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Mitbestimmung im Betrieb
Datum: 07. Oktober 2010 Kommentare: 0
Zusätzliche Informationen:
Arbeitnehmerrechte gestern und heute.
Das Betriebsverfassungsgesetz.
Entscheidungsspiel zu einem Interessenkonflikt: Vorbereitungsphase
Entscheidungsspiel zu einem Interessenkonflikt: Konferenzphase (Gruppe A)
Entscheidungsspiel zu einem Interessenkonflikt: Reflexionsphase (Gruppe A)
Entscheidungsspiel zu einem Interessenkonflikt: Konferenzphase (Gruppe B)
Entscheidungsspiel zu einem Interessenkonflikt: Reflexionsphase (Gruppe B)
Beschreibung:
Entscheidungsspiel zu einem Interessenkonflikt in einer 10. R. Klasse! Unterrichtsentwurf mit Verlaufsplanung.

Mitbestimmung im Betrieb
Schriftliche Unterrichtsvorbereitung
LiV: XXX
XXX
XXX
Schule: XXX
Ausbilder: XXX
Mentor: XXX
Klasse: XXX
Zeit: XXX
Thema der Unterrichtseinheit:
Mitbestimmung im Betrieb
Thema der Unterrichtsstunde:
Entscheidungsspiel zu einem Interessenkonflikt: Konferenz-
phase
Inhalt:
1. Bedingungsanalyse
2. Stellung der Stunde in der Unterrichtseinheit
3. Sachanalyse
4. Bezug zum Lehrplan
5. Didaktische Analyse
6. Methodische Analyse
7. Lernziele
8. Verlaufsplan
Literatur
Anhang
1. Bedingungsanalyse
Die Klasse R 10c der XXX besteht aus 27 Schülern1, 11 Mädchen und 16 Jungen.
Das Arbeits- und Sozialverhalten der Lerngruppe kann man als gut bis sehr gut einstufen. Die Schüler führen die ihnen gestellten Arbeitsaufträge meistens mit der gebotenen Sorgfalt aus; Disziplinprobleme gibt es sehr selten. Vielleicht ist die Klasse sogar etwas zu ruhig und introvertiert, wodurch der Unterricht manchmal nur zögerlich in Schwung kommt. Zu gelegentlicher Unruhe neigen eigentlich nur der von ADS betroffene Schüler Dominik sowie Fabian B. und Marc, wobei allerdings Dominik seit einiger Zeit verstärkt an sich arbeitet.
Die Leistungsfähigkeit der Klasse im Fach Politik und Wirtschaft muss man ebenfalls als gut bis sehr gut einstufen. Einige der Schüler sind über aktuelle politische Debatten und Themen nicht nur gut informiert. sondern verfügen entsprechend des aktuellen Entwurfs für „Nationale Bildungsstandards“2 für den Fachunterricht Politik bereits über fortgeschrittene Kompetenzen hinsichtlich ihrer politischen Urteils- und Handlungsfähigkeit.
Aufgrund der umrissenen Leistungsstärke ist es nicht nötig, dass bei der Behandlung politischer Themen grundsätzlich ein unmittelbarer Bezug zur Lebenswelt der Schüler hergestellt wird – häufig werden abstrakte Bezüge zu bestimmten Themen von einigen Schülern sogar eingefordert. Zudem verfügt die Klasse über eine hohe Kompetenz zur sozialen Perspektiven- und Rollenübernahme, weshalb simulative Methoden wie Debatte, Talkshow oder Rollenspiel schon häufiger durchgeführt worden sind, worauf in dieser Unterrichtseinheit aufgebaut werden kann.
