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Sehen wir auf das Kind- Liselotte Corbach und ihre Religionspädagogik

Sehen wir auf das Kind- Liselotte Corbach und ihre Religionspädagogik
Hausarbeit
Datum: 17. Oktober 2010 Autor: isi83 Kommentare: 0

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Hausarbeit in evangelischer Religionspädagogik: Liselotte Corbach und ihre Religionspädagogik - Liselotte Corbach führte ein bewegtes Leben.

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Beschreibung:

Liselotte Corbach erlebte zwei Weltkriege, Widerstand und Verfolgung in der NS- Zeit und behauptete sich in der Männerdomäne Theologie. Ihre Biographie zeigt den Weg einer starken Frau, die dank ihrer Unbeirrbarkeit und ihrer Kompetenz eine wichtige Religionspädagogin des 20. Jahrhunderts geworden ist.


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Sehen wir auf das Kind- Liselotte Corbach und ihre Religionspädagogik


Sehen wir auf das Kind - Liselotte Corbach und ihre Religionspädagogik

Inhalt

1. Einleitung

2. Biographie
2.1 Kindheit und Jugend
2.2 Studium der Theologie
2.3 Im Dienst der Kirche
2.4 Professur an der pädagogischen Hochschule Hannover

3. Religionspädagogisches Werk
3.1 Die A-B-C- Pläne
3.1.1 Erarbeitung, Aufbau und Konzeption
3.1.2 Die Präparation A29 zur Schöpfungsgeschichte
3.2 Die Evangelische Unterweisung und Liselotte Corbachs Position
3.3 Der hermeneutische Unterricht und Liselotte Corbachs Didaktik
3.3.1 Erzähldidaktik
3.3.2 Bilddidaktik
3.4 Liselotte Corbachs Stellung zum promblemorientierten Unterricht
3.5 Vom Sehen zum Hören
3.5.1 Didaktische Grundlegung von 1965
3.5.2 Didaktische Grundlegung von 1976

4. Liselotte Corbachs Religionspädagogisches Werk und Schlussfolgerungen für den heutigen Religionsunterricht

Literatur

1. Einleitung

„[...] sehen wir auf das Kind, [...]" (Liselotte Corbach, zitiert nach Pithan 2004, S.328) ist ein Zitat, das exemplarisch für Liselotte Corbachs Bemühungen um die Orientierung am Kind und die Aktivierung des Kindes im Religionsunterricht steht. Fast drei Jahrzehnte lang prägte Liselotte Corbach die Religionspädagogik und die Lehrerbildung in Niedersachsen (vgl. Pithan 1997, S. 149) und veröffentlichte eine beachtliche Anzahl religionspädagogischer Schriften.
Trotzdem findet sich kein Artikel zu ihr in den einschlägigen Fachlexika wie dem BBKL, dem RGG, dem TRE oder im Lexikon der Religionspädagogik von 2001.
Vermutlich hat erst der Aufsatz „Einstehen für die eigene Überzeugung" von Annabelle Pithan aus dem Jahr 1997 in ihrem Band „Religionspädagoginnen des 20. Jahrhunderts" auf die Religionspädagogin Liselotte Corbach aufmerksam gemacht. Denn 2003 wird sie von Michael Meyer- Blanck als Klassiker der evangelischen Religionspädagogik aufgeführt und Harry Noorman benennt sie 2004 in einer Auswahl von bedeutenden Vertretern der Evangelischen Unterweisung in einer Übersicht (Noorman 2004, S. 142).
Liselotte Corbachs Leben und Werk zeigt den Weg einer Frau in der praktischen Theologie in unterschiedlichen Disziplinen und vor dem Hintergrund einer sich wandelnden Theorie. Sie arbeitete in der Jugendarbeit der Kirche, als Pfarrvikarin, Autorin, leitete kirchliche Fortbildungen und wurde schließlich Professorin für Religionspädagogik an der Hochschule Hannover. Die Einordnung ihrer religionspädagogischen Überlegungen in den Kontext ermöglicht einen Einblick in die Entwicklung der Religionspädagogik im 20. Jahrhundert.

2. Biographie

Liselotte Corbach führte ein bewegtes Leben. Sie erlebte zwei Weltkriege, Widerstand und Verfolgung in der NS- Zeit und behauptete sich in der Männerdomäne Theologie. Ihre Biographie zeigt den Weg einer starken Frau, die dank ihrer Unbeirrbarkeit und ihrer Kompetenz eine wichtige Religionspädagogin des 20. Jahrhunderts geworden ist.

2.1 Kindheit und Jugend

Am 4. Juli 1910 kam Liselotte Marie Johanna Corbach in Friedrichswille im Bezirk Frankfurt/ Oder als erstes Kind des Ehepaares Georg und Clara Corbach, geborene Plate, zur Welt (vgl. Pithan 2004, S. 48). Ihr Elternhaus war diakonisch geprägt, schon der Großvater Corbach leitete die erste „Herberge zur Heimat" und später ein Waisenhaus. Die Großeltern Plate standen einer Arbeiterkolonie in Friedrichswille vor. Nach diesem Vorbild hatte auch Liselottes Vater eine diakonische Ausbildung genossen und übernahm zusammen mit seiner Frau 1910 die Leitung einer Erziehungsanstalt für Jungen. Liselotte bekommt in den nächsten Jahren zwei Jüngere Brüder namens Karl- Heinrich und Bruno (vgl. Pithan 1997, S. 136).
Mit drei Jahren zieht Liselotte mit ihren Eltern nach London, die dort ein deutsches Waisenhaus mit Internatsschule übernehmen. Georg Corbach fällt 1915 im Ersten Weltkrieg und Clara Corbach muss die Leitung des Internats allein weiterführen und kümmert sich außerdem um bedürftige Kinder in den Armenvierteln Londons, wo auch Liselotte schon in frühen Jahren mit Armut und Elend in Berührung kommt (vgl. Pithan 1997, S.136/137).
Als 1918 der Erste Weltkrieg endet, wird Clara Corbach mit ihren drei Kindern aus England ausgewiesen und muss ohne Besitz und Ausbildung zurück zu ihrer Mutter nach Berlin ziehen. 1920 kann sie ein Korb-, Bürsten- und Lederwarengeschäft in Altena/ Westfalen übernehmen. Liselotte hatte große Verantwortung in Haushalt und Geschäft der Mutter, konnte aber 1926 die Mittlere Reife abschließen und danach das „Städtische Lyzeum und Oberlyzeum" in Lüdenscheid besuchen, wechselte aber nach einem Jahr zurück in die neue Unterprima ihrer früheren Schule in Berlin- Friedenau (vgl. Pithan 1997, S. 137). 1929 legte der erste Jahrgang der Königin- Luise- Schule das Abitur ab, darunter Liselotte Corbach.

