Sprachentwicklungsstörungen bei mehrsprachigen Kindern
Geschrieben von: blueblondi Donnerstag, 19. März 2009 um 00:43 Uhr
( 7 Votes )
Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine Analyse von Sprachentwicklungsproblemen bei mehrsprachig erzogenen Kindern.
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Sprachentwicklungsstörungen bei mehrsprachigen Kindern
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
Die nachfolgende Arbeit befasst sich mit der Frage nach dem Zusammenhang von Sprachstörungen und dem mehrsprachigen Aufwachsen von Kindern. Ich werde hierbei zunächst einen kurzen Einblick in die Sprachentwicklung bei mehrsprachigen Kindern, geben bevor ich mit dem Phänomen Sprachstörung fortfahre.
Das resultierende Ergebnis dieser Arbeit ist die These, dass bei Kindern und Jugendlichen, die mit zwei oder mehr Sprachen aufgewachsen sind, Sprachstörungen nicht öfter auftreten, als bei denjenigen, die nur mit einer Muttersprache erzogen wurden.
Einführung in die Sprachentwicklung bei mehrsprachigen Kindern
Zwei- oder mehrsprachig ist jede Person, die über die Fähigkeit verfügt, sich ohne größere Schwierigkeiten in zwei (oder mehr) Sprachen mündlich oder auch schriftlich auszudrücken.
Kinder lernen mehrere Sprachen von Geburt an fast genauso gut, als wenn sie nur eine Sprache lernen würden. Zu Beginn lernen die Kindern die einfachsten, meistens auch die gemeinsamen Laute ihrer beider Sprache, wie „m", „b", „p"[1] und sagen ein- oder zweisilbige elementare Wörter. Danach erwerben sie Verben und Substantive, später dann Adjektive und Adverbien.[2] Kinder mit bilingualer Sprachentwicklung lernen erst später längere Sätze zu bilden. Ihre Forderungen, Anliegen und Ansprüche formulieren sie zuerst in einfach Ein- oder Zweiwortsätzen.
Dass in ihrer Umgebung mehrere Sprachen gesprochen werden, nehmen die Kinder erst bewusst mit ca. 2 Jahren war. Ab ca. dem 3. Lebensjahr können die Kinder dann auch zwischen den Grammatiken der verschiedenen Sprachen unterscheiden und sie richtig einsetzen.
Bei dem Erlernen mehrerer Sprachen entwickelt sich eine Sprache als dominierend. Diese kann von dem Kind viel sicherer gesprochen werden und entwickelt sich auch gewandter weiter. Auch der Begriffsschatz entwickelt sich in dieser starken Sprache schneller weiter. Das kann dazu führen, dass die Kinder zu einigen semantischen Wortfeldern nur auf den Sprachschatz einer Sprache zurückgreifen können.
Der Lernprozess mehrere Sprachen zu lernen, ist genauso zeitaufwendig wie das Erlernen von nur einer Sprache.
Dies ist allerdings nur der Regelverlauf beim Erwerb mehrerer Sprachen. Jedes Kind ist ein Individuum und kann daher von dem Lernprozess abweichen. Dies muss jedoch noch lange keine Verunsicherung bei den Eltern hervorrufen.
2. Hauptteil: Sprachentwicklungsstörungen bei mehrsprachigen Kindern
Einführung
Studien aus Schweden zeigen, dass das Risiko für eine Sprachentwicklungs-störung bei zweisprachigen Kindern geringer ist als bei Kindern, die nur eine Sprache sprechen. Wenn aber eine Sprachentwicklungsstörung festgestellt wird, ist diese in der Regel stärker ausgeprägt.[3]
Verzögerungen bei einer mehrsprachigen Entwicklung sind natürlich und gewöhnlich, da bei einem normalen Entwicklungsverlauf individuelle Unterschiede bezüglich der Zeit des Vorkommens einer Entwicklungsstufe und der Reihenfolge des Erwerbsprozesses auftreten können.
Es lässt sich feststellen, dass bilinguale Kinder - bei denen keine nachgewiesene Sprachstörung vorliegt - ungefähr zu selben Zeit wie monolinguale Kinder beide Sprache erwerben können.
Wie oben schon erwähnt entwickeln sich die beiden Sprachen nicht synchron. „Ab einem gewissen Zeitpunkt entwickelt sich eine der beiden Sprachen schneller als die andere und kann am Ende der Sprachentwicklung etwa das Niveau erreichen, das auch die gleichaltrigen monolingualen Kinder aufzeigen."[4]
Motive zur Entwicklung einer dominanten Sprache
Eine der wichtigsten und folgerichtigsten Indikatoren ist das Sprachangebot, welches die bilingualen Kinder von ihrer Umgebung erhalten. Es ist natürlich, dass sich bei den Kindern die Sprache zu starken Sprache entwickelt, mit der sie im Alltag am meisten gegenüberstellt werden. Genauso verständlich ist, dass die Kinder die Sprache, die sie nicht dauernd hörend nicht so gut verinnerlichen können und in dieser auch nicht gut kommunizieren können. In dieser Sprache treten dann in den verschiedenen Entwicklungsstufen enorme Rückstände auf. Nur weil die eine Sprache aber nicht so gut ausgeprägt ist, lässt sich noch nicht auf eine Sprachstörung schließen. Sprachentwicklungsstörungen treten meist in beiden Sprachen auf.[5]
Es ist zweckmäßig eine intensive Sprachförderung in der schwachen Sprache anzuwenden, damit sich diese Sprache weiterentwickeln kann. Dies ist möglich, indem man den Kindern viele Sprachanlässe in dieser Sprache anbietet.
Faktoren für Sprachstörungen durch Zweisprachigkeit
Heute findet man immer noch Pädagogen, Psychologen und Ärzte, die den Standpunkt haben, dass eine zweisprachige Erziehung eine Sprachstörung verursachen kann.
Dr. Vasilla Triachi-Herrmann, Dozentin in der Lehrerfortbildung, Sprachtherapeutin und Lehrerin für zweisprachige Kinder, behauptet das Gegenteil, in dem sie aufführt, „dass die Zweisprachigkeit auf keinen Fall allein der Grund dafür sein kann, dass ein zweisprachiges Kind die eine oder die andere Sprachstörung zeigt. Der Faktor ,Zweisprachigkeit´ hat bei einer Sprachstörung von zweisprachigen Kindern eher die Rollen eines Auslösers oder eines Multiplikators."[6]
Auch neuste Forschungsergebnisse können diese Befürchtung nicht bestätigen. Etwa 5 % aller Kinder entwickeln ihre Sprache nicht altersgerecht - egal, ob sie mit einer, zwei oder drei Muttersprachen aufwachsen. Sprachstörungen wie Dysgrammatismus, Artikulationsprobleme, Stottern oder Entwicklungs-verzögerungen sind keine Folge besonderer Belastung und können meistens durch Logopäden therapiert werden.
