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Kindheit und Sportzugang

Kindheit und Sportzugang
Hausarbeit
Datum: 20. November 2010 Autor: Brittamarit Kommentare: 0

Zusätzliche Informationen:

Erstellt im Rahmen einer Zwischenprüfung an einer Universität.

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Beschreibung:

Das Thema dieser Hausarbeit beschäftigt sich mit den sich immer wieder verändernden, kindlichen Lebenswelten und dem Kindersport bzw. dem Sportzugang in diesen Lebenswelten.


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Kindheit und Sportzugang


Kindheit und Sportzugang

1. Einleitung:

Das Thema dieser Hausarbeit beschäftigt sich mit den sich immer wieder verändernden, kindlichen Lebenswelten und dem Kindersport bzw. dem Sportzugang in diesen Lebenswelten.
Nach der Einleitung ( Kapitel 1 ) werde ich das Thema „Kindheiten, Kinder und Entwicklung" ( Kapitel 2 ) ansprechen und anschließend auf das Thema „Kindersport im Wandel" ( Kapitel 3 ) überzuleiten. Eine exemplarische Überprüfung anhand des Wochenplans eines 10 jährigen Mädchens ( Kapitel 4 ) soll den Theorieteil in Kapitel 2 und 3 verdeutlichen. Den Schluss bildet eine persönliche Stellungnahme ( Kapitel 5 ) zu den vorangegangenen Kapiteln.
Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich Kindsein erheblich gewandelt. Kinder wachsen heutzutage in anderen gesellschaftlichen Kontexten auf, welche das Wesen der Kindheit erheblich modifiziert und verändert haben. Der rasante gesellschaftliche Wandel hat einschneidende Veränderungen für das Aufwachsen der Kinder mit sich gebracht und damit auch für die Schule; man spricht auch von einem sozialen Wandel der Kindheit.
Erzählen die Großeltern uns von ihrer Kindheit, und unter welchen Bedingungen sie damals aufgewachsen und sozialisiert worden sind, so lassen sich erhebliche Unterschiede feststellen zu unserer eigenen Kindheit. Gesellschaftlich-ökonomische Veränderungen haben die Erfahrungsmöglichkeiten heutiger Kinder stark eingeschränkt, bzw. verschoben, so dass es für sie immer schwieriger wird, sich ihre Lebenswelt zu erschließen und soziale Kompetenz zu erweben. Beispiele sind die dicht besiedelten Wohngebiete und die Verhäuslichung, die so genannten Erfahrungen aus zweiter Hand und ein veränderter Umgang mit der Zeit. Die heutigen „Multimedia - Kids" sind nicht mehr mit Kindern früherer Jahrgänge zu vergleichen. Sie wachsen in einer ganz anderen Welt auf, die geprägt ist durch Fernsehprogrammvielfalt, Videoclips und aufwändige Computerspiele. Die Fähigkeit zur Abstraktion und zur Konzentration ist bei vielen Schülern stark zurückgegangen. Die Konsequenzen dieses Wandels, dessen Anfänge bereits in der Nachkriegszeit liegen, und deren Bedeutung für das Schulwesen wurden allerdings erst in den letzten Jahren wahrgenommen. Möchte man die veränderten Lebensbedingungen und Handlungsweisen von Kindern heute verstehen, so muss man sich mit den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen in den letzten Jahrzehnten näher auseinandersetzen.

2. Kindheiten, Kinder und Entwicklung:

2.1 Zur historischen und demographischen Entwicklung

Wenn man Kindheiten seit dem Mittelalter auf sozial- historischem Hintergrund rekonstruieren möchte, stellen sich zwei Gemeinsamkeiten heraus:
Kindheiten, die wir heute in modernen Industriegesellschaften kennen, zeichnen sich aus durch den emotionalen Wert von Kindern. Heutzutage stellen Kinder eine zentrale Sinnerfüllung im Leben der Eltern dar. Diese Art von Kindheit hat es nicht immer gegeben und scheint eine Entwicklung des modernen 20. Jahrhunderts zu sein.
Gesellschaftliche Wandlungsprozesse gehen einher mit dem Entstehen und der Auflösung fundermentaler Kategorien des Alltagslebens (z. B. Normen und Werte) sowie dem Bedeutungswandel der Institutionen Familie und Schule für die Kinder selbst (Schmidt, Werner 2003, S.19).
In der mittelalterlichen Gesellschaft war die Familie primär zur Erhaltung von Haus und Hof, Ausübung des familiären Handwerks und der Pflege der Alten und Unverheirateten da. Viele Kinder hieß auch gleichzeitig eine gute Versorgung im Alltag, da viele Hände das Existenzminimum sichern können und war Garant für eine gute Alterversorgung. Erst im 18. Jahrhundert führte die Bedeutungsaufwertung der Institution Schule zu einer Änderung. Die Pädagogen Rousseau und Pestalozzi, die als Pädagogen der Aufklärung bezeichnet wurden, fragten nach dem Ziel der Erziehung und nach dem Eigenrecht eines jeden Kindes auf erfüllte Gegenwart und nach der Befähigung zu Mündigkeit und Selbstständigkeit. Diese Fragen erreichten aber bis weit ins 19. Jahrhundert nur wenige Menschen, da sie antiständisch konzipiert waren. In den Familien des unteren Standesbereichs herrschte vorwiegend der Hausvater als Familienoberhaupt und Erzieher mit eigenen Gesetzen, die meist mit Gewalt und absolutem Gehorsam durchgesetzt wurden. Die Frage oder gar das Recht eines Kindes auf Befähigung zur Mündigkeit und Selbstständigkeit war in den Augen eines Mannes aus dem unteren Stand eher lächerlich und wurde mit der Vorstellung begleitet machtlos zu sein und die Kontrolle über die Familienmitglieder zu verlieren, die es zu halten galt in dem durch Armut und Not ausgezeichnetem Alltag. Auch im industriellen Zeitalter änderte sich daran wenig. Kinder mussten schon früh in Fabriken arbeiten und zum Überleben der Familie beitragen. Glück hatten in diesem Falle nur Kinder des Adels, des Bürgertums oder wohlhabender Bauern.
„Kindliche Lebensformen als Schonraum individueller Entfaltung zu pflegen, Kindheit als Zeit der Behütung und des Spielen Könnens zu interpretieren, hatte lediglich Gültigkeit für die Kinder des Adels, des Besitz- und Bildungsbürgertums sowie der wohlhabenden Bauernschaft." (Werner, Schmidt 2003, S.20)
Erst die Einführung des Acht- Stunden- Tages, der achtjährigen Schulpflicht (1922) und das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz begünstigten die Entwicklung von Bildung und Erziehung. Die gesetzliche Absicherung erfolgte durch die Reform des Kinder- und Jugendhilferechts (1990), die dem Wohl des Kindes und seiner subjektiven Rechte gewidmet wurde.

