispiel für eine misslungene Prävention im Elternhaus, habe ich in meinem Praktikum gesehen. Ein achtzehnjähriger Junge berichtet, dass er noch nie Aufmerksamkeit von seinen Eltern erfahren hat. Egal was er auch macht, die Eltern schenken ihm keine Beachtung, weil sie mit sich beschäftigt sind. Als die Eltern sich trennen wird es noch schlimmer. Er lebt im Haus des Vaters im Keller. Um Aufmerksamkeit zu bekommen, kleidet er sich schwarz und streicht sein Zimmer auch schwarz. Als dies nicht die gewünschte Aufmerksamkeit erzielt, bricht er seine Lehrstelle ab. Als letzten Versuch, das Interesse der Eltern zu gewinnen, springt er von der Brücke, was er aber überlebt. Er berichte über diese Situation, dass selbst als er auf der Brücke sitzt, sich wieder keiner für ihn interessiert hat.

Die Prävention in der Schule. Vor allem am Schuljahresende nehmen die Suizidversuche junger Menschen zu. Natürlich lassen sich nicht alle Selbstmordversuche auf die Schwierigkeiten in der Schule zurückführen, aber man darf Schulängste nicht unterschätzen. Vordergründig ist der Beweggrund für einen Suizidversuch ein strenger oder ungerechter Lehrer oder schlechte Noten. Aus diesem Grund allein würde sich aber kein Jugendlicher umbringen, wenn nicht bereits eine andere Störung vorliegt. Präventionsmaßnahmen können sein, dass der Lehrer Selbstunsicherheiten und Aggressionen der Schüler versteht und darauf achtet, dass sie sich nicht zu Autoaggressionen entwickeln. Lehrer müssen besonders „unauffällige" Schüler, die im Schatten der anderen stehen, beachten. Um kriminelle Handlungen in Schulen entgegenzuwirken, sollten Streitschlichter, die so genannten Mediatoren eingesetzt werden. Die Schule kann mit Schulprojekten, z. B. Erlebnispädagogik, ein Wir-Gefühl erzeugen. Dies ist ein wichtiger Beitrag der Prävention eines egoistischen Selbstmordes. Außerdem wird das gesamte Schulklima verbessert. Lehrer sollten Aktivitäten gezielt fördern. Da neben Frustration auch Langeweile ein Nährboden für Aggressionen, aber auch Autoaggressionen darstellt, wird damit den Schülern eine Beschäftigung geboten. Lehrer sollten Warnzeichen für suizidale Krisen beachten. Die Lehrer sollten auf den Schüler eingehen, damit er weiß, dass er auch außerhalb des Lernbereiches wahrgenommen wird. Der Lehrer sollte eine positive Beziehung herstellen, um das Vertrauen zu gewinnen (vgl. Käsler-Heide, S. 142, ff, 2001).

Die Prävention durch gesellschaftliche Einflüsse. Es wäre zu einfach zu behaupten, dass Erziehungsschwierigkeiten ausschließlich auf die Familie zurückzuführen sind. Die äußere Umwelt hat auch einen großen Einfluss auf die Jugendlichen. Neben dem Gefühl von Leistungsdruck und Chancenlosigkeit beeinflussen die Medien und der Gruppenzwang die Jugendlichen sich durch Besitz zu definieren. Die Medien, wie der Fernseher, der Computer und das Internet, versorgen die Kinder täglich mit gewalttätigen Darstellungen. Auch wenn es den Anschein hat, dass es ihnen nichts ausmacht, widerlegt dies die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche noch nie so häufig in brutale Gewalttaten wie heute verwickelt waren. Dies ist ein Ausdruck ihrer Angst, aber auch ihrer angestauten Aggressionen. Auch die tägliche Konfrontation mit Sexualität durch die Medien überfordert die meisten Kinder. Dies kann sogar zu einer lang anhaltenden Traumatisierung führen. Es ist also unbedingt notwendig, darauf zu achten, was aus der medialen Umwelt auf die Kinder trifft, Einschränkungen diesebezüglich zu machen und gegebenenfalls mit ihnen über diese Problematik zu reden. Ein anderer Aspekt ist, dass Kinder und Jugendliche unter ständigem Gruppenzwang stehen, die neusten und teuersten Kleider oder die angesagtesten Computerspiele zu besitzen, um sich zu profilieren. Die Aufgabe der Eltern, aber auch pädagogischer Einrichtungen ist es, den Kindern ein starkes Selbstwertgefühl zu geben und ihnen ihre Fähigkeiten vor Augen zu führen (vgl. Käsler-Heide, S. 132, ff, 2001). T. Bronisch weißt darauf hin, dass die Gesellschaft über das Thema „Selbstmord" noch mehr aufgeklärt werden muss, damit sie die Hindergründe, die Entstehungsbedingungen, die Warnsignale und den Umgang mit suizidalen Personen kennt (vgl. Bronisch, S.94, 1995).