Sowohl bei einsprachigen wie auch bei zweisprachigen Kindern tritt nur dann eine Sprachstörung auf, wenn eine Reihe von bedrückenden Bedingungen vorhanden sind.
Wenn das direkte Umfeld des bilingualen Kindes zu viele bzw. wenige oder auch nicht die richtigen sprachlichen Muster im Rahmen der täglichen Kommunikation anbietet, führt dies zu einer Verarmung des sprachlichen Angebots des Lebensumfeld des Kindes. Dies kann ein Faktor sein, der die Entstehung einer Sprachstörung unterstützt.
Zudem werden soziale oder psychische Faktoren als mögliche Ursachen für Sprachstörungen angenommen. Bekommt das Kind nicht genügend sprachliche Anregungen aus seiner Umwelt, so kann sich dies negativ auf seine Sprachentwicklung auswirken. Ein intaktes familiäres Umfeld ist für die Entwicklung des Kindes ebenfalls von grundlegender Bedeutung. Trennung der Eltern, Konflikte mit Geschwisterkindern oder eine Atmosphäre ständigen Streits wirken sich negativ auf die Psyche des Kindes aus und sind daher auf lange Sicht mögliche Ursachen für Sprachstörungen.
Die eklatante Zunahme von Kindern mit Sprachstörungen hat ihre Ursache vermutlich in den sozialen und strukturellen Veränderungen unserer Gesellschaft. Für ausführliche Gespräche in den Familien steht meist nur wenig Zeit zur Verfügung, der Einzug technischer Medien in die Kinderzimmer tut sein Übriges. Sprache wird häufig nur noch passiv aufgenommen, der aktive Sprachgebrauch und der kommunikative Austausch mit Menschen kommen jedoch zu kurz. In diesem Bereich kann also angesetzt werden um zu vermeiden, dass Sprachstörungen überhaupt erst entstehen. Eine kommunikativ eingestellte Umgebung, liebevolle Zuneigung, Interesse am Kind und ein kontrollierter Medienkonsum sind die besten Voraussetzungen dafür, dass das Kind ohne Probleme sprechen lernt.
Auch eine gute Entwicklung des Tastsinns ist wichtig für die Vermeidung einer Sprachstörung. Wenn ein Kind Schwierigkeiten hat , die Lage und die Bewegungsrichtungen von Körperteilen zueinander wahrzunehmen und zu steuern, kann dies zu Störungen der Sprache führen.
Der häufigste Grund für eine Sprachentwicklungsstörung ist jedoch eine Verzögerung der Gesamtentwicklung des Kindes. Dies kann beispielsweise eine Störung in der senso-motorischen, akustischen, geistigen, emotionalen oder motorischen Entfaltung sein.
Arten der Sprachstörungen bei einer zweisprachigen Sprachentwicklung
Bei einer bilingualen Entwicklung der Sprache treten genau dieselben Störungen wie bei einer einsprachigen Sprachentwicklung auf.[7]
Eine der zahlreichsten Sprachstörungen im Kindesalter ist das Stottern. Allgemein gesagt, ist das Stottern eine Störung des Redeflusses. Es tritt in der Regel erstmalig im Alter von 3 - 5 Jahren auf und kann sich in verschiedenen Formen zeigen: von lockeren Wiederholungen von Konsonanten am Anfang eines Wortes oder Satzes bis hin zu Wiederholungen von Wörtern und ganzen Satzteilen. Weiterhin können sogenannte Blocks auftreten, die sich von "Hängen bleiben" auf einen Konsonanten bis Mitbewegungen von verschiedenen Muskelgruppen zeigen können.
Im Laufe der sprachlichen Entwicklung treten bei ca. 80% aller Kinder im Alter von 3-5 Jahren sogenannte Redeunflüssigkeiten auf. Lediglich bei ca. 2 % verfestigt sich diese Redeunflüssigkeit zu einem Stottern.[8] Nur bei einem geringen Anteil kann sich dies zu einem chronischen Stottern entwickeln.
Wenn es sich bei Kindern jedoch zu einer physiologische Redeunflüssigkeit entwickelt, ist es ratsam einen Experten aufzusuchen. Das physiologische Stottern ist daran erkennbar, dass die Kinder Wörter und Satzteile wiederholen. Auch Unterbrechungen durch Pausen innerhalb eines Satzes und das Dehnen von Anfangsbuchstaben weisen auf eine ernstzunehmende Sprachstörung hin.
Eine weitere charakteristische Sprachentwicklungsstörung bei Kindern ist der Dysgrammatismus. Kindern mit einem Dysgrammatismus wenden die grammatikalischen Regeln bei der Bildung von Sätzen und Beugung von Wörtern falsch an. Beispiele sind: „Ich will der Auto haben, Flori aufs Klo muss oder Mama ist weggegangt".
Beim Sprechenlernen ist es völlig normal, dass das Kind nicht sofort alle Wort- und Satzkonstruktionen richtig bildet. Mit vier bis fünf Jahren sollte es jedoch übliche Sätze in grammatikalisch richtiger Form sprechen können. Unterscheidet sich die Wort- und Satzbildung eines Kindes deutlich erkennbar von der seiner Altersgenossen, spricht man von Dysgrammatismus.
Sprachentwicklungsrückstände als Folge eines familiären Sprachschwächetypus oder mangels sprachlicher Fremdanregung werden meist rasch durch eine Therapie ausgeglichen. Trotzdem haben viele Betroffenen im Erwachsenenalter keine große rhetorische Begabung.
Oft gehen Sprachentwicklungsstörungen mit Konzentrations- oder Wahrnehmungsstörungen und Verzögerungen der allgemeinen Entwicklung einher. Selten gibt es nur eine Ursache für eine gestörte Sprachentwicklung. Meistens sind es mehrere Faktoren, die sich ungünstig auf das Sprechenlernen auswirken. Die häufigsten Ursachen für eine Verzögerung der Sprachentwicklung sind zuviel TV-, PC- und Internetkonsum statt echter verbaler Kommunikation oder "Über-Förderung" des Kindes mit Terminen ohne ausreichende Erholungsphasen. Auch Hör- und Sehstörungen oder motorische Unreife können Motive sein.