2.2 Neue Sichtweisen der Kindheitsforschung

Bis Ende der 60er Jahre interpretierte man die Entwicklung als eine Entfaltung „von innen heraus". Eine phasentheoretische Entwicklungspsychologie sagte aus, dass die seelische und körperliche Entwicklung in der Natur des Menschen liege und diese Annahme resultierte aus der Überzeugung, dass Entwicklungsstand und Lebensalter übereinstimmen. Dies hatte insofern Einfluss auf die Sportpraxis, als das in diesem Bereich die Entwicklung in Phasen eingeteilt und daraus Durchschnittsangaben errechnet wurden, über welche Fähigkeiten die Kinder verschiedener Altersstufen verfügen und welche sportspezifischen körperlichen Anforderungen zuzumuten sind.
Erst 1967 forderte Oerter (1967, 1980) für die Entwicklungspsychologie, körperliche Entwicklung nicht isoliert zu betrachten, sondern Entwicklung (= Reifungs- und Lernvorgänge) als komplexes Geflecht von Ursache- Wirkungs- Zusammenhängen anzusehen.
(Werner, Schmidt 2003, S.23)
Die psychische Entwicklung kann danach endogen vorprogrammiert sein, durch Umwelteinwirkungen ihre individuelle Verlaufsgestalt enthalten, durch die in der Natur liegende Ordnung (= sachimmanente Entfaltungslogik) geprägt sein (vgl. Oerter, 1980, S. 27).
Der Entwicklungsprozess lässt sich aus entwicklungszentrierter Perspektive auch als ein Differenzierungsvorgang kennzeichnen. Die Verfeinerung der psychischen Erscheinung und Funktionen bedeutet im Bereich der kindlichen Motorik, dass aus den unkoordinierten Massenbewegungen des Säuglings gezielte Einzelbewegungen entstehen. Ursprünglich voneinander abhängige Bewegungen verselbständigen sich. Etwas idealisiert betrachtet besitzt das Neugeborene zwar unendlich viele Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und Selbstgestaltung, diese Vielfalt der Möglichkeiten werde jedoch fortlaufend eingeschränkt.
„So muss man die Entwicklung auch als Verfestigung sehen. Der Mensch entfaltet bestimmte Interessen, ist auf bestimmten Gebieten besonders leistungsfähig ... Man spricht bei diesem Vorgang auch von Kanalisation. Die allgemeine „Neugier" wird in bestimmte Kanäle gelenkt" (Oerter 1980, 26).
(Werner, Schmidt 2002, S.28)
Damit wird deutlich, dass ein guter Entwicklungsverlauf auch auf eine solche Verfestigung und Einengung hinzielt, worin wahrscheinlich die besondere Faszination des Sports liegt.
Die „Life- Span- Development"- Psychologie diskutiert den aktiven Dialog zwischen individueller Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftlichen Einflüssen, folglich interpretiert Schmidt- Denter Eltern- Kind- Beziehungen als Dialog zwischen sozialen Partnern.
In sozialwissenschaftlicher Hinsicht wird Entwicklung und Sozialisation primär als Anpassung an die Gesellschaftsformen und zu leistende Verinnerlichung der Normen und Werte verstanden. Bei den konstruktivistischen Entwicklungstheorien (Piaget) lag der Verdienst darin, den Entwurf eines aktiven Bildes vom Individuum zu sehen. Im modernen sozialisationstheoretischen Ansatz von Geulen und Hurrelmann stellt das Modell das menschliche Subjekt in einen sozialen und ökologischen Kontext, der subjektiv aufgenommen und verarbeitet wird, der also auf das Subjekt einwirkt, aber immer auch durch das Individuum beeinflusst, verändert und gestaltet wird.
In den 80er Jahren kamen zu den existierenden Ansätzen noch der Einfluss von Kinderkonsum, Medienüberflutung und viele pädagogisierte und institutionalisierte Kinderkulturangebote hinzu, die die Entwicklung zusätzlich beeinflussen und so bei den Modellen und Ansätzen der Kinderforschung berücksichtigt werden müssen. Man spricht von einer „Verinselung der Lebensräume".

2.3 Lebensformen mit und von Kindern

Zwischen 1920 und 1960 bestand die klassische deutsche Kleinfamilie aus zwei Elternteilen und zwei Kindern. Heutzutage ist dieses Familienmodell zu 80- 85 % im Alltag anzutreffen, allerdings steigt der Anteil an kinderlosen Haushalten kontinuierlich an. Auch die Anzahl an allein erziehender Eltern steigt stetig.
„Diese Familienform ist diejenige, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten am schnellsten und nachhaltigsten angewachsen ist" (Bründel & Hurrelmann, 1996, S. 90).
(Werner, Schmidt 2003, S. 24)
Nach Angaben des deutschen Jugendinstituts (1992), wünschen sich 80 % der Kinder mehr Spielpartner. Bei Einzelkindern fehlen zwar die Erfahrungen mit Geschwistern, allerdings sind gute Beziehungen zwischen den Eltern und ihre individuellen Kompetenzen die wichtigsten Faktoren für die Kinder. Einzelkindern steht der größte Teil der familialen Ressourcen zur Verfügung, da diese nicht mit Geschwistern geteilt werden müssen. Dies hat zur Folge, dass die kognitive Entwicklung und der Aufbau des Leistungsehrgeizes gefördert werden. Im Gegensatz dazu wirken sich Geschwisterbeziehungen positiv auf die sozialen Fähigkeiten aus, denn jüngere Geschwister sind meist sozial integrierter, pflegen stärker emotionale Beziehungen und sind deshalb allgemein beliebter.
Mütter von Einzelkindern, die berufstätig sind, achten verstärkt darauf, dass ihr Sprössling mit anderen Kindern spielt und so Erfahrungen im sozialen Umfeld sammelt. Scheidung, Umzug oder Arbeitslosigkeit der Eltern belasten Kinder in enormen Maße, da man davon ausgeht, dass „ ... insgesamt die Entwicklungsgeschichte der Eltern, deren Persönlichkeitsmerkmale, die Qualität ihrer Beziehung sowie die individuellen Charakteristika des Kindes ... die Gesamtentwicklung entscheidend prägen." (Werner, Schmidt 2003, S.25)