6.2 Sekundäre Prävention

Die sekundäre Prävention umfasst alle Interventionen in akuten Krisen bis hin zum Umgang mit suizidalem Verhalten. Besonders kommunikative Maßnahmen und Betreuungsdienste spiele eine große Rolle. Institutionen zur sekundären Prävention lassen sich in Laienorganisationen und professionelle Organisationen teilen. Dies sind Telefondienste, Suizid-Präventions-Zentren und Kriseninterventionszentren.

Die Telefonseelensorge wurde in den 50er von der Kirche gegründet. Hauptsächlich Laien bieten ehrenamtlich telefonische Ratschläge und Weiterverweisung bei suizidalen Krisen an. Die Suizid-Präventions-Zentren dienen auch der Suizidverhütung und stehen entweder nur in enger Verbindung mit anderen psychosozialen Institutionen oder sind bereits in ihnen integriert. Auf näheres Eingehen verzichte ich, da in Studien bislang keine Wirkungsweise erbracht wurde (vgl. Bronisch, S. 95, ff, 1995).

Genauer möchte ich auf die Krisenintervention eingehen, die in Allgemeinkrankenhäusern oder psychiatrischen Kliniken stattfindet. Sie umfasst alle Maßnahmen, die dem Jugendlichen helfen, seine akute Krise, die zu suizidalem Verhalten führt, zu bewältigen. In der Intervention ist der Krisenanlass (Lebensveränderungskrise oder traumatische Krise) und die subjektive Bedeutung für den Jugendlichen von Interesse. Aber auch die Krisenanfälligkeit des Jugendlichen muss geprüft werden. Die Reaktion seiner Umwelt ist nicht nur für das Entstehen der Krise von Bedeutung, sondern auch für den Krisenverlauf. Das Ziel der Krisenintervention ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Dies beinhaltet, dass sich der Jugendliche in seiner Krise akzeptiert und mit aktiver Bewältigung die Probleme löst. Er soll durch konstruktive und innovative Lösungsversuche seinen Schwierigkeiten entgegen wirken. Ein weiters Ziel sollte sein, dass der Jugendliche seine Handlungs- und Entscheidungsfähigkeiten zurückgewinnt, um mit der jetzigen, aber auch mit zukünftigen Situationen zurechtzukommen. Die Option auf Veränderung, wenn auch nur hypothetisch sollte gegeben sein. Die allgemeinen Prinzipien der Krisenintervention sind der schnelle Beginn, die Aktivität der Helfer und die Methodenflexibilität (Hilfe in sozialen, psychologischen und biologisch-medikamentösen Bereichen).Im Fokus steht immer die aktuelle Situation, auch wenn meistens die gesamte Lebensgeschichte darauf zurückzuführen ist. Die Umwelt des Jugendlichen wird einbezogen, Entlastung des emotionalen Drucks und die interprofessionelle Zusammenarbeit sind weitere Prinzipien. Das allgemeine Interventionskonzept von Sonneck (1991) besagt, dass eine Beziehung zwischen Helfer und Patient aufgebaut werden soll. Danach soll eine Auseinandersetzung mit der emotionalen Situation geschehen. Der Helfer soll sich auf die aktuelle Situation konzentrieren und die spezifischen Gefahren unter Berücksichtigung der sozialen Umwelt des Jugendlichen erkennen. Es sollen vorhandene Hilfsmöglichkeiten einbezogen werden. Am Ende der Krisenintervention, nach höchstens 10-12 Gesprächen, soll das weitere Vorgehen erarbeitet werden, das auch eine langfristige Therapie bedeuten könnte (vgl. Sonneck, Etzersdorfer, S. 57, ff, 1997).