2.2 Studium der Theologie

An der Berliner Friedrich- Wilhelms- Universität begann Liselotte Corbach im Sommersemester 1929 das Studium der Anglistik, der Germanistik und der Theologie. Schon nach einem Jahr entschied sie sich für einen Wechsel zur Theologisches Fakultät in Berlin und das Anglistik- und Germanistikstudium abzubrechen (vgl. Pithan 2004, S. 72).
Es war einer Frau damals noch nicht möglich ein Pfarramt anzutreten, doch 1927 war das erste Vikarinnengesetz erlassen worden, nachdem es Frauen zumindets möglich war eine Einsegnung zum Dienst an Frauen und Mädchen zu erhalten (vgl. Pithan 1997, S. 137).
Später begründete sie die Entscheidung für die Theologie einmal damit, dass sie sich Antworten auf theologische Fragen erhoffte, die sie beschäftigten, und anderseits wollte sie sich auf Neuland begeben, von dem sie nicht wusste, wohin es sie führen würde (vgl. Pithan 2004, S. 81).
Ihr Studium finanzierte sie durch Nachhilfestunden, außerdem erhielt sie Stipendien, die man damals durch Fleißzeugnisse von einem Professor erhalten konnte (vgl. Pithan 2004, S80/81).
Für die wenigen Studentinnen der Theologie, nach Liselotte Corbachs Erinnerungen etwa 20, war es im Studienalltag nicht immer ganz einfach, denn weder die männlichen Kommilitonen noch der Großteil der Professoren wollten die Frauen in den Lehrveranstaltungen akzeptieren. Die übliche Anrede zu Beginn einer Lehrveranstaltung war „Meine Herren", manchmal auch „Meine Herren und Damen". Die Dozenten Hans Lietzmann und Erich Seeberg gehörten mit der Begrüßung „Meine Damen und Herren" zu einer Minderheit (vgl. Pithan 1997, S.138). „Lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde" (I Kor 14,34) stand auf Griechisch, Lateinisch oder Deutsch in den Hörbänken eingeritzt (vgl. Pithan 1997, S. 137/138).
Nachhaltig beeinflusst hat Liselotte Corbach der Neutestamentler Hans Lietzmann, als dessen Schülerin sie sich selbst bezeichnete. Die durch ihn geprägte philologisch orientierte Exegese blieb ihr auch in ihren späteren Werken wichtig (vgl. Pithan 2004, S. 87/88).
Auch Romano Guardini konnte Liselotte Corbach beeindrucken, seine „eindringliche, kontemplative Art, in der er seine tiefgläubige Theologie vortrug" prägte sie merklich in ihrer späteren Arbeit (vgl. Pithan 2004, S. 88).
Weitere bedeutende Persönlichkeiten während ihrer Studienzeit waren Dietrich Bonhoeffer und Karl Barth. Dietrich Bonhoeffer war selbst erst 26 Jahre alt als Lieslotte Corbach bei ihm 1932 die erste Vorlesung „Das Wesen der Kirche" hörte. Ein Jahr später besuchte sie seine Vorlesung „Christologie" (vgl. Pithan 2004, S. 90). Das Besondere an seiner Theologie war die Weltoffenheit und die starke Bezogenheit auf die Gesellschaft (vgl. Pithan 2004, S. 89).
Im Haus des Pfarrers Günther Dehn traf sich Mittwoch abends der sogenannte Neuwerkkreis, eine aus dem religiösen Sozialismus hervorgegangene Gruppe, in der Liselotte Corbach mit der Theologie Karl Barths in Berührung kam und ihn dort auch selbst kennen lernte. Die Gruppenmitglieder verband nicht nur die Liebe zur Barthschen Theologie, sondern auch die Ablehnung des Nationalsozialismus (vgl. Pithan 1997, S.139).
Diese Ablehnung des Nationalsozialismus sollte auch die folgenden Jahre in Liselotte Corbachs Leben stark bestimmen. Schon als Studentin engagierte sie sich in der Bekennenden Kirche und verteilte 1933 verbotene Flugblätter mit Aufrufen von Martin Niemöller und Diedrich Bonhoeffer (vgl. Pithan 1997, S.139).
Im Burckhardthaus in Berlin- Dahlem hatte der „Evangelischer Reichsverband weiblicher Jugend e.V." seine Zentrale. Hier fand Liselotte Corbach während ihrer Studienzeit Rückhalt für die Ablehnung des Nationalsozialismus. Sie nahm regelmäßig an Wochenschlussandachten teil und übernahm 1932 im Auftrag des Burckhardthauses die Leitung des „Abendheims für arbeitslose Haushaltsgehilfinnen" (vgl. Pithan 1997, S. 140- 142).
Als es 1934 zur Pflicht für Studierende wurde, in den NS- Sportbund einzutreten, beschloss Liselotte Corbach ihr Studium zu beenden, auch wenn sie Interesse an einer Promotion gehabt hätte. Die Bekennende Kirche konnte noch kein Prüfungsverfahren anbieten, daher meldete sie sich zum Ersten Theologischen Staatsexamen beim Konsistorium von Berlin- Brandeburg (vgl. Pithan 1997, S.139).
Zum Bestehen der Prüfung war eine schriftliche Arbeit, ein Entwurf und Durchführung einer Bibelarbeit, eine Katechese, mehrere Klausuren und eine mündliche Prüfung nötig (vgl. Pithan 2004, S.94).
Liselotte Corbach hat das Erste Theologische Staatsexamen laut Schreiben des Prüfungsamtes „im ganzen gut bestanden" und bewarb sich damit für das Vikariat beim Bruderrat der Bekennenden Kirche (vgl. Pithan 2004, S. 96, S. 121)

2.3 Im Dienst der Kirche

Im November 1934 konnte Liselotte Corbach ihr Vikariat als Lehrvikarin von Otto Riethmüller, dem Direktor der Zentrale der Reichsverbandes Weiblicher Jugend, beginnen. Schon während ihres Studiums hatte Liselotte Corbach sich im Burckhardthaus engagiert, nun übernahm sie dort als Vikarin verschiedene Aufgaben (vgl. Pithan 1997, S.142).
Sie arbeitete an Zeitschriften wie „Weggenossenbrief", „Der Jugendruf", „Jugendweg" und „Deutsche Mädchenzeitung" mit. In der Bibelschule des Burckhardthauses hospitierte sie und gab auch selbst Unterricht im Alten Testament (vgl. Pithan 2004, S.155/156).
Einen Großteil ihrer Arbeitszeit beschäftigte Liselotte Corbach sich mit Kindern und Jugendlichen. Sie betreute Konfirmandengruppen und organsierte und gestaltete Kinder- und Jugendfreizeiten, teilweise mit bis zu 200 Teilnehmern (vgl. Pithan 1997, S.142).
Die ablehnende Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus hatte sich bei Liselotte Corbach schon während des Studiums gefestigt und während der Vikariatszeit im Burckhardthaus kommt es zu einer schwerwiegenden Auseinandersetzung mit dem NS- Regime. Liselotte Corbach hielt im Oktober 1935 vor etwa 200 Teilnehmern einen Vortrag mit dem Titel „Was erwartet Gott von einer evangelischen Mutter?". In diesem Vortrag vertrat sie die These, dass im Nationalsozialismus die Fahne als Gott verehrt würde. Wegen „Verunglimpfung der Fahne" wurde sie angezeigt und daraufhin mehrmals von der Gestapo verhört, ein Sondergerichtsverfahren wurde eingeleitet und Liselotte Corbach musste mit einer Gefängnisstrafe oder der Einweisung in ein Konzentrationslager rechnen. Dieser belastenden Situation konnte sie gesundheitlich nicht standhalten, Anfang 1936 litt sie an Magenschleimhautentzündung und Gallenkoliken (vgl. Pithan 1997, S.143). Um Unterzutauchen geht Corbach daraufhin in das Kloster Heiligengrabe und kann dort Unterrichts- und Betreuungsaufgaben übernehmen. Im Herbst 1936 konnte sie nach Berlin zurückkehren, da die Anklage zurückgezogen wurde (vgl. Pithan 1997, S.143).
Ab August 1936 begann Corbach sich auf ihr Zweites Theologisches Examen vorzubereiten, welches sie dann am 18. Februar 1937 vor dem Theologischen Prüfungsamt der Bekenntnissynoden Berlin- Brandenburg ablegte, die Prüfungskommsion der Bekennenden Kirche. Anstelle der Ordination fand am 12. März 1937 die so genannte Einsegnung statt. (vgl. Pithan 2004, S.172/173). Nach ihrem Zweiten Examen führte Liselotte Corbachs Weg sie nach Niedersachsen, wo sie in Hannover die Stelle der „Landesscharführerin des Landesverbandes für die evangelische weibliche Jugend Hannovers e.V." antreten konnte. Als hauptamtliche Kraft für das überregionale Mädchenwerk war sie im Reisedienst tätig. Das bedeutende für sie mit beschwerlichem Gepäck Gemeinden zu bereisen, dort in Pfarrhäusern oder bei Gemeindehelferinnen zu übernachten und Mädchenbibelkreise und Bibelstunden zu halten (vgl. Pithan 1997, S.142).
Liselotte Corbach wurde nur als Angestellte in der Hannoverschen Landeskirche beschäftigt, denn ihr Zweites Examen vor der Prüfungskommsion der Bekennenden Kirche wurde nicht anerkannt und als „illegal" bezeichnet. Eine Wiederholung der Prüfung lehnte sie aber ab, es wäre für sie ein Verrat an der Bekennden Kirche gewesen (vgl. Pithan 1997, S.146/147).
1941 wurde Eduard Steinwand, Professor für Praktische Theologie, zum Beauftragten für Katechetischen Dienst und Liselotte Corbach wurde ihm zugeordnet. Sie hielten Lehrgänge ab, in denen Frauen und Mädchen geschult wurden, um Kinderstunden, Kindergottesdienste und Konfirmandenunterricht abhalten zu können. Da der Religionsunterricht in den Schulen durch den nationalsozialistischen Druck kaum noch statt fand, gewann diese Aufgabe zunehmend an Bedeutung (vgl. Pithan 1997, S. 144).
Es fehlte Eduard Steinwand und Liselotte Corbach in diesen Lehrgängen an Material, das sie den Frauen und Mädchen an die Hand geben konnten, also entwickelten sie selbst Arbeitshilfen, die die Kursteilnehmerinnen dabei unterstützen sollte Kinderstunden, Kindergottesdienste und Konfirmandenunterricht zu planen und zu gestalten. Schon während des Zweiten Weltkrieges wurden diese Arbeitshilfen sowohl von Gemeinden als auch in Schulen benutzt.
Nach dem Krieg wurden sie als A-B-C- Pläne (siehe 3.2) herausgebracht und waren so beliebt, dass eine zweite und dritte Auflage folgte (vgl. Pithan 1997, S.145/146).
Während des Krieges war die Arbeit in der Hannoverschen Landeskirche sehr schwierig. Nicht nur der Bombenkrieg zehrte an den Nerven, auch das NSRegime behinderte die Arbeit durch Kontrollen und Verhöre. Eduard Steinwand wurde verhaftet und Liselotte Corbach musste die Lehrgänge allein halten (vgl. Pithan 1997, S.146).
In der Not des Krieges wurde Liselotte Corbach trotz ihres „illegalen" Zweiten Examens eine Stelle als Pfarrvikarin angeboten. Die Evakuierung Hannovers stand bevor und auch die drohende Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie veranlassten sie einen Kompromiss mit der Landeskirche einzugehen. Sie absolvierte ein Kolloquium anstatt ihre Prüfung zu wiederholen und trat im Februar 1945 die Stelle als Pfarrvikarin in Groß- Munzeln und Landringhausen an (vgl. Pithan 1997, S.147). In der Notlage bekamm Liselsotte Corbach eine Ausnahmegenehmigung und durfte als Frau in den Hauptgottesdiensten predigen. Sie musste einen alten, muffigen Talar tragen. Um ein wenig als Frau zu erscheinen trug sie anstelle des üblichen Beffchens einen Stehkragen (vgl. Pithan 1997, S.147).
Die Verantwortung in der schweren Kriegszeit einer Gemeinde vorzustehen und Trost und Hoffnung zu spenden war eine sehr schwere Aufgabe. Als Frau war ihr aber bewusst nur als ein Ersatz gesehen zu werden und die Aufgaben meistern zu müssen ohne dabei eine Autorität zu gesprochen zu bekommen. Juni 1945 brach sie unter der Last zusammen und es folgte ein fast neunwöchiger Klinkaufenthalt in Hannover (vgl. Pithan 1997, S.148).
Nach Beendigung des Krieges nahm Corbach den Dienst an der Hannoverschen Landeskirche wieder auf, um weiterhin kirchliche Mitarbeiter/ innen zu schulen. Neben der Ausbildung von Laienkräften lag nun erstmals auch die Aus- und Fortbildung von Lehrer/ innen in ihrer Verantwortung (vgl. Pithan 1997, S.145).