Die selbstverständliche Integration in die Werte einer Kultur ist für die Kinder Alleinerziehender besonders problematisch. Untersuchungen haben ergeben, dass die meisten Alleinerziehenden nahe am Existenzminimum leben, viel arbeiten müssen bei geringer schulischer Ausbildung und daher mit wenig Einkommen auskommen müssen. Empirische Daten weisen darauf hin, dass Kinder, zumeist Jungen, die in diesen Verhältnissen aufwachsen schlecht in der Schule sind, da ihre Eltern sehr hohe Anforderungen an sie stellen. Ein weiteres Problem stellt die räumliche Situation dar, mit der Kinder heutzutage leben müssen. Familien mit Kindern haben weniger Quadratmeter zur Verfügung als Singles oder kinderlose Paare.
Im positiven Sinne haben sich die Eltern- Kind- Beziehungen verändert. Eltern legen vermehrt Wert auf den eigenen Willen und die Selbstständigkeit ihrer Kinder. Nur noch selten wird eine Erziehungsmethode angewendet, bei der sich die Kinder ganz nachdem Willen ihrer Eltern richten.
„Man spricht von einem zunehmend positiven kindzentrierten Erziehungsstil, wobei sich die Kommunikation als Aushandeln gegenseitiger Bedürfnisse beschreiben lässt."
(Werner, Schmidt 2003, S. 26)
Wendet man sich nun verschiedenen Lebensformen von Kindern zu, kann man bestimmte Übereinstimmungen erkennen. Kinder lieben es zu spielen und in diesem Bereich haben sie auch konkrete Vorstellungen wie die Umgebung sein muss, in der man ihrer Meinung nach am besten spielen kann. Es werden Grünanlagen, Wiesen, Parks und unwegsames Gelände bevorzugt. Wichtig ist auch die freie Auswahl der Spielkameraden und zumindest eine kleine Weile der Kontrolle der Eltern zu entfliehen. Schwer haben es dabei Kinder die in Großstädten aufwachsen. Ihnen fehlt die Möglichkeit ihr Spielumfeld frei zu wählen, da es nicht genügend Auswahlmöglichkeiten gibt. Lässt man Kindern aber diese gewissen Freiheiten, soweit diese zuzulassen sind, werden sie selbst feststellen dürfen, dass gleichaltrige und gleichberechtigte Freunde andere soziale Bereiche eröffnen als Eltern. Sie können ihr Selbstbild auf die Probe stellen und sich selbst mit anderen vergleichen. So kann man ein gewisses Lehr- und Lernverhalten unter den Kindern feststellen. Zum Beispiel werden so Störenfriede zu einem anderen Verhalten gezwungen, wenn sie weiter mitspielen wollen. Durch die Verkleinerung von Außenräumen zum freien Spielen und die Schrumpfung von Spielgruppen wird die Sozialisierung der Kinder untereinander immer weiter eingeschränkt

2.4 Kinderbetreuungseinrichtungen und zur Funktion der Bewegung

Bowley hat 1951 eine Studie zur mütterlichen Zuwendung und geistigen Gesundheit veröffentlicht. Man hat lange geglaubt, dass die Mutter für die emotionale Bindung in den ersten zwei Lebensjahren eines Kindes unverzichtbar sei. Vielfach nachgewiesen wurde die Tatsache, dass Kinder deren Mütter vor Beendung des ersten Lebensjahres wieder berufstätig wurden, eine höhere Bindungsunsicherheit aufweisen. Untersuchungen seit den 80ger Jahren zeigen aber, dass Krippenkinder weder häufiger krank noch emotional gefährdeter sind. Sie zeigen zum Teil ein selbstbewußteres, hilfsbereiteres und sozialeres Verhalten als andere Kinder.
„Kinder mit frühen Gruppenerfahrungen weisen eine positive kognitive Entwicklung auf, verfügen über ein aktives Explorationsverhalten und demonstrieren komplexe Fähigkeiten im Spiel."
(Werner, Schmidt 2003, S. 29)
Auf die Kinderkrippe bezogen bedeutet das, das entscheidend die Qualität der Betreuung zu sein scheint, sowie die Größe der Gruppen und die der Einrichtung.
Die Kindergartenerziehung übt eine Wirkung aus, dass nicht nur die Qualität der Betreuung entscheidend ist, sondern auch die Größe der Gruppe und der Einrichtung die Entwicklung des Kindes prägt. Im Hinblick auf die kognitive Entwicklung ist das Lernen in Gruppen mit Kindern gleichen Alters erfolgreicher als in gemischten Altersgruppen. In solchen Gruppen ist dagegen eine positive Wirkung im Bezug auf das Miteinander- Lernen und die Toleranz zu sehen.
„Es geht letztlich „ um die Ermöglichung eines gesamtheitlichen Erlebens in der Kindergruppe, um sinnstiftende Erfahrungen, um Interaktion und Kooperation, um Phantasie, Selbstständigkeit und Entscheidungsfähigkeit."
(Werner, Schmidt 2003, S. 30 )
Unter der Vorstellung einer Kinderwelt muss man sich eine Bewegungswelt vorstellen, denn Bewegung ist ein Muss für jedes Kind, um sich aktiv mit seiner Umwelt auseinander zu setzen. Nur so lernen Kinder etwas über sich selbst, ihren Körper und die Bedeutung bestimmte motorische Fähigkeiten zu erlernen, zu verbessern und zu kontrollieren.
„Materiale Bewegungserfahrung ist auf das Erkennen der materialen Umwelt mittels aktiver, explorierend- erkundender Tätigkeiten gewichtet:"
(Werner, Schmidt 2003, S. 31 )
Materiale Bewegungserfahrung beinhaltet einen Erkenntnisprozess, in dem die eigene Erkundung dem fertigen Wissen vorausgeht und in dem Verstehen nur über eigenes Erfinden, Rekonstruieren oder Wiederentdecken möglich ist. Spiel und Bewegung setzen voraus, dass sich das Kind mit seiner Umwelt, seinen Spielpartnern und seinem eigenen Körper auseinander setzt und von den Erfahrungen profitiert. Auch im Kindergarten sollten solche Erfahrungsmöglichkeiten bereitgestellt werden, um die Kinder schon auf die ihnen bevorstehenden schulischen Erfahrungen vorzubereiten.

