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L'Arrabiata, eine Novelle von Paul Heyse
Datum: 02. Januar 2011 Kommentare: 0
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Beschreibung:
Dies ist eine Hausarbeit aus dem Grundstudium Literaturwissenschaften Deutsch. Sie behandelt die Novellentheorien von Rath und Heyse und wendet die auf die Novelle L'Arrabiata an.

L'Arrabiata, eine Novelle von Paul Heyse
von Paul Heyse
Erläuterung und Anwendung der Novellentheorien von Rath und Heyse
1. Einleitung
Die Novelle ist eine sehr umstrittene und bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genau definierte literarische Gattung.
Es gibt viele Theorien über ihre Form und ihren Inhalt, sowohl von Schriftstellern, welche selbst so genannte Novellen verfasst haben, als auch von Wissenschaftlern, die Vergleiche zwischen den Theorien und auch den Werken ziehen und dadurch versuchen, diese ganz spezielle Erzählform zu definieren. Einigkeit konnte jedoch auf diesem Gebiet bislang noch nicht geschaffen werden.
Im Vorwort des Buches „Theorie der Novelle" von Herbert Krämer fasst der Autor die vorherrschende Uneinigkeit bezüglich einer genauen Definition im folgenden Zitat anschaulich zusammen: „Alle Definitionsversuche schließen und schlossen [...] Dichtungen aus, die zu anderen Zeiten und von anderen zweifelsfrei der Kategorie ››Novelle‹‹ zugerechnet wurden."[1]
Ganze Bücher wurden verfasst über diese Gattung, wobei zunehmend Widersprüche zwischen den verschiedenen Lehrmeinungen auftraten.
Wichtige Beiträge, die in fast jedem Werk zu finden sind, und die auch immer zur Sprache kommen, wenn das Thema Novelle behandelt wird, sind beispielsweise Goethes Theorie von der „sich ereignete[n] unerhörte[n] Begebenheit"[2], Heyse mit seiner so genannten „Falkentheorie"[3] und Tiecks „Wendepunkt"[4]-Theorie.
Wissenschaftler, die sich mit dem Thema Novelle auseinander gesetzt haben, und versucht haben Definitionen oder Vergleiche anzustellen, sind zum Beispiel Aust, Freund und Rath.
Ich werde mich im Folgenden zunächst auf Rath, dessen Ausführungen zurzeit die aktuellsten zum Thema Novelle sind, und seine Definition der Novelle beziehen und versuchen, sie am Beispiel der Novelle L'Arrabiata von Heyse anzuwenden.
Im Anschluss daran erfolgt die Erläuterung von Heyses Falkentheorie, sowie deren Anwendung am gleichen literarischen Exempel.
2. Hauptteil
2.1 Raths Theorie von der Novelle
2.1.1 Definition/Vorstellung der Theorie
Rath vergleicht die Novelle in erster Linie mit dem Drama und bezeichnet sie als eine Form geselligen Erzählens. „Sie ist eine Erzählung in dramatischer Form unter Betonung eines Neuen, Unerhörten."[5] Die Novelle impliziert seiner Meinung nach kunstvolles Berichten, wobei „der Einsatz dramatischer Aspekte zur Komposition einer kürzeren Prosa, die eine Handlung reflektiert darbietet"[6], entscheidend für die Novellistik ist und nicht die idealtypische Anwendung der traditionellen Dramentektonik.[7]
Rath sagt, dass die Form der Novelle schon immer konzeptionell war, sich im Lauf der Geschichte jedoch immer wieder verändert hat, dabei doch stets Konzept geblieben ist.[8] Er sieht für die Novelle folgenden Aufbau vor: „Auf eine meist breite Einführung oder Exposition folgt der pyramidale Aufbau des Dramas."[9]