2.4 Professur an der pädagogischen Hochschule Hannover

Neben der katechetischen Arbeit im Dienst der Landeskirche begann Liselotte Corbach im Wintersemester 1947/ 48 an der neugegründeten Pädagogischen Hochschule Hannover als Vertretung zu unterrichten. Als 1949 die entsprechende Lehrstelle fest besetzt werden sollte, zeigte sie zuerst wenig Interesse, die Zusammenarbeit mit Eduard Steinwand im Katechetischen Amt stellte sie sehr zufrieden. Als kurz darauf die Nachfolge Eduard Steinwands zu bestzen war, da dieser eine Dozentur in Erlangen annahm, wurden Liselotte Corbachs Hoffnungen auf diesen Posten enttäuscht. Obwohl sie wohl besser als jeder anderen mit diesem Amt vertraut und ihr Name durch Veröffentlichung bekannt war, wurde sie übergangen. Die Wahl sollte auf einen Mann fallen. Prof. Dr. Karl Witt wurde Leiter des Katechetischen Amtes (vgl. Pithan 1997, S.149). Ohne Eduard Steinwand sah Liselotte Corbach keine Perspektiven mehr in der Arbeit im Katechetischen Amt und nahm, um weiterhin religionspädagogisch tätig sein zu können, den Ruf der pädagogischen Hochschule an. Eduard Steinwand hatte sich für ihre Berufung eingesetzt und obwohl Liselotte Corbach keine Promotion vorweisen konnte, war die Wahl auf sie gefallen. Eine Reihe von Veröffentlichungen sowie ihre Erfahrungen im Bereich der Lehrer/ innen- Ausbildung wurden ihr zugerechnet (vgl. Pithan 2004, S.297/298). Dazu kam, dass sie im Gegensatz zu anderen Bewerbern politisch unbelastet war (vgl. Pithan 2004, S. 300).
Der Beginn ihrer Lehrtätigkeit an der Pädagogische Hochschule war stark durch die Zerstörung des Krieges und die Unsicherheit in der Nachkriegszeit geprägt. Die Räume der Hochschule waren auch im Winter unbeheizt und die Scheiben mit Brettern und Pappe vernagelt. Die Student/ innen hatte die schlimmsten Kriegserfahrungen hinter sich, unter ihnen waren auch viele Flüchtlinge aus dem Osten und ein Großteil hatte als Soldat im Krieg gedient. Liselotte Corbach erinnert sich an ihre Zuhörerschaft als „Elendsgestalten". Das nationalsozialistische Gedankengut hatte ihre Jugendjahre bestimmt, nun fehlte ihnen die Orientierung (vgl. Pithan 2004, S.308).
Liselotte Corbach wird in ihren Vorlesungen von den Student/ innen aufgefordert über Theorie und Praxis hinaus eine eigene Meinung zu äußern, sie soll Orientierungshilfe bieten. Sie widmete sich ihren Student/ innen in Einzelgesprächen, organisierte Freizeiten und versuchte theologische Antworten auf existentielle Fragen zu finden (vgl. Pithan 1997, S.150).
Im Hochschulgebäude war die Jenaplan- Schule untergebracht, an der sie die Möglichkeit nutzte selbst praktische Erfahrungen im Religionsunterricht zu sammeln. Ihre Veröffentlichungen waren in der Praxis angeregt oder getestet worden (vgl. Corbach 1981, S. 38).
1956 erscheint der erste Lehrplan für Religionsunterricht in Niedersachsen „Arbeitshilfen für den Religionsunterricht an Volksschulen" an dem Liselotte Corbach zusammen mit Karl Witt, Helene Ramsauer, Freidrich Bartels und anderen gearbeitet hat (vgl. Pithan 1997, S. 150/151).
Im April 1956 wird Liselotte Corbach zur Professorin ernannt und bekommt noch im selben Jahr den Posten der Stellvertretenden Direktorin, den sie zwei Jahre lang besetzt. Im Januar 1972 wird sie zur ordentlichen Professorin ernannt (vgl. Pithan 2004, S. 304).
Nachdem sie 1975 emeritiert worden war, endet ihre Tätigkeit an der Hochschule 1976 nach drei Jahrzehnten, in denen sie die Religionspädagogik und Lehrerbildung in Niedersachsen mitprägen konnte (vgl. Pithan 2004, S. 303; Pithan 1997, S. 149).
Mit 91 Jahren starb Liselotte Corbach am 14. Februar 2002, nachdem sie im Ruhestand eine zeit lang Konfirmandengruppen übernommen hatte und einer polnischen Einwanderin durch Nachhilfeunterricht die Aufnahme in eine Realschule ermöglicht hatte (vgl. Pithan 1997, S.156, Pithan 2004, S. 409).

3. Religionspädagogisches Werk

Liselotte Corbach ist eine Religionspädagogin gewesen, die viel Erfahrung in Kinder
und Jugendarbeit hatte und sich in jeder religionspädagogischen Phase durch ihren
Blick auf das Kind und ihrer Wertschätzung der Bibel auszeichnete.

3.1 Die A-B-C- Pläne

Während des Zweiten Weltkrieges entwickelte Liselotte Corbach in Zusammenarbeit mit Eduard Steinwand die sogenannten A-B-C- Pläne. Gedacht waren diese zunächst als Arbeitshilfen für die Planung und Durchführung von Kinderstunden, Kindergottesdiensten und Konfirmandenunterricht (vgl. Pithan 1997, S. 145).
Die Arbeitshilfen erlangten schnell einen hohen Bekanntheitsgrad und wurden nicht nur von Gemeinden, sondern auch von Schulen für den Religionsunterricht benutzt. Im Krieg waren Vervielfältigungen verboten und so mussten sie von einer Sekretärin immer mit mehreren Druchschlägen per Hand abgeschrieben werden. Verschiedene Farben der Blätter kennzeichneten damals die drei unterschiedlichen Altersgruppen, für die die Hilfen konzipiert worden waren.
Nach dem Krieg wurden die Pläne dann als A-B-C- Pläne im Vandenhoeck & Ruprecht- Verlag in Göttingen veröffentlicht (vgl. Pithan 1997, S. 146).
1946 erscheint der erste Band unter dem Titel „Lasset uns aufsehen auf Jesum!- Arbeitsthilfen für den biblischen Unterricht. Plan A.". Ein Jahr später folgt Plan B, 1951 der dritte Band Plan C. Die Bücher sind klein und auf grauem Kriegspapier gedruckt (vgl. Corbach 1981, S. 35). Für den heutigen Leser ist die Frakturschrift der Bände ungewohnt zu lesen.
Die A-B-C- Pläne wurden in der Nachkriegszeit und Jahre darüber hinaus die entscheidende Arbeitshilfe für den Religionsunterricht in und außerhalb der Schule. „Corbach, das war ein geflügeltes Wort. (...) Jeder arbeitete in Niedersachsen nach Corbach" (Gritta Ulrich im Interview, zitiert nach Pithan 1997, S. 146).