2.5 Zur Bedeutung der Schule

Die Lebenswelt von Kindern erfährt mit Eintritt in die Schule eine drastische Veränderung. Auch wenn in den ersten beiden Schuljahren keine Noten vergeben werden, sondern die Kinder nur eine schriftliche Beurteilung über ihre schulischen Leistungen erhalten, steigt der Leistungsdruck durch die Eltern ernorm an. Diese sind teilweise schon im zweiten Schuljahr daran interessiert zu erfahren, ob ihr Kind nach der Grundschule das Gymnasium besuchen kann. Seit den 80er Jahren sind die Bildungsabschlüsse formal immer wichtiger geworden und viele Eltern halten das Gymnasium für die einzig richtige Schulform und würden ihre Kinder eher den ganzen Tag zu lernen zwingen, als zu akzeptieren, dass ihr Kind besser auf einer Realschule aufgehoben ist. Die folgenden gesellschaftlichen Funktionen soll Schule heute übermitteln:
• Basiswissen und Basisfertigkeiten (Qualifikationen)
• Berechtigung für das nachschulische Ausbildungswesen (Allokation) und somit wird automatisch eine Selektion durchgeführt
• Bestimmte Werte- und Arbeitshaltungen an die nachwachsende Generation zu vermitteln (Sozialisation)
(Werner, Schmidt 2003, S. 32 )
Die Grundschule nach 1945 richtete sich nach den reformpädagogischen Überlegungen und legte viel Wert auf das Prinzip der Selbstständigkeit des Kindes. Ende der 60er Jahre versuchte man „Wissenschaftsorientierung" und „Kindgemäßheit" zu verbinden. Dies führte zu einer starken Fächeraufgliederung und zu einem Operationalisieren der Lernziele, also komplexe Lernzusammenhänge in kleinere Lernschritte zu unterteilen. In den 70er Jahren wurden nochmals pädagogische Korrekturen vorgenommen und zwar im Bereich des Entwickelns eines eigenen Lernstils und das Vermitteln von Arbeitsformen, die eben diese Eigenständigkeit fördern. Der Unterricht sollte wieder spielartigen Charakter besitzen und die Aufgabe des Lehrers war es die kindlichen Denkprozesse anzuregen.
Heutzutage ist die Grundschule eine Institution die in allen Bereichen differenziert und die individuelle Entwicklung eines jeden Kindes zu fördern versucht. Ausnahmen und Rückschläge gehören dazu und unterstützen die Verbesserung und Fortbildung der Lehrkräfte und der Schule im Einzelnen.
Die Öffnung des Unterrichts durch den flexiblen Umgang mit der Zeit und der Herkunft beinhaltet eine innere Differenzierung nach Aufgabenmenge und Aufgabenschwierigkeit. Auch sollte der gemeinsame Klassenunterricht die Einsicht fördern Regeln aufzustellen, sich daran zu halten und bei Verstoß einen gemeinsam entwickelten Strafkatalog Folge zu leisten. Die schulischen Leistungen eines Kindes hängen deshalb nie nur vom Kind selbst ab. In diesem Bereich treffen viele Komponenten aufeinander, z.B. „Begabung, Anstrengungsbereitschaft, Ausdauer, Konzentration, Erfolgzuversicht, Selbstwertgefühl und die familiäre Situation ". Anhand von Studien fand man heraus, dass die Bildungschancen der Kinder vom Bildungsniveau der Eltern abhängen. Obwohl man heute nicht mehr von Schichten sozialer Art sprechen soll, ist es in diesem Fall aber nötig, da nur knapp 7 % aller Kinder aus den unteren Schichten zum Gymnasium gehen, während ca. 70 % aller Kinder aus dem Bildungsbürgertum dort eingeschult. Schulstress entsteht dann, wenn die Erwartungen der Eltern höher sind als die tatsächlichen Leistungen der Kinder. Der individuell wahrgenommene Leistungsstand beeinflusst auch die Persönlichkeitsentwicklung, da gute und schlechte Schüler beachtliche Unterschiede im Selbstbild, in der Selbstsicherheit und im Selbstvertrauen aufweisen. Schon der Grundschule haben fast die Hälfte aller Schüler Angst vor Klassenarbeiten und ca. 25 % davon haben Angst vor ihren Eltern.

2.6 Freizeitaktivitäten und Mediennutzung

Hinterfragt man das Freizeitverhalten von Kindern und stellt dazu eine Studie auf, bekommt man schnell recht eindeutige Ergebnisse. Kinder spielen gerne draußen und das prozentual gesehen mehr als drinnen. 75% der Jungen spielen am liebsten in Gartenanlagen, auf Bolzplätzen und im wilden Gelände, wo sie mit Freunden Fahrrad oder Inliner fahren können. 60% der Lieblingsfreizeitbeschäftigungen entfallen auf Bewegungs- und Sportgelegenheiten. Bei den Mädchen sieht das etwas anders aus. Hier gehen 56% gerne einkaufen mit der besten Freundin. Was Bewegungsgelegenheiten betrifft, beschränkt sich das aufs Fahrrad fahren, Inliner fahren sowie verschiedene Ballspiele. Die Nutzung der Spielplätze scheint im Alter von 6 bis 12 Jahren keine Rolle mehr zu spielen. Diese werden durch ihren monofunktionalen Aufbau als langweilig und zu festgelegt, empfunden. Die Drinnen- Aktivitäten haben sich im Laufe der Jahre gravierend geändert. Tätigkeiten wie Puzzeln, Malen und Kartenspielen gehören der Vergangenheit an. An ihre Stelle sind PC spielen, Fernsehen gucken und Musik hören getreten. Höchstens das Lesen spielt noch eine kleine Rolle. Meistens bei Mädchen oder männlichen Gymnasiasten.
„Im Zeitvergleich (1992 - 2002) wird deutlich, dass die Terminisierung des Nachmittags weit vorangeschritten ist und stetig zunimmt."
(Werner, Schmidt 2003, S. 38)
Bei dieser Terminisierung steht der Sport an erster Stelle. Bei Jungen entfallen 70- 80 % dieser Termine auf den Sport. Mädchen gehen eher den kreativ- musischen Angeboten nach. Alles in allem lässt sich feststellen, dass die Nutzung von Kinderkulturangeboten besonders vom Geschlecht und der sozialen Herkunft beeinflusst werden. Wenn man eine Rangliste der beliebtesten Hobbies erstellt, kann man auch hier auf Platz eins den Sport finden, gefolgt von Medien, praktische Liebhabereien, Lesen usw.
Nimmt man die Medien genauer in Augenschein, so wird man feststellen, dass der Besitz von audiovisuellen Medien bei Kindern in der Grundschule enorm gestiegen ist. Es gibt fast kein Kind welches keinen CD- Player, Fernseher oder Computer hat. Leider wurde ebenfalls bestätigt, dass heute 43 % aller 6- jährigen fast jeden Tag Fernsehen gucken und nicht nur eine Sendung, sondern gleich mehrere hintereinander.
„Je niedriger die Schulkarriere, desto höher sind der Konsum und die passive Mediennutzung."
(Werner, Schmidt 2003, S. 40)
Daten über die Schulkarriere bestätigen, je niedriger die Schulkarriere, desto höher ist der Konsum von passiven Medien. Aber nicht nur die Schulkarriere ist in dieser Hinsicht der Grund für dieses Verhalten. Dazu kommt noch der Sozialstatus. Sind diese beiden Determinanten niedrig angesiedelt, ist eine deutlich Passivität im Bezug auf die Freizeitgestaltung und die Bewegungsfreude zu verzeichnen.