Als Voraussetzung des deutschen Novellenkonzepts betrachtet Rath die Poetik des Aristoteles, welche „zwar die klassische Tragödie [behandelt], [...] aber auch auf der Basis eines Begriffs [argumentiert], der gattungsübergreifend gleichermaßen neben dem Drama auch Epik und Lyrik umfasst: einem anthropologisch begründeten Handlungsbegriff."[10]
„Aristoteles leitet die Form der Tragödie naturgesetzlich ab und bezeichnet sie als ››in ihrer Einheit und Ganzheit einem Lebewesen vergleichbar‹‹. [...] Seinem strukturellen Denken gemäß erklärt er, ein Lebewesen habe ››Anfang, Mitte und Ende‹‹."[11] „Wie das Wesen des Menschen, so sein Handeln [...]. Mit Anfang, Mitte und Ende ist die Tragödie Nachahmung (mimesis) einer in sich geschlossenen und ganzen Handlung, wie Aristoteles sie definiert. Sie ist Repräsentation lebendigen Wirkens in der Lebensbewegung eines Menschen."[12]
„Wirken heißt [...] nach Aritstoteles Verknüpfung und Lösung, [...] Anspannung und Entspannung, [...] Ein und Aus im Atemrhythmus. Auf eine Entwicklung folgt eine Peripetie mit anschließender Lösung nach der Idee des euklidischen Dreiecks als Urform von Leben: Aufstieg, Höhepunkt, Fall mit abschließender Lösung oder Katastrophe."[13]
„Aristoteles schätzt die Tragödie umso wirkungsvoller ein, je unerwarteter die Ereignisse eintreten. [...] Nachhaltige Bedeutung erfährt damit der Wendepunkt in seiner Bestimmung als das Überraschende, das Staunen, das Unbegreifliche."[14]
Dieser Handlungsbegriff des Aristoteles ist also ein Konzept, welches für jegliche menschlichen Handlungen, egal in welcher literarischen Form sie niedergeschrieben sind, gilt, und somit Voraussetzung jeder Erzählung, die auf Handlung basiert, also auch des Drama und der Novelle.
Beim Drama beruft sich Rath auf eine sehr bekannte Darstellung, die Gustav Freyag zum Aufbau des traditionellen Dramas entwickelt hat. „Ein Drama [...] besteht [demnach] aus einer sich steigernden und einer fallenden Handlung, aus ››Steigerung‹‹ und ››Fall‹‹. ››Durch die beiden Hälften der Handlung, welche in einem Punkt zusammenschließen, erhält das Drama [...] einen pyramidalen Bau. ‹‹ "[15] Dabei sind fünf Teile des Dramas zu unterscheiden, 1. Einleitung oder Exposition, 2. Steigerung, 3. Höhepunkt, 4. fallende Handlung und 5. die Katastrophe. Die Eckpunkte der Pyramide bilden hierbei die Teile 1, 3 und 5. Diese Darstellung des pyramidalen Aufbaus ist auch mit dem traditionellen Begriff des Dramas in fünf Akten vereinbar. [16]
Zum Inhalt des Dramas wird gesagt, dass es eine Seelengeschichte darstellt, die durch die dramatische Darstellung Form gewinnt. Das Dramatische ist laut Freytag „die Beziehung zwischen innerem Vorgang und Tat"[17], die Beziehung zwischen diesen beiden Vorgängen ist im Dramatischen reziprok. Es gibt eine große Spannweite in den Beziehungen zwischen Innen und Außen. So gibt es Vorgänge, die sich im Inneren entwickeln und zu einer Handlung führen, aber auch innere Vorgänge, die erst durch einen äußeren Einfluss ausgelöst werden und dann ebenfalls zu einer Handlung führen. [18]
Rath bezeichnet das Dramatische, was er von der Novelle ja, wie oben bereits angeführt, als zentrales Element fordert, als „Geschehnis, Begebenheit, Ereignis. [...] Sichereignendes."[19].
