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Weihnachten - einmal ganz sachlich betrachtet

Weihnachten - einmal ganz sachlich betrachtet
Hausarbeit
Datum: 01. Januar 2011 Autor: lalalaura Kommentare: 0

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Beschreibung:

Die Hausarbeit wurde im Rahmen eines literaturwissenschaftlichen Hauptseminars mit dem Thema "Weihnachten in der Literatur" geschrieben und behandelt Gedichte und ihre Verfasser, die der Neuen Sachlichkeit zuzurechnen sind (K. Tucholsky, B. Brecht, E. Kästner).


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Weihnachten - einmal ganz sachlich betrachtet


Weihnachten - einmal ganz sachlich betrachtet

1. EINLEITUNG

Weihnachten – das Fest der Menschwerdung und Erlösung. Dabei feiern wir die Geburt des Erlösers Jesus Christus, die Menschwerdung Gottes.
Weihnachten – ein Fest der Liebe. Bei keinem anderen Fest im Kirchenjahr will man seiner Familie so nahe sein wie an Weihnachten, möchte ein paar Tage im Kreise seiner Lieben verbringen und seiner Liebe zu den anderen Ausdruck verleihen.
Weihnachten – auch ein Fest der Profanierung, Kommerzialisierung sowie der Hektik und des Stress` ( vgl. Roll, 2003, 463ff.; vgl. Weber-Kellermann, 1978, 223 ). Diese Schlagwörter beziehen sich auf die zunehmende Entchristlichung des Weihnachtsfestes, bei dem der theologische Gehalt mehr und mehr verloren geht, sowie auf die jedes Jahr zu beobachtende Ankurbelung des Umsatzes des Einzelhandels, wobei das religiöse Ereignis immer mehr zu einer Art „Verkaufsveranstaltung“ degeneriert und auf die Hektik und den Stress, die durch die Vorbereitungen für das Fest und das Besorgen der passenden Geschenke entstehen.
Somit: Weihnachten – auch ein Fest des Schenkens und Beschenkwerdens. Gerade dies wird für viele sozial schwache Familien zur alljährlichen Herausforderung. Denn: „Ich bin, was ich habe und was ich konsumiere.“ ( Fromm, 1979, 37 ) „Zwar hieß es auch früher schon „Kleider machen Leute“, zwar spiegelte der Besitzstand immer schon den gesellschaftlichen Stellenwert des einzelnen wider, doch prägte der Konsum – aus welchen Gründen auch immer – bei weitem nicht die zwischenmenschlichen Beziehungen in dem Maße, wie das heute der Fall ist.“ ( Verbraucher-Zentrale NRW, 1989, 1 )
Weihnachten – einmal ganz sachlich betrachtet, ist eben nicht das Fest der uneingeschränkten Liebe, der Heiterkeit und des Friedens. Probleme aller Art bleiben weiterhin bestehen und treten sie auch bei manchen an diesen Tagen in den Hintergrund, werden sie doch bei anderen gerade zu den Festtagen besonders deutlich.
Auch die Literatur behandelt Weihnachten mit all diesen Facetten und Aspekten. Es gibt Weihnachtsromane und noch mehr weihnachtliche Geschichten und auch Gedichte, die von Weihnachten handeln. Viele sind für Kinder und stimmen sie ein auf den Glanz und die Herrlichkeit des Festes.
In der vorliegenden Hausarbeit, die im Rahmen des literaturwissenschaftlichen Hauptseminars „Weihnachten in der Literatur“ geschrieben wird, werden Gedichte und ihre Verfasser vorgestellt und behandelt, die Weihnachten einmal „ganz sachlich“ zeigen. Das soll heißen, nüchtern und realitätsbezogen ohne Schnörkel und Beschönigungen.
Im Folgenden sollen die Schriftsteller, Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht und Erich Kästner, kurz vorgestellt und ein Abriss über ihre Lebenszeit gegeben werden. Da sie alle zu den Vertretern der „Neuen Sachlichkeit“ gehören, soll auch auf diese Literaturströmung kurz eingegangen werden. Anschließend konzentriert sich die Arbeit auf jeweils ein Weihnachtsgedicht beziehungsweise Weihnachtslied dieser drei Persönlichkeiten. Dies findet in chronologischer Abfolge statt, so dass sich die Reihenfolge „Weihnachten“, „Maria“, „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“ ergibt.
Damit soll ein Einblick in die Weihnachtsliteratur der neuen Sachlichkeit gegeben werden. Die Schlussbemerkung liefert eine kurze Zusammenfassung.

2. DIE SCHRIFTSTELLER, Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht und Erich Kästner

Drei große Namen, drei große Persönlichkeiten, zwischen denen sich manche Parallelen ziehen lassen. Alle drei wurden Ende des 19. Jahrhunderts geboren, Tucholsky 1890, Brecht 1898, Kästner 1899, und lebten und arbeiten zumindest zeitweise in der Hauptstadt Berlin. Sie waren bedeutende Schriftsteller der Weimarer Republik (1919-1933) und Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Tucholsky zählt zu den meistgelesenen Autoren der Weimarer Republik. Brecht hat vor allem als Autor der Arbeiterliteratur in der Weimarer Zeit große Bedeutung erlangt. Kästner war durch seine „Gebrauchslyrik“ einer der bedeutenden Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Nach der (NS-)Machtergreifung am 30. Januar 1933 emigrierte Erich Kästner, im Gegensatz zu fast allen seinen regimekritischen Kollegen, nicht. Kurt Tucholsky verlegte schon 1930 seinen Wohnsitz dauerhaft nach Schweden und Bertolt Brecht flüchtete 1933 mit seiner Familie nach Dänemark. Die Werke aller drei wurden von den Nationalsozialisten verboten und verbrannt. Dieser Bücherverbrennung wohnte Kästner als Einziger bei. Kästner bekam Publikationsverbot für das Deutsche Reich. In der Schweiz konnte er harmlose Unterhaltungsromane veröffentlichen (z.B. „Drei Männer im Schnee“). Im Gegensatz zu Tucholsky, der es strikt ablehnte sich an der entstehenden Exil-Presse zu beteiligen, verfasste Brecht Beiträge für mehrere Emigrantenzeitschriften in Prag, Paris und Amsterdam. Tucholsky kehrte nie nach Deutschland zurück, er verstarb 1935 in Schweden, wahrscheinlich beging er Selbstmord. Brecht kehrte 1948 nach Ost-Berlin zurück.
Alle drei haben es zu großen Ruhm gebracht. Tucholsky war Journalist, Satiriker, Essayist, Literatur- und Theaterkritiker, Erzähler, Lyriker, Chanson- und Briefeschreiber. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Feuilletonisten des 20. Jahrhunderts. Brecht war Schriftsteller und Regisseur und gilt als einer der einflussreichsten Dramatiker des letzten Jahrhunderts. Kästner gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderst. Er war Lyriker, Roman- und Kinderbuchautor.