Die vierte häufigste Sprachstörung bei Kindern sind die Aussprachestörungen.
Im allgemeinen kann man bei Kindern zwei Fehlerquellen für Aussprachestörungen (Artikulationsstörungen, Dyslalie, Stammeln) unterscheiden, die jedoch nicht immer eindeutig voneinander getrennt wirken. Zum einen kann ein Laut (oder auch mehrere Laute) überhaupt nicht oder nicht richtig gebildet werden (phonetische Störung), zum anderen kommt es vor, dass Kinder die Regeln noch nicht kennen, die sie brauchen um einen Laut richtig einzusetzen (phonologische Störung).
Merkmale für die phonetischen Störungen sind z.B. S-Laut-Fehlbildungen,
K-Laut-Fehlbildungen oder L-Laut-Fehlbildungen.
Für phonologische Störungen sprechen das Auslassen unbetonter Silben
(-put =kaputt) oder die Vereinfachung von Mehrfachkonsonanten
(B_ille = Brille).
Therapiemöglichkeiten bei Sprachstörungen durch Mehrsprachigkeit
Bei bilingualen Kindern besteht die Gefahr, dass es bei Anhäufungen einiger oben genannten Symptome zu Sprachstörungen kommt. Denn der Erwerb einer zweiten, unterschiedlichen, Sprache kann zusätzliche Belastungen hervorrufen. Deshalb treten die Mängel intensiver als bei einsprachigen Kindern auf.
Die Behandlung von Sprachstörungen bilingualer Kinder ist meist zeitauf-wendiger und komplexer als bei einsprachigen Kindern.
So kann zum Beispiel die Sprachentwicklung leiden, wenn ein Kind seine Erstsprache wieder verliert oder auch, wenn die zweite Sprache negativ besetzt ist (negatives Sprachprestige), zum Beispiel, weil eine Sprache deutlich besser gesprochen wird als die zweite, die dann innerlich abgelehnt wird. Handelt es sich um eine Sprachstörung, kann den Kindern meist gut mit einer logopädischen Therapie geholfen werden.
Problematisch ist vor allem die Erhebung der muttersprachlichen Kompetenzen. Die gängigen Überprüfungsverfahren sind für deutschsprachige Kinder entwickelt. Mehrsprachige Logopäden sind rar, die Eltern müssen in der Regel weite Fahrten in Kauf nehmen, um an qualifizierte Fachleute zu gelangen.
Um Sprachtherapeuten die Arbeit mit zweisprachigen Kindern zu erleichtern, gibt es inzwischen eine besondere Art der Checkliste, das "bilinguale Patientenprofil". Es bietet die Möglichkeit, einem mehrsprachigen Kind unter Anwendung bestimmter Kriterien individuell zu erfassen und leistet somit einen weiteren grundsätzlichen Beitrag zum diagnostischen Vorgehen bei bilingualen Sprechern. Insbesondere bei Kindern mit Migrationhintergrund eignet sich das leitfadengestützte Tool, da es dem Logopäden bzw. der Logopädin ermöglicht, die lebensweltliche Zweisprachigkeit des Kindes zu verstehen und im Sinne der Befunderhebung adäquat zu interpretieren. Hieraus lassen sich Handlungsbedarf und Ansätze für eine eventuelle logopädische Therapie sowie für die Elternberatung ableiten. Damit können Logopäden unter anderem auch die Wechselwirkungen zwischen dem mehrsprachigem Kind und seiner Umwelt erfassen.
Auch Dr. Lilli Wagner [9] hat Anamnesebögen für mehrsprachige Kinder entwickelt. Sie sind zweisprachig konzipiert, dadurch wird ein Dolmetscher überflüssig. Die Antworten werden durch ein Ankreuzverfahren gegeben. Mit ihnen können diagnostisch wichtige Fakten aus der Entwicklung des Kindes ermittelt werden. Sie sind in folgenden Sprachen erhältlich: Deutsch - Russisch, Serbokroatisch, Polnisch, Griechisch (Mappe A) und Deutsch - Türkisch, Italienisch, Spanisch, Arabisch (Mappe B).
Der Zeitaufwand für die Bearbeitung eines Anamnesebogens beträgt etwa 45 - 60 Minuten.
Es werden folgende Einsatzmöglichkeiten von der Autorin für die Anamnese-bögen angegeben: das selbstständige Ausfüllen von Eltern vor Beginn der sprachlichen Förderung, ein selbstständiges Ausfüllen von Eltern und anschließendes gemeinsames Besprechen und Ergänzen, ein gemeinsames Ausfüllen Eltern und Pädagogen / Therapeut , ein Gesprächsleitfaden bei der Anamneseerhebung bzw. beim Erstgespräch und eine Übersetzungshilfe beim Anamnesegespräch.
Verhaltentipps für Eltern
Eltern können wesentlich dazu beitragen, dass aus einer harmlosen Sprachschwierigkeit eine Sprachstörung wird.[10]
Deshalb sollten Eltern ihr Kind nie ein Wort, welches es nicht richtig ausspricht, wiederholen lassen. Den Eltern muss bewusst sein, dass das Kind das Wort nicht bewusst falsch ausspricht. Es ist davon auszugehen, dass die Entwicklung des Kindes noch nicht weit genug vorangeschritten ist um das bestimmte Wort fehlerfrei auszusprechen. Den Druck, welchen das Kind von den Eltern auf sich ausgeübt fühlt, kann zu psychischen Spannungen führen und die Sprachstörung sogar noch verstärken. Eltern sollten dem Kind auch nicht mehr Aufmerksamkeit schenken, wenn es stottert. Auch ist es nicht empfehlenswert Wegzuschauen, wenn das Kind stottert.
Eltern sollten ihrem Kind das falschausgesprochen Wort oder den falsch artikulierten Satz langsam und deutlich vorsprechen. Dadurch erfährt das Kind noch einmal das richtige Sprachmuster. Wichtig ist es aber auch, dass das Kind nicht gezwungen wird das Wort bzw. den Satz noch einmal richtig zu wiederholen.
Die Sprachpartner des Kindes sollten gelassen und ruhig mit ihm umgehen , auch wenn es ihnen schwer fällt [11] .
Zweckmäßig ist es auch zu versuchen, den Mut und die Freude des Kindes am Sprechen zu entwickeln. Eltern sollten sich Zeit für Ihr Kind nehmen , ihm zuhören und es aussprechen lassen.
