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Kinderlyrik in der Grundschule

Kinderlyrik in der Grundschule
Hausarbeit
Datum: 02. Januar 2011 Autor: Baa Kommentare: 0

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Beschreibung:

Kinderlyrik in der Grundschule. Theoretischer Teil mit praktischen Umsetzungsmöglichkeiten am Beispiel 'Das Apfeljahr' von H. Claudius.


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Kinderlyrik in der Grundschule


Kinderlyrik in der Grundschule

1. Einleitung

Der Begriff „Kinderlyrik“ ist problematisch, da der Übergang zur Lyrik fließend ist und er lange Zeit nicht als eigenständiges Genre angesehen wurde.
Kinderlyrik ist der Lyrik unterzuordnen, da sie, in Bezug auf die Themen, Motive, Formen und Intension eine enge Verwandtschaft aufweist und beiden die lyrische Struktur, nämlich die Sprache in ihrem Materialcharakter, gemeinsam ist. Das heißt, es bestehen keine künstlerischen, also qualitativen Unterschiede und somit stellt die Kinderlyrik keine Übungs- oder Vorform dar [1] .
Allerdings besteht weiter die Frage, ob es auch ein eigenes Genre ist. Stoff, Stil, Form, Intention und Abstraktionsgrad berücksichtigen den kindlichen Leser mit seinen Interessen, Bedürfnissen, Kenntnissen, Erlebnisweisen, Fähig- und Fertigkeiten. Da dies aber nicht im Sinne einer Didaktisierung, sondern vielmehr als Adaption anzusehen ist, kann man die Kinderlyrik als eigenständiges Genre ansehen. Weitere spezifische Merkmale, die sie gegen die allgemeine Lyrik abgrenzen, sind neben dem Adressatenbezug noch, dass Themen und Motive aus den direkten Lebensbereichen entnommen werden, die Überschaubarkeit z. B. in Bezug auf Gliederung, Metrum oder Endreim, ein meist optimistischer Grundton sowie ein niedriger Abstraktionsgrad [2] .
Alles in allem „könnte man unter Kinderlyrik sämtliche in gebundener, nicht unbedingt gereimter Sprache und in einer bestimmten Form von Kindern und von Erwachsenen für Kinder vom Kleinkindalter bis etwas 10 Jahre verfassten und von diesen rezipierten sprech-, les- und z. T. auch singbare Texte verstehen.“[3]

2. Überblick über die Typologie der Kinderlyrik

Es gibt verschiedene Einteilungen der Kinderlyrik. Kurt Franz gliedert die Kinderlyrik nach wesentlichen Ausdrucksformen in: Kinderreim, -gedichte, -lied, -spiel, Sprachspiel, Nonsense und Konkrete Poesie [4] . Die Typologien von Harald Reger und Magda Motté sind ähnlich. Hier wird „Kinderlyrik aufgrund ihrer formalen, thematischen und funktionalen Übereinstimmung mit der Erwachsenenlyrik wie dies in literaturwissenschaftlicher Perspektive unterteilt [5] “.
Regner, der im Vergleich zu Motté genauer differenziert und beschriebt, teilt Kinderlyrik in fünf verschiedene Kategorien ein:
- Gebrauchsverse (z. B. Neck-, Kinderstuben-, Abzählreime, Kindergebete, Lieder zu Spielen und Tänzen),
- Erlebnis- und Stimmungslyrik (Natur-, Tier-, Dinggedichte, Gedichte, die durchgängig problemfrei Kinderdasein thematisieren),
- Reflexionslyrik (Probleme, die personal und sozial Heranwachsende hinsichtlich ihrer Lebensbereiche und Erkenntnisinteressen betreffen [6] ),
- Geschehenslyrik (Balladen, Erzählgedichte, Versfabeln) und
- Sprachspiele auf graphischer (z. B. Typogramme), auf phonetischer (z. B. Reimspiele), auf semantischer (z. B. Rätsel) und auf stilistischer Ebene (z. B. Parodien)[7] .
Die Einteilung lässt erkennen, dass Kinderlyrik in der Grundschule bedeutsam ist. Besonders die Erlebnislyrik und Sprachspiele, sowie die reflektierenden Gedichte in der dritten bzw. vierten Jahrgangsstufe, haben einen hohen Stellenwert.
Ähnlich wie die Typologie der Kinder- auf die Erwachsenenlyrik übertragbar ist, ähneln sich auch die Elemente und Strukturen. Eine genauere Aufführung würde allerdings den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen.