3. NEUE SACHLICHKEIT

Der Begriff „Neue Sachlichkeit“ ist eine Stilbezeichnung für die Malerei und Literatur in der Zeit der Weimarer Republik. Besonders ausgeprägt war sie in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts.
Die Neue Sachlichkeit war eine Gegenbewegung zum Expressionismus, die auf die subjektiv und utopisch-idealisierende Geisteshaltung des Spätexpressionismus reagierte. Die Vertreter der neuen Sachlichkeit, zu denen u.a. Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht und Erich Kästner zählen, erstrebten eine stärkere Hinwendung zur Realität, zu der „objektiven“ Wirklichkeit. Durch realitätsbezogenes, sachliches Schreiben und Verzicht auf allen Pathos wollten sie eine nüchternere und präzisere künstlerische Aussage erreichen. Ein zentrales Mittel dieser Literaturrichtung war die sogenannte (neusachliche) „Gebrauchslyrik“, deren wichtigstes Kriterium es war, sich am Gebrauchswert der Lyrik zu orientieren:

Der Lyriker ist – in Kästners Augen – ein Handwerker auf seinem Gebiet, der einen
Zweck verfolgt. Individueller Gefühlsüberschwang ist in dieser Art Lyrik fehl am Platz.
(Benson, 1973, 111)

An anderer Stelle, an der Kästner auch wieder den Vergleich der Dichter zu den Handwerkern anstrebt, drückt er die Stellung der Gebrauchslyriker folgendermaßen aus:

Die Lyriker haben wieder einen Zweck. Ihre Beschäftigung ist wieder ein Beruf. Sie
sind wahrscheinlich nicht so notwendig wie die Bäcker und die Zahnärzte; aber nur,
weil Magenknurren und Zahnreißen deutlicher Abhilfe fordern als nichtkörperliche
Verstimmungen. Trotzdem dürfen die Gebrauchspoeten ein bisschen froh sein: sie
rangieren nach den Handwerkern.
(Kiesel, 1981, 73)

Die Literatur der neuen Sachlichkeit zeichnet sich also durch eine „Tatsachenpoetik mit Gebrauchswert“ aus, bei der sich die Lyriker mit Alltagsfragen beschäftigen.

4. GEDICHTANALYSEN

4.1 „Weihnachten“ von Kurt Tucholsky

Weihnachten
So steh ich nun vor deutschen Trümmern
und sing mir still mein Weihnachtslied.
Ich brauch mich nicht mehr drum zu kümmern,
was weit in aller Welt geschieht.
Die ist den andern. Uns die Klage. 5
Ich summe leis, ich merk es kaum,
die Weise meiner Jugendtage:
O Tannebaum!

Wenn ich so der Knecht Ruprecht wäre
und käm in dies Brimborium 10
- bei Deutschen fruchtet keine Lehre –
weiß Gott! ich kehrte wieder um.
Das letzte Brotkorn geht zur Neige.
Die Gasse grölt. Sie schlagen Schaum.
Ich hing sie gern in deine Zweige, 15
o Tannebaum!

Ich starre in die Knisterkerzen:
Wer ist an all dem Jammer schuld?
Wer warf uns so in Blut und Schmerzen?
Uns Deutsche mit der Lammsgeduld? 20
Die leiden nicht. Die warten bieder.
Ich träume meinen alten Traum:
Schlag, Volk, die Kastendünkel nieder!
Glaub diesen Burschen nie, nie wieder!
Dann sing du frei die Weihnachtslieder: 25
O Tannebaum! O Tannebaum!

(Jens, 2002, 435)

Dieses Gedicht wurde erstmals 1918 in der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“, einer Zeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft, veröffentlicht. „Mit ihren kleinen roten Heften galt die Weltbühne in der Weimarer Republik als das Forum der radikaldemokratischen bürgerlichen Linken.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Weltb%C3%Bchne) 1919 erschien es auch in Tucholskys Gedichtband „Fromme Gesänge“. Als Verfasser wird Kaspar Hauser genannt. Neben Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Peter Panter eines der bekanntesten Pseudonyme unter denen Kurt Tucholsky schrieb und veröffentlichte.
Zu den wichtigsten historischen Einflüssen auf die Autoren der Weimarer Republik gehörte der Erste Weltkrieg von 1914-1918. Dieses Gedicht wurde kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges veröffentlicht und entstand vermutlich gegen Ende des Krieges, zu einer Zeit, in der die durch den Krieg verursachten Schäden unmittelbar sichtbar und spürbar waren:

Mit dem Ersten Weltkrieg endete eine Epoche unbedingten und optimistischen
Fortschrittsglaubens, eine große Desillusionierung durch die mörderische Realität der
Materialschlachten und Grabenkämpfe setzte ein.
( http://www.biologie.de/biowiki/Erster_Weltkrieg)

Tucholsky, der sich im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern und Dichtern nicht von der patriotischen Hurra-Stimmung zu Beginn des Krieges anstecken ließ und im Herbst 1918 als überzeugter Antimilitarist und Pazifist aus dem Krieg heimkehrte, zudem aktiver Teilnehmer der Friedensbewegung und unter anderen Gründungsmitglied des „Friedensbundes der Kriegteilnehmer“ war, schrieb zu dieser schweren Zeit sein Weihnachtsgedicht, das noch einmal die Ohnmacht gegenüber des Krieges und seinen Nachwirkungen gerade in Verbindung mit der sonst mit Weihnachten assoziierten feierlichen Stimmung deutlich werden lässt.
Die erste Strophe seines Gedichtes spiegelt die Realität (Z. 1) und auch die vorherrschende Resignation nach dem Ersten Weltkrieg wider (besonders in den Zeilen 3-5). Das lyrische Ich ist ohne jegliche Hoffnung angesichts der sich ihm bietenden Situation. Nichts ist zu finden von dem Glanz und der Festlichkeit Weihnachtens in diesen Trümmern, die der Krieg hinterlassen hat, und doch summt er, eher unbewusst, ein Weihnachtslied. Durch die jeweils letzten Verse der Strophen („O Tannebaum“) wird eine Verbindung zu dem allseits bekannten und beliebten Weihnachtlied „O Tannenbaum“ (auch Oh Tannenbaum), das Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderst aufkam, hergestellt. Betrachtet man den Liedtext, dann kann man eventuell erkennen, warum er gerade dieses Lied in dieser unglücklichen Zeit summt. Die letzte Strophe der Weihnachtliedes lautet:
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
Dein Kleid will mich was lehren:
Die Hoffnung und Beständigkeit
Gibt Mut und Kraft zu jeder Zeit!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
Dein Kleid will mich was lehren!
( http://de.wikipedia.org/wiki/O_Tannenbaum )