3.1.1 Aufbau, Erarbeitung und Konzeption

Die A-B-C- Pläne bestehen aus drei Bänden, dem A-, dem B- und dem CPlan. Plan A ist für die 6- 7jährigen gedacht, Plan B für die 8- 9jährigen und Plan C dementsprechend für die 10- 11jährigen. Eduard Steindwand und Liselotte Corbach weisen aber darauf hin, dass sich diese Angaben als eine Regel verstehen, die weniger auf das Alter, sondern auf die Vorkenntnisse einer Altersgruppe abzielen (vgl. Steinwand, E./ Corbach, L. 1946, S.3).
Die Bände enthalten jeweils 40 Stundenentwürfe, die sich Präparationen nennen und nach dem Verlauf des Kirchenjahres angeordnet sind. Thema jeder Stunde ist ein wichtiger Bibeltext aus Neuem oder Altem Testament.
Die Präparationen sind jeweils in Exegese, Zielgedanken, Katechese und Lernwort untergliedert (vgl. Pithan 2004, S.293).
Steinwand wählte und ordnete die Bibeltexte nach einem bestimmten theologischen Prinzip, sie sollten eine heilsgeschichtliche Linie bilden (vgl. Corbach 1981, S. 34).
Die beiden Autoren erarbeiteten eine Erzählform , die die biblische Überlieferung interpretierend darlegen sollte und sich bewusst von bisherigen Erzählformen, die entweder moralisierend oder gemütvoll und schwülstig ausgelegt waren, unterscheiden sollte (vgl. Corbach 1981, S. 35).
Die Exegese, die zu jedem Bibeltext verfasst wurde, bietet dem Leser eine kurze Auslegung, wobei der heilsgeschichtlichen Bedeutung, entsprechend der theologischen Richtung Steinwands, besondere Aufmerksamkeit beigemessen wird (vgl. Steinwand, E./ Corbach, L. 1946, S.5).
Durch Katechese sollen die Ergebnisse der Exegese kindgerecht formuliert werden, wobei Steinwand und Corbach betonen, dass dabei nichts von der Substanz verloren gehen soll. Der Text soll in der Erzählung für die Kinder anschaulich gestaltet werden und Verbindungen zur Lebenswelt der Kinder aufweisen. Vermieden wird eine zu weitgehende Ausschmückung und das aus den Augen verlieren des Zielgedankens. (vgl. Steinwand, E./ Corbach, L. 1946, S.5).
Steinwand und Corbach empfehlen eine „möglichst genaue Aneignung des Wortlautes der Darbietung", damit die Lehrenden ihren „Sprachschatz an guten Mustern" schulen (vgl. Steinwand, E./ Corbach, L. 1946, S.6).
Religionsdidaktisch gesehen liegt das Ziel der Unterrichtsstunden nicht darin Wissen und Kenntnisse zu vermitteln, sondern Kindern die Möglichkeit zu verschaffen, die biblische Botschaft mit Bezug auf die Gegenwart der Kinder zu erfahren (vgl. Pithan 2004, S. 293).
Die Arbeitsverteilung zwischen Steinwand und Corbach scheint klar gegliedert gewesen zu sein. Während Steinwand eher für die theologische Richtung zuständig war und einige exegetische Teile verfasste, schrieb Corbach alle praktischen, auf den Unterricht bezogenen Teile. Zudem teste sie die Präparationen in der Praxis an verschiedenen Jugend- und Konfirmandengruppen (vgl. Pithan 1997, S. 145/146).
Die A-B-C- Pläne werden meist der Evangelischen Unterweisung zugerechnet, wobei man behaupten kann, dass der exegetische Anspruch und die Orientierung an der Lebenswelt der Kinder ihrer Zeit voraus waren (vgl. Pithan 2004, S. 420).

3.1.2 Die Präparation A29 zur Schöpfungsgeschichte

Als Beispiel für Aufbau, Inhalt und Sprachstil soll in diesem Abschnitt die Präparation A29 zur Schöpfungsgeschichte vorgestellt werden. Die Einheit zu 1. Mose 1- 2,4 findet sich in Plan A (1946) auf den Seiten 192- 200 und ist somit etwa für den Kenntnisstand von 6- bis 7jährigen Kinder gedacht.
Der Text zur Exegese nimmt im Vergleich zum katechetischen Teil mit weniger als zwei Seiten vergleichsweise wenig Raum ein. Der Sprachstil der Exegese ist von kurzen, verständlichen Sätzen geprägt.
Als Hauptaussagen der Schöpungsgeschichte in 1. Mose 1- 2,4 wird folgendes genannt: Gott ist Ausgangspunkt allen Lebens und Gott ist ewig und allmächtig. Es werden Verbindungen zu den Psalmen 104 und 90, 2 und 3 gezogen. Es wird verdeutlicht, dass Gott nicht vergleichbar sei mit einem Künstler, der etwas aus Materialien schafft, da Gott die Welt aus dem nichts erschuf. Der scheinbare Widerspruch zwischen der Schöpfung aus dem Nichts und Vers 2, in dem es scheint als wäre die Erde zu Beginn der Schöpfung bereits da gewesen, wird geklärt, in dem gesagt wird, dass der Schöpungsbericht nicht ganz zu Anfang des Schöpungsvorgangs einsetze.
Der geschlussfolgerte Zielgedanke lautet wörtlich: „Himmel und Erde und alles, was darin ist, ist Schöpfung Gottes" (A- Plan 1946, S. 194).
Die Katechese beginnt Mitte Seite 194. Der erste Absatz rät dem Leser die Stunde mit einem Lied zu beginnen und schlägt „Himmelblau, Licht und Blau" vor. Danach wechselt der Sprachduktus, die Kinder werden direkt angesprochen, sodass dem Unterrichtenden eine Unterrichtsvorlage gegeben
wird, die theoretisch wörtlich übernommen werden könnte. Die Kinder sollen an eine Landkarte oder ihren Schulatlas denken und sich anhand dieser vorstellen, das alles Abgebildete einmal nicht da war. Es wird an Sonne, Mond und Sterne erinnert und Bäume, Wald, Blumen, Tiere und Menschen als Teile von Gottes Schöpfung aufgezählt. Psalm 90,2 wird zitiert. Es wird gesagt, dass die Schöpfungsgeschichte verdeutlichen möchte wie groß und allmächtig Gott sei und dass er gelobt und gepriesen werden solle. Ein Vergleich zwischen dem Turnlehrer, dem die Schüler gehorchen, und Gott, der das Wasser kommandieren kann, wird gezogen. In diesem Vergleich drückt sich stark die Bemühung aus, die Bibeltexte mit der Lebenswelt der Kinder zu verbinden.
Gott wird als guter Gott dargestellt, der eine warme, bunte und lustige Welt schaffen wollte. Es folgt eine Nacherzählung der Schöpfungsgeschichte. Die Kinder werden miteinbezogen, indem sie mehrmals aufgefordert werden, aufzuzählen, was Gott in der Erzählung schon alles alles geschaffen hat und was noch fehlen könnte. Es wird betont, dass Gott es gut mit den Menschen gemeint hat und die Menschen ihm danken müssten. Lernwort dieser Einheit ist folgender Satz „So er spricht, so geschieht's; so er gebeut1, so steht's da [sic!]" (A- Plan 1946, S. 200).
Der Sprachstil der Erzählung wirkt lebendig durch viel wörtliche Rede, vermeidet komplexe Sätze, beschränkt sich aber nicht künstlich auf kurze Sätze und verwendet eher einfache Worte. Da der Text von 1946 stammt, ist heute schwer nachzuvollziehen, inwieweit sich das Sprachniveau an dem der Kinder orientiert.