Ganz bedeutend ist es dem Kind das Gefühl zugeben, dass es einem nichts ausmacht, wenn es in der Aussprache einmal einen Fehler macht.
Die Sprachpartner bzw. Eltern sollen das Kind beim Sprechen anschauen und nicht wegschauen, wenn es Sprechschwierigkeiten hat.
Das, was das Kind sagt, ist ernst zunehmen. Es ist auch wichtig dem Kind zu verstehen zu geben, dass man es verstanden hat.
Bei Sprachentwicklungsstörungen empfiehlt es sich die Sprechfreude des Kindes zu wecken bzw. zu erhalten. Behilflich ist auch die Förderung der allgemeinen und sprachlichen Entwicklung des Kindes. Es ist besonders erforderlich die Eltern in diese Prozesse mit einzubeziehen und zu beraten.
Bei einer Sprachentwicklungsstörungstherapie lernt das Kind spielerisch seinen Wortschatz zu vergrößern, seine Aussprache zu verbessern und seine sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern.
Es ist ratsam einen Termin bei einem Logopäden oder Sprachtherapeuten zu vereinbaren, wenn das Kind wiederholt und über einen längeren Zeitraum, Probleme beim Sprechen hat. Wichtig ist auch ein früher Besuch beim Sprachtherapeuten. Denn je eher eine Sprachstörung festgestellt wird, desto höher ist die Möglichkeit diese erfolgreich therapieren zu können.
3. Schluss
Zusammenfassung
Sprachentwicklungsstörungen können sowohl bei einer monolingualen wie auch bei einer bilingualen Sprachentwicklung auftreten. Die auftretenden Sprachstörungen unterscheiden sich in keinster Weise.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Sprachstörungen bei mehrsprachigen Kindern nur in einer Sprache auftreten, ist sehr unwahrscheinlich. In den meisten Fällen liegen in allen Sprachen Störungen vor.
„Es gilt als gesichert, dass Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit alleine keine Sprachstörung verursacht."[12]
Die Mehrsprachigkeit kann lediglich als Verstärker und Multiplikator bei einer erschienenen Sprachstörung wirken. Demnach kann eine Sprachstörung bei bilingualen Kindern stärker und nachhaltiger auftreten. Hinausschiebungen bei der Entwicklung in einer der beiden oder sogar beiden Sprachen sind noch kein Indiz für eine Sprachentwicklungsstörung.
Wenn physiologische Schwierigkeiten auftreten, ist das richtige Verhalten der Eltern wichtig. Wenn diese physiologische Schwierigkeiten jedoch länger auftreten, sollte man unbedingt den Rat eines Sprachtherapeuten hinzuziehen.
Eigene Erfahrungen
Beim Lesen der verschiedenen Literatur kamen mir immer wieder einige Verhaltensmuster bekannt vor. Ich arbeite seit einem Jahr als Betreuerin in einer Offenen Ganztagsgrundschule. Dort betreuen wir auch viele Kinder, die zweisprachig erzogen worden sind.
Gerade Aussprachestörungen und Dysgrammatismus ist dort bei einigen Kindern vorhanden.
So ist in der Betreuung beispielsweise ein 8-jähriger Junge aus der Türkei, der stammelt. Er ist nicht in der Lage den Laut „k" auszusprechen. Diesen ersetzt er immer durch den Laut „T". Also zum Beispiel „Tinder" anstatt „Kinder" oder „Tunst" anstatt „Kunst".
Bei vielen bilingualen Kindern ist auch die Störung des Dysgrammatismus sehr auffällig. Falsche Deklinationen sind immer wieder an der Tagesordnung („Der hat mich gehaut"). Was mir auch auffällt, ist das fehlerhafte Einsetzen von Artikeln. Also anstatt „der Fisch" „die Fisch" oder ähnliches.
Vor dem Erstellen dieser Arbeit haben meine Kolleginnen und ich immer noch gedacht, diese Störungen würden durch das späte Erlernen der deutschen Sprache entstanden sein. Die meisten Kinder haben Deutsch erst bewusst mit Eintritt in den Kindergarten gelernt. Bei vielen Kindern wird auch zu Hause nur in der Muttersprache miteinander kommuniziert bzw. meist spricht nur ein Elterteil Deutsch.
Durch das Anfertigen dieser Arbeit habe ich mir jetzt jedoch vorgenommen, die entsprechenden Kinder einmal genau zu beobachten und eventuell den Eltern auch zuraten einen Logopäden aufzusuchen. Meines Wissens nach besucht nämlich nur ein zweisprachiges Kind regelmäßig eine Sprachtherapie.
Mir ist auch aufgefallen, dass wir in der Schule oftmals die Fehler gemacht haben, die laut der Literatur strengstens vermieden werden sollen. So kam es schon öfters vor, dass wir die Aussprache der Schüler verbessert haben und sie auch aufgefordert haben das Wort noch einmal richtig zu wiederholen. Die richtigen Verhaltensweisen werde ich jetzt durchführen und auch meine Kollegen darauf hinweisen.
Literaturverzeichnis
- Triarchi-Herrmann, Vassilia: Mehrsprachige Erziehung. Wie Sie Ihr Kind fördern. München, 2006
- Clausnitzer, Volkmar/Miethe, Erhard (Hrsg.): Stimme - Sprechen - Sprache. Therapie, Literatur und Kunst. Idstein, 2004
- Montanari, Elke: Mit zwei Sprachen groß werden. Mehrsprachige Erziehung in Familie, Kindergarten und Schule. München, 2002
- Kielhöfer, Bernd/Jonekeit, Sylvie: Zweisprachige Kindererziehung. Tübingen, 2002
- http://www.cplol.org/CD-Rom_2006/content/List%20of%20papers/keynote/Keynote_Salameh_DE.htm (14.06.2007)
- http://de.wikipedia.org/wiki/Stottern (15.06.2007)
Fußnoten:
[1] Vgl.: Triarchi-Hermann: Mehrsprachige Erziehung, 57
[2] ebd.: 68
[3] http://www.cplol.org/CD-Rom_2006/content/List%20of%20papers/keynote/Keynote_Salameh_DE.htm
[4] Triarchi-Hermann: Mehrsprachige Erziehung, 70
[5] ebd.: 71
[6] ebd.: 71
[7] ebd.: 75
[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Stottern
[9] wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut für Sprachtherapie und Rehabilitation (FSR) an der Ludwig-Maximilians-Universität München
[10] Triarchi-Hermann: Mehrsprachige Erziehung, 81
[11] Vgl.: Montanari, Elke: Mit zwei Sprachen groß werden. Mehrsprachige Erziehung in Familie, Kindergarten und Schule, 141
[12] Triarchi-Hermann: Mehrsprachige Erziehung, 82
Sprachentwicklungsstörungen bei mehrsprachigen Kindern
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
Die nachfolgende Arbeit befasst sich mit der Frage nach dem Zusammenhang von Sprachstörungen und dem mehrsprachigen Aufwachsen von Kindern. Ich werde hierbei zunächst einen kurzen Einblick in die Sprachentwicklung bei mehrsprachigen Kindern, geben bevor ich mit dem Phänomen Sprachstörung fortfahre.