2.7 Neue Problemzonen modernen Kinderlebens

Generell ist festzustellen, dass Kinder in Deutschland sich weniger mit akut- infektiösen Erkrankungen herum schlagen müssen als früher. Dafür ist ein Anstieg von chronisch- degenerativen Krankheiten und psychosomatischen Beschwerden zu verzeichnen. Alle Kinder werden vor Aufnahme in die Schule durch das Gesundheitsamt untersucht. Bei einer Analyse, die über 16 Jahre lief, kam heraus, dass bei fast allen Befunden ein leichter Anstieg der körperlichen Beeinträchtigungen im Durchschnitt zu erkennen ist. Weiterhin kommen Störungen der motorischen Fähigkeiten im Bereich der Feinmotorik und der Ganzkörpermotorik hinzu. Das Fatale daran ist, dass für die Entwicklung so vieler Nervenzellen wie möglich, schon beim Vorschulkind eine überschwellige Bewegungsbelastung nötig ist. Diese dynamischen Bewegungen führen zu einer intensiven Durchblutung und so zu einer Verbesserung der Stoffwechselvorgänge.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass unterschiedliche Zeiten unterschiedliche Kindheiten hervorbringen. Die sich immer schneller verändernde Umwelt stellt neue Probleme und Anforderungen an die Kinder. Sie werden schneller selbstständig, nutzen vielfältige institutionelle Angebote und Medien und erleben ein intensiveres Familienleben als früher. Auf der anderen Seite macht ihnen der Sozialstatus zu schaffen und die steigende Scheidungsrate stellt ein emotionales Hindernis dar, welches Kinder schnell aus dem Gleichgewicht bringt. Dies hat zur Folge, dass die Entwicklungsschere zwischen den Schülern eines Jahrgangs weit auseinander klafft und die Arbeit in der Schule erschwert. Soziale Ungleichheiten nehmen zu und das zum Nachteil der Kinder. Trotz allem spielen Kinder gerne draußen und mit Freunden und haben Freude an der Bewegung.

3. Kindersport in Wandel der Zeit

3.1 Der Bewegungs- und Sportalltag in den 50er- und 60er- Jahren

In den 50/60er Jahren war es ganz normal das Kinder Sommer wie Winter draußen spielten. Sie rotteten sich zu Gruppen zusammen, die aus Nachbarskindern und Geschwistern verschiedensten Alters bestanden. In der Nachkriegszeit war dies die wichtigste Form außerfamilärer Freizeit, ohne die Aufsicht der Eltern oder anderer Erziehungsberechtigter. Sie bestimmten ihr Tun und ihre Spiele selbst. Eine wichtige Frage in Bezug auf den entwicklungstheoretischen Aspekt ist:
Wie eignen Kinder sich ihre Bewegungsumwelt an?
Je nach Alter, Geschlecht, Geschicklichkeit und Bewegungskönnen wuchsen die Kinder wie von selbstverständlich in eine Spiel-, Regel- und Sportspiel- Kultur hinein. Die Spiele nahmen mit der Zeit an Komplexität zu und auch der Zwang selbstständig das Aushandeln und Ausstreiten von Regeln zu lernen und ihre Einhaltung auf Gegenseitigkeit, war für die Entwicklung sehr förderlich.
Aus heutiger Sicht können diesen Straßenspielen drei verschiedene (sportpädagogische) Funktionen zugeschrieben werden:

1. Motorischer Aspekt:
Ausbildung der Grob- und Feinmotorik durch tägliche Auseinandersetzung mit den motorischen Anforderungen

2. Sozialer Aspekt:
Entwicklung des Regelbewusstseins und des moralischen Urteils durch Übernahme, Umgestaltung und Einhaltung von Vernuftregeln

3. Kognitiver Aspekt:
Erwerb von sinnvollen Strategien, um die übernommenen Spielerrollen anwenden und ausgestalten zu können
(Werner, Schmidt 2003, S. 110)

Der Sportzugang in der Schule dagegen war zeitlich begrenzt. Der Turnverein organisierte einmal in der Woche ein vielfältiges Spielen und Sich- Bewegen an Geräten und auch schon damals war der Anteil an Mädchen in dieser Sportart doppelt so hoch wie der an Jungen. Der Zugang zu anderen Vereinen erfolgte erst im Alter von 11 bis 12 Jahren aufgrund dessen, dass es keine kleineren Altersklasseneinteilungen gab. Das Vereinsspektrum beschränkte sich auf die fünf Sportarten: Fußball, Turnen, Schwimmen, Handball und Leichtathletik. Lediglich 17% bzw. 27% der 12- jährigen Kinder waren im Sportverein und auch in der Freizeit war Fußball der beliebteste Sport, dicht gefolgt von Schwimmen und Turnen. Primär waren es Jungen, die in den Sportvereinen zu finden waren und die von ihnen favorisierten Kampfspiele orientierten sich schwerpunktmäßig am Wettkampfgedanken.

3.2 Sportive Kindheiten

Das aktive Sportengagement nimmt heute im Lebensalltag von Kindern einen breiten Raum ein. Die Bedeutungsaufwertung betrifft:
• Die Integration sportlicher Aktivitäten und Hobbies in die kindliche Lebenswelt
• Das aktive Engagement im Sportverein
• Das informelle Sport- Treiben in der Freizeit
• Die Ausdifferenzierung kindlicher Bewegungsszenen
• Die Beliebtheit des Faches Sport in der Schule
(Werner, Schmidt 2002, S. 112)

Fragt man Kinder nach ihrer Lieblingsfreizeitbeschäftigung, geben 78- 79% der 10- bis 13jährigen Kinder sportbezogene Hobbies an. In dieser Lebensphase bleibt das Verhältnis der Kinder als soziale Altergruppe zum Handlungsfeld Sport stabil. Kinder erlernen nicht nur „notwendige Körpertechniken", sondern sie erweitern noch ihren Erfahrungsraum durch Handlungskompetenzen und sozialisieren sich somit fast selbst.
Von den 50er Jahren bis heute hat sich der prozentuale Anteil an Vereinsmitgliedern auf ca. 40% eingependelt. Sportwissenschaftliche Untersuchungen um die Jahrtausendwende ergaben, dass man von einem Vereinsanteil von 51% bzw. 52,4% an Kindern im Alter von 10 bis 14 Jahren sprechen konnte. Der weibliche Anteil ist auf 40% gestiegen. Schaut man jetzt auf die Beliebtheitsskala so verzeichnet diese, dass dem durchschnittlichen Vereinsmitglied es gut bis sehr gut im Verein gefällt und diese Mitgliedern trainieren in der Regel zweimal die Woche, gehen gerne zu Wettkämpfen und legen den größten Wert auf die Mannschaftszugehörigkeit.
Betrachtet man moderne Sportvereinskarrieren, dann kann man diese in drei Stationen einteilen.

