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Darstellung Claus Altmayers kulturwissenschaftlicher Textanalyse anhand einer Karikatur aus der Sächsischen Zeitung
Datum: 02. Januar 2011 Kommentare: 0
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'Darstellung von Claus Altmayers kulturwsschenschaftlicher Textanalyse anhand einer Karikatur' zum Seminar: Landeskunde und Texte: Kulturwissenschaftliche Textanalyse.

Darstellung Claus Altmayers kulturwissenschaftlicher Textanalyse anhand einer Karikatur aus der Sächsischen Zeitung
Diese Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, eine kulturwissenschaftliche Textanalyse nach dem Vorbild Claus Altmayers anhand eines aktuellen Referenztextes vorzunehmen. Dieser ist eine Karikatur aus der sächsischen Tageszeitung Sächsische Zeitung vom 08. Juni 2009. Im Folgenden werden zuerst die theoretischen Aspekte des Konzeptes vorgestellt, um dann im zweiten Teil anhand des selbst gewählten Beispieles angewendet zu werden.
1. Theoretische Vorüberlegungen
1.1 Textbegriff nach Altmayer
Claus Altmayers Textbegriff ist sehr umfassend. Für ihn sind Texte nicht nur sprachliche Äußerungen im engeren Sinne. Er erweitert den Textbegriff viel mehr um Texte, die auch „von nichtsprachlichen Symbolsystemen Gebrauch machen"[1] oder „gänzlich auf die Verwendung sprachlicher Symbole verzichten"[2] sowie Texte, die „sprachliche mit nichtsprachlichen Symbolen verbinden"[3]. So zählen neben Texten im herkömmlichen Sinne (Zeitungstexte, literarische Texte) auch Kunstbilder, Musik, Plakate, Werbeanzeigen, Karikaturen oder Lieder zu Altmayers Auffassung von Texten. Als einzige Einschränkung gibt er an, dass sie der „öffentlichen und medial vermittelten Kommunikation"[4] entstammen müssen. So sind nach Altmayer geschriebene Texte aus der privaten Kommunikation und mündliche Texte aus der Alltagskommunikation Textsorten, die nicht seinem Textbegriff entsprechen.[5]
Unter ‚Texten' sollen hier also alle Formen der Kommunikation angesehen werden die entweder mit Hilfe der herkömmlichen Drucktechnik oder auf elektronischem Weg (analog oder digital) gespeichert sind und die in herkömmlichen Printmedien (Zeitungen, Zeitschriften, Bücher usw.) oder in neuen elektronischen Medien (Rundfunk, Fernsehen, Video, CD, Internet usw.) öffentlich zirkulieren.[6]
1.2 Textverstehen nach Altmayer
Textverstehen sieht Altmayer, genau wie die Kognitionsforschung, als einen aktiven Prozess. Der Leser tritt mit seinen vorhandenen Wissensstrukturen an einen Text heran und spricht mithilfe derer dem Inhalt des Textes einen Sinn zu.[7] Jedoch ist nach Altmayer das Textverständnis kein einseitiger Prozess. Um den Text zu verstehen, muss der Rezipient auch die Wissensstrukturen, die in diesem enthalten sind, aufnehmen.[8] Ein Text kann aber erst verstanden werden, wenn dem Text und seinem potenziellen Leser ein „Wissen von der Welt"[9] gemeinsam ist. Diese Gemeinsamkeit, die der Text dem potentiellen Rezipienten unterstellt, macht Texte für das landeskundliche Lernen erst bedeutsam.[10]
1.3 Kulturverständnis nach Altmayer
Zielsetzung von Altmayers Textanalyse ist es, kulturspezifische Verstehensprozesse zu veranschaulichen. Bei der Herausarbeitung seiner Auffassung von Kultur weist Altmayer Thomas Definition von Kultur zurück. Diesem zufolge zeichnen sich Kulturen durch so genannte ‚Kulturstandards', also alle Facetten des Denkens, Wertens, Wahrnehmens und Handelns, die für einen persönlich und für andere als üblich, selbstverständlich, charakteristisch und verbindlich betrachtet werden, aus. Diese Annahme unterstellt eine Homogenität innerhalb einer Kultur, die im „Zeitalter der Globalisierung"[11] nicht mehr als angemessen gelten kann. Zu dem zeigen die konkreten Beispiele zu den Kulturstandards, dass sich in vielen Fällen dahinter stereotype und klischeehafte Muster verbergen.[12]