2. Stellung der Stunde in der Unterrichtseinheit
Stunde | Thema | Inhalt und Ziele |
1. Stunde | Arbeitnehmerrechte gestern und heute | Ausgehend von den häufig unmenschlichen Arbeitsbedingungen im 19. Jahrhundert wird die Entwicklung der betrieblichen Mitbestimmung in Deutschland erarbeitet. Die Schüler sollen dadurch die Bedeutung von Mitbestimmung für die Arbeitnehmer erkennen. |
2. Stunde | Das Betriebsverfassungsgesetz | Anhand von Fallbeispielen werden grundlegende Mitbestimmungsmöglichkeiten, die Arbeitnehmern nach dem Betriebsverfassungsgesetz zustehen, erarbeitet. |
3. Stunde | Entscheidungsspiel zu einem Interessenkonflikt: Vorbereitungsphase | In Kleingruppen wird sich in einen betrieblichen Konflikt eingearbeitet und sich auf eine Konferenz zu dessen Lösung vorbereitet. |
4. Stunde | Entscheidungsspiel zu einem Interessenkonflikt: Vorbereitungsphase | Siehe 3. Stunde. |
5. Stunde | Entscheidungsspiel zu einem Interessenkonflikt: Konferenzphase (Gruppe A) | Siehe Lernziele und Verlaufsplan. |
6. Stunde | Entscheidungsspiel zu einem Interessenkonflikt: Reflexionsphase (Gruppe A) | Das Entscheidungsspiel wird formal und inhaltlich ausgewertet, wodurch Urteilsbildungsprozesse initiiert werden sollen. |
7. Stunde | Entscheidungsspiel zu einem Interessenkonflikt: Konferenzphase (Gruppe B) | Siehe 5. Stunde. |
8. Stunde | Entscheidungsspiel zu einem Interessenkonflikt: Reflexionsphase (Gruppe B) | Siehe 6. Stunde. |
3. Sachanalyse
Am Arbeitsplatz verbringen die meisten Menschen einen großen Teil ihrer Lebenszeit. Eine menschengerechte Arbeitsplatzgestaltung ist für die Gesundheit, die Lebensqualität und das Selbstbewusstsein der Menschen daher unerlässlich.
Aus diesem Grund sieht das Modell der Sozialen Marktwirtschaft vor, dass Arbeitnehmer hinsichtlich der Arbeitsbedingungen und der Arbeitsplatzgestaltung mitwirken können und betrieblicher Willkür nicht schutzlos ausgeliefert sind. Das Betriebsverfassungsgesetz ermöglicht ihnen die Bildung von Betriebsräten, die über abgestufte Beteiligungsrechte (von Anhörungs- und Beratungsrechten bis hin zu Mitbestimmungs- und Zustimmungsrechten) in betrieblichen und sozialen Fragen verfügen.3
Bedeutsam sind hierbei vor allem jene betrieblichen und sozialen Angelegenheiten, bei denen der Betriebsrat über erzwingbare Mitbestimmungsrechte verfügt, weil sie das größte Potential für innerbetriebliche Konflikte beinhalten. Hierzu zählen etwa: Aufstellung einer Betriebsordnung (Alkohol- und Rauchverbote etc.), Pausen- und Urlaubsregelungen, Festsetzung von Akkord- und Prämiensätzen oder eine vorübergehende Verkürzung oder Verlängerung der betriebsüblichen Arbeitszeit aufgrund von Kurzarbeit oder Sonderschichten.4
Dem Arbeitgeber ist es demnach nicht erlaubt, in diesen Angelegenheiten bestehende Regelungen zu verändern, wenn der Betriebsrat dem nicht zustimmt. Vielmehr ist es nötig, dass sich Arbeitgeber und Betriebsrat auf eine Betriebsvereinbarung einigen, die schriftlich abzufassen ist.