Als erstes die Verfrühung.
Vereinskarrieren beginnen heute im Alter von 3 bis 6 Jahren, meist auf Anregung der Eltern oder Freunde. Diese Entwicklung ist auf die Bemühungen aller Sportfachverbände zurückzuführen, mehr Kinder zu einem frühen Zeitpunkt an den Sportverein zu binden. Dies führte dazu, dass bei den Spielsportarten das Wettkampfsystem neu eingerichtet werden musste und der Erfolg darin ist in den Zahlen zu lesen, denn von 1980 bis 1990 betrug die prozentuale Zuwachsrate bis zu 215%.
Als zweite Station haben wir die Fluktuation.
Die frühe Bindung an den Sportverein hat auch negative Seiten. Bis zum 10. Lebensjahr haben ca. 71% die Sportart und ca. 67% den Verein zumindest einmal gewechselt. Die Gründe für den Wechsel sind vielfältig. Keine Zeit mehr, keine Lust, kein Spaß, etwas anderes ausprobieren usw. Ernster zu nehmen sind allerdings die Begründungen, die mit der Ablehnung des Übungsleiters zu tun haben, mit zu großen Anstrengungs- und Leistungserwartungen, mit Schulverschlechterung, Erfolglosigkeit und Ärger mit anderen Sportlern.
Die letzte Station nennt sich Drop- Out.
Immer mehr Kinder verlassen den Sportverein zu einem frühen Zeitpunkt und im Alter von 12 Jahren wurde die erschreckende Erkenntnis gewonnen, dass mehr Kinder aus- als eintreten.
„Das Vereinssystem ist zu sehr auf den Wettkampfsport zugeschnitten und frustriert diejenigen, die weder den Leistungskriterien genügen (Mannschaftssportler/in zu sein) noch zwischenmenschlich integriert sind (geringe Sympathiebeziehungen zu den Leistungsträgern; Freunde, die ursächlich für den Vereinseintritt waren, treten ebenfalls aus)."
(Werner, Schmidt 2003, S. 115)
Außer der Kategorie Freunde spielt das soziale Umfeld noch eine große Rolle, wenn z.B. Eltern fördernd und motivierend wirken.

In der heutigen Zeit sind zu den fünf Standartsportarten von früher noch etliche dazugekommen und trotzdem profitieren die primären Sportarten vom Zulauf im Vorschul- und Grundschulalter. Durch die Medien immer in den Vordergrund gerückt, gehen die meisten Jungen als erstes in den Fußballverein, aber auch die Mädchen favorisieren als Erstsportart den Fußball. Die anderen klassischen Erstsportarten sind doch immer noch Turnen, Schwimmen und Leichtathletik, allerdings verlieren sie einen hohen Prozentsatz in der Zeit des Übergangs von der Kindheit zur Jugend. Bei anderen Sportspielen, vorwiegend Ballspiele, haben wir nicht so hohe Eingangszahlen, aber dafür bleiben die Vereinsmitgliederzahlen relativ konstant und man kann einen zunehmenden Trend bei den Mädchen feststellen. Wichtig geworden ist heute auch das Erlernen von Kampf- und Selbstverteidigungssportarten, aber auch hier gehen im Verlauf der Entwicklung ca. 50% der Mitglieder wieder verloren. Der Reitsport ist gerade bei Mädchen eine beliebte Erstsportart, ist leider sehr stark abhängig vom sozialen Umfeld und der Wohnlage. Die Sportart mit den höchsten Drop- Out- Zahlen ist allerdings das Tanzen. Ob Klassisch oder Modern hier steigen ca. 90% nach einer bestimmten Zeit wieder aus. Trendsportarten wie Klettern, Mountainbike, Inline- Skating, Skateboard und BMX gehören mittlerweile zum Alltag und können sich als Vereinssport kaum halten. Die Zahlen der Jahrtausendwende sprechen von einer „Versportung der Kindheit" und einem Trend in Richtung der Outdoor- Sportarten.

Die gravierendsten Veränderungen betreffen den Mädchensport. Bei ihnen lässt sich eine größere Bandbreite an ausgeübten Sportarten feststellen als bei den Jungen. Neben ästhetischen Sportarten werden auch Kampfsportarten und Ballspiele favorisiert.
Bei Mädchen sind andere Interaktionsstile zu erkennen. Sie legen mehr Wert auf Kooperation und soziale Ausgeglichenheit in der Gruppe, wohingegen bei den Jungen die offene Darstellung sportlichen Könnens ausgeprägter ist. Bei Untersuchungen fand man heraus, dass die Fluktuationsrate bei den Mädchen größer ist, als bei den Jungen, welches aber damit zusammenhängen könnte, dass die Konzentration der im Vereinssport favorisierten Zielsetzungen auf Leistung, Konkurrenz und Wettkampf nicht den Intentionen der Mädchen entspricht.

3.3 Bewegungs-, Spiel- und Sportszenen

Wie schon im vorherigen Kapitel festgestellt, haben Kinder, die in der Stadt aufwachsen, nicht die räumlichen Möglichkeiten sich zu bewegen wie Kinder die ländlicher wohnen. Kleinkinder haben in der Wohnung nicht die Chance den Raum und die Einrichtungsgegenstände so zu nutzen und zu erforschen wie es für sie wichtig wäre. Außerdem kommt noch hinzu das die Eltern verständlicher Weise es missbilligen, wenn ihre Sprösslinge auf den Schränken herumturnen. Viele Eltern meinen es mit der Einrichtung der Kinderzimmer zu gut und durch die Übermöblierung ist die multifunktionale Nutzung zum Gehen, Springen, Hopsen und Strampeln stark eingeschränkt.
Ein dramatischer Verlust ist die Einschränkung der sozialen Nahräume. Die Anzahl von zugelassenen Kraftfahrzeugen ist derartig angestiegen, dass Parkplätze eher gebaut werden als Spielplätze und es nahezu unmöglich für Kinder in städtischen Ballungsräumen ist auf der Strasse zu spielen. Die Nachfrage nach kompensatorischen Kursen wie z.B. Schwimmschulen steigt stetig an, aber sie ist kein Ersatz für die aktive Selbstgestaltung.
Aber nichts desto trotz sind Kinder kreativ und erobern ihren Lebensraum auch wenn er von Autos beparkt wird oder anderes. Man fährt mit dem Fahrrad zu einem besseren Platz und verbindet diese Tätigkeit gleich damit, sich mit Freunden zu treffen und zu quatschen.