3.2 Die Evangelische Unterweisung und Liselotte Corbachs Position

Schon 1929 hatte Gerhard Bohne sein Werk „Das Wort Gottes und der Unterricht„ veröffentlicht, indem er den Begriff der Spannung in den Mittelpunkt stellt. Gemeint ist einerseits die Spannung zwischen dem Religionsunterricht und der Bildung und andererseits die Spannung im Religionsunterricht selbst, die entsteht, da Religion sowohl Bestandteil der Kultur ist, als auch diese Infrage stellen sollte. Religionsunterricht beschreibt er als Konfrontation mit dem Wort Gottes im Raum der öffentlichen Schule, in der der Schüler in eine Entscheidung gestellt wird (vgl. Meyer- Blanck 2003, S. 121/122).
Sein Werk und die Werke von Martin Rang und Oskar Hammelsbeck werden als Beginn der Evangelischen Unterweisung gesehen, wenngleich sich diese Konzeption erst nach dem Weltkrieg mit Helmuth Kittels Veröffentlichung „Vom Religionsunterricht zur Evangelischen Unterweisung" durchsetzen konnte (vgl. Meyer- Blanck 2003, S. 110).

Charakteristisch für die Evangelische Unterweisung nach Kittel sind folgenden Punkte:

- der Lehrer ist Katechet, steht im Amt der Kirche, ist Zeuge Gottes und führt die Schüler zur Begegnung mit Christi und in die Entscheidung des Glaubens
- die Schüler sind evangelisch getauft und sollen im rechten Umgang mit der Schrift unterwiesen werden
- die Auslegung der Bibel steht im Zentrum, außerdem werden Gesangbuch und Katechismus, sowie Beispiele aus der Kirchengeschichte behandelt (vgl. Noormann 2004, S. 128/129)

Der von Martin Rang geprägte Ausdruck „Kirche in der Schule" verdeutlicht den Unterschied zwischen dem bisherigen, liberal geprägtem Religionsunterricht, und der Evangelischen Unterweisung, die sich nicht als Unterrichtsfach, sondern als kirchliche Angelegenheit versteht (vgl. Noormann 2004, S.129).
Aktuell an dieser Konzeption ist nach wie vor die Einsicht, dass dem Religionsunterricht in der Schule eine Sonderrolle zukommt. Darüberhinaus trägt dieser Ansatz allerdings heute nicht mehr zur pädagogischen Arbeit bei, denn er bietet keine ausreichende Begründung für den Religionsunterricht. Kritisiert wird darüberhinaus, dass die Lebenswelt der Kinder sowie methodische Fragen zu wenig Beachtung finden (vgl. Grethlein/ Lück 2006, S. 95- 97).
In Harry Noormans Überblickstabelle zu den religionspädagogischen Konzeptionen wird Liselotte Corbach zusammen mit Kittel und Hammelsbeck in einer Auswahl von drei Vertreter/ innen der Evangelischen Unterweisung genannt (vgl. Noorman 2004, S. 142).

Schon die A-B-C- Pläne vertraten die Konzeption der Evangelischen Unterweisung (Pithan 1997, S. 150), denn in den Plänen steht die Auslegung der Bibel im Mittelpunkt. Als Corbach 1947 als Dozentin an der Hochschule begann war Helmuth Kittels Evangelische Unterweisung bereits das Programm, nachdem sich die Student/ innen und Leher/innen richteten (vgl. Corbach 1981, S. 39) und auch Corbach unterrichtete nach diesem Konzept. Nach ihrer Auffassung sollten die Kinder in der Evangelischen Unterweisung im rechten Hören auf Gottes gnädigen Zuspruch und auf Gottes uneingeschränkten Anspruch unterwiesen werden (vgl. Pithan 2004, S. 324). Lehrende und Lernenden hören gemeinsam die Anrede Gottes, wobei Hören im biblischen Sinne auch als Gehorchen verstanden wird. Voraussetzung dafür ist nach Corbach, dass die Lehrenden den Text mehrmals lesen und „Mut zur Demut" haben, damit der Text für sie keine „Sache", sondern eine persönliche Anrede wird (vgl. Pithan 2004, S. 325).
Der Lehrende sollte als Dolmetscher und nicht als Verkündiger fungieren, denn Corbach glaubt, dass es dem Lehrenden nicht zu steht, seine eigene Weltanschauung an die Schüler weiter zu geben. Als Dolmetscher steht der Lehrende dem Wort Gottes mit eigenen Ansichten nicht im Weg und kann so Voraussetzungen schaffen, durch die Gott den Glauben der Schüler/ innen wecken kann (vgl. Pithan 2004, S. 326). Als Dolmetscher liegt die Hauptaufgabe der Lehrenden im „Übersetzen" der sprachlichen und historischen Gebundenheit eines Bibeltexte in die Situation der Kinder. Dazu wird vom Lehrenden erwartet, sich bei der Exegese mit Hilfe von aktueller Fachliteratur zu informieren (vgl. Pithan 2004, S. 327).
Ein weiterer wichtiger Punkt in ihrer Lehre ist das Anrecht des Kindes auf „die ganze Substanz" eines Bibeltextes (vgl. Pithan 2004, S. 327), wie Corbach auch schon zusammen mit Steinwand bei der Erarbeitung der A-BC- Pläne herausgestellt hatte.
Der Methodenfrage misst Corbach im Sinne der Evangelischen Unterweisung weniger Bedeutung bei als dem Wort Gottes und dem Kind. Trotzdem ist sie der Meinung, dass Religionsunterricht ohne Methode nicht möglich sei (vgl. Pithan 2004, S. 328). Ziel ihrer Methodik ist die Aktivierung der Schüler/ innen, wobei am Entwicklungsstadium der Schüler/ innen angenüpft werden muss. In ihrem Methodenkanon finden sich Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit und Gesprächskreise. Sie nutzt Bilder als Anschauungsmaterial. Betont wird, dass der Lehrende nicht im Mittelpunkt des Geschehens stehen muss (vgl. Pithan 2004, S. 329/330).

Die Dolmetscher- Rolle des Lehrenden, das Anrecht des Kindes auf Substanz und die ausführliche Beschäftigung mit der Methodenfrage zeichnen Liselotte Corbachs Position im Kontext der Evangelischen Unterweisung aus.
Die Mittelpunktstellung der Bibel und die Absicht, Schüler/ innen Erfahrungen mit dem Wort Gottes zu ermöglichen um eine Basis für den Glauben zu schaffen, sind bei Liselotte Corbach typische Elemente der Evangelsichen Unterweisung.

3.3 Der hermeneutische Unterricht und Liselotte Corbachs Erzähl- und Bilddidaktik

Ende der 50er Jahre zeigten sich Probleme der Evangelischen Unterweisung in der Schule. Die Schüler waren desinteressiert und auch außerhalb der Klassenräume konnte sich die Evangelische Unterweisung nicht als gleichwertiges Fach im Fächerkanon behaupten. Die Gesellschaft hatte sich verändert, die Theologie hatte sich mit den radikalen Thesen des Neutestamentlers Rudolf Bultmann verändert und auch der Religionsunterricht musste dies auch tun, um nicht veraltet zu erscheinen (vgl. Noorman 2004, S. 134).
Martin Stallmanns „Christentum in der Schule" von 1958 und Hans Stocks „Studien zur Auslegung der synaptischen Evangelien im Unterricht" von 1959 gelten als ausschlaggebende Veröffentlichungen für die Entstehung der hermeneutischen Konzeption. Als weitere wichtige Vertreter, die diese Konzeption weiterentwickelt haben, sind Gert Otto und Ingo Baldermann zu nennen (vgl. Noorman 2004, S. 134).
Das Hermeneutische Konzept zielt auf das Verstehen von Texten, Tradition, Kunst und Situationen ab, die ihren Ursprung im Christentum haben (vgl. Noorman 2004, S. 135). Nach Stallman ist die Schule kein Ort, an dem der Glauben kommuniziert werden kann oder sollte, stattdessen ist es die christliche Tradition, die in der Schule den Schüler/ innen vermittelt werden müsse (vgl. Meyer- Blanck 2003, S. 166).

Gegenüber der Evangelischen Unterweisung sind folgende Kerngedanken des
hermeneutischen Konzepts entscheidend:

- der Religionsunterricht in der Schule wird bildungstheoretisch begründet, indem ihm die Aufgabe der Überlieferung von Tradition zugesprochen wird, nämlich der Überlieferung des Christentums
- der Religionsunterricht soll nicht den Glauben erzeugen, sondern den Schülern ermöglichen, den christlichen Glauben zu verstehen
- Schüler sollen selbstständiger Ausleger der Bibel werden, dabei sollen die Methoden der historisch- kritischen Forschung angewandt werden (vgl. Grethlein/ Lück 2006, S. 97; Noormann 2004, S. 134/ 135) Die Bibel behielt also ihre primäre Stellung als Unterrichtsinhalt, für höhere Klassenstufen in der historisch- kritischen Auslegung, für die Grundschule in altersentsprechenden Erzählungen (vgl. Grethlein/ Lück 2006, S. 99).