Rath merkt an, dass die oben beschriebenen Ausführungen sich auf das neuzeitliche Drama beziehen, welches einzig aus dem Dialog besteht. „Er ermöglicht die Inszenierung einer Welt, die nur aus sich heraus lebt, nur Gegenwärtigkeit ist. [...] Die Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung sichert ein Geschehen, das allein aus der Situation heraus wirkt, nur die Sphäre des Augenblicklichen aktualisiert. Diese ›absolute Gegenwartsfolge‹ prägt die geschlossene Form des Dramas in der Klassik."[20]
Das der Novelle so ähnliche Drama sieht Rath jedoch nicht im dialogischen Drama der Klassik, sondern im epischen Drama der Moderne. Dieses epische Drama hat sich in der „Krise des Dramas" aus dem vorher populären dialogischen Drama entwickelt. An die Stelle gefestigter Charaktere des klassischen Dramas treten stattdessen Charaktere, welche sich in Identitätskrisen befinden und dadurch „nicht fähig [sind] zu handeln, so daß [!] die Prämisse des herkömmlichen Dramas, die absolute Gegenwartsfolge, aufgehoben wird."[21] Nach Skondi weicht dadurch das Zwischenmenschliche, Dialogische monologischen Reflexionen, welche eher einer Erzählung gleichen. „Die Vereinnahmung der Gegenwärtigkeit durch Erinnerungen oder Hoffnungen, durch Bezüge ins Vergangene oder Zukünftige, treten im Medium des Erzählerischen auf, sie sind episch ausgerichtet und begründen das moderne Drama als episches."[22]
Durch diese Veränderung der Form des Dramas gewinnt die Novelle im 19. Jahrhundert sehr an Bedeutung, da sie nun die epische Form darstellt, „die dem Drama am nächsten verwandt ist und eine Ersatzfunktion einzunehmen vermag."[23] Dies zeigt auch die Tatsache, dass einige Schriftsteller nach eigener Aussage die Form der Novelle nutzten, um dramatische Stoffe umzusetzen, die in Gestalt des Dramas für sie nicht verwirklichbar waren.[24]
Die Novelle wurde also dazu genutzt, kurze Prosaerzählungen mit dramatischen Inhalten zu verfassen.
Rath verfasste mit den oben angeführten Aussagen keine eindeutige Definition der Novelle. Er stellt lediglich einige Vergleiche und Forderungen an, die die Novelle näher bestimmen.
2.1.2 Anwendung der Theorie auf „L'Arrabiata"
Die Novelle der L'Arrabiata gilt als Musterbeispiel für Heyses Novellentheorie. Er schrieb sie 1855 in Sorrent anhand eines lebenden Modells, welches ihm dort bekannt wurde.
Sie handelt von Laurella, welche durch ihren Vater, der die Mutter misshandelt, zur spröden, Männer hassenden L'Arrabiata wird. Nachdem Antonino, ein Fischerbursche, der sie heimlich liebt, ihr auf einer Überfahrt in seinem Boot ähnliche Gewalt antut, beißt sie ihn in die Hand und wird durch diesen Vorfall aus ihrem Zwangszustand befreit.
Da Antonino bereut, was er ihr angetan hat, findet sie ihr Gefühl wieder und kann ihm verzeihen und ihn lieben.[25]
Zunächst werde ich versuchen, den pyramidalen Aufbau des Dramas an der Novelle von Heyse aufzuzeigen bzw. ihn anzuwenden. Laut Freytag, auf den sich Rath bei diesem Konzept bezieht, hat das klassische Drama fünf Teile.
Heyse beschreibt zunächst die Umgebung bzw. Örtlichkeit, an der die Geschichte sich zuträgt. Später werden die Personen eingeführt und der Charakter der Laurella wird gründlich beschrieben. Hiermit ist der erste Teil, eine gute Einleitung bzw. Exposition, gegeben.
Der zweite Teil, die Steigerung der Handlung, beginnt, als die beiden Protagonisten allein im Boot sind und sich auf den Rückweg nach Hause machen. Laurella ist von vornherein abweisend gegenüber Antonino und reagiert auf seine Nettigkeiten und seine Versuche, ihr im Gespräch näher zu kommen, arrogant und voller Desinteresse. Als er ihr seine Zuneigung gesteht und sie sich auch hierauf abweisend zeigt, wird Antoninos Stimmung zusehends gereizter. Laurellas Verhalten ist ihm unverständlich und kränkt ihn zutiefst.