6.3 Tertiäre Prävention

Die tertiäre Prävention dient der Rehabilitation und soll eine größtmögliche Wiederherstellung des Gesundheitszustandes nach einem Suizidversuch erreichen. Dabei muss überlegt werden, wie die langfristige Behandlung eines Suizidgefährdeten aussieht. Wird in der Krisenintervention festgestellt, dass eine Depression, Panikstörung, Suchterkrankung, Borderline Persönlichkeitsstörung oder Schizophrenie vorliegt, muss zunächst die Frage nach der medikamentösen Behandlung geklärt werden. Dies können Antidepressiva (Stimmungsaufheller), Neuroleptika (Medikation gegen Psychose) und Tranquilizer (Beruhigungsmittel) sein. Bei der medikamentösen Behandlung ist immer darauf zu achten, dass der Jugendliche die Medikamente nicht für einen erneuten Selbstmordversuch sammelt (vgl. Bronisch, S. 102, ff, 1995).

Als nächstes muss entschieden werden, welche Therapien in ambulanter, aber auch in stationärer Behandlung erfolgen. Diese Therapien werden von Ärzten, Psychologen oder Pädagogen mit entsprechender Zusatzausbildung durchgeführt. Ich werde nun die Familientherapie und die Einzeltherapie als mögliche Formen vorstellen.

Die Familientherapie arbeitet an einer Veränderung der Struktur in einem familiären System. Sie geht davon aus, dass die Ursachen eines Suizidversuches nicht nur beim Jugendlichen liegen, sondern auch in der Familie nach möglichen Ursachen zu suchen ist. Dies kann beispielsweise eine Störung in der Kommunikation oder Interaktion der gesamten Familie sein. Für diese Therapie ist die Kooperation der Familie unbedingt notwendig. Das Vorgehen des Therapeuten wird sein, dass er als erstes alle Familienmitglieder das Problem definieren lässt, danach auf die bisherigen Lösungsversuche eingeht und anschließend neue Bewältigungs- und Lösungsstrategien gemeinsam entwickelt werden. Durch die ganzheitliche Sicht, wird der Jugendliche nicht zum Sündenbock, sondern die Probleme innerhalb der Familie gesucht (vgl. Käsler-Heide, S.170, ff, 2001).

Die Einzeltherapie ist eine gute Ergänzung zur Familientherapie. Sie sollte durchgeführt werden, wenn der Jugendliche ein traumatisches Ereignis, wie sexuellen Missbrauch erfahren hat oder Verhaltensstörungen wie Aggressivität oder Dissozialität aufweist. Aber auch bei Depressionen, Ängsten, Entwicklungsstörungen, Zwängen, Phobien, psychosomatischen Störungen, Essstörungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch. Dies sind alles Zeichen einer tiefliegenden Störung, die entweder tiefenpsychologisch oder verhaltenstherapeutisch, meistens in Form von Gesprächen oder kreativtherapeutisch (Musiktherapie, Tanztherapie, Ergotherapie...), behandelt werden müssen. Das Ziel ist, das innere Gleichgewicht des Jugendlichen wieder herzustellen, indem der Therapeut ihn in seinem Erleben begleitet (vgl. Käsler-Heide, S.173, ff, 2001).

Zur tertiären Prävention gehört neben den Therapien auch das Aufrechterhalten des therapeutischen Kontaktes, indem Nachsorgegespräche stattfinden. Es sollte die Vereinbarung getroffen werden, dass sich der Jugendliche im Falle einer erneuten Krise wieder bei dem Therapeuten meldet (vgl. Kaiser-Asmodi, S. 55, 1997).

Ich möchte nun ein Beispiel aus meiner Praxis kurz beschreiben. Die Vorgeschichte des siebzehnjährigen Jungen ist, dass er eine Psychose entwickelt hat, die stationär in der Klinik behandelt wird. Als er wieder zu sich kommt, muss er sich mit einigen Fragen auseinander setzen, wie z. B. wie kann ich die Scham überwinden? Werde ich wieder gesund? Wie wird mein Leben weitergehen? In dieser Phase vollzieht er einen Suizidversuch auf der Station durch Erhängen, um sich der Problematik nicht stellen zu müssen. Die Therapie des Jungen besteht aus verschiedenen Einzeltherapien, in denen er die Problematik auf verschiedenste Weisen, wie durch Musik, Gespräche, Kunst und Körpersprache aufarbeiten kann. Es wird durch sozialtherapeutische Hilfen ein soziales Netzwerk geknüpft, dass eine Eingliederung in den Alltag zum Ziel hat, aber auch den Jungen bei einem Rückfall auffangen soll. Die gesamte Therapie wird medikamentös unterstützt, aber auch noch einige Wochen nach der stationären Behandlung, um einen Rückfall zu vermeiden. Der Junge besucht regelmäßig eine ambulante Nachsorgebehandlung, um seinen Gesundheitszustand zu stabilisieren.