Die Tanne als immergrüner Nadelbaum gibt einem durch ihre Beständigkeit ein Stück Hoffnung und Zuversicht, die das lyrische Ich in diesem Gedicht braucht. Zudem werden Tannen hauptsächlich als Weihnachtsbaum genutzt, die, geschmückt, der Freude am Weihnachtsfest Ausdruck verleihen. In der armen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sehnt man sich in die Zeit zurück, zu der die Familie einträchtig und ohne Sorgen unter dem Weihnachtsbaum saß und erinnert sich daran, so wie es auch in dem Gedicht „Weihnachten“ der Fall ist („Ich summe leis, ich merk es kaum, die Weise meiner Jugendtage: O Tannebaum!“, Z. 6-8). Der Bezug zu dem Tannenbaum als Weihnachtsbaum wird in der zweiten Strophe noch einmal deutlich, in der dritten hingegen wieder der zu dem Weihnachtslied.
In der zweiten Strophe stellt Tucholsky den Bezug zu Weihnachten unter anderem durch die Figur des Knecht Ruprechts her. Seiner Meinung nach haben die Deutschen keine Geschenke, die der Knecht Ruprecht normalerweise bei sich hat, verdient. Denn bei ihnen fruchtet keine Lehre (Z. 11) und er kommt in ein einziges „Brimborium“ (Z. 10). Damit bezweifelt er die Lernfähigkeit der Lebenden. Er klagt an, dass die Deutschen trotz aller Verluste, den Krieg nicht verloren geben, sondern weiter kämpfen und das Leben der Soldaten, wie auch das der Daheimgebliebenden, aufs Spiel setzen. Die Deutschen lernen einfach nicht dazu, auch als sie sich schon im Frühjahr 1918 in einer wirtschaftlichen und politischen Krise befanden, gestanden sie nicht die totale Niederlage ein. Die wirtschaftliche Krise wird auch im Vers 13 deutlich („Das letzte Brotkorn geht zur Neige“), die Menschen hungern und verhungern. Das sind eine Umstände, unter denen man ein Weihnachtsfest feiern kann, es gibt keinen Gedanken an „fröhliche Weihnachten“. Tucholskys gegnerische Haltung den Verantwortlichen des Krieges gegenüber ist auch noch einmal in Vers 15/16 spürbar, am liebsten würde er sie „aufhängen“ („Ich hing sie gern in deine Zweige, o Tannebaum!“).
In der dritten Strophe stellt er die Frage, wer an all dem Elend schuld sei, wer die geduldigen Deutschen so in „Blut und Schmerzen“ geworfen habe (Z. 18-20). Eine konkrete Antwort wird auf diese eher rhetorischen Fragen nicht gegeben, jedoch appelliert er an das Volk: „Schlag, Volk, den Kastendünkel nieder!“. In einer anderen Version des Gedichtes lautet die Zeile “Schlag, Volk, die Kriegsbrandstifter nieder!“ (Busch, 1969). Das Volk soll sich gegen die Verantwortlichen zur Wehr setzen, gegen das hochmütige Militär ( Dünkel = Hochmut). Tucholsky bezeichnete an anderer Stelle das Militär als Kaste. In seiner Militärbilanz stellte er die Entwicklung des Militärs zu einer gesellschaftlichen prägenden Kaste dar. (vgl. Müller/Naumann, 1998, 49 ff.) Dabei fiel seine Darstellung vernichtend aus:

Tucholsky zeigte deutlich, wie die brutale und arrogante Haltung der Armee das Ansehen der Deutschen im Ausland nachhaltig geschädigt hatte und dass all diese Missstände wesentlich zu dem gesellschaftlichen und militärischen Zusammenbruch von 1918 geführt hatten. (Müller/Naumann, 1998, 50/51)

Nachdem sein Traum (Z. 22) sich erfüllt hat, dann erst ist wieder die Zeit für ein fröhliches Weihnachtsfest. Die letzten zwei Verse des Gedichtes stellen einen Kontrast zu den Versen 6-8 dar. Zu Beginn summt er leise, fast ohne das er es merkt, am Ende aber, fordert er die Menschen auf, frei die Weihnachtslieder zu singen (Z. 25,26), nachdem diese schwere Zeit überwunden ist.
Tucholsky hofft also auf eine bessere Zeit, in der die Menschen aus ihren Fehlern lernen und wieder „frei“ sind. Doch oftmals zweifelt er auch daran, dass es ihm möglich sei mit seinen Werken die Menschen zu erreichen und sie zum Handeln zu bewegen:

Pathos tuts nicht und Spott nicht und Tadel nicht und sachliche Kritik nicht. Sie wollen
nicht hören – diese Erkenntnis zwang Tucholsky zum Überdenken seiner Strategie.
Zudem zweifelte er mehr und mehr an der Möglichkeit, überhaupt auf die „Massen“
positiv einwirken zu können, ...
(Müller/Naumann, 1998, 55)

4.1.1 „Weihnachten“ – ein Weihnachtsgedicht?!