Altmayer schließt sich in seinem Kulturbegriff viel mehr Geertz an, der Kultur als ein selbstgewobenes Bedeutungsgeflecht, in das Menschen aus allen sozialen Gruppierungen eingebunden sind, betrachtet. Ihre Erforschung ist keine empirische, die nach Gesetzmäßigkeiten sucht, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen sucht. Des Weiteren schließt sich Altmayer Geertz Auffassung von einer Kultur als ‚öffentliches' Phänomen an, genauso „wie die Bedeutung von Symbolen ‚öffentlich', d.h. sozial festgelegt ist."[13] Kultur zeigt sich besonders im kommunikativen Handeln, aus dem lebensweltliches Hintergrundwissen sichtbar wird. Kultur ist also ein theoretisches Konstrukt.[14]
[Es ist] die Gesamtheit des als selbstverständlich gültig und allgemein bekannt angenommenen und vorausgesetzten Wissens, das von Texten präsupponiert wird und das die in der Regel implizit bleibenden Sinnbedingungen von Texten ausmacht. Kultur in diesem Verständnis ist demnach nicht auf einem direkten oder empirischen Weg, sonder allein über die Analyse von Texten bzw. kommunikativen Handlungen d.h. genauer über die Rekonstruktion der von Texten präsupponierten Sinnbedingungen wissenschaftlicher Erforschung zugänglich.[15]
1.4 Präsupponiertes Wissen und Textverstehen
Nach Altmayer können Texte nur funktionieren, wenn sie von einem kulturellen Hintergrundwissen ausgehen, das sie als gemeingültige Grundlage voraussetzen. Dieses Hintergrundwissen muss vom Rezipienten für den Verstehensprozess aktiviert werden. Der Leser hat den Text verstanden, wenn er zu den im Text dargestellten Annahmen begründet Stellung nehmen kann, sie „entweder begründet bestreiten oder begründet akzeptieren kann"[16]. Die Aufgabe der kulturwissenschaftlichen Textanalyse ist es nun, das lebensweltliche bzw. kulturelle Hintergrundwissen, das in einem Text präsupponiert, d. h. vorausgesetzt, wird, deutlich zu machen, damit Rezipienten, die dieses Hintergrundwissen nicht teilen, z.B. Lerner mit einer anderen kulturellen Herkunft, den Text verstehen können. Laut Altmayer ist es aber nicht möglich und sachdienlich alles Wissen, was in Texten präsupponiert wird, explizit zu machen. Die Textanalyse hat die Aufgabe „allgemeineres und grundlegenderes ‚kulturelles' Wissen"[17] bereitzustellen und dem Deutschlerner dadurch „zum Aufbau von Wissensstrukturen zu befähigen, die ihnen den verstehenden Umgang mit deutschsprachigen Texten aller Art ermöglichen"[18]. Ziel ist es also eine „Verstehenskompetenz in fremdkulturellen Lehr- und Lernkontexten"[19] beim Lerner aufzubauen, indem Wissensstrukturen bereitgestellt werden.[20]
1.5 Kulturelle Deutungsmuster
Die kulturellen Deutungsmuster sind nach Altmayer die relevanten Teile des präsupponierten Hintergrundwissens. Ein kulturelles Deutungsmuster ist
eine Wissensstruktur, die abstraktes und typisiertes Wissen über einen bestimmten Erfahrungsbereich enthält. [Sie dient dazu], neue Erfahrungen und neue Informationen zu den bestehenden Wissensstrukturen in Beziehung zu setzen und dem Neuen damit Sinn zuzusprechen.[21]
Zudem spiegeln diese Wissensstrukturen kollektive Erfahrungen wider und sind für einen längeren Zeitraum konstant und stabil. Dadurch können sie für gemeinsame Deutungsprozesse immer wieder herangezogen werden. Als Teil des kollektiven Gedächtnisses dienen kulturelle Deutungsmuster der gemeinschaftlichen Identitätskonstruktion, der Handlungsorientierung sowie der Handlungskoordinierung.[22]
Durch diese kurze Zusammenfassung der theoretischen Überlegungen Claus Altmayers zur kulturwissenschaftlichen Textanalyse hat sich deren Bedeutung gezeigt. Im Folgenden soll nun solch eine kulturwissenschaftliche Textanalyse an einem frei gewählten Text durchgeführt werden. Dabei wird versucht, die einzelnen Analyseschritte so vorzunehmen, wie es Altmayer in seinem Buch Kultur als Hypertext [23] gefordert hat.