Liselotte Corbach ging Ende der 50er Jahre mit dem Geist der Zeit und beschäftigte sich mit aktueller exegetischer Literatur, unter anderem der von Rudolf Bultmann, und nutzte die neue historisch- kritische Exegese in ihren Lehrveranstaltungen (vgl. Pithan 2004, S. 341). Schon in der Zeit der Evangelischen Unterweisung war ihr die Beschäftigung mit aktueller Fachliteratur immer wichtig gewesen.
Sie hielt den Wechsel zur hermeneutischen Konzeption für notwendig, um „den Graben zwischen wissenschaftlicher Theologie und Religionsunterricht überbrücken zu helfen" (vgl. Corbach 1981, S. 40). Schon früher hatte Corbach von Lehrenden zur Vorbereitung auf den Unterricht eine ausführliche Exegese erwartet. Die Aufgabe des Lehrers im Hermeneutischen Unterricht, nämlich den Schüler zum „Verstehen" zu befähigen, passt zu Corbachs Vorstellung. Bei Corbach war der Lehrende auch schon zur Zeit der Evangelischen Unterweisung kein Verkündiger, sondern Dolmetscher (siehe 3.2).
Corbach kann dem hermeneutischen Konzept in seinen Grundsätzen zustimmen, beklagt aber das Fehlen einer didaktischen Umsetzung, besonders für die niedrigeren Klassenstufen. Sie fordert eine Didaktik, die der Fachwissenschaft gerecht wird, sich aber trotzdem am Kind und am Entwicklungsstadium des Kindes orientiert (vgl. Pithan 1997, S. 152/ 153).

3.3.1 Erzähldidaktik

Während die hermeneutische Konzeptionen begann sich durchzusetzen, entwickelte Corbach eine Erzähldidaktik für die Grundschule, mit der die „Ratlosigkeit dem Kind gegenüber" überwunden werden sollte (vgl. Pithan 2004, S. 347). Die biblische Erzählung stand im Zentrum des Unterrichts, sie sollte bei den Schüler/ innen ein inneres Bild erzeugen, durch das die Schüler/ innen zum Verständnis kommen können. „Erzählt der Lehrer richtig, so hört das Kind genau das, was die Geschichte den Kind zu bezeugen hat." (Liselotte Corbach im Interview, zitiert nach Pithan 2004. S. 351). Durch eine gute Erzählung erweitert sich nach Corbach der Horizont eines Kindes, indem die kognitiven und die emotionalen Kräfte des Kindes in Anspruch genommen werden, und es kommt zur Identifikation und zur Vergegenwärtigung (vgl. Corbach 1981, S. 40). Sie veröffentlichte ihre Didaktik für die Grundschule 1962 in einem längeren Aufsatz mit dem Titel „Die synoptische Überlieferung im Unterricht des 1.- 3. Schuljahres". Hier sagt sie aus, dass für Kinder in diesem Alter die Erzählung die einzig adäquate Methode zur Vermittlung von biblischen Inhalten und Botschaften sei. Für sie ist dies die einzige Möglichkeit die Ziele der Hermeneutischen Konzeption auch in der Grundschule zu erreichen (vgl. Pithan 2004, S.350, 352).

3.3.2 Bilddidaktik

Liselotte Corbachs vielleicht bekanntestes Werk „Vom Sehen zum Hören" erschien 1965 und 1976 in zwei Bänden (siehe 3.5), darin führt sie ihre Überlegungen zur Bilddidaktik aus (vgl. Pithan 2004, S. 153). Den Anstoß zu ihren Überlegungen zur Bilddiaktik war ein Erlebnis im Unterricht einer 2. Klasse. Zur Geschichte des verlorenen Sohnes ließ Corbach die Schüler/innen Rembrandts Radierung zur „Heimkehr des verlorenen Sohnes" betrachten, woraufhin eine Schülerin der 2.Klasse den Wunsch äußerte, es solle über das Wichtigste gesprochen werden, nämlich der Freude des Vaters. Durch diese Erlebnis erkannte Corbach, dass das Betrachten und Erschließen eines Kunstwerks dazu führen kann, dass Kinder die dargestellte biblische Botschaft so erkennen, wie der Künstler sie gehört hat (vgl. Pithan 2004, S. 358). Als geeignete Bilder für den Religionsunterricht benennt sie anspruchsvolle Kunstwerke, die nicht von der biblischen Botschaft ablenken, keine Reizüberflutung verursachen und historische Tatsachen darstellen (vgl. Pithan 2004, S. 359). Im Umgang mit Bildern empfiehlt Corbach das sogenannte „meditative Denken", das nicht auf rationales Verstehen, sondern auf Hingabe, Dank, Demut, Ehrfurcht und ähnliche Gefühle abzielt.
Zu Ehren Liselotte Corbachs wird ihr anlässlich ihres 70. Geburtstags der Band „Religion im Bild. Visuelle Medien im Religionsunterricht" gewidmet, indem die verschiedenen Autoren versuchen, an die bilddidaktische Arbeit Liselotte Corbachs anzuknüpfen (vgl. Johannsen 1981, S. 9).[2]
Zu Liselotte Corbachs Position bezüglich des hermeneutischen Konzepts bleibt zu sagen, dass sie diese vertreten konnte, vor allem die Wissenschaftsorientierung entsprach ihr. An den angewandten Methoden übte sie aber Kritik und entwickelte mit ihrer Erzähl- und Bibeldidaktik einen ganz eigenen Ansatz, der die Orientierung am Kind betonte.

3.4 Liselotte Corbachs Stellung zum problemorientierten Unterricht

Das Konzept des problemorientierten Religionsunterrichts oder auch thematischproblemorientierten Unterrichts wurde Ende der 60er Jahre von Hans-Bernhard Kaufmann entwickelt. Die Schüler- und Studentenbewegung trat eine bildungspolitische Diskussion los, in der gefordert wurde, die Schulbildung von altem „Traditionsballast" zu befreien. Eine große Zahl der Schüler ab 14 Jahren nutze sein Recht sich vom Religionsunterricht abzumelden. Die Kritik an der Tradition ist der Anstoß zu einer Veränderung des Religionsunterrichts. „Muss die Bibel im Mittelpunkt des Religionsunterrichts stehen?" fragt Hans-Bernhard Kaufmann 1966 und verneint diese Frage eindeutig (vgl Noormann 200, S. 136/ 137).
Als Ausgangspunkt des Religionsunterrichts wurden nun die vermuteten Probleme der Schüler/ innen gewählt um die Erfahrung und Wirklichkeit der Schüler/ innen im Horizont des christlichen Glaubens auszulegen und zu eröffnen. Es soll ein Zusammenhang zwischen der Lebenswelt der Schüler/ innen und christlichen Inhalten entstehen. Wichtige Punkte dieser Konzeption sind:

- Inhalte sind aktuelle Themen aus dem Leben der Schüler/ innen und aus Wissenschaft, Politik, Theologie oder der Bibel
- der Lehrer hat die didaktische Aufgabe, Beziehungen zwischen den Schüler/innen und dem christlichen Thema zu suchen
- die Forderung nach empirischer Forschung, damit der geforderte Lebens- und Praxisvollzug eingelöst werden kann (vgl. Grethlein/ Lück 2006, S. 102/ 103; Noorman 2004 S. 141).

Weitere Vertreter neben Hans-Bernhard Kaufmann sind Siegfried Vierzig, Karl- Ernst Nipkow und Dieter Stoodt (vgl. Noormann 2004, S. 142).
Kritisiert wird, dass die Gefahr bestehe die fachspezifische Ausrichtung auf Gott und seine Botschaft aus den Augen zu verlieren (vgl. Grethlein/ Lück 2006, S. 102/ 103).
Liselotte Corbach kann sich mit dem problemorientierten Ansatz nicht identifizieren. Sie ist zwar auch der Meinung, dass die Religionspädagogik bereit sein muss, traditionelle Positionen zu revidieren, um den Religionsunterricht nicht in eine Randstellung geraten zu lassen. Zudem dürfe der Umgang mit der Bibel nicht am besonderen Kontext der Zeit vorbei gehen, dieses Verständnis der Bibelinterpretation habe sie schon immer gehabt (vgl. Corbach 1981, S.41/ 42).
Sie kritisiert am problemorientierten Ansatz vor allem, dass die Schüler/ innen nicht mehr sachgemäß in das Evangelium eingeführt werden, biblische Texte nur noch in ihrem „Funktionswert" kennen lernen und die Bemühungen um fundamentale Glaubensaussagen aufgegeben werden (vgl. Corbach 1981, S.42).
Das Evangelium hat für Liselotte Corbach einen hohen Stellenwert für die menschliche Existenz, nach Corbach spiegeln sich in den biblischen Aussagen jahrtausendlange Erfahrungen wider, die die Wahrheit über den Menschen enthalten (vgl. Corbach 1981, S.43). Im problemorientierten Ansatz wird diesem Stellenwert für Liselotte Corbach nicht genügend Bedeutung beigemessen.
Trotzdem war sie offen für den neuen Ansatz und übernahm einzelne Erkenntnisse, die ihr richtig erschienen für ihre Arbeit. Beispielsweise die Einbeziehung gesellschaftlicher und humanitärer Probleme und das Wecken von globaler Verantwortung waren Punkte, sind Punkte, denen Corbach zustimmen konnte (vgl. Corbach 1981, S.43).