„Weihnachten“ von Kurt Tucholsky ist ein Gedicht, das in der Weihnachtszeit spielt und doch so wenig weihnachtlich ist. Obwohl die Überschrift des Gedichtes ein Weihnachtsgedicht erwarten lässt, ist die weihnachtliche Zeit und Stimmung nicht vordergründig, sondern besonders der Krieg mit seinen Auswirkungen wird in diesem Gedicht spürbar und begreiflich gemacht. Und gerade in dieser Verbindung Weihnachten – Krieg wird die Hoffnungslosigkeit und der Schmerz besonders deutlich. Theoretisch hätte ein Gedicht, welches die Schrecken des Krieges aufzeigen will, unabhängig von jeder Jahreszeit stehen können beziehungsweise in jeder anderen an Stelle von der Weihnachtszeit. Durch diese Begebenheit aber erscheint der Kontrast noch größer: Ruhe und Frieden – Gegröle und Krieg. Die Assoziationen, die man durch die Überschrift bildet, werden durch Worte wie „Trümmer“ (Z. 1), „Klage“ (Z. 5), „Brimborium“ (Z. 9), „grölen“ (Z. 14), „Jammer“ (Z. 18), „Blut“, „Schmerzen“ (Z. 19) und „leiden“ (Z. 20), die hier zur Verdeutlichung des Krieges beziehungsweise dessen Folgen dienen, jäh durchbrochen und lassen einen enormen Gegensatz zwischen der gedanklichen Verknüpfung mit Weihnachten und der Realität entstehen, die dieses Gedicht widerspiegelt.
Ein typisches Weihnachtsgedicht, welches die Freude auf das Fest oder an dem Fest beschreibt, eine glückliche heile Welt, ist es also nicht. Dies wäre aber auch kaum Tucholskys Absicht gewesen, der, im Sinne der neuen Sachlichkeit, die Wirklichkeit so schonungslos darstellen wollte, wie sie ist.

4.2 „Maria“ von Bertolt Brecht

Maria
Die Nacht ihrer ersten Geburt war
Kalt gewesen. In späteren Jahren aber
Vergaß sie gänzlich
Den Frost in den Kummerbalken und rauchenden Ofen
Und das Würgen der Nachgeburt gegen Morgen zu. * 5
Aber vor allem vergaß sie die bittere Scham
Nicht allein zu sein
Die dem Armen eigen ist.
Hauptsächlich deshalb
Ward es in späteren Jahren zum Fest, bei dem 10
Alles dabei war. *
Das rohe Geschwätz der Hirten verstummte.
Später wurden aus ihnen Könige in der Geschichte.
Der Wind, der sehr kalt war
Wurde zum Engelsgesang. 15
Ja, von dem Loch im Dach, das den Frost einließ, blieb nur
Der Stern, der hineinsah. *
Alles dies
Kam vom Gesicht ihres Sohnes, der leicht war
Gesang liebte 20
Arme zu sich lud
Und die Gewohnheit hatte, unter Königen zu leben
Und einen Stern über sich zu sehen zur Nachtzeit.

(Jens, 2002, 71)

Das Gedicht „Maria“ wurde von Bertolt Brecht 1922 verfasst und ist somit das früheste der Brecht`schen Weihnachtsgedichte ( „Maria“, 1922; „Weihnachtslegende“ 1923 und „Die gute Nacht“, 1925 ). Alle drei waren Auftragsarbeiten. In den zwanziger Jahren hat Brecht mehrfach zu bestimmten Gelegenheiten Beiträge für eine Zeitschrift oder Zeitung geschrieben. Die Presse lieferte somit das, was von den Lesern zu bestimmten Anlässen erwartet und gefordert wurde.
Die Überschrift verweist zum Teil auf den Inhalt des Gedichtes, welches unter anderem ein Gedicht über Maria, die Mutter des Jesus von Nazareth ist. Brecht zeichnet dabei das Bild einer armen aber unerschrockenen Frau und stellt gleichzeitig den Kontrast zwischen unbarmherziger sozialer Wirklichkeit und späterer christlicher Idylle dar. Von diesem Gegensatz zwischen „Einst“ und „Jetzt“, welche immer wieder einander gegenübergestellt werden, lebt sein Gedicht. Dies ist auch die zweite Hauptaussage des Gedichtes. Es beschreibt eine Veränderung der Welt. Dabei werden mehrere Zeiten ineinander geschichtet: die Nacht der ersten Geburt, die späteren Jahre in Marias Leben und letztendlich das, was später in der Geschichte aus dieser Nacht geworden ist. Das Verhältnis, welches diese unterschiedlichen Zeiten zueinander haben, scheint offensichtlich: „Es ist das von Wahrheit und Dichtung, von Realität und Phantasie, von Bewußtsein und Verdrängung.“ (Sölle, 1967, 98) Brecht macht es sich zur Aufgabe eben dieses Verhältnis zu analysieren.
Das Gedicht lässt sich in vier Abschnitte gliedern. In manchen Drucken wurde diese Einteilung vorgenommen, wenn auch seltener. So kann man jeweils nach dem fünften, elften und siebzehnten Vers einen Absatz machen ( im oben abgedruckten Gedicht markiert durch * hinter dem jeweiligen Vers ).
In den ersten zwei Abschnitten wird von Maria gesprochen. Über die schweren Umstände ihrer ersten Geburt und über das Vergessen der Maria. Der erste Satz, der die Basis Brechts Analyse der Zeitverhältnisse zueinander darstellt, enthält ein Faktum, nämlich, dass es sich um die erste von mehreren Geburten handelt. Daran ist besonders der medizinische Aspekt wichtig. So gilt die erste Geburt gemeinhin als die schlimmste und schmerzvollste. Dieser physische Schmerz, von dem in den meisten Weihnachtsgeschichten nicht mehr die Rede ist, kommt in diesem Gedicht in Vers 5 durch „das Würgen der Nachgeburt“, zum Ausdruck. Bekannt ist aber auch, dass die Mutter nach der Geburt die starken Schmerzen meist rasch wieder vergisst. Das Vergessen an sich ist bei Maria sehr ausgeprägt („vergaß sie gänzlich, Z. 3; „vor allem vergaß sie“, Z. 6). Als erstes wird erwähnt, dass sie „gänzlich den Frost in den Kummerbalken und rauchenden Ofen“(Z. 3,4) vergisst. Wobei der Begriff „Kummerbalken“ eine Kreation Brechts, ein Neologismus, ist. Der Ort, an dem sie gebar, wirkt kalt und ungemütlich, was durch die Wortneuschöpfung, den Frost und den rauchenden, das heißt nicht wärmenden Ofen, verdeutlicht wird. Ebenso vergisst sie „das Würgen der Nachgeburt gegen Morgen zu“ (Z. 5), welches, wie bereits erwähnt, ein bekanntes Phänomen bei gebärenden Müttern ist. Zudem schämte Maria sich in Gegendwart anderer Menschen zu gebären, jedoch auch dies vergisst sie („Aber vor allem vergaß sie die bittere Scham, Z. 6,
Nicht allein zu sein“, Z. 7).
Nach dem Vergessen folgt nun die Umdeutung der Ereignisse im Laufe der Geschichte. Alles, was vorher feindlich und bedrohlich wirkte, wird nun umgedeutet zum Fest. Die Wirklichkeit nämlich, die Kälte der Nacht (Z. 1,2), der Frost in den Balken (Z. 4), die Schmerzen (Z. 5), das in Vers 12 erwähnte „rohe Geschwätz der Hirten“, der Wind (Z. 14) und das „Loch im Dach, das den Frost einließ“ (Z. 16), wird idealisiert.
Im dritten Abschnitt wird folglich der Kontrast zwischen Realität und Idylle noch einmal besonders deutlich. Wobei hier die Idylle dennoch „gedämpft“ wirkt. Das Geschwätz der Hirten verstummt zwar, jedoch wird nicht erwähnt, dass sie loben oder Geschenke zum Kind bringen. Von den Engeln wird nur deren Gesang genannt und in Vers 17 bleibt nur der Stern übrig:

Das Gedicht vollzieht eine Reduktion dessen, was unter Weihnachten bekannt geworden
ist, auf die zugrundeliegenden Begebenheiten, es betreibt eben das, was die
Wissenschaft „historische Kritik“ nennt. Das Gedichtergebnis, dass Weihnachten in
späteren Jahren – im Widerspruch zu den Tatsachen – zum Fest der Freude und des
Friedens geworden ist, aus dem die Züge der Bitterkeit, der Rohheit, des Frosts und der
Angst getilgt wurden, stimmt in mehreren Details, vor allem aber in der Tendenz, mit
dem Forschungsergebnis der neutestamentlichen Wissenschaft überein.
(Sölle, 1967, 99)

Im vierten Abschnitt führt Brecht scheinbar eine Erklärung für diese Unterschiede zwischen Wirklichkeit und Geschichtsfälschung an („Alles dies kam vom Gesicht ihres Sohnes, ...“, Z. 18/19). Er belässt es somit nicht auf der Erkennung und Benennung der Unterschiede, die er durch seine Analyse aufgedeckt hat, sondern sucht nach den Gründen dieser Umdeutung. Dabei findet er ein menschliches Gesicht, das „Gesicht ihres Sohnes“ (Z. 19), den er jedoch nicht beim Namen nennt. Durch die drei folgenden gleichgeordneten Aussagen (Z. 19-21) wird jedoch klar, wer gemeint ist: Jesus Christus, Gottes Mensch gewordener Sohn. Markant ist hierbei die bekannte Aussage, dass er „Arme zu sich lud“ (Z. 21). In den letzen zwei Versen interessieren Brecht die Gewohnheiten Jesus:

Psychologie hat hier – wie überhaupt bei Brecht – wenig zu suchen, die „Gewohnheiten“ und das Gewöhnliche interessieren mehr. Daß er – nicht die Anlage oder den Willen oder das Vermögen – aber die Gewohnheit hatte, unter Königen zu leben, enthält in nuce das Thema des ganzen Gedichts, nämlich die Veränderung die Jesus in der Welt bewirkt.
(Sölle, 1967, 100)

Jesus hatte, wie bekannt, nicht die Angewohnheit unter „Königen zu leben“ (Z. 22), viel mehr lebte er mit armen Menschen, Fischern, Prostituierten, einfachen Arbeitern und Verstoßenen zusammen. Dabei entdeckte er aber, und so ist hier die Gewohnheit nicht als ein passives Verhalten, sondern mehr als ein aktives Entdecken zu sehen, dass diese einfachen Menschen zu „Königen wurden, im Umgang mit dem, der sie wie Könige behandelte, und für den Könige eben diese gewöhnlichen Menschen unter dem gleichen Himmel waren.“ (Sölle, 1967, 100/101)
Verwundernd ist bei dieser Darlegung jedoch, dass die Vergangenheit beziehungsweise die Wahrnehmung und Darstellung des Vergangenen verändert wird durch etwas was in der Zukunft stattgefunden hat, nämlich die Taten und das Leben ihres Sohnes Jesus.
(vgl. Sölle, 1967, 84 ff.)

4.2.1 Das Jesuskind mit oder ohne Heiligenschein – oder die Frage, ob wir die Weihnachtsgeschichte idealisieren

Wie bereits dargelegt, beschreibt das Gedicht „Maria“ eine Veränderung der Welt durch Jesus Christus. Aber auch Jesus Kindheit und Leben selbst wurde im Laufe der Geschichte in gewisser Weise verändert. So ist das „Ergebnis der formgeschichtlichen Forschung, daß viele der später in das Leben und die Kindheit Jesu projizierten Wunder erst durch die seit Ostern glaubende Gemeinde in die historischen Anfänge übertragen wurden.“ (Sölle, 1967, 99) Heute findet man zum Beispiel die unterschiedlichsten Darstellungen von Jesus Geburt, die einen sind realitätsbezogener, sie zeigen ein Neugeborenes mit seinen Eltern, die es behüten, aber eher ärmlich ausschauen, manchmal auch nur mit zwei Tieren, Ochs und Esel, die anderen zeigen ein idealisiertes Bild der Geburt Jesu. Bei diesen Darstellungen wird das neugeborene Kind oft mit einem Heiligenschein gezeigt und es erscheinen weitere Figuren, wie zum Beispiel die drei Weisen aus dem Morgenland (Caspar, Melchior und Balthasar) mit Geschenken (Gold, Weihrauch, Myrrhe). Dies ist in dem Sinn eine Realitätsveränderung, dass in der Bibel nur von „Weisen“, eigentlich Magiern (magoi), die Rede ist. Zudem tauchen dort weder Namen auf, noch ist die Anzahl vermerkt. Die Bibel selbst spricht nicht von Königen. (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtskrippe) Dorothee Sölle spricht in ihrem Aufsatz „Macht von unten“ auch davon, mit welcher Konsequenz, alle realistischen, plebejischen, niederen Elemente der Weihnachtsgeschichte getilgt worden sind:

Vor lauter Stern haben wir uns angewöhnt, den dreckigen Stall zu übersehen, vor lauter
Königen die verängstigten Hirten vergessen oder zu idyllischen Schäfern gemacht, und
in den Kirchen hört man viel über Lobgesang, aber nichts darüber, wie lange die Wehen
bei Maria dauerten und ob sie sehr schrie. Die Geschichte ist sakralisiert worden, ihre
Profanität wurde allmählich vergessen, weil es leichter ist, eine heilige Geschichte zum
Trost zu benutzen als von einer profanen zu lernen.
(Sölle in Berg, 1973, 39)