2. Kulturwissenschaftliche Textanalyse anhand einer Karikatur aus der Sächsischen Zeitung
Die Karikatur wurde der Sächsischen Zeitung am 08.06.2009 entnommen.[24]
Bild nicht abgedruckt
2.1 Präsupponiertes Wissen in Texten
Wie bereits im theoretischen Teil dieser Arbeit dargestellt, ist es von besonderer Wichtigkeit, das Wissen, was in den Texten vorausgesetzt wird, zu entschlüsseln. Dies erfolgt auf mehreren Ebenen: auf der allgemeinen Kommunikationsebene, auf der Handlungsebene und auf der Inhaltsebene.
2.1.1 Allgemeine Kommunikationsebene
Ziel der allgemeinen Kommunikationsebene ist es, Äußerungen als kommunikative Handlungen zu identifizieren. Des Weiteren wird vorausgesetzt, dass, wenn tatsächlich eine kommunikative Handlung vorliegt, der Kommunikationspartner Gründe für sein Handeln hat.
In dem vorliegenden Text kann man Kommunikationsgegenstände identifizieren. So sind eine Frau, die auf einem Stier sitzt und die eine Wahlurne in den Händen hält abgebildet und ein Mann, der ihr über die Schulter hinweg einen Blick zu wirft.
2.1.2 Handlungsebene
Auf der Handlungsebene spielen das situative Kontextwissen und das Textmusterwissen eine wichtige Rolle.
2.1.2.1 Situatives Kontextwissen
a) Autoreninstanz
Der Autor dieses Textes ist der freiberufliche Illustrator und Karikaturist Reiner Schwalme. Für sein Schaffen als Karikaturist erhielt er mehrere Preise. Er ist ständiger Mitarbeiter beim Satire-Magazin Eulenspiegel und Mitarbeiter vieler Verlage und Institutionen. Zusätzlich fertigt er seit 1992 täglich eine politische Karikatur für die Sächsische Zeitung an.[25]
b) Räumlich-zeitlicher Kontext
Der Text entstand, so ist es der Signatur am rechten unteren Bildrand zu entnehmen, im Jahr 2009. Erschienen ist er am 08.06.2009 in der Sächsischen Zeitung.
Die Sächsische Zeitung ist mit 270.000 täglich verkauften Exemplaren die auflagenstärkste Zeitung in ihrem hauptsächlichem Verbreitungsgebiet, dem Direktionsbezirk Dresden. Sie hat 731.000 Leser, wovon 95 Prozent die Zeitung über ein Abonnement beziehen.[26]
Da sich der Autor Reiner Schwalme für die tägliche politische Karikatur verantwortlich zeichnet und der Inhalt der Karikatur zu diesem Zeitpunkt politisch sehr aktuell war, lässt sich vermuten, dass sie kurz vor dem Erscheinungsdatum der Zeitung entstanden ist.
c) Situativer Kontext
Bei der Karikatur handelt es sich um einen Kommentar zu einem tagespolitischen Ereignis aus der jüngsten Zeit, welcher in der Sächsischen Zeitung in der Sparte „Unterm Strich" veröffentlicht wird. Das folgende Zitat stammt vom Autor Reiner Schwalme selbst:
Die Topmeldung muss kommentiert werden. [...] Die nötige Verfremdung [bedeute], um die Ecke zu gehen - wer ist der Nutznießer, den will ich ans Brett nageln.[27]
Die Topmeldung, aufgrund diese Zeichnung entstanden ist, war die Europawahl.
d) Thematischer Kontext
Der thematische Kontext hat für diese Karikatur eine besondere Relevanz, da man sonst die Absicht dieses Textes auf den ersten Blick schwer entschlüsseln kann.