Schon in ihrem Werk „Vom Sehen zum Hören" von 1965 erkennt Kühne in seiner Rezession „Bildbetrachtung im Wandel" Zeichen für den Paradigmenwechsel vom hermeneutischen zum problemorientierten Religionsunterricht, da Corbach die Frage nach dem Verhältnis von Text und Kind stellt (vgl. Kühne 1999, S. 27).
Band 2 „Vom Sehen zum Hören" von 1976 wird dann didaktisch dem problemorientierten Konzept zugeordnet (vgl. Pithan 2004, S. 366).

3.5 Vom Sehen zum Hören

„Vom Sehen zum Hören- Kunstwerke im Religionsunterricht" ist der Titel der zweibändigen Bilddidaktik, die man als Hauptwerk Liselotte Corbachs bezeichnen kann. 1965 erschien der erste Band mit einer Auflage von 3000 Stück (vgl. Pithan 2004, S.356). Das Werk wurde in der Fachwelt und in der Praxis positiv aufgenommen (vgl. Pithan 2004, S.364).
Ihr als „Pionierarbeit" bezeichnetes Werk wird aus mehreren Gründen als bedeutsam eingestuft. Über die sprachlich- kognitive Erarbeitung von Bibeltexten hinaus, wird die menschliche Wahrnehmung ganzheitlich angesprochen. Außerdem ist das Werk Ergebnis einer gründlich religionspädagogisch und theologisch reflektierten Zusammenarbeit mit Schülern, Lehrern und Studenten (vgl. Johannsen 1981, S. 9).
1976 veröffentlichte Corbach den zweites Band „Vom Sehen zum Hören- Biblische Kunstwerke zum Thema: Der Andere", indem sie den aktuellen Ansatz des problemorientierten Religionsunterrichts berücksichtigt. Die didaktischen Veränderungen vom ersten zum zweiten Band veranschaulichen die Auseinandersetzung Corbachs mit dem neuen Konzept und in wie weit sie sich mit diesem einverstanden erklären konnte.
Beide Bände sind in zwei Teile gegliedert. Teil I handelt von der didaktischen Grundlegung, Teil II bietet Bildinterpretationen und Unterrichtsprotokolle. Die zu den Bildinterpretationen gehörenden Bilder liegen den Bänden in Form von Bildtafeln bei.

3.5.1 Didaktische Grundlegung von 1965

Zu Beginn ihres ersten Bandes „Vom Sehen zum Hören" wendet sich Corbach einigen Grundsatzfragen zu. Fest stehe, dass biblische Texte im Zentrum des Religionsunterrichts stehen. Das Problem läge in der Beziehung zwischen den biblischen Texten oder auch der Religion allgemein und dem Schüler, denn auf natürliche Weise sei diese nicht mehr gegeben. Man könne nicht mehr davon ausgehen, dass die Schüler getauft seien. Ein weiteres Problem liegt nach Corbach in der Ratlosigkeit dem Kind gegenüber, dass durch die hermeneutische Konzeption verursacht werde.
Auf den Seiten 15 bis 21 stellt Corbach einige empirische Studien über Schüler zu Beginn der Reifezeit wie beispielsweise die von Walter Jaide (Eine neue Generation?, 1961) und Theophil Thun (Die religiöse Entscheidung der Jugend, 1963) vor. Die zusammengefassten Ergebnisse erläutert Corbach auf den darauf folgenden zehn Seiten. Das Problem sieht Corbach hier bei der Elterngeneration, die zwar noch eine christliche Weltanschauung vermittelt, im Alltag aber den christlichen Glauben nicht vorlebt. In der gesamten Öffentlichkeit sei ein Schwund der Bedeutsamkeit des christlichen Glaubens zu beobachten. Um die Interessen der Schüler im Religionsunterricht anzusprechen, sollte er die Lebensgestaltung der Schüler in ihrer Praxis berühren. Dieser Punkt ist es vermutlich, der Kühne behaupten lässt, Corbach zeige in diesem Band erste Ansatzpunkte der problemorientierten Position.
In Kapitel 2 legt Corbach ihre Folgerungen für die Didaktik des Religionsunterrichts dar. Sie hält die Bibel keineswegs für weltfremd, sei dies im Religionsunterricht der Fall, so werde ein Fehler begangen. Jugendliche, deren Aufgabe darin bestehe sich selbst verstehen zu lernen, können dies mit hilfe der Bibel bewältigen. Im Religionsunterricht soll es nach Corbach nicht um die Übermittlung von christlichem Bildungsgut oder Tradition gehen, sondern um den Menschen.
Als Gegensatz zu logischem und diskursiven Denken entwickelt Corbach an dieser Stelle den Begriff des meditativen Denkens, der eine Art „Phantasiedenken" meint, aber kontrolliert und zielgerichtet ins „Innere" erfolgen soll und Emotionen erzeugt.
Das 3. Kapitel steht unter der Überschrift „Werke bildender Kunst im Religionsunterricht". Hier erläutert Corbach die Bedeutung des Titels „Vom Sehen zum Hören". Das Wort Gottes ziele auf das Hören des Menschen ab,
während es dem Menschen näher liegt, durch Sehen von etwas überzeugt zu werden. Wird der Mensch als Ganzes gesehen, wird die Verbindung zwischen Sehen und Hören deutlich, die genutzt werden könne um die Botschaft Gottes hörbar zu machen.
Dem Mensch sei die Fähigkeit gegeben Gehörtes in Bildern und Vorstellungen auszudrücken, so wie ein Künstler es in seinen Kunstwerken tue. Aus diesen Kunstwerken können die von Künstler gehörten Botschaften herausgelesen werden. So könne durch das Sehen des Kunstwerkes das Wort Gottes „erhört" werden.
Corbach geht im folgenden auf eine Probleme der Bildauslegung ein. Gegen die Bilderfeindlichkeit der frühen christlichen Kirche argumentiert sie mit der Stellungnahme Martin Luthers, die sich gegen den Missbrauch von Bilder durch die Bilderverehrung richtet, aber dennoch die Bedeutung der Bilder als Anschauungsmaterial anerkennt. Um der Problematik der Reizüberflutung entgegen zu wirken, sei eine durchdachte und begründete Bildauswahl notwendig. Als Kriterien für die Auswahl der Bilder nennt Corbach, dass die Bilder biblische Gehalte auslegen und dass die Intention deutlich erkennbar sein muss.
Methodisch wird gefordert, dass der Schüler vom bloßen Betrachten auf den Weg des Hören gelangen soll. Am besten geeignet seinen Handbilder, mit denen sich die Schüler in Einzel- oder Gruppenarbeit beschäftigen. Wichtig dabei sei genügend Zeit. Außerdem sei es sinnvoll, wenn jeder Schüler, die behandelten Bilder in einer Bildermappe sammelt.
In Teil II folgen fünf Bildinterpretationen mit Unterrichtsprotokollen und didaktischen Überlegungen.