Sehr schön deutlich wird diese unterschiedliche Assoziation, die man mit der Weihnachtsgeschichte hat, auch in folgendem Auszug einer Episode in der Vorweihnachtszeit:

[...] Seht euch die armen Verkäuferinnen an, die sind völlig fertig, überhaupt alle Leute
sind fertig, du doch auch Mama, hast du nicht selbst gesagt: Hauptsache ein paar Tage
Ruhe! Und das nennt sich Weihnachten, wo der Sage nach ein äußerst armes Kind
geboren worden ist.“

„Der Sage nach! Ich verbiete dir diesen Ton“, fährt der Vater dazwischen. „Es ist unser
schönstes christliches Fest, und es läßt sich geschichtlich beweisen.“ „Aber die
Theologen streiten doch selbst darüber, wie alles gewesen ist, denke bloß an die
Existenz des Paradieses und an die Auferstehung. Aber das hört ihr einfach nicht, es darf
eben nicht wahr sein. Für euch liegt auf dem Stall von Bethlehem Schnee, ein Engel
schwebt darüber, und das Kind friert nicht, sondern lächelt, himmlische Kinder frieren
eben nicht.“ [...]
(Harbert in Verbraucher-Zentrale NRW, 1989, 8)

In dieser Geschichte haben die Kinder eine andere Auffassung von Weihnachten als ihre Eltern. Doch weder kann man die einen noch die anderen für ihre Anschauungsweise verurteilen, obwohl Dorothee Sölle dies wahrscheinlich tun würde, beziehungsweise einem von beiden Recht geben. Die Ansicht der Kinder mag zwar näher an der „echten Weihnachtsgeschichte“ liegen, die Eltern sind jedoch glücklich, Weihnachten als eine Art „Fiktion“ zu feiern, und sie sind sich darüber bewusst, dass es in gewisser Weise ein „Spiel“ ist:

Das Spiel tut als ob. Das Spiel fingiert Weihnachten Licht und Frieden und Liebe.
Wie ernst kann man solche Fiktionen nehmen? Das kommt auf die Hoffnung an, die wir
haben. Ohne Hoffnung gespielt, ist alles nur beschwichtigende Illusion,
Augenwischerei, Seelenwischerei. In Hoffnung gespielt aber und zur Ehre Gottes
angesetzt, kann daraus Vergewisserung und Trost und große Freude werden.
(Berg, 1973, 58)

Brechts Gedicht „Maria“ zeigt uns beides, Wirklichkeit und Idylle, trifft aber weder eine Entscheidung für das eine noch für das andere, sondern bleibt objektiv durch Beobachtung.

4.3 „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“ von Erich Kästner

Weihnachtslied, chemisch gereinigt
( Nach der Melodie: „Morgen, Kinder, wird’s was geben!“ )

Morgen, Kinder, wird's nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte euch das Leben.
Das genügt, wenn man's bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit. 5
Morgen ist's noch nicht soweit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern. 10
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bisschen durch die Straßen!
Dort gibt's Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen, 15
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen -
lernt drauf pfeifen! Werdet stolz! 20
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt's an Holz!
Stille Nacht und heil'ge Nacht -
weint, wenn's geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird's nichts geben! 25
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit ...
Ach, du liebe Weihnachtszeit! 30

Anmerkung: Dieses Lied wurde vom Reichsschulrat
für das Deutsche Einheitslesebuch angekauft.

(Hartung, 1998, 49/50)

Kästners Weihnachtslied wurde 1928 in seinem ersten Gedichtband „Herz auf Taille“ veröffentlicht. Es ist eine Umdichtung des bekannten Weihnachtsliedes “Morgen, Kinder, wird’s was geben“, was schon in der Anmerkung unter der Überschrift deutlich wird, wo auf die Melodie dieses Liedes verwiesen wird. Der Text des Weihnachtsliedes für Kinder stammt von Philipp von Bartsch (1770-1833) und ist seit 1795 überliefert, die Melodie von Gottlieb Hering seit 1809. Mittlerweile gibt es das Lied in verschiedenen, leicht abweichenden Fassungen, jedoch ist allen Versionen die Grundstimmung des Weihnachtsliedes gemeinsam: die Vorfreude auf das Fest, den Glanz und die Geschenke, bei denen die Eltern sich viel Mühe gegeben haben, sowie das Schwelgen in schönen Erinnerungen an vergangene Weihnachtsfeste.
Seine Umdichtung des Weihnachtsliedes nennt Kästner „chemisch gereinigt“: befreit vom Inhalt des Ursprungsliedes, ernüchternd, desillusionierend, bitter. Eben dies wird bereits im ersten Vers sehr deutlich, den Kästner im Vergleich mit dem ursprünglichen Liedtext zwar nur um ein kleines Wörtchen abändert, jedoch eine vollkommen andere Wirkung damit erzielt. Drückt „Morgen, Kinder, wird’s was geben!“ ( original Liedtext, Z. 1) eine Vorfreude und Begeisterung aus, so nimmt die erste Zeile Kästners Liedes „Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!“ den Kindern die Illusionen auf ein reich beschenktes Weihnachtsfest. Erich Kästner schreibt sein Lied sehr sachlich, genau, nüchtern und vor allem illusionslos. Er gibt somit seinen Lesern einen Ausschnitt aus ihrer Alltagswelt, die unter anderem durch Arbeitslosigkeit und Armut geprägt ist. Somit bezieht er seinen Textinhalt auf die damalige soziale und gesellschaftliche Situation und tut das, was er so oft in seinen Gedichten getan hat: er stellt soziale Missstände dar. Prägend waren für Kästner die Kriegs- und Nachkriegszeit, sowie die Revolution und Inflation. Außerdem können zur Analyse des Gedichtes auch die Erfahrungen aus seiner Kindheit wichtig sein:

Ida Amalia Kästner, seine Mutter, arbeitet für ihren Sohn bis tief in die Nächte hinein. Der Junge weiß sehr früh, daß er nur durch den unmenschlichen Arbeitsaufwand seiner Mutter, der nur ihm gilt, eine behütete Kindheit und Jugend hat. Das Erkennen dieser täglich bedrückenden Verhältnisse ist für sein ganzes Leben prägend. Luiselotte Enderle, seine Biographin: „Kästners Werk und Leben kann man völlig auf diese ersten Milieuerfahrungen zurückführen.“
(Wolff, 1983, 40)