Vom 4. bis 7. Juni 2009 fand zum siebten Mal die Europawahl, wo über die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments entschieden wurde, statt. Etwa 375 Millionen EU-Bürger aus den 27 EU-Mitgliedsstaaten konnten in freien, geheimen und direkten Wahlen ihre parlamentarischen Vertreter bestimmen.[28]
Das Europäische Parlament ist daher die Vertretung der Völker, die in der EU zusammengeschlossen sind.
Die Europawahl fand in Deutschland am 07.06.2009 statt. Wahlberechtigt waren alle Deutschen und in Deutschland lebende Bürger aus den restlichen EU-Staaten, die mindestens 18 Jahre alt sind. Deutsche, die im Ausland leben, konnten in Deutschland oder vor Ort wählen gehen. Am 07.06.2009 konnten 64 Millionen Menschen in Deutschland ihre Stimme abgeben.[29] Tatsächlich haben dann ca. 43% der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Damit lag Deutschland im europaweiten Durchschnitt, doch noch unter dem Wert von 2004.[30] Im Allgemeinen löste die Wahl eine mediale Auseinandersetzung mit den Wahlergebnissen und der Wahlbeteiligung aus.
2.1.2.2 Textmusterwissen
Es handelt sich, wie bereits erwähnt, bei dem Text um eine Karikatur, die als Beitrag in einer sächsischen Tageszeitung innerhalb dieser Lesergemeinschaft Verbreitung gefunden hat. Dieser Text ist, wie bereits im ersten Teil gezeigt wurde, ein eindeutiger, der für die kulturwissenschaftliche Analyse interessant ist. Denn Altmayer sagt:
Zu ‚Texten' in diesem Sinn gehören demnach traditionelle und rein sprachlich verfasste Zeitungstexte oder literarische Texte ebenso wie etwa Werbeanzeigen, Plakate, Karikaturen oder Lieder, die neben der Sprache auch andere Symbolsysteme wie Musik und/ oder Bilder verwenden.[31]
Der Begriff Karikatur leitet sich vom italienischem Verb ‚caricare' (beladen) ab. Diese Bezeichnung löste ab dem 18. Jahrhundert immer mehr die deutschen Begriffe ‚Spottbild' und ‚Zerrbild' ab. Verstand man unter dem Zerrbild eine überspitzte Darstellung einer einzelnen Person und ihrer Eigenschaften, so griff das Spottbild eher Institutionen und Gemeinschaften in einer charakterisierenden Form an, die das Dargestellte verreißen, abwerten und kompromittieren sollte. Beide Aspekte sind in der Karikatur vereint.
Die Karikatur hat zentrale Merkmale, die sich aus den beiden genannten Traditionslinien ergeben. Ein zentrales Merkmal ist, dass die Karikatur dem darzustellenden Sachverhalt gegenüber eine kritische Haltung einnimmt. Ziel ist eine Überspitzung und Problematisierung des Sachverhaltes, wobei eine Kernwahrheit herausgearbeitet wird, und keine ausgewogene Darstellung. Daraus erschließt sich eine weiteres Merkmal: die Karikatur ist parteiisch. Eine subjektive Auffassung wird dargestellt und der Betrachter wird dazu provoziert, der Darstellung zuzustimmen oder diese abzulehnen. Jede Karikatur bedient sich dem Mittel der Verfremdung. Ziel dieser Verfremdung ist es, dem Betrachter den Sachverhalt in einer neuen und intensiven Weise zu präsentieren. Ein anderes Merkmal, was aber nicht bei allen Karikaturen zu trifft, ist das Stilmittel der Übertreibung. Eine übertreibende Wirkung wird dadurch erzielt, dass der Sachverhalt ironisch-satirisch verzerrt wird. Nicht selten wird dadurch auch eine komische Wirkung erzielt, was Gelächter, aber auch Nachdenklichkeit beim Rezipienten bewirken kann. Oft findet auch eine Verbindung von Bild und Text statt. Erst wenn beides zusammen betrachtet wird, offenbart sich der grundlegende Gedanke. Eine Schwäche der Karikatur ist die häufige vorurteilsbehaftete Darstellung ihrer Sachverhalte, was an der Knappheit dieser Form und an den häufig verwendeten Klischees liegt. Aus dieser Schwäche entspringt wiederum auch die Stärke von Karikaturen, da sie aufgrund dieser Undifferenziertheit den Knackpunkt des Problems sofort offen legt.