3. Kinderlyrik im Lehrplan

Gedichte sind in vielen Fächern der Grundschule einsetzbar. Im Heimat- und Sachunterricht zum Beispiel können sie zum Heranführen an ein neues Thema eingesetzt werden, im Religionsunterricht können sie der Reflexion oder Besinnung dienen, aber auch in Bewegungspausen können Sprachspiele eine (rhythmische) Grundlage sein. Alles in allem bleibt die Kinderlyrik dennoch Bestandteil des Deutschunterrichts. Dies spiegelt sich auch im bayrischen Lehrplan des Faches Deutsch wieder. Ein pädagogisches Leitthema ist ‚Lesen und mit Literatur umgehen’. In jeder Jahrgangsstufe werden lyrische Texte expliziert aufgeführt [8] . Außerdem werden im Anhang „Hinweise zur Auswahl von Gedichten“[9] gegeben. Hier wird darauf hingewiesen, dass Gedichte eine Abwechslung zum gewohnten Sprachgebrauch darstellen, als Diskussionsstoff dienlich sein können sowie Teil literarischer Bildung und Ästhetik sind. Zusammenfassend ist also festzustellen, dass Kinderlyrik einen festen Bestandteil des Deutschunterrichts in der Grundschule darstellt.

4. Umsetzungsmöglichkeiten

Viele Schüler und auch Erwachsene assoziieren mit dem Begriff ‚Gedicht’ das auswendige Vortragen, ein lehrergemäßes Interpretieren und somit oft Unverständnis oder Abneigung. Allerdings weist die neuere Literaturdidaktik viele neue Wege auf, wie Gedichte für Schüler effektiver werden und so über das stupide Auswendiglernen und Interpretieren hinausgehen können. Der Ausgangspunkt ist, dass Schule den „Kindern individuelle Zugänge zu Gedichten ermöglichen“[10] sollte, wobei das Vortragen nur einer unter vielen Zugängen darstellt. Verschiedene kreative Verfahren sollen vermeiden, dass das Auswendiglernen und ‚Durchkauen’ nicht die einzigen Annährungen an Lyrik bleiben.
Für das didaktische Vorgehen wurden früher verschiedene Stufenfolgen vorgeschlagen, z.B. 1969 von Reumth und Schorb [11] . Diese sind aber im Sinn der neuen Literaturdidaktik nicht mehr haltbar und sollten, wenn überhaupt, als Auswahlangebot verstanden werden [12] .
In der aktuellen Literaturdidaktik herrscht weitgehend Übereinstimmung, dass vielfältige kreative und produktionsorientierte Verfahren im Deutschunterricht eingesetzt werden sollten und auch schon eingesetzt werden. Allerdings soll so das Schwierige an lyrischen Texten nicht vereinfacht oder sogar vorenthalten werden. Die Schwierigkeit und Herausforderung besteht in der Verknüpfung von kreativen und kognitiven Prozessen, „dass eine Verstehensspirale, ein ästhetisches Lernen bei möglichst vielen Kindern erreicht wird“[13] . Somit wird die Produktion von eigener Lyrik und die Begegnung mit der bestehenden Lyrik verbunden.