Der Höhepunkt, und dritte Teil der dramatischen Entwicklung, ist erreicht, als Antonino handgreiflich gegenüber Laurella wird und diese ihm seine Hand blutig beißt.
Ab diesem Zeitpunkt beginnt der vierte Teil, die fallende Handlung. Es wird nicht mehr gesprochen, die Situation ist zwar weniger gespannt, jedoch noch nicht geklärt.
Die Katastrophe, wie sie das Drama nach Freytag als fünften Teil fordert, tritt nicht ein. Es gibt, als Laurella zu Antonino geht, um ihm Kräuter zur Heilung seiner Hand zu bringen, eine Wendung zum Guten. Der Konflikt löst sich auf, die Katastrophe bleibt aus. In diesem Punkt entspricht also Heyses Novelle nicht den von Rath in seiner Theorie geforderten Ansprüchen, und ist dort somit nicht anwendbar.
Abschließend zu diesem Teil der Anwendung kann ich sagen, dass sich, bis auf die Unstimmigkeit im letzten Teil, die fünf Teile des pyramidalen Aufbaus des Dramas in dieser Novelle wiederfinden, bzw. das dieser Teil der Theorie von Rath sich, mit Ausnahme der Forderung nach einer Katastrophe zum Ende der Handlung, auf Heyses L'Arrabiata anwenden lässt.
Im Folgenden werde ich die Anwendbarkeit des Handlungsbegriffs von Aristoteles, den Rath als Voraussetzung des deutschen Novellenkonzepts sieht, überprüfen. Demnach besteht jede Handlung aus „Anfang, Mitte und Ende", und ist dadurch geschlossen.
Den Anfang dieser Handlung, sehe ich in der Einleitung der Geschichte, bis hin zur Rückfahrt. Bis dorthin findet ein Aufstieg wie beim euklidischen Dreieck, welches Aristoteles in seinen Ausführungen erwähnt, statt.
Im Boot, auf der Rückfahrt, beginnt die Mitte, die durch den Streit zwischen den beiden Protagonisten gekennzeichnet ist, und mit dem Biss Laurellas endet. Dies ist vergleichbar mit dem Höhepunkt nach der Idee des euklidischen Dreiecks.
Das Ende besteht im Sinneswandel Laurellas. Es beginnt unmittelbar nach dem Biss und schließt mit der Versöhnung der beiden ab. Diese ist die Lösung im Sinne des euklidischen Dreiecks.
Bei L'Arrabiata liegt demnach meiner Meinung nach eine geschlossene Handlung vor. Es geht um Laurella und Antonino und deren Zueinanderfinden, dieses hat Anfang, Mitte und Ende und ist somit in sich geschlossen.
2.2 Heyses Novellentheorie
2.2.1 Definition/ Vorstellung der Theorie
Wenn in der Wissenschaft von Heyse im Bezug auf die Novellentheorie gesprochen wird, so steht wohl immer seine so genannte Falkentheorie im Mittelpunkt. Darüber hinaus hat Heyse jedoch in seiner Einleitung zu „Deutscher Novellenschatz" und in seinen „Jugenderinnerungen und Bekenntnisse[n]" weitere wichtige Beiträge zur Novellentheorie geleistet. Nachfolgend werde ich anhand seiner eigenen Aussagen, sowie den Äußerungen von Wolfgang Rath über dieselben, versuchen, die Theorie, wenn man sie so nennen kann, darzulegen.
Für Heyse sind in der Novellendefinition zwei Begriffe von zentraler Bedeutung: die Silhouette und der Falke.