Es lassen sich formal drei Typen von Karikaturen unterscheiden, die auch als Mischformen auftreten können. Zum einem gibt es die apersonale Sachkarikatur, hier wird der zu karikierende Sachverhalt mittels Gegenständen dargestellt. Diese Sachen werden dann vom Rezipienten auf tatsächliche Ereignisse oder Personen übertragen. Des Weiteren gibt es die personale Typenkarikatur, die häufiger auftritt. In ihr werden Völker, Staaten und Gruppen auf einen Typus reduziert. Als Beispiele seien hier der deutsche Michel und die französische Marianne genannt. Die dritte und meist verbreitete Form ist die der personalen Individualkarikatur. Hier werden individuelle Körpermerkmale von berühmten Personen überspitzt dargestellt und mit dem darzustellenden Sachverhalt verbunden. Der Erkennungswert ist bei dieser Karikaturform sehr hoch und Erklärungen erübrigen sich hier meist.
Inhaltlich lassen sich ebenfalls drei Karikaturtypen unterscheiden. Die Ereigniskarikatur konzentriert sich auf aktuelle Geschehnisse. Sie kommt am häufigsten vor, da hier viele Tagesgeschehen ihre Verarbeitung finden. Der zweite inhaltliche Karikaturtyp ist die Prozesskarikatur, in der ein längerer Vorgang oder eine Entwicklung gerafft dargestellt werden. Die Zustandskarikatur, als dritter inhaltlicher Typ, verarbeitet dauerhafte Strukturen, so werden hier Herrschafts-, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen ins Visier genommen. [32]
Der vorliegende Text ist dem Textmuster Karikatur zuzuordnen. Der Autor nimmt eine kritische Haltung gegenüber dem Sachverhalt, die mangelnde Wahlbeteiligung bei der Europawahl, ein. Dies gelingt ihm durch eine ironische Darstellung, die dadurch zu Stande kommt, wie er diese typischen Figuren aus der Sagenwelt (Europa und der als Stier verwandelte Zeus) und dem Volkstum (der deutsche Michel) miteinander in Verbindung setzt und sie mit einer speziellen Mimik und Gestik ausstattet. Durch das Vorkommen des deutschen Michels in dieser Karikatur ist sie formal der personalen Typenkarikatur zuzuordnen. Inhaltlich ist es eine Ereigniskarikatur, da sie das aktuelle Tagesgeschehen, die medienweite Auswertung der Europawahl mit ihren Wahlergebnissen und ihrer Wahlbeteiligung, aufgreift.
2.1.3 Inhaltsebene
Die kulturellen Deutungsmuster, die auf der Inhaltsebene implizit vorzufinden sind, werden auf der Textoberfläche durch intertextuelle Mittel und kulturelle Schlüsselwörter dargestellt.
2.1.3.1 Schlüsselmotive
In Anbetracht der Bildebene ersetze ich den Begriff der kulturellen Schlüsselwörter durch den der kulturellen Schlüsselmotive. Die Funktion bleibt aber die gleiche wie bei den kulturellen Schlüsselwörtern. Sie steuern ebenfalls den Prozess des Bildverstehens und verweisen implizit auf die hinter dem Text liegenden kulturellen Deutungsmuster.
Das erste Schlüsselmotiv ist der deutsche Michel, in der Karikatur auf der rechten Seite zu sehen. Gut zu identifizieren ist diese Figur durch die Mütze, eine Zipfelmütze.
