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Die Modernisierungstheorie - Eine kritische Auseinandersetzung

Die Modernisierungstheorie - Eine kritische Auseinandersetzung
Hausarbeit
Datum: 02. Januar 2011 Autor: Sunnivah Kommentare: 0

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Beschreibung:

Eine Ausarbeitung zum Thema 'Die Modernisierungstheorie' (Sozialer Wandel).


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Die Modernisierungstheorie - Eine kritische Auseinandersetzung


1. Was ist sozialer Wandel?

1.1. Einleitung

Meine Arbeit zum Thema „Was ist sozialer Wandel“ möchte ich zunächst mit einer Klärung des Begriffs einleiten. Hier sieht man sich bereits der ersten Schwierigkeit ausgesetzt, und zwar jene, das der Begriff selbst ein sehr breites Bedeutungsspektrum in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen umfasst (u.a. in den Politikwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und Kulturwissenschaften um nur einige Beispiele zu nennen) und die Veränderung diverser sozialer Prozesse zu beschreiben versucht.
Anschließend möchte ich den sozialen Wandel anhand der prominenten Theorie der Modernisierung vorstellen, wobei ich auf den Modernisierungsprozess der DDR durch die alten Bundesländer genauer eingehen möchte. Ich möchte mich hier mit der Frage befassen, inwieweit der Begriff der modernisierten Gesellschaft adäquat auf den Entwicklungsstand einer Gesellschaft anzuwenden ist, oder inwieweit der Begriff nur ein utopisches Bild für einen neuzeitlichen Entwicklungsstand vermittelt.

1.2. Begriffsklärung

Sozialer Wandel beschreibt grundsätzlich einmal den Wandel einer Sozialstruktur innerhalb einer Gesellschaft, der sich - mehr oder weniger bewusst - durch das Handeln der einzelnen Gesellschaftsmitglieder vollzieht. Sozialer Wandel, bzw. gesellschaftlicher Wandel meint also immer die sich (langsam) verändernde Struktur einer Gesellschaft. Sozialer Wandel ist ein umfassender Begriff für Veränderungen im Normen- und Wertesystem, in den Institutionen und Organisationen, in der Ökonomie und der Kultur, in der Politik und Verwaltung, in der Religion, als auch in der Kommunikation. (Schäfers 2004: 10) Dieser Wandel wiederum hat in der Regel große Auswirkungen auf andere Bereiche, die mit den gesellschaftlichen Strukturen in Verbindung stehen. Ein Beispiel ist die Veränderung der Altersstruktur in der Gesellschaft:
„Sie [die Alterung der Gesellschaft] ist seit längerer Zeit schon als unausweichlicher Trend des Wandels der Altersstruktur und der demographischen Entwicklung erkennbar. Aus verschiedenen Gründen ist sie nicht einfach umzukehren. Gleichzeitig sind viele Bereiche unserer Gesellschaft davon betroffen: die Wirtschaft, die Politik, das alltägliche soziale Zusammenleben der Menschen. Umfassende Veränderungen im sozialen und institutionellen Gefüge unserer Gesellschaft werden damit einhergehen. Schon seit einiger Zeit besteht ein großer Handlungsbedarf, um die sozialen und ökonomischen Konsequenzen, die sich aus dem demographischen Wandel ergeben, zu bewältigen.“ (Hunink 2009: 1)

Unter gesellschaftlichen Strukturen unterscheiden wir grundsätzlich vier Dimensionen. Zu ihnen zählen die Infrastruktur, die Sozialstruktur (sie beinhaltet die soziale Beziehungs- und Verteilungsstruktur), die institutionelle Struktur und die Superstruktur der Gesellschaft, wobei wir unseren Fokus jedoch größtenteils auf die Sozialstruktur legen werden. (Hunink 2009: 5)
Es gibt eine große Anzahl an unterschiedlichen Theorien, die sich allesamt mit dem sozialen Wandel beschäftigen. Zu ihnen zählen evolutionistische- und neo-evolutionistische Theorien, der Strukturfunktionalismus und die Systemtheorie, Theorien der sozialen Mobilisierung, Modernisierung und Transformierung, marxistische Theorien sowie mikrosoziale Theorien der Veränderung von Biographien und Generationsdynamiken. (Schäfers 2004: 11) An dieser Stelle möchte ich mich nun mit der Theorie der Modernisierung befassen, die sich in den letzten Jahren wieder größerer Beliebtheit und Popularität erfreut.