Der erste Begriff, die Silhouette, meint laut Heyse die Konzentration der Novelle auf nur einen einzigen, speziellen Konflikt oder ein Ereignis, statt auf die dazugehörigen allgemeinen Dinge, wie Zustände oder eine bestimmte Art der Weltanschauung. Dadurch sollte eine Novelle bzw. das was sie im Kern aussagen will, nach Heyse auch in wenigen Sätzen wiedergegeben werden können, ohne das ihr Gehalt durch die Kürzung verloren geht. „Eine starke Silhouette [...] dürfte dem, was wir im eigentlichen Sinne Novelle nennen, nicht fehlen, ja wir glauben, die Probe auf die Trefflichkeit eines novellistischen Motivs werde in den meisten Fällen darin bestehen, ob der Versuch gelingt, den Inhalt in wenige Zeilen zusammenzufassen, [...] die dem Kundigen schon im Keim den specifischen [!] Werth des Thema's [!] verrathen [!]."[26]
Die Silhouette ist laut Heyse Hauptunterscheidungsmerkmal zwischen Novelle und Roman, und nicht etwa die Länge der Geschichte, denn diese kann kein hinreichendes Kriterium zur Unterscheidung der beiden Gattungen sein, da sie relativ zu betrachten ist.
„Wenn der Roman ein Kultur- und Gesellschaftsbild im Großen, ein Weltbild im Kleinen entfaltet [...] so hat die Novelle in einem einzigen Kreise einen einzelnen Conflict [!], eine sittliche oder Schicksals-Idee oder ein entschieden abgegrenztes Charakterbild darzustellen [...]. Die Geschichte, nicht die Zustände, das Ereigniß [!], nicht die sich in ihm spiegelnde Weltanschauung, sind hier die Hauptsache"[27]. Hier drückt Heyse noch einmal explizit seinen Anspruch an die Novelle aus, ein bestimmtes Moment zu enthalten, welches ihr zentrales Thema darstellt, und sich wirklich nur mit diesem Moment, und nicht mit den Äußeren, beispielsweise gesellschaftlichen Umständen zu belasten, da dies die Novelle als solche zerstören würde.
Rath betont auch noch einmal, das Heyse im Bezug auf Novelle eine starke Differenz zwischen einem Fall, in dem alles geplant ist und eine gewisse Schicksalhaftigkeit vorherrscht, und einem bloßen Vorfall im Sinne eines Zufalles, sieht. „Die Silhouette [...] zollt also dem Umstand Rechnung, dass[!] jede Fallgeschichte strukturiert ist und Kontur hat. Die Silhouette definiert sich demnach als eine Fallgeschichte und ihre Struktur."[28]
Der zweite relevante Begriff Heyses, der symbolisch gemeinte Falke, wird auch Boccaccio-Falke genannt und ist zurückzuführen auf die Novelle „Der fünfte Tag des Dekameron" von G. Boccaccio.
Diese Novelle handelt von der einseitigen, unerfüllten Liebe eines Mannes gegenüber einer Frau. Er verarmt aufgrund seiner Liebe und lebt nur noch mit seinem Lieblingstier, einem Falken, zusammen. Eines Tages erkrankt der Sohn der geliebten Frau schwer und ist einzig durch den Falken des Mannes zu retten. Die Mutter sucht den Mann daher auf, um ihn um den Falken zu bitten. Da er sie im Zuge ihres Besuches verköstigen möchte, jedoch nichts besitzt, schlachtet er den Falken und serviert ihn zum Essen. Der Sohn der Frau kann daraufhin nicht mehr geheilt werden und stirbt. Die Frau jedoch verliebt sich im Folgenden in den Mann und belohnt ihn für seine Ritterlichkeit, indem sie ihn zum Herrn ihres Vermögens macht.
„Der Falke verbildlicht dort ein innerstes Geschehen, ein ›Allerpersönlichstes‹ und Einmaliges. Er veranschaulicht das Seelische im Ereignis."[29] So charakterisiert bzw. bestimmt Rath in seinen Ausführungen den aus dieser Erzählung resultierenden Falken im übertragenen Sinne.