Angenommen, Arbeitgeber und Betriebsrat können sich auf keine Regelung einigen, ist die Einigungsstelle anzurufen. Diese besteht aus der gleichen Anzahl von Beisitzern, die vom Arbeitgeber und vom Betriebsrat entsendet werden, und einem unabhängigen Vorsitzenden. Die Aufgabe des Vorsitzenden besteht darin, einen Kompromiss zwischen den beiden Lagern zu vermitteln und – wenn es zu keiner Einigung kommt – eine Entscheidung herbeizuführen. So ist seine Stimme letztlich ausschlaggebend, wenn es bei einer vorherigen Abstimmung unter den Beisitzern zu einem Gleichstand gekommen ist.5
4. Bezug zum Lehrplan
Das Thema „Mitbestimmung im Betrieb“ ist im hessischen Lehrplan Politik und Wirtschaft für den Bildungsgang Realschule als verbindlicher Unterrichtsinhalt für die 10. Jahrgangsstufe ausgewiesen. Die Lernenden sollen ihren individuellen Standort innerhalb der bundesdeutschen Wirtschaftsordnung finden und definieren, indem sie die für die Soziale Marktwirtschaft charakteristische Kombination aus sozialer Gerechtigkeit auf der einen Seite und unternehmerischer Freiheit auf der anderen Seite, die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen gleichermaßen anerkennt, erkennen und verstehen.6
5. Didaktische Analyse
Die Auseinandersetzung mit betrieblichen Mitbestimmungsmöglichkeiten ist für das zukünftige Leben der Schüler relevant, da früher oder später die meisten von ihnen im Berufsleben stehen werden. Einige von ihnen werden sich sogar schon nach Ausbildungsbeginn in etwa einem Jahr in ihrem Beruf behaupten müssen, wodurch das Thema fast schon in ihr gegenwärtiges Leben hineinreicht. Es ist daher wichtig für sie zu wissen, dass man als Arbeitnehmer in der Sozialen Marktwirtschaft seinem Arbeitgeber nicht schutzlos ausgeliefert ist, sondern über gesetzlich verbürgte Möglichkeiten der Mitbestimmung und Interessenwahrnehmung verfügt.
Allerdings sind diese Mitbestimmungsrechte eine nicht unwesentliche Ursache dafür, dass es zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu vielfältigen Interessenkonflikten kommen kann. Dabei ist der Begriff Konflikt nicht grundsätzlich negativ konnotiert, da die rationale und regelgeleitete Bewältigung von Konflikten ein wesentliches Merkmal demokratischer Gesellschaften ist, während totalitäre Systeme aufkommende Konflikte eher zu unterdrücken versuchen. Insofern ist Arbeitnehmermitbestimmung ohne Konflikte sowie deren rationale Regelung nicht zu haben, was Lernenden deutlich gemacht werden muss.7
Es liegt daher nahe, entsprechend dem politikdidaktischen Prinzip der Konfliktorientierung den Schwerpunkt der Unterrichtseinheit auf innerbetriebliche Interessenkonflikte zu legen, wie sie entsprechend der sachanalytischen Erörterungen in nahezu jedem Unternehmen vorkommen können. In dieser Stunde wird es dabei um folgenden Konflikt gehen:
Die Firma AGEMA möchte die betriebsüblichen Arbeitszeiten für einige Wochen ausweiten, weil sie dringende Liefertermine ansonsten nicht einhalten kann. Sie kann sich mit dem Betriebsrat, der in dieser Frage über erzwingbare Mitbestimmungsrechte verfügt, jedoch auf keine gemeinsame Regelung einigen, womit ein Konflikt, der nun vor der Einigungsstelle entschieden werden muss, entstanden ist (vgl. ausführlich Anhang 1).
Ein konfliktorientierter Ansatz bietet sich bei der Beschäftigung mit dem Thema „Mitbestimmung im Betrieb“ aber auch deshalb an, weil Konflikte gerade bei Themen, die nicht in der unmittelbaren Lebenswelt der Lernenden liegen, über eine lernbewegende Kraft verfügen. Sie kommen dem Alltagszugang vieler Menschen zu Politik nämlich sehr nahe, indem sie auf der Basis einer natürlichen Neugier zu einer vertiefenden Beschäftigung mit einem Thema anregen.8
Durch eine Auseinandersetzung mit einem innerbetrieblichen Konflikt sollen den Lernenden aber nicht nur die betrieblichen Mitbestimmungsmöglichkeiten deutlich werden, vielmehr soll dabei auch eine allgemeine Konfliktlösekompetenz aufgebaut werden. Diese setzt neben der Definition eigener Interessen auch die Einhaltung demokratischer Spielregeln bei deren Vertretung sowie eine grundsätzliche Kompromissbereitschaft voraus, was in der im Folgenden zu beschreibenden Stunde in einem handlungsorientiert-simulativen Verfahren trainiert werden soll.