7. Fazit

Erwachsene sagen oft rückblickend, die Jugendzeit sei eine "herrliche Zeit". Dem jungen Menschen stünden "alle Möglichkeiten offen", er habe "das Leben noch vor sich". Sie haben dabei vergessen, wie verunsichernd und beängstigend diese Vielfalt der Möglichkeiten sein kann, wenn noch kein sicherer Boden gegeben ist. Die "Bühne", die "Requisiten" und "Darsteller" sind zwar schon da, aber die Regie kann noch nicht übernommen werden und zudem drängen hinter oder unter der Bühne neue/alte Charaktere hemmungslos auf ihren Auftritt. Die Jugendzeit ist eine Zeit des Experimentierens, des Suchens, Erforschens, Probierens und Verwerfens, an deren Ende im besten Fall die Ausgestaltung des eigenen Lebens steht. Treten dabei Schwierigkeiten, wie suizidales Verhalten auf, wird oft einfach weggeschaut oder tabuisiert.

Jede Lebensgeschichte schreibt ihre eigenen Kapitel, doch alle Selbstmörder hatten eines gemeinsam: Sie hatten nicht die Hilfe, die sie brauchten, fanden kein wirkliches Verständnis und waren in ihrem kurzen Leben im Grunde doch sehr einsam. Wir, die Eltern, Pädagogen, Gesellschaft, Schule und Kirche müssen versuchen, positive Vorbilder zu werden. Wir alle sollten sensibler mit den Lebensfragen der jungen Menschen umgehen. Wäre es nicht gut, Jugendlichen zu zeigen, dass das Leben auch schöne Seiten zu bieten hat? Deshalb möchte ich meine Ausarbeitung über die Selbstmordproblematik bei Jugendlichen mit einem Zitat abschließen, dass jeden zum Nachdenken anregen sollte:

 

Selbstmord ist die Abwesenheit der anderen."

(Paul Valery)

 

8. Literaturangaben

Berger, M.: „Der letzte Hilfeschrei - Suizidalität in der Adoleszenz und Spätadoleszenz", Extr. Psychiatr., 2000

Blank - Mathieu, Margarete: „Erziehungswissenschaften", Kieser Verlag, Band 2, Neusäß, 2002

Bronisch, Thomas: „Der Suizid. Ursachen, Warnsignale, Prävention", Verlag C. H. Beck, München, 1995

Durkheim, Emile: „Der Selbstmord", Übers. Von Sebastian uns Hanne Herkommer, 5. Auflage, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1995

Freud, Sigmund: „Trauer und Melancholie", Verlag Volk und Welt, 1. Auflage, Berlin 1982

Hardinger, Boglarka: „Selbstmord und die Medien. Empirische, historische und therapeutische Aspekte", Verlag Lebenskunst, Tübingen, 1994

Henseler, Heinz: „Narzisstische Krise: zur Psychodynamik des Selbstmords", 3. Auflage, Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen, 1984

Heuer, Gerhild: Selbstmord bei Kindern und Jugendlichen. Ein Beitrag zur Suizidprophylaxe aus pädagogischer Sicht", Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 1979

Käsler-Heide, Helga: „Bitte hört was ich nicht sage. Signale von suizidgefährdeten Kindern und Jugendlichen verstehen", Kösel-Verlag GmbH & Co, München, 2001

Kaiser-Asmodi, Katja: „Suizidprävention bei Adoleszenten" Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main, 1997

Redfield-Jamison, Kay: „Wenn es dunkel wird. Zum Verständnis des Selbstmordes", Übers. Klaus Binder, Bernd Leinweber, Siedler Verlag, Berlin, 2000

Schneider, Barbara: „Risikofaktoren für Suizid", Roderer Verlag, Regensburg, 2003

Sonneck, Gernot, Etzersdorfer, Elmar: „Krisenintervention" in Wedler, Hans: „Theraphie bei Suizidgefährdung", Roderer Verlag, Regensburg, 2001

 

Internetangaben

 

www. madeasy.de/4/suizid.htm, am 10. 06. 2006