Im 16. Jahrhundert wird der deutsche Michel in Sprichwörtern zum einen mit einem Tollpatsch, Tölpel und Blödian assoziiert, aber auch als Inbegriff der Faulheit. Er taucht aber auch in Sprichwörtern über die menschliche Dummheit auf. Später kommt zu diesen negativen Eigenschaften auch noch der Vorwurf der Ungebildetheit hinzu, dass er z.B. keine Fremdsprachen spricht. Im Ausland wird der deutsch Michel je nach Verlangen auch als Militarist und hässlicher Deutscher verhöhnt. Erst viel später, Anfang des 19. Jahrhunderts, tauchen die ersten Abbildungen dieser Figur auf. Als karikierende Überzeichnung dient die Schlafmütze, die meist als Zipfelmütze gezeichnet wird, die die Schlafmützigkeit des Michels verdeutlichen soll. Als Symbolfigur wird der deutsche Michel früher wie heute in dem Sinn gebraucht, dass der leutselige, aber etwas simple Michel Obacht geben muss, dass er nicht überlistet wird. Auch ist dieser Begriff auf den biederen und unpolitischen Bürger gemünzt.[33]
Im vorliegenden Text schaut der deutsche Michel verschlafen und griesgrämig über die Schulter zu der Frau auf dem Stier, was uns zum nächsten Schlüsselmotiv bringt. Wenn eine Frau auf dem Rücken eines Stiers sitzt, so wird in den meisten Fällen auf die Europa-Sage angespielt, auf die ich im Punkt Intertextualität noch genauer eingehen werde. Im Hinblick auf den situativen und thematischen Kontext ist in der Karikatur zweifelsfrei die Prinzessin Europa, welche als Code für den Kontinent Europa stehen soll, dargestellt. Durch die Flagge der Europäischen Union, welche sie als Kleid trägt, werden die Mitgliedsstaaten der EU in den Fokus gerückt. Dies ist schlüssig, da sich an der Europawahl nur diese Staaten beteiligen können. Die europäische Flagge ist nicht nur ein Symbol
für die Europäische Union, sondern auch für die Einheit und in einem weiteren Sinne für die Identität Europas. Der Kreis der goldenen Sterne steht für die Solidarität und Harmonie zwischen den europäischen Völkern.[34]
Das Schlüsselmotiv, was den Bezug der Karikatur zur Europawahl weiterhin verstärkt, ist die Wahlurne, die die Frau in den Händen hält.
Eine Wahlurne ist ein verschließbarer Behälter mit einem Schlitz zum Einwerfen von Stimmzetteln bei einer staatlichen oder nichtstaatlichen Wahl bzw. Abstimmung. Die Stimmzettel werden, um das Wahlgeheimnis zu wahren, vom Wähler gefaltet oder in einem Umschlag verpackt in die Wahlurne geworfen.[35]
Europa, die in der griechischen Mythologie den Göttervater Zeus durch ihre Schönheit in sich verliebt machte, geizt auch in der Karikatur nicht mit ihren Reizen. Doch scheint es beim deutschen Michel nicht viel zu bewirken. Er ist von ihr abgewendet und lässt sich nicht an die Wahlurne locken.
2.1.3.2 Intertextualität
Intertextuelle Mittel sind in dieser Karikatur der deutsche Michel, dessen Herkunft und Bedeutung ich bereits unter dem Punkt Schlüsselmotive näher erläutert habe. Ein weiteres intertextuelles Mittel, dessen sich die vorliegende Karikatur bedient, ist die Europa-Sage. Sie ist ein lang überliefertes Gut und besagt, dass sich der Göttervater Zeus in die wunderschöne Prinzessin Europa verliebte. Um ihr näher zu kommen, verwandelte er sich in einen Stier, in der Annahme, dass sie Tiere sehr gut leiden könnte. Europa wurde auch auf diesen prächtigen Stier aufmerksam und setzte sich auf seinen Rücken. Zeus, immer noch als Stier verwandelt, ergriff die Gelegenheit und rannte mit ihr davon. Er entführte sie über das Meer und der Ort, auf dem sie landete, benannte er nach der Prinzessin - Europa.[36]
2.2 Deutungsmuster
Aufgrund der intertextuellen Mittel und der Schlüsselmotive, im Zusammenspiel mit dem situativen und thematischen Kontext, sowie dem Textmusterwissen, komme ich zu dem Schluss, dass das kulturelle Deutungsmuster, das hinter dem Text steht, die Politikverdrossenheit der Deutschen ist, welche sich in der mangelnden Wahlbeteiligung zur Europawahl 2009 gezeigt hat.