Da die regelgeleitete Bewältigung von Konflikten ein konstitutives Merkmal demokratischer Gesellschaften ist, können durch eine Auseinandersetzung mit einem betrieblichen Interessenkonflikt aber auch exemplarisch Einsichten in das Politische allgemein gewonnen werden. Demnach soll den Schülern deutlich werden, dass man Konflikte nicht tabuisieren, sondern zu regeln versuchen sollte.
6. Methodische Analyse
Einstieg
Als Einstieg in die Stunde wird eine Karikatur gezeigt, die sich mit den betrieblichen Mitbestimmungsmöglichkeiten kritisch auseinandersetzt: An einem Fabriktor hält jemand ein Schild mit der Aufschrift „Achtung! Sie verlassen den demokratischen Sektor der Bundesrepublik!“ hoch, während die Arbeiter gerade die Pforte passieren (vgl. Anhang 2).
Das didaktische Potential von Karikaturen für den Politikunterricht besteht vor allem darin, dass sie politische Sachverhalte aufgreifen, diese allerdings bewusst deformieren und überzeichnen, was sowohl Widerspruch als auch Zustimmung auslösen kann.9 Übertragen auf unsere Karikatur bedeutet dies, dass ausgehend von ihr die für die Inhaltsstruktur der Unterrichtseinheit und -stunde grundlegenden Fragen angerissen werden können, welche Mitbestimmungsmöglichkeiten es in der sozialen Marktwirtschaft gibt bzw. inwiefern diese ausreichend sind.
Entscheidungsspiel: „Interessenkonflikt bei AGEMA“
Allgemeine Vorbemerkungen
Die Beschäftigung der Einigungsstelle mit dem umrissenen Interessenkonflikt in der Firma AGEMA soll in dieser Stunde in einem Entscheidungsspiel simuliert werden, wobei die im Einigungsverfahren zu besetzenden Rollen von den Schülern übernommen werden sollen. Hierbei muss allerdings betont werden, dass der Ablauf der simulierten Konferenzsituation sowie die Anzahl der zu besetzenden Rollen einer realen Beratung in der Einigungsgsstelle nicht in allen Facetten entspricht, sondern aus didaktischen Gründen schulischen Rahmenbedingungen angepasst wurde.
Da Konferenzphasen nicht mit beliebig vielen Schülern durchgeführt werden können, wurde sich mit zwei verschiedenen Interessenkonflikten auseinandergesetzt. Die Schüler, die sich mit dem Interessenkonflikt in der Firma AGEMA auseinandergesetzt haben, werden diesmal im Plenum aktiv debattieren, während den anderen Schülern, die sich mit einen anderen Konflikt beschäftigt haben, diesmal eine nicht minder wichtige Beobachterrolle zufällt. In der übernächsten Stunde werden die Rollen dann umgekehrt verteilt sein.
Mit dem Entscheidungsspiel wurde sich für eine Methode entschieden, die der Inhaltsstruktur der Unterrichtsstunde in besonderem Maße gerecht wird. Im Entscheidungsspiel geht es nämlich darum, einen realen oder fiktiven Konflikt in einer simulierten Konferenzsituation zu thematisieren und sofern möglich zu lösen.10 Im Grunde genommen ist das Entscheidungsspiel damit nichts anderes als ein verkürztes Planspiel, weshalb viele der für Planspiele nachgewiesenen Lernpotentiale auch für diese handlungsorientierte Methode gelten. Mit Blick auf unsere Unterrichtseinheit sind in diesem Zusammenhang vor allem interessant: Konfliktfelder und Interessenlagen definieren, Interessengegensätze erkennen und respektieren, Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit sowie Kooperations- und Kompromissbereitschaft entwickeln.11
Durchführung
Auch wenn Entscheidungsspiele weniger komplex als Planspiele sind, müssen für ihre Durchführung etwa vier Schulstunden angesetzt werden. Dabei sollten die ersten zwei Stunden der Einführung in den Konflikt, der Materialauswertung sowie der Meinungs- und Willensbildung dienen, woran sich auch in unserem Entscheidungsspiel gehalten wurde. Es wurden arbeitsteilige Gruppen gebildet, die sich entlang von Rollenkarten und Informationsmaterial in eine Rolle eingearbeitet haben, die sie in der nun folgenden Konferenzsituation übernehmen sollen.