4.1. Beispiel: „Das Apfeljahr“ (H. Claudius)

„Das Apfeljahr“[14] von H. Claudius eignet sich für die dritte Jahrgangsstufe. Es beschreibt in fünf Strophen die Entwicklung des Apfels von der Blüte zum reifen Apfel.
Am Anfang könnte im Frühjahr ein Unterrichtsgang zu einem blühenden Apfelbaum stattfinden. Es stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, dass sich die Kinder mit dem blühenden Apfelbaum auseinander setzten. So wäre es möglich, dass die Schüler wählen, ob sie den Baum malen, in Kleingruppen oder mit der ganzen Klasse darüber sprechen, den Baum mit verschlossenen Augen ertasten und an den Blüten riechen oder „nur“ beobachten. So kann sich jeder Schüler auf eine individuelle Weise mit dem blühenden Baum beschäftigen und an seine individuellen Erfahrungen anknüpfen. Anschließend versammelt sich die Klasse in einem Sitzkreis auf der Wiese und schließt ihre Augen. Der Lehrer gibt einen Apfel im Kreis herum. Die Schüler sollen ihn ertasten. Danach könnte die Lehrkraft das Naturgedicht den Schülern vortragen und anschließend Gedanken zusammentragen. So begegnen die Schüler dem Gedicht das erste Mal indem sie den Gegenstand direkt vor sich haben und es besteht die Möglichkeit, es mit mehreren Sinnen zu begreifen.
In der weiteren Erarbeitung im Klassenzimmer sollten einige Ausdrücke (Blütenschaum, Güte, usw.) geklärt werden.
Es ist nicht allgemein zu verurteilen, Gedichte auswendig zu lernen. Zum einen wird das Gedächtnis trainiert und andererseits das Vortragen vor einer Gruppe geschult. Dieses Gedicht bietet sich an. Es hat einen klaren Rhythmus, ein einprägsames Reimschema und es ist sehr bildlich geschrieben. Aus Sicht der Lernpsychologie gibt es einige „Tricks“, die das Lernen vereinfachen. In diesem Fall wäre es denkbar für jede Zeile ein charakteristisches Wort zu verbildlichen. Für die erste Zeile wäre dies ein Apfel (und ein Baum) und für die zweite Zeile eine Blüte usw.[15] . Im Sitzkreis trägt die Lehrkraft das Gedicht nach und nach vor und zeigt gleichzeitig das passende Bild. So haben die Schüler bildliche Gedächtnisstützen und es fällt ihnen leichter es zu lernen. Man kann die Strophen auch auf mehrere Tage verteilen. Schüler, die denken sie können es schon, können erst nicht mehr auf die jeweiligen Bilder schauen und anschließend die Augen schließen.
Auch das Vortragen des Gedichts muss nicht klassisch vor der ganzen Klasse stattfinden. Die Schüler könnten es sich auch in Kleingruppen gegenseitig vortragen oder mehrere Schüler teilen die Strophen untereinander auf.
Abschließend wäre es denkbar, dass die Schüler versuchen ihr eigenes Frühlingsgedicht zu schreiben. Hier ist es wichtig zu differenzieren. So könnten eher schwächere Schüler ein Elfchen verfassen, während stärkere Schüler sich am freien Schreiben probieren könnten. Wenn den Schülern auch schon andere lyrische Formen bekannt sind, könnten sie auch diese als Vorbild nehmen.

4.2. Weitere Umsetzungsideen

Es gibt eine große Zahl an Umsetzungsmethoden in der Literatur zu lesen sowie in der Praxis zu beobachten. Bei der Auswahl sollte darauf geachtet werden, dass sie zum Gedicht passen, also der Klasse das Gedicht näher bringen, dem Alter der Schüler angemessen sind und auch zum Naturell der Lehrkraft passt.
Eine interessante Möglichkeit ist es Fragen an den Autor zu stellen. Dies kann entweder in einem Briefwechsel sein oder bei einer Autorenlesung in der Schule.
Franz weist darauf hin, dass sich der „Umgang mit Kinderlyrik auf dieser Altersstufe (...) in möglichst „spielerisch- kreativen Formen vollziehen“[16] sollte. Er unterscheidet die visuell- bildhafte Gestaltung, den gestischen Nachvollzug und Darstellung im Spiel sowie die akustische Umsetzung und musikalische Ausgestaltung [17] .
Im Sinne der kreativen und handlungsorientierten Formen der Literaturaneignung sollte auch das Schreiben als persönliche Ausdrucksform einbezogen werden. Die Möglichkeiten hierzu sind sehr vielfältig. So könnte zum Beispiel aus einigen vorgegebenen Wörtern ein Gedicht entstehen, Zeilen in einem Gedicht selbst ergänzt werden, Verse selbst in eine richtige Reihenfolge gebracht werden oder ein Gedicht zu Ende geschrieben werden [18] .