Das resultierende Ergebnis dieser Arbeit ist die These, dass bei Kindern und Jugendlichen, die mit zwei oder mehr Sprachen aufgewachsen sind, Sprachstörungen nicht öfter auftreten, als bei denjenigen, die nur mit einer Muttersprache erzogen wurden.
Einführung in die Sprachentwicklung bei mehrsprachigen Kindern
Zwei- oder mehrsprachig ist jede Person, die über die Fähigkeit verfügt, sich ohne größere Schwierigkeiten in zwei (oder mehr) Sprachen mündlich oder auch schriftlich auszudrücken.
Kinder lernen mehrere Sprachen von Geburt an fast genauso gut, als wenn sie nur eine Sprache lernen würden. Zu Beginn lernen die Kindern die einfachsten, meistens auch die gemeinsamen Laute ihrer beider Sprache, wie „m", „b", „p"[1] und sagen ein- oder zweisilbige elementare Wörter. Danach erwerben sie Verben und Substantive, später dann Adjektive und Adverbien.[2] Kinder mit bilingualer Sprachentwicklung lernen erst später längere Sätze zu bilden. Ihre Forderungen, Anliegen und Ansprüche formulieren sie zuerst in einfach Ein- oder Zweiwortsätzen.
Dass in ihrer Umgebung mehrere Sprachen gesprochen werden, nehmen die Kinder erst bewusst mit ca. 2 Jahren war. Ab ca. dem 3. Lebensjahr können die Kinder dann auch zwischen den Grammatiken der verschiedenen Sprachen unterscheiden und sie richtig einsetzen.
Bei dem Erlernen mehrerer Sprachen entwickelt sich eine Sprache als dominierend. Diese kann von dem Kind viel sicherer gesprochen werden und entwickelt sich auch gewandter weiter. Auch der Begriffsschatz entwickelt sich in dieser starken Sprache schneller weiter. Das kann dazu führen, dass die Kinder zu einigen semantischen Wortfeldern nur auf den Sprachschatz einer Sprache zurückgreifen können.
Der Lernprozess mehrere Sprachen zu lernen, ist genauso zeitaufwendig wie das Erlernen von nur einer Sprache.
Dies ist allerdings nur der Regelverlauf beim Erwerb mehrerer Sprachen. Jedes Kind ist ein Individuum und kann daher von dem Lernprozess abweichen. Dies muss jedoch noch lange keine Verunsicherung bei den Eltern hervorrufen.
2. Hauptteil: Sprachentwicklungsstörungen bei mehrsprachigen Kindern
Einführung
Studien aus Schweden zeigen, dass das Risiko für eine Sprachentwicklungs-störung bei zweisprachigen Kindern geringer ist als bei Kindern, die nur eine Sprache sprechen. Wenn aber eine Sprachentwicklungsstörung festgestellt wird, ist diese in der Regel stärker ausgeprägt.[3]
Verzögerungen bei einer mehrsprachigen Entwicklung sind natürlich und gewöhnlich, da bei einem normalen Entwicklungsverlauf individuelle Unterschiede bezüglich der Zeit des Vorkommens einer Entwicklungsstufe und der Reihenfolge des Erwerbsprozesses auftreten können.
Es lässt sich feststellen, dass bilinguale Kinder - bei denen keine nachgewiesene Sprachstörung vorliegt - ungefähr zu selben Zeit wie monolinguale Kinder beide Sprache erwerben können.
Wie oben schon erwähnt entwickeln sich die beiden Sprachen nicht synchron. „Ab einem gewissen Zeitpunkt entwickelt sich eine der beiden Sprachen schneller als die andere und kann am Ende der Sprachentwicklung etwa das Niveau erreichen, das auch die gleichaltrigen monolingualen Kinder aufzeigen."[4]
Motive zur Entwicklung einer dominanten Sprache
Eine der wichtigsten und folgerichtigsten Indikatoren ist das Sprachangebot, welches die bilingualen Kinder von ihrer Umgebung erhalten. Es ist natürlich, dass sich bei den Kindern die Sprache zu starken Sprache entwickelt, mit der sie im Alltag am meisten gegenüberstellt werden. Genauso verständlich ist, dass die Kinder die Sprache, die sie nicht dauernd hörend nicht so gut verinnerlichen können und in dieser auch nicht gut kommunizieren können. In dieser Sprache treten dann in den verschiedenen Entwicklungsstufen enorme Rückstände auf. Nur weil die eine Sprache aber nicht so gut ausgeprägt ist, lässt sich noch nicht auf eine Sprachstörung schließen. Sprachentwicklungsstörungen treten meist in beiden Sprachen auf.[5]
Es ist zweckmäßig eine intensive Sprachförderung in der schwachen Sprache anzuwenden, damit sich diese Sprache weiterentwickeln kann. Dies ist möglich, indem man den Kindern viele Sprachanlässe in dieser Sprache anbietet.
Faktoren für Sprachstörungen durch Zweisprachigkeit
Heute findet man immer noch Pädagogen, Psychologen und Ärzte, die den Standpunkt haben, dass eine zweisprachige Erziehung eine Sprachstörung verursachen kann.
Dr. Vasilla Triachi-Herrmann, Dozentin in der Lehrerfortbildung, Sprachtherapeutin und Lehrerin für zweisprachige Kinder, behauptet das Gegenteil, in dem sie aufführt, „dass die Zweisprachigkeit auf keinen Fall allein der Grund dafür sein kann, dass ein zweisprachiges Kind die eine oder die andere Sprachstörung zeigt. Der Faktor ,Zweisprachigkeit´ hat bei einer Sprachstörung von zweisprachigen Kindern eher die Rollen eines Auslösers oder eines Multiplikators."[6]
Auch neuste Forschungsergebnisse können diese Befürchtung nicht bestätigen. Etwa 5 % aller Kinder entwickeln ihre Sprache nicht altersgerecht - egal, ob sie mit einer, zwei oder drei Muttersprachen aufwachsen. Sprachstörungen wie Dysgrammatismus, Artikulationsprobleme, Stottern oder Entwicklungs-verzögerungen sind keine Folge besonderer Belastung und können meistens durch Logopäden therapiert werden.