Angesichts der hohen Anforderungen, die Entscheidungsspiele nicht zuletzt an die Gesprächsdisziplin und die Selbständigkeit der Schüler stellen, findet eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem vorliegenden Konflikt in der Konferenzphase häufig nicht statt. Dem soll in unserem Entscheidungsspiel dadurch entgegengewirkt werden, indem der Konferenzverlauf einer klaren Strukturierung folgt, woran sich bereits in der Vorbereitungsphase orientiert werden musste. Sicherlich könnte man gegen eine solche Strukturierung einwenden, dass die Konferenz dadurch eine künstliche Note bekommt, neben einem klaren Orientierungsrahmen lässt sich aber noch eine weitere pädagogische Legitimation für dieses Vorgehen vorbringen: Eine klare Struktur ermöglicht es, nebenbei reflektiertes Argumentieren und Diskutieren sowie wirkungsvolles Präsentieren einzutrainieren, wodurch sich zusätzliche Lernpotentiale ergeben.
Am Anfang der Konferenz nehmen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter (je fünf Vertreter) sowie Schlichter (drei Vertreter) ihre Plätze ein. Die Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter sitzen sich in der Raummitte gegenüber; die Schlichter sitzen vor der Tafel, womit ihre Leitungsfunktion deutlich werden soll. Entlang von Beobachtungsleitfragen verfolgen die Schüler, die nicht aktiv am Entscheidungsspiel teilnehmen, den Konferenzverlauf. Eine besondere Rolle fällt der Lehrkraft zu, die dem Schlichterteam angehören wird. Ihr ist es damit möglich, längere Phasen der Konferenzleitung an Schüler abzutreten, zugleich aber auch in schwierigen Phasen oder in Konfliktsituationen aus einer legitimen Mitspielerrolle heraus zu lenken oder zu intervenieren.
Die eigentliche Konferenz beginnt damit, dass ein Arbeitgeber- und ein Arbeitnehmervertreter an einer Pinnwand noch einmal die Regelungen vorstellen, die in der Betriebsvereinbarung aus ihrer Sicht enthalten sein sollten.
Im Anschluss daran dürfen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter je drei Argumente vorstellen, die die von ihrer Gruppe erhobenen Forderungen stützen sollen. Dadurch soll nicht nur überzeugendes Argumentieren und Präsentieren geübt werden, vor allem geht es dabei um die für nachhaltiges Lernen wichtige Untermauerung der Kontroverse mit Inhalten. So musste sich bei der Ausarbeitung der Argumente in der Vorbereitungsphase mit Themen wie Globalisierung und verschärftem Wettbewerb auseinandergesetzt werden, womit eine höhere Arbeitsbelastung von Arbeitgeberseite legitimiert werden könnte, während gleichzeitig die daraus resultierenden physischen, psychischen und sozialen Folgen mitbedacht werden müssen.
In der nächsten Phase kann über die unterschiedlichen Positionen frei diskutiert werden. Intention dieser Runde ist es, die Beteiligten nun frei von einer strengen Reglementierung diskutieren zu lassen, wodurch aufgestauten Emotionen und Meinungen freier Lauf gelassen werden kann.
Ausgehend von einem Kompromissvorschlag der Schlichter soll dann versucht werden, eine Einigung herbeizuführen. Dabei sollen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter zunächst intern beraten, inwiefern sie sich den einzelnen Aspekten des Kompromissvorschlages annähern können und ihre Position stichwortartig auf einer Karteikarte festhalten.
Abschließend werden die Beratungsergebnisse im Plenum vorgestellt und ein für beide Parteien tragfähiger Kompromiss herbeizuführen versucht. Hierbei wird wie folgt verfahren: Jeder Aspekt der Betriebsvereinbarung wird von den Gruppensprechern sowie deren Stellvertretern dahingehend beraten, inwiefern sich auf eine gemeinsame Regelung verständigt werden kann. Kommt es zu keiner Einigung, wird über die von den beiden Gruppen vorgelegten Regelungsvorschläge abgestimmt, wobei der Vorschlag, auf den die Mehrheit der Stimmen entfällt, angenommen ist.