Dieses Deutungsmuster lässt sich mit Hintergrundtexten belegen. In einem Artikel der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg[37] wird die europaweite niedrige Wahlbeteiligung dargestellt, die bei 43,1% lag. Deutschland wird mit seiner niedrigen Wahlbeteiligung von 43%, die unter der Wahlbeteiligung von 2004 lag, hervorgehoben. Zum Vergleich wird das Land Luxemburg, mit einer Wahlbeteiligung von 91%, aber auch die Slowakei, mit einer Beteiligung von 19,6%, angeführt.
Der Spiegel titelt in einem Online-Artikel[38] mit der Überschrift „Europa lässt die Deutschen kalt". Dieser Artikel erschien am Wahltag und ist ein Halbzeitbericht, die Wahlbeteiligung bis 14 Uhr im Blick, zur Wahl. Des Weiteren wird die stetig sinkende Wahlbeteiligung zur Europawahl seit 1989 resümiert.
Ein weiterer Online-Artikel[39], diesmal von der Süddeutschen Zeitung, widmet sich der Politikverdrossenheit und der mangelnden Bereitschaft, gerade beim Nachwuchs, sich politisch engagieren zu wollen.
Eine Statistik zur Wahlbeteiligung, deren Werte zu Bundestagswahlen zwischen 1953 und 2005 erhoben wurden, zeigt auch, dass die Tendenz auch bei einer nationalen Wahl eher nach unten geht und die Wahlbeteiligung besonders bei jungen Erwachsenen bis 30 Jahren am geringsten ist.[40] Aufgrund der geringen Wahlbeteiligung wird im Nachhinein thematisiert, wie man die Bürger an die Wahlurnen bekommen könnte.[41] Ein Vorschlag eines SPD-Politikers ist es, eine Wahlpflicht einzuführen. Wer dieser nicht nachkommt, müsste dann eine Geldstrafe bezahlen. In dem Artikel kommt auch noch ein anderer SPD-Politiker zu Wort, der sich für ein Votieren über das Internet ausspricht.
3. Fazit
Die kulturwissenschaftliche Textanalyse am Beispiel einer Karikatur hat gezeigt, dass sie sehr hilfreich ist, um den kulturellen Hintergrund aufzuschlüsseln. Sie hat aber auch gezeigt, dass es nötig ist, die einzelnen Schritte der Analyse miteinander zu verbinden. Nur so konnten die Schlüsselmotive in Bezug auf den situativen und thematischen Kontext richtig gedeutet werden.
Diese Form der Analyse ist jedoch nicht für den Unterricht geeignet, wie es auch von Altmayer häufig betont wurde. Sie dient viel mehr dem Lehrenden, der sich durch die kulturwissenschaftliche Textanalyse über die Hintergründe eines Textes bewusst wird. Die Analyse sollte also vor der Didaktisierung eines Lerninhalts vorgenommen werden. Auch wenn dies in der Praxis wahrscheinlich nicht vor jeder Verwendung eines Textes im Unterricht möglich oder zweckmäßig ist. So sollte sich der Lehrende dieser Analyseschritte bewusst sein, zum einen, um womöglich einmal andere Zugänge zu einem Ausgangstext zu finden, zum anderen, um sich um das kulturelle Hintergrundwissen eines Textes Gedanken zu machen.
Literaturnachweis
- Altmayer, Claus: Kultur als Hypertext. München 2004.
- Altmayer, Claus: Kulturelle Deutungsmuster in Texten. Prinzipien und Verfahren einer kulturwissenschaftlichen Textanalyse im Fach Deutsch als Fremdsprache. In: Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachunterricht, 6 (3) 2002, S.3. Online: http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-06-3/beitrag/deutungsmuster.htm
- Schwalme, Reiner: Unterm Strich. In: Sächsische Zeitung, 08.06.2009, S. 1.