Sowohl bei einsprachigen wie auch bei zweisprachigen Kindern tritt nur dann eine Sprachstörung auf, wenn eine Reihe von bedrückenden Bedingungen vorhanden sind.
Wenn das direkte Umfeld des bilingualen Kindes zu viele bzw. wenige oder auch nicht die richtigen sprachlichen Muster im Rahmen der täglichen Kommunikation anbietet, führt dies zu einer Verarmung des sprachlichen Angebots des Lebensumfeld des Kindes. Dies kann ein Faktor sein, der die Entstehung einer Sprachstörung unterstützt.
Zudem werden soziale oder psychische Faktoren als mögliche Ursachen für Sprachstörungen angenommen. Bekommt das Kind nicht genügend sprachliche Anregungen aus seiner Umwelt, so kann sich dies negativ auf seine Sprachentwicklung auswirken. Ein intaktes familiäres Umfeld ist für die Entwicklung des Kindes ebenfalls von grundlegender Bedeutung. Trennung der Eltern, Konflikte mit Geschwisterkindern oder eine Atmosphäre ständigen Streits wirken sich negativ auf die Psyche des Kindes aus und sind daher auf lange Sicht mögliche Ursachen für Sprachstörungen.
Die eklatante Zunahme von Kindern mit Sprachstörungen hat ihre Ursache vermutlich in den sozialen und strukturellen Veränderungen unserer Gesellschaft. Für ausführliche Gespräche in den Familien steht meist nur wenig Zeit zur Verfügung, der Einzug technischer Medien in die Kinderzimmer tut sein Übriges. Sprache wird häufig nur noch passiv aufgenommen, der aktive Sprachgebrauch und der kommunikative Austausch mit Menschen kommen jedoch zu kurz. In diesem Bereich kann also angesetzt werden um zu vermeiden, dass Sprachstörungen überhaupt erst entstehen. Eine kommunikativ eingestellte Umgebung, liebevolle Zuneigung, Interesse am Kind und ein kontrollierter Medienkonsum sind die besten Voraussetzungen dafür, dass das Kind ohne Probleme sprechen lernt.
Auch eine gute Entwicklung des Tastsinns ist wichtig für die Vermeidung einer Sprachstörung. Wenn ein Kind Schwierigkeiten hat , die Lage und die Bewegungsrichtungen von Körperteilen zueinander wahrzunehmen und zu steuern, kann dies zu Störungen der Sprache führen.
Der häufigste Grund für eine Sprachentwicklungsstörung ist jedoch eine Verzögerung der Gesamtentwicklung des Kindes. Dies kann beispielsweise eine Störung in der senso-motorischen, akustischen, geistigen, emotionalen oder motorischen Entfaltung sein.
Arten der Sprachstörungen bei einer zweisprachigen Sprachentwicklung
Bei einer bilingualen Entwicklung der Sprache treten genau dieselben Störungen wie bei einer einsprachigen Sprachentwicklung auf.[7]
Eine der zahlreichsten Sprachstörungen im Kindesalter ist das Stottern. Allgemein gesagt, ist das Stottern eine Störung des Redeflusses. Es tritt in der Regel erstmalig im Alter von 3 - 5 Jahren auf und kann sich in verschiedenen Formen zeigen: von lockeren Wiederholungen von Konsonanten am Anfang eines Wortes oder Satzes bis hin zu Wiederholungen von Wörtern und ganzen Satzteilen. Weiterhin können sogenannte Blocks auftreten, die sich von "Hängen bleiben" auf einen Konsonanten bis Mitbewegungen von verschiedenen Muskelgruppen zeigen können.
Im Laufe der sprachlichen Entwicklung treten bei ca. 80% aller Kinder im Alter von 3-5 Jahren sogenannte Redeunflüssigkeiten auf. Lediglich bei ca. 2 % verfestigt sich diese Redeunflüssigkeit zu einem Stottern.[8] Nur bei einem geringen Anteil kann sich dies zu einem chronischen Stottern entwickeln.
Wenn es sich bei Kindern jedoch zu einer physiologische Redeunflüssigkeit entwickelt, ist es ratsam einen Experten aufzusuchen. Das physiologische Stottern ist daran erkennbar, dass die Kinder Wörter und Satzteile wiederholen. Auch Unterbrechungen durch Pausen innerhalb eines Satzes und das Dehnen von Anfangsbuchstaben weisen auf eine ernstzunehmende Sprachstörung hin.
Eine weitere charakteristische Sprachentwicklungsstörung bei Kindern ist der Dysgrammatismus. Kindern mit einem Dysgrammatismus wenden die grammatikalischen Regeln bei der Bildung von Sätzen und Beugung von Wörtern falsch an. Beispiele sind: „Ich will der Auto haben, Flori aufs Klo muss oder Mama ist weggegangt".
Beim Sprechenlernen ist es völlig normal, dass das Kind nicht sofort alle Wort- und Satzkonstruktionen richtig bildet. Mit vier bis fünf Jahren sollte es jedoch übliche Sätze in grammatikalisch richtiger Form sprechen können. Unterscheidet sich die Wort- und Satzbildung eines Kindes deutlich erkennbar von der seiner Altersgenossen, spricht man von Dysgrammatismus.
Sprachentwicklungsrückstände als Folge eines familiären Sprachschwächetypus oder mangels sprachlicher Fremdanregung werden meist rasch durch eine Therapie ausgeglichen. Trotzdem haben viele Betroffenen im Erwachsenenalter keine große rhetorische Begabung.
Oft gehen Sprachentwicklungsstörungen mit Konzentrations- oder Wahrnehmungsstörungen und Verzögerungen der allgemeinen Entwicklung einher. Selten gibt es nur eine Ursache für eine gestörte Sprachentwicklung. Meistens sind es mehrere Faktoren, die sich ungünstig auf das Sprechenlernen auswirken. Die häufigsten Ursachen für eine Verzögerung der Sprachentwicklung sind zuviel TV-, PC- und Internetkonsum statt echter verbaler Kommunikation oder "Über-Förderung" des Kindes mit Terminen ohne ausreichende Erholungsphasen. Auch Hör- und Sehstörungen oder motorische Unreife können Motive sein.
Die vierte häufigste Sprachstörung bei Kindern sind die Aussprachestörungen.