Diese Form der Konfliktregelung soll gewährleisten, dass beide Parteien zwischen maximaler Interessendurchsetzung auf der einen Seite und Kompromissbereitschaft auf der anderen Seite abwägen müssen, womit ihnen ein für politische Konfliktlösungen charakteristisches Strukturmuster deutlich werden soll.
Reflexion
Entscheidungsspiele bedürfen, wie alle handlungsorientierten Methoden, einer sorgfältigen und systematischen Auswertung, wenn sie bei Lernenden nachhaltige Urteilsbildungsprozesse initiieren wollen. Hierbei ist es vor allem wichtig, dass der Ablauf des Entscheidungsspiels nicht nur auf formaler Ebene analysiert wird, sondern auch zentrale politische Kategorien (Macht, Interesse, Kompromiss) mit einbezogen werden.12
Die Auswertung unseres Entscheidungsspiels soll auf der Basis der Beobachtungsbögen erfolgen, die von den Schülern, die nicht an der Konferenz teilgenommen haben, ausgefüllt worden sind. Diese Beobachtungsbögen sind wie folgt aufgebaut, wodurch dem Entscheidungsspiel ein zusätzlicher Reiz verliehen werden soll:
Die Beobachter sollen sich vorstellen, dass sie vom Betriebsrat (Beobachter A) bzw. von der Geschäftsführung (Beobachter B) beauftragt worden sind, zu beobachten, ob die von ihr in das Einigungsverfahren entsandten Mitglieder ihre Sache auf formaler Ebene (Gesprächsverhalten) wie auf inhaltlicher Ebene (Kompromissbereitschaft, Interessenvertretung) eher gut oder eher schlecht gemacht haben. Sie sollen darüber einen Bericht (Hausaufgabe) verfassen, in dem die genannten Punkte nicht nur analysiert, sondern auch bewertet werden (vgl. ausführlich Anhang 3 u. 4).
Da eine systematische Auswertung etwa eine Schulstunde erfordert, kann sie nicht im unmittelbaren Anschluss an die Konferenzphase stattfinden. Gleichwohl soll nach Konferenzende die verbleibende Zeit genutzt werden, um ein erstes Stimmungsbild zu erheben, wobei das aus politikdidaktischer Perspektive besonders bedeutsame Spannungsfeld zwischen Kompromissbereitschaft und Interessendurchsetzung hierbei im Mittelpunkt stehen soll. So werden einige Beobachter ihre Einschätzung darüber abgeben, ob die von ihnen beobachteten Akteure a) Kompromissbereitschaft gezeigt haben oder aber einen Kompromiss eher haben scheitern lassen sowie b) bei aller Kompromissbereitschaft die eigenen Interessen wirksam vertreten haben oder aber den Interessen der anderen Seite zu sehr nachgegeben haben.
7. Lernziele
Groblernziel
Die Schüler sollen Muster betrieblicher Interessenkonflikte sowie dafür vorgesehene Regelungsmechanismen erfassen, indem sie sich in einem Entscheidungsspiel mit einem konkreten Konflikt auseinandersetzen und möglichst eine tragfähige Kompromisslösung herbeiführen (Konferenzteilnehmer) bzw. den Konfliktregelungsprozess entlang sozialwissenschaftlicher Kategorien (Interesse vs. Kompromiss) analysieren (Konferenzbeobachter).
Feinlernziele
Die Konferenzteilnehmer sollen:
ihre Argumentations- und Diskussionsfähigkeit erweitern, indem sie die von ihrer Gruppe vertretene Positionen anschaulich und inhaltlich plausibel begründen sowie die gegnerische Position überzeugend widerlegen;
Entscheidungsfähigkeit und Problemlösekompetenz entwickeln, indem sie einen betrieblichen Interessenkonflikt aufzulösen versuchen;
Kompromiss- wie Interessendurchsetzungsfähigkeit entwickelt, indem sie sich auf eine für beide Parteien tragfähige Konfliktlösung verständigen;
Frustrationstoleranz einüben, indem sie bei auftretenden Problemen während der Konfliktlösung nicht aufgeben, sondern weiter nach einem tragfähigen Kompromiss suchen.