5. Schluss

Abschließend lässt sich feststellen, dass Gedichte in der Grundschule vielfältige und interessante Möglichkeiten bieten. Es gibt zu fast jedem Thema eine große Auswahl an Kinderlyrik. Eine angemessene didaktische Auseinandersetzung und Aufbereitung von Kinderlyrik lässt die Aussage von Josef Guggenmos verständlich werden: „Mit Gedichten, diesen handlichen Gebilden aus Sprache, kann man viel anfangen. Manches kann man weiterdichten, umdichten... Man darf es, wenn dadurch das Gedicht fesselnder, liebenswerter, besitzenswerter wird.“
Unter anderem hat auch das Projekt „Junge Dichter und Denker“[19] bewiesen, dass man Gedichte lebendig und zeitgemäß aufarbeiten kann. Hier werden Kindern durch die Musikrichtung des Hip Hops Gedichttexte näher gebracht. Sie werden hierdurch transparenter und leichter zugänglich.
Auch in anderen Bereichen kann man eine Neuentdeckung der Gedichte beobachten. So setzt sich die Popsängerin MIA in dem gleichnamigen Lied mit dem Gedicht „Es ist was es ist“ von Erich Fried auseinander. Auch das Filmprojekt „Poem“[20] , bei dem 19 Gedichte verfilmt wurden, zeigt, dass Gedichte andere Zugangsformen durchaus erlauben.

6. Literaturverzeichnis

- Bayrisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus: „Amtsblatt derBayrischen Staatsministerien für Unterricht und Kultus und Wissenschaft, Forschung und Kunst, Teil I – Lehrplan für die Grundschule in Bayern“, München 2000
- Franz, Kurt: Kinderlyrik. München: Wilhelm Finke Verlag 1979.
- Franz, Kurt/ Gärtner, Hans (Hrsg.): Kinderlyrik zwischen Tradition und Moderne. Altmannsweiler: Schneider- Verlag 1996.
- Motté, Magda: Kinderlyrik – Begriff und Geschichte. In: Forytta, Claus/ Hanke, Eva (Hrsg.): Lyrik für Kinder – gestaltet und aneignen. Hemsbach: Beltz 1989. S. 12 - 35.
- Hedwig Heckt, Dietlinde: Kinderlyrik – kinderleicht? In: Praxis Grundschule, Heft 4/2001, S. 4-6.
- Reger, Harald: Kinderlyrik in der Grundschule: literaturwissenschaftliche Grundlegung; schülerorientierte Didaktik. Göppingen: Pädagogischer Verlag Burgbücherei Schneider GmbH 1990.

Internet:
www.jungedichterunddenker.de am 5.2.2007
www.poem-derfilm.de am 5.2.2007

Fußnoten:
[1] Vgl. Motté, 1989, S.15
[2] Vgl. Motté, 1989, S.19
[3] Franz, 1979; S.10f
[4] Vgl. Franz, 1979; S.11ff
[5] Regner, 1990; S.33
[6] Regner, 1990; S.64
[7] Vgl. Regner, 1990; S.35ff
[8] Vgl. Bayrisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 2000; S.89, S.179, S. 249f
[9] Bayrisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 2000; S.299
[10] Hedwig Heckt, 2001, S.4
[11] Vgl. Franz, 1979; S.150
[12] Vgl. Franz, 1979; S.150
[13] Hedwig Heckt, 2001, S.4
[14] vgl. Anhang
[15] Vgl. Anhang
[16] Franz, 1979; S.161
[17] Vgl. Franz, 1979; S.161ff
[18] Vgl. Hedwig Heckt, 2001, S.4f
[19] www.jungedichterunddenker.de
[20] www.poem-derfilm.de



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