Im allgemeinen kann man bei Kindern zwei Fehlerquellen für Aussprachestörungen (Artikulationsstörungen, Dyslalie, Stammeln) unterscheiden, die jedoch nicht immer eindeutig voneinander getrennt wirken. Zum einen kann ein Laut (oder auch mehrere Laute) überhaupt nicht oder nicht richtig gebildet werden (phonetische Störung), zum anderen kommt es vor, dass Kinder die Regeln noch nicht kennen, die sie brauchen um einen Laut richtig einzusetzen (phonologische Störung).
Merkmale für die phonetischen Störungen sind z.B. S-Laut-Fehlbildungen,
K-Laut-Fehlbildungen oder L-Laut-Fehlbildungen.
Für phonologische Störungen sprechen das Auslassen unbetonter Silben
(-put =kaputt) oder die Vereinfachung von Mehrfachkonsonanten
(B_ille = Brille).
Therapiemöglichkeiten bei Sprachstörungen durch Mehrsprachigkeit
Bei bilingualen Kindern besteht die Gefahr, dass es bei Anhäufungen einiger oben genannten Symptome zu Sprachstörungen kommt. Denn der Erwerb einer zweiten, unterschiedlichen, Sprache kann zusätzliche Belastungen hervorrufen. Deshalb treten die Mängel intensiver als bei einsprachigen Kindern auf.
Die Behandlung von Sprachstörungen bilingualer Kinder ist meist zeitauf-wendiger und komplexer als bei einsprachigen Kindern.
So kann zum Beispiel die Sprachentwicklung leiden, wenn ein Kind seine Erstsprache wieder verliert oder auch, wenn die zweite Sprache negativ besetzt ist (negatives Sprachprestige), zum Beispiel, weil eine Sprache deutlich besser gesprochen wird als die zweite, die dann innerlich abgelehnt wird. Handelt es sich um eine Sprachstörung, kann den Kindern meist gut mit einer logopädischen Therapie geholfen werden.
Problematisch ist vor allem die Erhebung der muttersprachlichen Kompetenzen. Die gängigen Überprüfungsverfahren sind für deutschsprachige Kinder entwickelt. Mehrsprachige Logopäden sind rar, die Eltern müssen in der Regel weite Fahrten in Kauf nehmen, um an qualifizierte Fachleute zu gelangen.
Um Sprachtherapeuten die Arbeit mit zweisprachigen Kindern zu erleichtern, gibt es inzwischen eine besondere Art der Checkliste, das "bilinguale Patientenprofil". Es bietet die Möglichkeit, einem mehrsprachigen Kind unter Anwendung bestimmter Kriterien individuell zu erfassen und leistet somit einen weiteren grundsätzlichen Beitrag zum diagnostischen Vorgehen bei bilingualen Sprechern. Insbesondere bei Kindern mit Migrationhintergrund eignet sich das leitfadengestützte Tool, da es dem Logopäden bzw. der Logopädin ermöglicht, die lebensweltliche Zweisprachigkeit des Kindes zu verstehen und im Sinne der Befunderhebung adäquat zu interpretieren. Hieraus lassen sich Handlungsbedarf und Ansätze für eine eventuelle logopädische Therapie sowie für die Elternberatung ableiten. Damit können Logopäden unter anderem auch die Wechselwirkungen zwischen dem mehrsprachigem Kind und seiner Umwelt erfassen.
Auch Dr. Lilli Wagner [9] hat Anamnesebögen für mehrsprachige Kinder entwickelt. Sie sind zweisprachig konzipiert, dadurch wird ein Dolmetscher überflüssig. Die Antworten werden durch ein Ankreuzverfahren gegeben. Mit ihnen können diagnostisch wichtige Fakten aus der Entwicklung des Kindes ermittelt werden. Sie sind in folgenden Sprachen erhältlich: Deutsch - Russisch, Serbokroatisch, Polnisch, Griechisch (Mappe A) und Deutsch - Türkisch, Italienisch, Spanisch, Arabisch (Mappe B).
Der Zeitaufwand für die Bearbeitung eines Anamnesebogens beträgt etwa 45 - 60 Minuten.
Es werden folgende Einsatzmöglichkeiten von der Autorin für die Anamnese-bögen angegeben: das selbstständige Ausfüllen von Eltern vor Beginn der sprachlichen Förderung, ein selbstständiges Ausfüllen von Eltern und anschließendes gemeinsames Besprechen und Ergänzen, ein gemeinsames Ausfüllen Eltern und Pädagogen / Therapeut , ein Gesprächsleitfaden bei der Anamneseerhebung bzw. beim Erstgespräch und eine Übersetzungshilfe beim Anamnesegespräch.
Verhaltentipps für Eltern
Eltern können wesentlich dazu beitragen, dass aus einer harmlosen Sprachschwierigkeit eine Sprachstörung wird.[10]
Deshalb sollten Eltern ihr Kind nie ein Wort, welches es nicht richtig ausspricht, wiederholen lassen. Den Eltern muss bewusst sein, dass das Kind das Wort nicht bewusst falsch ausspricht. Es ist davon auszugehen, dass die Entwicklung des Kindes noch nicht weit genug vorangeschritten ist um das bestimmte Wort fehlerfrei auszusprechen. Den Druck, welchen das Kind von den Eltern auf sich ausgeübt fühlt, kann zu psychischen Spannungen führen und die Sprachstörung sogar noch verstärken. Eltern sollten dem Kind auch nicht mehr Aufmerksamkeit schenken, wenn es stottert. Auch ist es nicht empfehlenswert Wegzuschauen, wenn das Kind stottert.
Eltern sollten ihrem Kind das falschausgesprochen Wort oder den falsch artikulierten Satz langsam und deutlich vorsprechen. Dadurch erfährt das Kind noch einmal das richtige Sprachmuster. Wichtig ist es aber auch, dass das Kind nicht gezwungen wird das Wort bzw. den Satz noch einmal richtig zu wiederholen.
Die Sprachpartner des Kindes sollten gelassen und ruhig mit ihm umgehen , auch wenn es ihnen schwer fällt [11] .
Zweckmäßig ist es auch zu versuchen, den Mut und die Freude des Kindes am Sprechen zu entwickeln. Eltern sollten sich Zeit für Ihr Kind nehmen , ihm zuhören und es aussprechen lassen.
Ganz bedeutend ist es dem Kind das Gefühl zugeben, dass es einem nichts ausmacht, wenn es in der Aussprache einmal einen Fehler macht.