Die Konferenzbeobachter sollen:
aktives Beobachten einüben, indem sie entlang von Beobachtungsleitfragen den Konferenzverlauf auf formaler und inhaltlicher Ebene verfolgen;
Einsicht in die für politische Entscheidungsprozesse grundlegenden Kategorien Interesse und Kompromiss gewinnen, indem sie das während der Konfliktregelung auftretende Spannungsverhältnis zwischen Interessendurchsetzung auf der einen Seite und Kompromissbereitschaft auf der anderen Seite analysieren;
die Fähigkeit zur konstruktiven Rückmeldung einüben, indem sie in einem Bericht (Hausaufgabe) beschreiben und bewerten, was die von ihnen beobachteten Konferenzteilnehmer gut bzw. schlecht gemacht haben.
8. Verlaufsplan
Zeit | Phase | Unterrichtsgeschehen (mit Sozialform) | Didaktisch-methodischer Kommentar | Medien |
5 | Einstieg | Eine Karikatur, die sich mit den betrieblichen Mitbestimmungsmöglichkeiten kritisch auseinandersetzt, wird an die Wand projiziert. Im Unterrichtsgespräch wird thematisiert, welche Mitbestimmungsrechte es in der Sozialen Marktwirtschaft gibt bzw. inwiefern diese ausreichend sind. (Klassenverband) | Einstimmung auf Thema der Stunde Karikatur als motivierender Impuls Kenntnisse zum Thema „Mitbestimmung im Betrieb“ wiederholen | Karikatur auf Overheadfolie |
30 | Erarbeitung (Entscheidungsspiel: Konferenzphase) | Die Beschäftigung der Einigungsstelle mit einem betrieblichen Interessenkonflikt wird in einem Entscheidungsspiel simuliert. Die simulierte Konferenz folgt einer klaren Struktur und wird von den Schlichtern moderiert. Die wichtigsten Schritte sind: 1. Betriebsrat und Geschäftsführung stellen ihre Positionen vor. 2. Betriebsrat und Geschäftsführung stellen Argumente vor, die ihre Position stützen sollen. 3. Freie Diskussion über die unterschiedlichen Positionen. 4. Präsentation eines möglichen Kompromisses durch die Schlichter. 5. Betriebsrat und Geschäftsführung beraten über den Kompromissvorschlag. 6. Die Beratungsergebnisse werden im Plenum vorgestellt. 7. Eine Konfliktlösung wird herbeigeführt, indem sich die Gruppensprecher entweder auf gemeinsame Regelungen verständigen oder über die vorgelegten Regelungsvorschläge abgestimmt wird, wobei in diesem Fall die Schlichterstimmen ausschlaggebend sind. Die Schüler, die nicht aktiv an der Konferenz teilnehmen, verfolgen diese entlang eines Beobachtungsbogens. | konstruktive Auseinandersetzung mit einem betrieblichen Interessenkonflikt in einer vorstrukturierten Konferenzsituation Positionen transparent machen Positionen mit Inhalten untermauern Meinungen und Emotionen freien Lauf lassen Möglichen Kompromiss skizzieren Kompromissvorschlag prüfen Beratungsergebnisse öffentlich machen Konfliktlösung durch Einigung auf Kompromiss oder durch Mehrheitsentscheidung Konferenzverlauf auf formaler und inhaltlicher Ebene beobachten | Pinnwände und Karteikarten, Beobachtungsbögen |
10 | Auswertung | Die Beobachter geben eine erste Einschätzung zum Konferenzverlauf ab. Im Mittelpunkt steht dabei das aus politikdidaktischer Perspektive bedeutsame Spannungsfeld zwischen Kompromissbereitschaft und Interessenvertretung, dem die Konferenzteilnehmer gerecht werden mussten. | Konferenzverlauf entlang politischer Kategorien reflektieren erste Rückmeldung geben | Beobachtungsbögen, Overheadfolie |
Literatur
Avenarius, Hermann: Die Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung. 2., neubearbeitete Aufl., Bonn 1997.