Internetquellen
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1953_%2596_2002.html (01.07.2009)
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http://www.eu-info.de/deutsche-europapolitik/europawahl-2009/wahlverfahren/ (10.10.2009)
http://europa.eu/abc/symbols/emblem/index_de.htm (01.07.2009)
http://www.europawahl-bw.de/ (10.10.2009)
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http://kapitalismusfehler.de/Deutscher-Michel.html (01.07.2009)
http://www.marburger-forum.de/mafo/heft2005-4/Karikatur.pdf (10.10.2009)
www.schwalme.de (01.07.2009)
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,629035,00.html (01.07.2009)
http://www.sueddeutsche.de/politik/742/399526/text/ (10.10.2009)
http://www.sz-online.de/wirueberuns/mediadaten/preisliste_print/download/SZ_MA.pdf (10.10.2009)
http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/Geschichte/Tutorium/Themenkomplexe
/Quellen/Quellenarten/Karikatur (10.10.2009)
http://www.wahlrecht.de/lexikon/wahlurne.html (01.07.2009)
http://www.welt.de/politik/article3888702/SPD-Politiker-fordert-Geldstrafe-fuers-Nichtwaehlen.html (01.07.2009)
[1] Altmayer, Claus: Kulturelle Deutungsmuster in Texten. Prinzipien und Verfahren einer kulturwissenschaftlichen Textanalyse im Fach Deutsch als Fremdsprache. In: Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachunterricht, 6 (3) 2002, S.3.
Online: http://zif.spz.tu-darmstadt.de/jg-06-3/beitrag/deutungsmuster.htm
[2] Ebd.
[3] Ebd.
[4] Ebd.
[5] Vgl. ebd.
[6] Ebd.
[7] Vgl. ebd., S. 4.
[8] Vgl. ebd., S. 5.
[9] Ebd.
[10] Vgl. Ebd.
[11] Ebd., S. 6
[12] Vgl. ebd.
[13] Ebd., S. 9.
[14] Vgl. S. 8f.
[15] Ebd., S. 10.
[16] Ebd., S. 11.
[17] Ebd., S. 14.
[18] Ebd.
[19] Ebd.
[20] Vgl. ebd., S. 11 ff.
[21] Ebd., S. 16.
[22] Vgl. ebd., S. 14 ff.
[23] Altmayer, Claus: Kultur als Hypertext. München 2004.
[24] Schwalme, Reiner: Unterm Strich. In: Sächsische Zeitung, 08.06.2009, S. 1.
[25] www.schwalme.de (01.07.2009)
[26] Vgl. http://www.sz-online.de/wirueberuns/mediadaten/preisliste_print/download/SZ_MA.pdf (10.10.2009)
[27] http://www.marburger-forum.de/mafo/heft2005-4/Karikatur.pdf (10.10.2009)
[28] Vgl. http://www.europawahl-bw.de/ (10.10.2009)
[29] Vgl. http://www.eu-info.de/deutsche-europapolitik/europawahl-2009/wahlverfahren/ (10.10.2009)
[30] Vgl. http://www.europawahl-bw.de/ergebnisse.html (10.10.2009)
[31] Altmayer (2002), S. 3.
[32] Vgl. http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/Geschichte/Tutorium/Themenkomplexe/Quellen/Quellenarten
/Karikatur (10.10.2009)
[33] Vgl. http://kapitalismusfehler.de/Deutscher-Michel.html (01.07.2009)
[34] http://europa.eu/abc/symbols/emblem/index_de.htm (01.07.2009)
[35] http://www.wahlrecht.de/lexikon/wahlurne.html (01.07.2009)
[36] Vgl. http://www.br-online.de/kinder/fragen-verstehen/wissen/2004/00528/ (01.07.2009)
[37] Vgl. http://www.europawahl-bw.de/ (10.10.2009)
[38] Vgl. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,629035,00.html (01.07.2009)
[39] Vgl. http://www.sueddeutsche.de/politik/742/399526/text/ (10.10.2009)
[40] Vgl. http://www.bpb.de/wissen/C11SZM,0,0,Wahlbeteiligung_nach_Altersgruppen_
1953_%2596_2002.html (01.07.2009)
[41] Vgl. http://www.welt.de/politik/article3888702/SPD-Politiker-fordert-Geldstrafe-fuers-Nichtwaehlen.html (01.07.2009)
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