Des Öfteren wurde Kästners pessimistische Einstellung, die zum Teil auch in seinen Werken Ausdruck findet, kritisiert. Bei diesem Gedicht aber lässt sich neben der sachlichen, realistischen bis pessimistischen Aussage auch eine ganz andere Tendenz, ein anderer Gehalt des Inhaltes, finden: Er will den Kindern, die er in seinem Werk anspricht, Mut machen, will an ihren Verstand appellieren und ihnen Stolz und Würde verleihen.
In der ersten Strophe vertröstet er sie („Einmal kommt auch eure Zeit“, Z. 5), in der zweiten unternimmt er bereits den Versuch sie zu trösten („Doch ihr dürft nicht traurig werden.“ Z. 7), in der dritten Strophe gibt er ihnen Ratschläge („Lauft ein bisschen durch die Straßen!“ Z. 13) und appelliert an ihren Verstand („Kopf gut schütteln vor Gebrauch! Z. 17, Ohne Christbaum geht es auch.“ Z. 18), genauso in der vierten („Reißt die Bretter von den Stirnen, denn im Ofen fehlt´s an Holz“, Z. 21,22). In dieser richtet er auch eine weitere Aufforderung an seine Leser („lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!“ Z. 20). Diese Bitte wirkt durch ihre Kürze und die verwendeten Ausrufezeichen sehr eindringlich und prägnant. Einen weiteren Wunsch drückt er mit dem Vers 24 aus: „weint, wenn´s geht, nicht! Sondern lacht!“ In der fünften und letzten Strophe zeigt er seinen Lesern auf, was für sie dabei „heraus springt“ und wofür sie diese an sich bittere Erfahrung nutzen können („Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!“ Z. 26; Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!“ Z. 27).
Das Lied wirkt durch Kästners sachliches Schreiben und die realistischen Aussagen, die darin enthalten sind, bitter, hart und illusionsraubend. Obwohl Kästner den Kinder Verständnis für ihre schwere Situation und Stolz geben will, bleibt er selber skeptisch, ob sie letztendlich lachen anstatt zu weinen („weint, wenn´s geht, nicht! Sondern lacht!“ Z. 24), ob sie stark genug sind, die Missstände zu begreifen und mit ihnen leben zu können.
Seine Anmerkung, die er unter das Lied gesetzt hat, ist sicherlich ironisch gemeint.

4.3.1 „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“ – ein veraltetes Weihnachtslied und nur eines für die „Armen“?!

Sicherlich spricht Kästner mit seiner Umdichtung des ursprünglichen Weihnachtsliedes besonders die sozial schwachen Menschen an, da bei ihnen die Identifikation mit der beschriebenen Situation am größten ist. Auch wenn er sein Lied vor cirka 90 Jahren verfasst hat, so hat es doch nichts an Bedeutung für die Gegenwart eingebüßt und scheint in diesen Tagen aktueller als je zuvor. Denn immer mehr Kinder, die Kästner in und mit seinem Gedicht anspricht, sind von Armut betroffen. Laut dem „Armuts- und Reichtumsbericht“ der Bundesregierung war im Jahre 2003 jedes siebte Kind und beinahe jeder fünfte Jugendliche von Armut betroffen und die Tendenz ist steigend (vgl. http://www.planet-wissen.de/pw/Artikel,,,,,,,046FFC211EB519A3E0440003BA5E08D7,,,,,,,,,,,,,,,.html). Besonders zu einem Anlass wie Weihnachten, welches sich „immer mehr zu einer öffentlichen „Konsumorgie“ entwickelt“ (Berg, 1973, 56) kommt dieser Armuts-Aspekt zum Tragen.
Ein offener Brief einer alleinerziehenden Mutter, den man im Internet finden kann, verdeutlicht noch einmal diese Problematik und die Nähe Kästners Liedes zur heutigen Zeit:

(...)
"Wir haben kein Geld dafür, sieh das doch bitte endlich ein!", JEDEN TAG musste ich diesen Satz mindestens einmal zu meinen drei Kindern sagen. (Und noch immer ist es für mich wie ein Stich ins Herz: Ich könnte heulen vor Verzweiflung - würde meinen Tränen freien Lauf lassen, wenn da nicht die Leute wären!)
Meine Kinder fragten mich anfangs immer wieder: "WARUM nicht?"
Letztes Jahr an Weihnachten hat Erich Kästner meinen Kindern die Antwort auf ihre Frage(n) gegeben - seitdem sind meine Kinder still geworden - - - vielleicht: erwachsen.
Die Jüngste ist gerade 10 Jahre alt. Aber ich glaube, sie hat's verstanden.
(http://f22.parsimony.net/forum39617/messages/587.htm)

Wenig später heißt es in dem Brief, der unter anderem an Herrn Köhler, den derzeitigen Bundespräsidenten, gerichtet ist:

PS. (1):
Wieder und nochmal und immer wieder haben meine Kinder dieses Weihnachtslied  „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“ an Weihnachten 2004 gesungen.
Mit wachsender Freude, zuletzt: mit Begeisterung.
(http://f22.parsimony.net/forum39617/messages/587.htm)

Zwei wichtige Dinge kommen in diesen Auszügen zum Ausdruck: Zum einen, dass Erich Kästner mit seinem Text „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“ den Kindern Antworten geben kann und zum anderen, dass er ihnen Würde und vielleicht auch einen Teil Zuversicht vermitteln kann. Diese Absicht hegte Kästner wohl auch, der sich selbst als „Gebrauchslyriker“ bezeichnete und seine Gedichte als „Handlungsanleitungen für den Alltag“ sah (vgl. Jens, 1990, 16/17).