George, Siegfried: Karikatur. In: Hans-Werner Kuhn/Peter Massing: Methoden und Arbeitstechniken. Lexikon der politischen Bildung, Band 3. Schwalbach/Ts. 2002, S. 85-86.
GPJE (Hrsg.): Nationale Bildungsstandards für den Fachunterricht in der Politischen Bildung an Schulen. Schwalbach/Ts. 2004.
Grammes, Tilman: Kontroversität. In: Wolfgang Sander (Hrsg.): Handbuch politische Bildung. 3. Aufl., Schwalbach/Ts. 2005, S. 126-145.
Hessisches Kultusministerium: Lehrplan Politik und Wirtschaft für den Bildungsgang Realschule. Wiesbaden 2003.
Kuhn, Hans-Werner: Entscheidungsspiel. In: Ders./Peter Massing: Methoden und Arbeitstechniken. Lexikon der politischen Bildung, Band 3. Schwalbach/Ts. 2002, S. 30-32.
Lampert, Heinz: Die Wirtschafts- und Sozialordnung der Bundesrepublik Deutschland. 12. überarbeitete Aufl., München 1995.
Massing, Peter: Planspiele und Entscheidungsspiele. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Methodentraining für den Politikunterricht. Bonn 2004, S. 163-194.
Reinhardt, Sibylle: Politik-Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. Berlin 2005.
1 {#sdfootnote1anc} Auf Grund der besseren Lesbarkeit wird in dem gesamten Entwurf die männliche Schriftform verwendet. Dies stellt ausdrücklich keine Diskriminierung dar und schließt immer beide Formen mit ein.
2 {#sdfootnote2anc} GPJE (Hrsg.): Nationale Bildungsstandards für den Fachunterricht in der Politischen Bildung an Schulen. Schwalbach/Ts. 2004.
3 {#sdfootnote3anc} Vgl. Hermann Avenarius: Die Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung. 2., neubearbeitete Aufl., Bonn 1997, S. 210 f.; vgl. ausführlich Heinz Lampert: Die Wirtschafts- und Sozialordnung der Bundesrepublik Deutschland. 12. überarbeitete Aufl., München 1995, S. 234 ff.
4 {#sdfootnote4anc} Vgl. Lampert, Die Wirtschafts- und Sozialordnung…, a.a.O., S. 237.
5 {#sdfootnote5anc} Vgl. ebenda.
6 {#sdfootnote6anc} Vgl. Hessisches Kultusministerium: Lehrplan Politik und Wirtschaft für den Bildungsgang Realschule. Wiesbaden 2003, S. 18.
7 {#sdfootnote7anc} Vgl. Tilman Grammes: Kontroversität. In: Wolfgang Sander (Hrsg.): Handbuch politische Bildung. 3. Aufl., Schwalbach/Ts. 2005, S. 128 ff.; vgl. auch Sibylle Reinhardt: Politik-Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. Berlin 2005, S. 76 f.
8 {#sdfootnote8anc} Vgl. Reinhardt, Politik-Didaktik, a.a.O., S. 78.
9 {#sdfootnote9anc} Vgl. Siegfried George: Karikatur. In: Hans-Werner Kuhn/Peter Massing: Methoden und Arbeitstechniken. Lexikon der politischen Bildung, Band 3. Schwalbach/Ts. 2002, S. 85 f.
10 {#sdfootnote10anc} Vgl. Hans-Werner Kuhn: Entscheidungsspiel. In: Ders./Peter Massing: Methoden und Arbeitstechniken. Lexikon der politischen Bildung, Band 3. Schwalbach/Ts. 2002, S. 30 ff.
11 {#sdfootnote11anc} Vgl. Peter Massing: Planspiele und Entscheidungsspiele. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Methodentraining für den Politikunterricht. Bonn 2004, S. 166 f. u. S. 174.
12 {#sdfootnote12anc} Vgl. Massing, Planspiele und Entscheidungsspiele, a.a.O., S. 173.
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