3.5.2 Didaktische Grundlegung von 1976

Mit dem zweiten Band „Vom Sehen zum Hören" reagiert Liselotte Corbach auf die religionspädagogische Diskussion bezüglich des problemorientierten Religionsunterrichts. Einige Teile der didaktischen Grundlegung sind daher verändert, ein größerer Teil wird allerdings aus dem ersten Band von 1965 übernommen. In Teil II behandelt im zweiten Band drei Bilder, wobei das Kunstwerk „Der Schalksknecht" von Otto Münch auch schon im ersten Band zu finden ist. Die Bildinterpretationen und Unterrichstprotokolle drehen sich um das Thema „Der Andere".
Schon im Vorwort trifft Liselotte Corbach den Kern der Veränderung, indem sie schreibt, dass man nicht mehr wie 1965 davon ausgehen könne, dass biblische Texte Gegenstand des Religionsunterrichts seien. Eine weitere Veränderung ist die Einbeziehung der Bildarbeit mit Erwachsenen in das Kapitel zu den methodischen Vorschlägen.
Die didaktische Grundlegung in Teil I des Buches beginnt mit einem Abschnitt über das Sehen und Hören, der den Titel des Buches erläutert und auch schon im ersten Band zu finden ist.
Auch die Problematik der Spannung zwischen Wortverkündigung und Bild in der christlichen Kirche ist auch schon im ersten Band zu finden, wird im zweiten Band aber weiter ausgeführt.
Neu hinzu gekommen und entscheidend ist Kapitel 4 „Das auslegende Bild im problemorientierten Unterricht". Liselotte Corbach sagt hier aus, dass die Diskussion um den problemorientierten ein weites Spektrum ausweise. Es geben Positionen, die christliches Traditionsgut im Religionsunterricht ablehnen und auf der anderen Seite auch Stimmen, die der biblischen Überlieferung eine konstitutive Funktion im Religionsunterricht einräumen. Religionslehrer, die sich dafür entscheiden, den christlichen Glauben in ihrem Unterricht eine Rolle spielen zu lassen, stehen vor der Frage der Methodenwahl. Einen Bibeltext im Unterricht auf zu nehmen reiche nicht, es müsse ihm eine persönliche Bedeutung entnommen werden können, es bedarf also seiner Auslegung.
Liselotte Corbach räumt ein, dass es auch Bilder gebe, die im Religionsunterricht behandelt werden können, die keinen direkten Bezug zur Bibel aufweisen. Ihre Arbeit beschränkt sich aber auf Kunstwerke, denen ein Bibeltext zugeordnet werden kann. Im Rahmen eines problemorientierten Themas, wie beispielsweise das Thema dieses Bandes „Der Andere", werden die Kunstwerke so ausgelegt, dass sie Aussagen über den christlichen Glauben machen.
Die methodische Vorschläge betonen wie auch im ersten Band die Wichtigkeit der Vorbereitung des Lehrers, der keinen Aspekt der Bildbetrachtung außer acht lassen dürfe. Auch die exegetische Textarbeit gehöre zur Vorbereitung. Zu beachten sei auch die neue Frage nach der Funktion des Bildes für die Bewältigung oder Aufschlüsselung eines Problems, wobei Antworten nur im konkreten Fall möglich seien.

Als Arbeitsform für die erste Phase der Bilderfassung wird Einzel- oder Gruppenarbeit vorgeschlagen. Um so jünger die Schüler seien, desto genauere Arbeitsanweisungen müsse der Lehrer geben. In der zweiten Phase der Bildbetrachtung zählen die Schüler künstlerische Ausdrucksmittel auf, diese Aufzählung sollte an der Tafel festgehalten werden. Um symbolische Bildaussagen deuten zu können, sollten Schüler diese vorher im muttersprachlichen Unterricht behandelt haben. Bild und Text werden dann in einer dritten Phase miteinander verbunden um die Bildaussage fest zu legen. Eine Lernkontrolle sei zwar nicht möglich, aber durch eine sogenannten Rückverweis kann der Lehrer nach einiger Zeit durch einen knappen Hinweis Erinnerungen an eine behandeltes Bild hervorrufen und mit neuen Fragen verknüpfen.
Nach gleicher Methode schlägt Liselotte Corbach auch die Bilderarbeitung mit Erwachsenen vor. Die Beteiligung der Erwachsenen sei intensiv und führe leichter als bei Schülern zu einer echten Bildmeditation.
Zum Ende der didaktischen Grundlegung greift Corbach methodische Hinweise anderer Autoren auf. Die vier genannten Ansätze der Autoren Ingried Riedel, Thomas Zacharias, Gerhard Boß und Gerhard Gollwitzer teilen mit Liselotte Corbach Didaktik eine ähnliche Sichtweise der Bildbetrachtung und Bildbearbeitung und unterstützen so deren methodische Vorschläge.
Im Unterschied zum ersten Band von 1965 wird deutlich, dass Liselotte Corbach sich mit dem neu aufgekommenen problemorientierten Ansatz auseinander gesetzt und ihre Bildidaktik in dieses Konzept eingepasst hat.
Schon vorher war ihre Bilddidaktik darauf angelegt, Jugendliche in ihrer Lebenssituation persönlich anzusprechen. Im problemorientierten Ansatz unterstellt sich die Bildauslegung einen Problem, dass anhand des Bildes bearbeiten werden soll. Corbach hält aber an der Aussagekraft der biblischen Überlieferung fest und schreibt auch, dass ihre Bilddidaktik Lehrende ansprechen soll, die sich dafür entschieden haben biblischen Texten einen Platz in ihrem Unterricht einzuräumen.

4. Liselotte Corbachs Religionspädagogisches Werk und Schlussfolgerungen für den heutigen Religionsunterricht

Mit dem Beginn des Theologiestudium hat Liselotte Corbach sich für keinen einfachen Weg entschieden. Die Theologie war damals eine Männerdomäne, was sie im Studium und auch im Dienst der Kirche zu spüren bekam. Ihrer Kompetenz und auch ihrer Unbeirrbarkeit hat sie es zu verdanken eine Religionspädagogin geworden zu sein, aus deren Werk man auch heute noch Nutzen ziehen kann.
Betrachtet man Liselotte Corbachs religionspädagogisches Werk, sticht die kontinuierliche Weiterentwicklung ihrer Religionspädagogik ins Auge. Sie war in der Lage ohne „sich wie ein Fähnchen im Wind zu drehen" religionspädagogisch mit der Zeit und seinen Entwicklungen zu gehen. An ihrem Beispiel kann man sehen, wie es möglich ist eigene Standpunkte zu vertreten, diese nicht aus den Augen zu verlieren und trotzdem offen für neue Konzepte und Theorien zu sein. Grade in der heutigen Zeit, in der jeder Religionslehrer bei der Planung seines Unterrichts die unterschiedlichen Zugangsweisen der verschiedenen Konzepte mit einbeziehen sollte, ist es eine entscheidende Fähigkeit eigene Ansichten zu vertreten und dabei dennoch vielseitig und offen zu bleiben.
In Corbachs Religionspädagogik finden sich auch heute noch verschiedene Aspekte, die nach wie vor aktuell sind. Grade die bei ihr immer hervorgehobene Orientierung am Kind und seine Aktivierung sind heute aus der Religionspädagogik nicht mehr wegzudenken. Ihre Erzähldidaktik und ihre Bilddidaktik können auch noch heute von Lehrer/innen in ihr Methodenrepertoire aufgenommen werden.

Literatur

- Corbach, L. (1965): Vom Sehen zum Hören. Kunstwerke im Religionsunterricht.. Göttingen.
- Corbach, L. (1976): Vom Sehen zum Hören. Biblische Kunstwerke zum Thema: Der Andere. Neue Folge. Göttingen.
- Corbach, L. (1981): Anfänge- Übergänge- Ergebnisse. In: Ahlers, B (Hrsg): Religionspädagogik in Selbstdarstellungen. (Religionspädagogik heute Bd. 7), S. 29- 45.
- Grethlein, Ch. / Lück, Ch. (2006): Religion in der Grundschule. Ein Kompendium. Göttingen.
- Johannsen, F. (Hrsg; 1981): Religion im Bild. Visuelle Medien im Religionsunterricht. (Liselotte Corbach zum 70. Geburtstag). Göttingen.
- Kühne, M. (1999): Bildbetrachtung im Wandel. Kunstwerke und Photos unter bilddidaktischen Aspekten in Konzeptionen westdeutscher evangelischer Religionspädagogik 1945- 1996. Münster.
- Meyer- Blanck, M. (2003): Kleine Geschichte der Religionspädagogik. Dargestellt anhand ihrer Klassiker. Gütersloh.
- Noormann, H. (2004): Wie Religionspädagoginnen wurden, was sie sind. Vom Nutzen der Didaktikgeschichte für die fachliche Kompetenz. In: Becker, U./
- Trocholepczy, B./ u. a. (Hrsg.): Ökumenisches Arbeitsbuch Religionspädagogik, 2. Aufl., Stuttgart, S. 123- 144.
- Pithan, A. (1997): Liselotte Corbach (*1910). Einstehen für die eigene Überzeugung. In: Pithan, A. (Hrsg): Religionspädagoginnen des 20 Jahrhunderts. Göttingen u.a., S. 135- 159.
- Pithan, A. (2004): Liselotte Corbach. Biografie, Frauengeschichte, Religionspädagogik. Neuenkirchener: Neuenkirchen- Vluyn.
- Steinwand, E./ Corbach, L. (1946): Lasset uns aufsehen zu Jesum! Arbeitshilfen für den biblischen Unterricht. Plan A. Göttingen.

Fußnoten:

[1] „gebeut" ist die alte Form des Wortes „gebietet" (Duden- Rechtschreibung 2000, S. 404)[
[2] mehr zur Liselotte Corbachs Bilddidaktik in 3.5



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