Die Sprachpartner bzw. Eltern sollen das Kind beim Sprechen anschauen und nicht wegschauen, wenn es Sprechschwierigkeiten hat.
Das, was das Kind sagt, ist ernst zunehmen. Es ist auch wichtig dem Kind zu verstehen zu geben, dass man es verstanden hat.
Bei Sprachentwicklungsstörungen empfiehlt es sich die Sprechfreude des Kindes zu wecken bzw. zu erhalten. Behilflich ist auch die Förderung der allgemeinen und sprachlichen Entwicklung des Kindes. Es ist besonders erforderlich die Eltern in diese Prozesse mit einzubeziehen und zu beraten.
Bei einer Sprachentwicklungsstörungstherapie lernt das Kind spielerisch seinen Wortschatz zu vergrößern, seine Aussprache zu verbessern und seine sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern.
Es ist ratsam einen Termin bei einem Logopäden oder Sprachtherapeuten zu vereinbaren, wenn das Kind wiederholt und über einen längeren Zeitraum, Probleme beim Sprechen hat. Wichtig ist auch ein früher Besuch beim Sprachtherapeuten. Denn je eher eine Sprachstörung festgestellt wird, desto höher ist die Möglichkeit diese erfolgreich therapieren zu können.
3. Schluss
Zusammenfassung
Sprachentwicklungsstörungen können sowohl bei einer monolingualen wie auch bei einer bilingualen Sprachentwicklung auftreten. Die auftretenden Sprachstörungen unterscheiden sich in keinster Weise.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Sprachstörungen bei mehrsprachigen Kindern nur in einer Sprache auftreten, ist sehr unwahrscheinlich. In den meisten Fällen liegen in allen Sprachen Störungen vor.
„Es gilt als gesichert, dass Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit alleine keine Sprachstörung verursacht."[12]
Die Mehrsprachigkeit kann lediglich als Verstärker und Multiplikator bei einer erschienenen Sprachstörung wirken. Demnach kann eine Sprachstörung bei bilingualen Kindern stärker und nachhaltiger auftreten. Hinausschiebungen bei der Entwicklung in einer der beiden oder sogar beiden Sprachen sind noch kein Indiz für eine Sprachentwicklungsstörung.
Wenn physiologische Schwierigkeiten auftreten, ist das richtige Verhalten der Eltern wichtig. Wenn diese physiologische Schwierigkeiten jedoch länger auftreten, sollte man unbedingt den Rat eines Sprachtherapeuten hinzuziehen.
Eigene Erfahrungen
Beim Lesen der verschiedenen Literatur kamen mir immer wieder einige Verhaltensmuster bekannt vor. Ich arbeite seit einem Jahr als Betreuerin in einer Offenen Ganztagsgrundschule. Dort betreuen wir auch viele Kinder, die zweisprachig erzogen worden sind.
Gerade Aussprachestörungen und Dysgrammatismus ist dort bei einigen Kindern vorhanden.
So ist in der Betreuung beispielsweise ein 8-jähriger Junge aus der Türkei, der stammelt. Er ist nicht in der Lage den Laut „k" auszusprechen. Diesen ersetzt er immer durch den Laut „T". Also zum Beispiel „Tinder" anstatt „Kinder" oder „Tunst" anstatt „Kunst".
Bei vielen bilingualen Kindern ist auch die Störung des Dysgrammatismus sehr auffällig. Falsche Deklinationen sind immer wieder an der Tagesordnung („Der hat mich gehaut"). Was mir auch auffällt, ist das fehlerhafte Einsetzen von Artikeln. Also anstatt „der Fisch" „die Fisch" oder ähnliches.
Vor dem Erstellen dieser Arbeit haben meine Kolleginnen und ich immer noch gedacht, diese Störungen würden durch das späte Erlernen der deutschen Sprache entstanden sein. Die meisten Kinder haben Deutsch erst bewusst mit Eintritt in den Kindergarten gelernt. Bei vielen Kindern wird auch zu Hause nur in der Muttersprache miteinander kommuniziert bzw. meist spricht nur ein Elterteil Deutsch.
Durch das Anfertigen dieser Arbeit habe ich mir jetzt jedoch vorgenommen, die entsprechenden Kinder einmal genau zu beobachten und eventuell den Eltern auch zuraten einen Logopäden aufzusuchen. Meines Wissens nach besucht nämlich nur ein zweisprachiges Kind regelmäßig eine Sprachtherapie.
Mir ist auch aufgefallen, dass wir in der Schule oftmals die Fehler gemacht haben, die laut der Literatur strengstens vermieden werden sollen. So kam es schon öfters vor, dass wir die Aussprache der Schüler verbessert haben und sie auch aufgefordert haben das Wort noch einmal richtig zu wiederholen. Die richtigen Verhaltensweisen werde ich jetzt durchführen und auch meine Kollegen darauf hinweisen.
Literaturverzeichnis
- Triarchi-Herrmann, Vassilia: Mehrsprachige Erziehung. Wie Sie Ihr Kind fördern. München, 2006
- Clausnitzer, Volkmar/Miethe, Erhard (Hrsg.): Stimme - Sprechen - Sprache. Therapie, Literatur und Kunst. Idstein, 2004
- Montanari, Elke: Mit zwei Sprachen groß werden. Mehrsprachige Erziehung in Familie, Kindergarten und Schule. München, 2002
- Kielhöfer, Bernd/Jonekeit, Sylvie: Zweisprachige Kindererziehung. Tübingen, 2002
- http://www.cplol.org/CD-Rom_2006/content/List%20of%20papers/keynote/Keynote_Salameh_DE.htm (14.06.2007)
- http://de.wikipedia.org/wiki/Stottern (15.06.2007)
Fußnoten:
[1] Vgl.: Triarchi-Hermann: Mehrsprachige Erziehung, 57
[2] ebd.: 68
[3] http://www.cplol.org/CD-Rom_2006/content/List%20of%20papers/keynote/Keynote_Salameh_DE.htm
[4] Triarchi-Hermann: Mehrsprachige Erziehung, 70
[5] ebd.: 71
[6] ebd.: 71
[7] ebd.: 75
[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Stottern
[9] wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut für Sprachtherapie und Rehabilitation (FSR) an der Ludwig-Maximilians-Universität München
[10] Triarchi-Hermann: Mehrsprachige Erziehung, 81
[11] Vgl.: Montanari, Elke: Mit zwei Sprachen groß werden. Mehrsprachige Erziehung in Familie, Kindergarten und Schule, 141
[12] Triarchi-Hermann: Mehrsprachige Erziehung, 82