5. SCHLUSSBEMERKUNG

Abschließend lässt sich festhalten, dass, obwohl die behandelten drei Texte recht unterschiedlich sind, sowohl vom Aufbau und Stil als auch vom Inhalt, sich dennoch Gemeinsamkeiten herausarbeiten lassen: Alle drei Texte wurden von Vertretern der Neuen Sachlichkeit verfasst und weisen somit, mal mehr mal weniger, charakteristische Züge aus dieser Literaturepoche auf. Sie zeichnen sich durch „Tatsachenpoetik mit Gebrauchswert“ aus, in denen die Beobachtung wichtiger wird als die Dichtung, so dass sie teils nüchtern wirken.
Bei Tucholskys Gedicht ist es das Umfeld, geschaffen durch den Ersten Weltkrieg, welches er „dokumentiert“, Brecht stellt geschichtliche Ereignisse dar, die Weihnachtsgeschichte und deren Veränderung im Laufe der Geschichte, und Kästner gibt in seinem Weihnachtslied ein Bild seiner armen und schwierigen Zeit. Alles in allem, faktenorientierte Darstellungen einer realen Welt, ohne Beschönigungen. Doch so ganz kann man die Texte, zumindest „Weihnachten“ und „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“, nicht von der, eigentlich in der neuen Sachlichkeit nicht gewünschten, „Gefühlsduselei“ lossprechen. Sowohl Tucholsky als auch Kästner hätten ein Bild ihrer Zeit, mit all den Problemen, Missständen und Ungerechtigkeiten, auch losgelöst von der weihnachtlichen Zeit, geben können. Dadurch aber, dass in beiden Texten der weihnachtliche Hintergrund gegeben ist, wird ihnen einerseits etwas von der Sachlichkeit und Objektivität genommen. Die Trümmer des Ersten Weltkrieges und die Armut der Kinder im Lied erscheint im Zusammenhang mit Weihnachten umso schlimmer. Andererseits ist es aber auch gerade die Realität, dass der Krieg und die Armut an Weihnachten keine Ausnahme machen, so dass man anstatt von einer Manipulation der Leser von Dokumentarismus sprechen kann.
Weihnachten – ein umfassendes Thema mit vielen unterschiedlichen Meinungen und Anschauungen, in diesen drei Texten interessant „verarbeitet“ und „seelisch verwendbar“ aufbereitet.

6.LITERATURVERZEICHNIS

6.1 Primär Literatur:

Hartung, Harald (Hrsg.) in Zusammenarbeit mit Brinkmann, Nicola: Erich Kästner •
Werke, Zeitgenossen, haufenweise, Gedichte, München Wien: Carl Hanser Verlag, 1998

Jens, Walter (Hrsg.): Es begibt sich aber zu der Zeit. Texte zur Weihnachtsgeschichte,
Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2002

6.2 Sekundär Literatur:

Benson, Renate: Erich Kästner, Studien zu seinem Werk, Bonn: Bouvier Verlag Herbert
Grundmann, 1973

Berg, Sigrid (Hrsg.): Weihnachten, Materialien und Entwürfe, Stuttgart/München: Calwer
Verlag/Kösel-Verlag, 1973

Busch, Ernst: Fromme Gesänge – He! Republik. Hanns Eisler / Kurt Tucholsky, Aurora 580
010/011, 1969

Fromm, Erich: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft,
Stuttgart, 1979

Jens, Walter (Hrsg.): Kindlers Neues Literatur Lexikon , Ka-La, Register Band 9, München:
Kindler Verlag GmbH, 1990

Kiesel, Helmuth: Erich Kästner, München: Beck; Verlag Edition Text u. Kritik, 1981
(Autorenbücher; 26)

Müller, Wolfgang; Naumann, Uwe (Hrsg.): Kurt Tucholsky dargestellt von Michael Hepp,
Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 1998

Roll, Susan K.: Weihnachten/Weihnachtsfest/Weihnachtspredigt; in: TRE 35, S. 453-468;
Berlin - New York: de Gruyter, 2003

Sölle, Dorothee: Bertolt Brechts Weihnachtsgedichte interpretiert im Zusammenhang seiner
lyrischen Theorie in Gruenter, Rainer; Henkel, Arthur (Hrsg.): Euphorion, Zeitschrift für
Literaturgeschichte, 61. Band, Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag, 1967, S. 84-104

Verbraucher-Zentrale NRW (Hrsg.): Süsser die Kassen nie klingeln. Fest- und Ehrentage
als Wirtschaftsfaktor, Düsseldorf: Lilodruck OHG, Möhker & Sievering, 1989

Weber-Kellermann, Ingeborg: Das Weihnachtsfest. Eine Kultur- und Sozialgeschichte der
Weihnachtszeit; Luzern-Frankfurt/M.: Bucher, 1978

Wolff, Rudolf (Hrsg.): Erich Kästner, Werk und Wirkung; mit e. bibliogr. Anh. / Rudolf
Wolff. – 1. Aufl. – Bonn: Bouvier, 1983 (Sammlung Profile; Band 1)

6.3 Internetquellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/O_Tannenbaum (24.02.1007)

http://www.weihnachtsstadt.de/Lieder/Weihnachtslieder/morgen_kinder_wirds.htm (27.10.2006)

http://www.biologie.de/biowiki/Erster_Weltkrieg (16.11.2005)

http://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtskrippe (06.03.2007)

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Weltb%C3%BChne (13.03.2007)

7. ANHANG

7.1 Liedtext von „O Tannenbaum“

O Tannenbaum
Ernst Anschütz 1824

O Tannenbaum, o Tannenbaum,
Wie treu sind deine Blätter!
Du grünst nicht nur zur Sommerzeit,
Nein, auch im Winter, wenn es schneit.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
Wie treu sind deine Blätter!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
Du kannst mir sehr gefallen!
Wie oft hat schon zur Winterszeit (oder Weihnachtszeit)
Ein Baum von dir mich hoch erfreut!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
Du kannst mir sehr gefallen!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
Dein Kleid will mich was lehren:
Die Hoffnung und Beständigkeit
Gibt Mut und Kraft zu jeder Zeit!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
Dein Kleid will mich was lehren!

( http://de.wikipedia.org/wiki/O_Tannenbaum )

7.2 Liedtext von „Morgen, Kinder, wird’s was geben“

Morgen, Kinder, wird’s was geben

Morgen, Kinder, wirds was geben
morgen werden wir uns freun!
Welch ein Jubel, welch ein Leben
wird in unsrem Hause sein!
Einmal werden wir noch wach,
heißa, dann ist Weihnachtstag!
Wie wird dann die Stube glänzen
von der großen Lichterzahl!
Schöner als bei frohen Tänzen
ein geputzter Kronensaal.
Wißt ihr noch wie vor'ges Jahr
es am Heil'gen Abend war?
Wißt ihr noch mein Räderpferdchen,
Malchens nette Schäferin,
Jettchens Küche mit den Herden
und dem blankgeputzten Zinn?
Heinrichs bunten Harlekin
mit der gelben Violin?
Welch ein schöner Tag ist morgen!
Viele Freunde hoffen wir;
uns're lieben Elternsorgen
lange, lange schon dafür.
o gewiß wer sie nicht ehrt,
ist der ganzen Lust nicht wert.

( http://www.weihnachtsstadt.de/Lieder/Weihnachtslieder/morgen_kinder_wirds.htm )



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