1.3. Die Modernisierungstheorie: Ein Vergleich Ost - West

Eine wichtige Theorie über den sozialen Wandel ist die Theorie der Modernisierung. Reiner Geißler beschreibt in „Sozialer Wandel“ den Modernisierungsprozess der neuen Bundesländer durch den Westen. Weiter beschreibt Geißler als Ursache für den Zusammenbruch des sozialen Systems der DDR die „Modernisierungsdefizite“. Die neuen Bundesländer sahen sich nun also einer „nachzuholenden Modernisierung“ (Weidenfeld u.a. 1999: 681) durch den Westen gegenüber: Der zu durchlaufende Wandel umfasste die verschiedensten Bereiche und zwang die neuen Bundesländer zu einer rapiden Integrierung des westlichen (sozialstrukturellen) Standards.
In insgesamt zehn Sektoren der ostdeutschen Sozialstruktur waren „Modernisierungsdefizite“ erkennbar und forderten eine rasche Vernichtung dieser.
Zu den Defiziten zählt Geißler erstens das Ost-West-Wohlstandsgefälle, das für den unterschiedlichen Wohlstand und Lebensstandard zwischen der DDR und der Bundesrepublik verantwortlich war.
Als zweiten Punkt nennt er die Übermäßige Machtkonzentration in der Machtelite und der sozialistischen Dienstklasse, die schließlich mit der Wiedervereinigung aufgelöst wurde. Weitere Mängel sind die Politisierung des sozialen Ungleichheitsgefüges, der Tertiärisierungsrückstand und der deformierter Dienstleistungssektor, die Ausrottung des alten Mittelstandes, die übermäßige soziale Nivellierungen, die defizitäre Arbeitsgesellschaft, sowie die niedrigen Lebenserwartungen und der Abwanderungsdruck von Ost nach West. (Weidenfeld u.a. 1999: 682) Sie alle seien nach Geißler der Grund für die „Leistungsschwäche des sozialistischen Systems“ (Weidenfeld u.a. 1999: 682) und somit auch Grund für den Zusammenbruch der DDR.
Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet scheint der Begriff der Modernisierung einer wertenden Bezeichnung zu sein, die aus etwas unmodernen und unterentwickelten etwas Besseres und moderneres werden lässt. Der modernisierte Westen als Retter der unterentwickelten und zum Scheitern verurteilten DDR. Von diesem Bild möchte sich Geißler jedoch bewusst distanzieren, denn der Begriff der Modernisierung

„birgt bei unbedachter Verwendung Gefahren: bestehende Zustände in modernen Gesellschaften können idealisiert und zum einzigen Maßstab einer sinnvollen, wünschenswerten Entwicklung hochstilisiert werden; Widersprüche und Probleme der Moderne können dabei vernachlässigt oder übersehen werden“. (Weidenfeld u.a. 1999: 681)

Genau aus diesen Gründen versucht Geißler auch die Rückständigkeit des Westens in einzelnen Bereichen hervorzuheben. Ein gutes Beispiel für westliche Defizite ist die soziale Ungleichheit zwischen Männern und Frauen. Dies betraf vor allem die Arbeitswelt, das Bildungssystem die Politik und in Ansätzen auch die Familie. Die „Modernisierung“ durch den Westen hatte hier negative Auswirkungen auf die Gleichberechtigung, ebenso wie auf demographische Gegebenheiten. Durch die Wiedervereinigung wurde nicht nur der Rückgang der Ungleichheit der Geschlechter eingeleitet, sondern forderte auch einen Rückgang der Geburten und Eheschließungen. (Weidenfeld u.a. 1999: 683)

1.4. Kritische Auseinandersetzung

Das eine derart drastische Veränderung der Sozialstruktur der DDR durch den Westen eine Vielzahl an Problemen für die Menschen mit sich tragen musste, bleibt außer Frage. Wenn Länder auf diese Art und Weise „überrumpelt“ werden und in sehr kurzer Zeit ihre Kultur, Politik, Ökonomie und Denkweisen etc. ersetzen müssen, liegt die Vorstellung der gesellschaftlichen Anomie, des Chaos, der Struktur- und Gesetzlosigkeit, nahe. Geißler sieht dies als zwangsmäßige Folge eines radikalen Umbruchs im Zeitraffertempo. (Weidenfeld u.a. 1999: 694)
Ebenfalls ist zu bemängeln, das, obwohl Reiner Geißler sich der wissenschaftlichen Objektivität bemüht, eine Wertung durch den Autor klar zu erkennen ist. Die Rückständigkeit einer modernisierten Gesellschaft in einzelnen Bereichen wird von Geißler leider nur ansatzweise erläutert. Problematiken wie die der Individualisierung, Bürokratisierung und der „Vergesellschaftung“ (Vergl. Max Weber), die sich innerhalb einer modernisierten Gesellschaft mehr und mehr etablieren, bleiben unausgesprochen.

Inwieweit die Theorie der Modernisierung in einer Gesellschaft also schon ihr Endstadium erreicht hat und wo eine modernisierte Gesellschaft Mängel aufweist, ist unzureichend geklärt. Die modere Gesellschaft sieht sich heute immer noch mit allerlei neuen, wie auch alten gesellschaftliche Problemen behaftet, für dessen Antworten man noch keine angemessene Lösung gefunden hat. Fakt jedoch ist, das der soziale Wandel nicht vor dem Begriff „Moderne“ halt macht und von nun an erstarrt. Der Gedanke eines Endstadiums positiver Entwicklung ist eine Fehlvorstellung, die höchstens dazu verleitet, sich zurückzulehnen und mit dem Finger auf andere Gesellschaften zu zeigen. Schließlich erkannte auch Weizsäcker, dass
„Es wichtiger [ist], auf einem Pfad gemeinsamer Unsicherheit ethisch zu Handeln, als endlose dogmatische Kämpfe um vermeintlich endgültige Wahrheiten zu führen.“
(Richard Freiherr Weizsäcker)

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Literatur

- Huinink, Johannes: Kurzskript zu Vorlesung "Theorie und Empirie sozialstrukturellen Wandels" Teil 1 (2009), überarbeitete Fassung
- Schäfers, Bernhard: Sozialstruktur und Sozialer Wandel in Deutschland (2004), 8. Auflage, Lucius & Lucius Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart
- Weidenfeld, Werner; Korte, Karl-Rudolf: Handbuch zur deutschen Einheit (1999), 3. Auflage, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn



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