„Kennzeichnend für diese Liste ist der Prozess einer fortgeschrittenen Substitution der traditionellen Spielformen durch neue Bewegungspraktiken. Entsprechend neu strukturieren sich die subjektiven Landkarten. Sie sind gekennzeichnet durch weiträumige Aktionen im begrenzten Raum" (Hildebrabdt- Stramann, 2001 S.887)
(Werner, Schmidt 2003, S. 119)
Generell überwiegen in der Freizeit Sportarten, die in den räumlichen Bewegungsalltag eingebettet werden und spontan in kleineren Gruppen betrieben werden können. Die Nutzung kommerzieller Einrichtungen stellt eine weitere Facette des Kindersports dar. Hier sagen Statistiken aus, dass mehr Mädchen als Jungen diese nutzen. Neben die Ausdifferenzierung institutionalisierter und inszenierter Sportangebote werden immer mehr informelle Bewegungs- und Sportszenen im Spektrum von Sportspielen beliebter.

3.4 Grundschulsport

Der Sportunterricht ist bis heute unbestritten der beliebteste Unterricht in der Schule. Am liebsten spielen die Kinder Ballspiele und Kleine Spiele. Bei den traditionellen Sportarten wie Turnen und Leichtathletik gehen die Meinungen auseinander, denn nur einem kleinen Teil der Kinder machen diese Sportarten Spaß. Dazu kommt, dass Mädchen besser mit einer Sportlehrerin auskommen, wohingegen die Jungen besser mit einem Sportlehrer klarkommen. Nicht zu vergessen ist dabei, dass jeder Mensch in seinem Verhalten und Charakter anders ist und dadurch immer anders von Schülern/innen wahrgenommen wird. Da es heutzutage fast nur noch gemischte Klassen gibt, kann diesem Problem keine gute Lösung zugeordnet werden.
Jeder vierte Schüler besucht eine Arbeitsgemeinschaft in der Schule und dabei fällt auf, dass bei den Jungen jede Zweite mit Sport zu tun hat. Bei den Mädchen wiederum nur jede Vierte.

„Um sich physisch und psychisch gesund entwickeln zu können, brauchen Grundschulkinder vielseitige, regelmäßige, ja sogar tägliche Bewegungs-, Spiel und Sportmöglichkeiten (vgl. Zimmer, 1993, S. 315-326).
(Werner, Schmidt 2003, S. 121)
Diese Regelmäßigkeit ist eine wesentliche Entwicklungsvoraussetzung. Es werden wichtige Erfahrungen gemacht, die in dem Alter von 6- 12 Jahren über Prestige und Anerkennung, über körperliche und motorische Fähigkeiten gewonnen werden. Bei Koordinationsschwächen und Angst wird das Selbstbild als sehr negativ aufgefasst und wirkt sich außerdem auf Status und Akzeptanz in der Gruppe aus. Das soll heißen, dass ohne bestimmte Entwicklungsreize im Kindesalter nicht nur die körperliche Entwicklung leidet sondern auch das Sozialverhalten. Um dieses zu verhindern fordert beispielsweise Kurz ganz verschiedene Bewegungsaufgaben, die in allen Dimensionen, mit verschiedensten Geräten und in allen möglichen Geschwindigkeiten und Belastungen stattfinden sollten. Dies bedeutet einerseits für den Sportunterricht in der Grundschule, die Vielseitigkeit der Bewegungserlebnisse ebenso zu berücksichtigen wie sportunabhängige Bewegungsmuster. Sport ist eine Perspektive der Bewegungserziehung für Kinder und das Faszinierende an ihm ist, dass er durch Einschränkungen Handlungsmöglichkeiten, die zu Handlungssicherheiten führen, eröffnet.
„Individuell wahrnehmbare Leistungen und Leistungsfortschritte zu erleben bedeutet dann auch, individuell angemessene Gelegenheiten aufzusuchen, mit der Anregung auf Hoffnung und Erfolg umgehen zu lernen und eine realistische Selbsteinschätzung aufzubauen (vgl, Kurz, 1978, S.26)."
(Werner, Schmidt 2003, S. 122)
Allerdings reichen zwei Sportstunden in der Woche lange nicht um die gesundheitliche Entwicklung maßgeblich zu fördern, aber sie tragen zu einer positiven Einstellung der Kinder dem Sport gegenüber bei. Fortschritte sind nur zu erwarten, wenn über den Sportunterricht hinaus

• Eine tägliche Bewegungszeit die kopflastigen Unterrichtsinhalte und bewegungsarmen Unterrichtsformen durch körperlich- sinnliche Erfahrungen, gemeinsames Spielen und mit der Schaffung von Bewegungsgelegenheiten ausgleichen hilft,
• Bewegung als fächerübergreifendes Prinzip zum Medium der Erfahrungsgewinnung auch in anderen Unterrichtsfächern wird,
• Bewegung, Spiel und Sport als Teil des Schullebens außerunterrichtliche Gelegenheiten (z.B. Unterrichtspausen als Zeit und Raum für Bewegungsspiele) anbietet,
• Kindliche Motorik als Teil der Gesamtkonzeption der Grundschule verstanden wird, da durch den aktiven Dialog mit Objekten und Situationen auch die Bildung kognitiver Strukturen unterstützt wird, die zur Bewältigung von Problemsituationen nötig sind (vgl. Zimmer, 1993, S. 320-325; Schmidt, 2002, S. 151-184).
(Werner, Schmidt 2003, S. 123)
Die Rolle des Lehrers spielt im Sportunterricht eine wesentliche Rolle. Er oder sie sollten nicht nur versuchen die Kinder zu beschäftigen und möglichst schnell den Unterricht hinter sich zu bringen sonder als Fachmann und Erzieher auftreten. Die Lehrer/innen sollten die Begeisterungsfähigkeit und die Schaffung eines positiven sozial- emotionalen Klimas fördern. Der Lehrer/in kann ein positives Vorbild sein und hat so großen Einfluss auf die Entwicklung und das weitere sportliche Verhalten der Kinder. Er oder sie muss dabei berücksichtigen, dass nicht alle Kinder gleich leicht zu motivieren sind und auch auf die Leistungsschwächeren eingehen. Darin liegt nämlich die Herausforderung, den ängstlicheren und sportuninteressierteren Schülern/innen die Angst zunehmen und sie durch sicheres erfahrenes Auftreten zu interessieren und zu überzeugen.
„Also er oder sie muss in der Lage sein sich in jeden Schüler/in hineinzuversetzen, um allen zu Bewegungserfolgen zu verhelfen."
(Schmidt 2003, S. 176)

4. Exemplarische Überprüfung

Um nun die beiden von mir bearbeiteten Themen in den letzten zwei Kapiteln zu bestätigen, habe ich ein Mädchen aus einer 3. Klasse interviewt, in der ich gerade schulpraktische Studien mache. Alexandra P. ist 10 Jahre alt und geht mit 20 anderen Kindern in die 3. Klasse der Grundschule. 15 von 21 Kindern machen Vereinssport und 18 von 21 treiben aktiv Sport in ihrer Freizeit. Diese Klasse ist keine besonders sportliche Klasse, aber K.-H. ist ein eher größeres Dorf und Vereinssport wird hier in allen Altersklassen intensiv betrieben. Man kennt sich untereinander und so färbt das Verhalten der Erwachsenen auf die Kinder ab. Diese fahren ihre Kinder gerne zum Training, um gleich dort ein Plauderstündchen mit anderen Eltern und Vereinskameraden zu halten.
Alexandra bildet eine der wenigen Ausnahmen, da sie leidenschaftlich gerne Fußball spielt und dies nicht nur in der Schule in der AG, auf dem Schulhof und im Verein spielt, sondern auch den größten Teil ihrer Freizeit. Sie ist eine gute Schülerin und ein sehr aufgewecktes Kind, dem es gelingt sich in der Klasse und während des Unterrichts gut zu benehmen. Dass sie viel Bewegung braucht sieht man daran, dass sie häufig aufspringt und jede sich ihr bietende Gelegenheit nutzt, um in der Klasse herum zu laufen. Wie auch die meisten anderen Kinder in ihrer Klasse besitzt sie einen Game Boy und sie sieht auch gerne Fernsehen. Mit dem Game Boy spielt sie nur wenn das Wetter schlecht ist. Von Brett- oder Kartenspielen hält sie nicht viel und einmal am Tag guckt sie ihre Lieblingssendungen, die je nach Wochentag und Tagesprogramm zwischen einer und drei Stunden dauern.
Auf der folgenden Seite habe ich den Verlauf einer Woche tabellarisch aufgelistet.

Wochenplan von Alexandra

Montag:
8-14 Uhr: Unterricht, Mittagessen und Hausaufgaben
14-16 Uhr: Fußball bzw. draußen mit Freunden spielen
16-18 Uhr: Fernsehen oder Game Boy spielen
18-19 Uhr: Abendessen
19-21 Uhr: Spielen, Lesen, mit Eltern Fernsehen
21 Uhr: Bettruhe

Dienstag:
8-14 Uhr: Unterricht, Mittagessen und Hausaufgaben
14-16 Uhr: Fußball bzw. draußen mit Freunden spielen
16-18 Uhr: Fernsehen oder Game Boy spielen
18-19 Uhr: Abendessen
19-21 Uhr: Spielen, Lesen, mit Eltern Fernsehen
21 Uhr: Bettruhe

Mittwoch:
8-14 Uhr: Unterricht, Mittagessen und Hausaufgaben im Hort
14-15 Uhr: Fußball AG
15-18 Uhr: Fußball spielen, Fernsehen oder Game Boy spielen
18-19 Uhr: Abendessen
19-21 Uhr: Spielen, Lesen, mit Eltern Fernsehen
21 Uhr: Bettruhe

Donnerstag:
8-14 Uhr: Unterricht, Mittagessen und Hausaufgaben
14-16 Uhr: Fußball Training im Verein
16-18 Uhr: Fernsehen oder Game Boy spielen
18-19 Uhr: Abendessen
19-21 Uhr: Spielen, Lesen, mit Eltern Fernsehen
21 Uhr: Bettruhe

Freitag:
8-14 Uhr: Unterricht, Mittagessen und Hausaufgaben
14-16 Uhr: Fußball Training im Verein
16-18 Uhr: Kicker spielen bei Manuel
18-19 Uhr: Abendessen und übernachten bei Manuel
19-23 Uhr: Spielen, Fernsehen, Kickern, Play Station spielen
23 Uhr: Bettruhe

Samstag:
10 Uhr: Frühstück
11-18 Uhr: Kartbahn
18-23 Uhr: Abendessen, Fernsehen
23 Uhr: Bettruhe

Sonntag:
10 Uhr: Frühstück
11-18 Uhr: mit Julia und Antonia spielen
18-21 Uhr: Abendessen, Fernsehen
21 Uhr: Bettruhe

Anhand des Wochenplans kann man deutlich erkennen, dass sich Alexandra viel draußen bewegt und in ihrer Freizeit gerne und intensiv Sport treibt. Zusätzlich zu ihrem Freizeitsport spielt sie noch in der Schulmannschaft Fußball.
Leider sieht sie auch relativ viel Fernsehen und das auch regelmäßig. Was die neuen Medien Game Boy und Play Station betrifft, hält sich der Konsum in Grenzen.
Auch kann man eine Regelmäßigkeit beim Essen und den Bettzeiten erkennen. Auch ist bis auf den Mittwoch immer jemand zu Hause und kümmert sich darum, dass Alexandra isst, ihre Hausaufgaben macht und ihr bei allen möglichen Kleinigkeiten und Problemen hilft. Sie wird für ihr fleißiges Arbeiten gelobt und bei einer schlechten Note nicht gleich streng bestraft. Meine Wahl viel nicht auf Alexandra, weil sie so ein Idealleben führt oder soviel Sport macht. Sie war als Erste mit ihren Aufgaben fertig und stand zur Verfügung.

5. Schlussbemerkung

Die Kindheit hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte auf allen Ebenen verändert. Kinder sind nicht mehr nur zur Erhaltung der Familie da, sondern gelten als Sinnerfüllung der Eltern. Es gibt immer mehr Theorien und Forschungsarbeiten darüber, wie man Kinder am besten erzieht und ihnen die beste Pflege zukommen lässt. Die unterschiedlichsten Lebensformen mit und von Kindern sind erfasst worden und zahlreiche Kinderbetreuungseinrichtungen bemühen sich den Kindern die beste Ausbildung zu ermöglichen. Bewegung und ihre Bedeutung für die kindliche Entwicklung ihre Berücksichtigung in der Schule und die Auswirkungen von neuen Medien auf die Kinderwelt, sind wichtige Beobachtungspunkte für Eltern. Mit der sich schnell verändernden Umwelt kommen neue Probleme bei Kindern auf. Übergewicht, Koordinationsstörungen, Hyperaktivität und psychosomatische Beschwerden gehören dazu.
Wie wichtig die Bewegung im Leben eines Kindes ist, ist in meiner Arbeitdeutlich geworden. Nicht nur die Welt der Kinder hat sich verändert, auch die Bedeutung und der Einsatz von Sport und Sportarten haben sich gewandelt.
Wie man hoffentlich an meinem Beispiel erkennen kann, stimmen die theoretischen Ansätze mit der Wirklichkeit überein. Zusammenfassend ist zu sagen, dass sich die Zeiten geändert haben, aber der Bewegungsdrang von Kindern und ihr Lernen mit allen Sinnen gleich geblieben sind und sich der veränderten Lebenswelt immer wieder aufs Neue anpassen.

6. Quellenverzeichnis

• Erster Deutscher Kinder- und Jugendsportbericht, Schmidt Werner, 2003 Hofmann Verlag
• Sportpädagogik des Kindesalters, Schmidt Werner, 2002, Feldhaus Verlag



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