Heyses Falkentheorie besagt nun, dass jede Novelle einen solchen Falken - im übertragenen Sinne - beinhalten muss. Sie sollte ein charakteristisches oder bestimmtes Moment wie den Falken enthalten. Für ihn ist dies das zentrale Element einer Novelle und sollte von vornherein festgelegt sein. „Gleichwohl aber könnte es nicht schaden, wenn der Erzähler auch bei dem innerlichsten oder reichsten Stoffe sich zuerst fragen wollte, wo „der Falke" sei, das Specifische[!], das diese Geschichte von tausend anderen unterscheidet."[30] Der Falke ist es also, der die einzelne spezielle Novelle ausmacht, dabei muss er kein greifbarer Gegenstand sein, es kann sich hierbei auch um einen Wahrnehmungswert handeln.
Rath fügt darüber hinaus dem Falken eine zentrale Rolle bezüglich des Wendepunktes der Handlung hinzu, was ihn noch spezifischer und eindeutiger bestimmbar macht. „Heyse identifiziert die Begriffe Wendepunkt und Falke, die Forschung ist sich darüber einig."[31] Der Falke taucht also immer am Wendepunkt einer Novelle auf, so bekommt zum Beispiel auch bei Boccaccio der Falke erst eine so große Bedeutung, als durch seine Schlachtung und den darauf folgenden Tod des Sohnes, die Frau sich in den Mann verliebt, und sich somit alles zum Guten wendet.
Rath zieht zudem noch Heyses Vergleich der novellistischen Form mit einem Kristallisationsprozess heran und führt aus, dass laut Heyse sich alle Charaktere notwendig um ihren Mittelpunkt, also den Falken oder auch Wendepunkt gruppieren, sowie sich auch alle Elemente beim Kristallisationsprozess blitzschnell um den Kern anschließen.[32] Damit will er sagen, dass die ganze Novelle um den Falken herum geplant ist, und dass im Zuges dessen alles nur auf sein Auftreten und somit den Höhepunkt der Erzählung hinarbeitet. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, selbst das Schlechte bzw. der Konflikt am Anfang der Erzählung wird nur konstruiert, um sich mit dem Auftauchen des Falken zum Guten zu wenden, bzw. mit seinem Auftreten gelöst zu werden.
Des Weiteren bezeichnet Heyse die Novelle in seinen Ausführungen auch als eine Form der Berichterstattung von Neuheiten. „Von dem einfachen Bericht [...] hat sich die Novelle nach und nach zu einer Form entwickelt, in welcher gerade die tiefsten und wichtigsten sittlichen Fragen zur Sprache kommen, weil in dieser bescheidenen dichterischen Gattung auch der Ausnahmefall, das höchst individuelle und allerpersönlichste Recht im Kampf der Pflichten, seine Geltung findet."[33] Laut Rath ist die Novelle „demnach Bericht über sittlich-existentielle Neuheiten."[34] Sie repräsentiert den Konfliktfall und gibt dadurch der Moral die Gelegenheit, sich zu erneuern.[35]
Eine Novelle berichtet also nicht nur, sie revolutioniert auch, indem sie kritisch auf neu aufkommende Gegebenheiten oder falsche moralische Verhältnisse aufmerksam macht. Sie verallgemeinert diese jedoch nicht, sondern verharrt in der ganz speziellen Geschichte bzw. dem individuellen Schicksal. „Der ››Mensch [...] in seinen Unzulänglichkeiten‹‹ ist Gegenstand der Novelle, jeder Stoff dazu legitim."[36]
„In guten Novellen, so Heyse, ist daher nichts zufällig, sondern Aspekt eines Falls."[37] Eine Novelle sollte also laut Heyse von vornherein durch den Autor gut durchdacht und geplant sein, damit sie nicht am Ende aufgrund fehlender, wichtiger Kriterien doch nur eine Erzählung wird. „Darauf aber wird es ankommen, dass [!] der Erzähler bei jeder einzelnen Aufgabe sich frage, auf welche Weise aus dem fruchtbarsten Motiv möglichst alles zu machen wäre, was an psychologisch bedeutsamem Gehalt im Keim vorhanden ist. [...] Nach den verschiedenen geistigen und künstlerischen Anlagen des Individuums werden die verschiedensten dichterischen [...] Gebilde aus demselben Motiv entspringen. [...] [trotzdem] ist doch die Forderung ganz allgemein unerläßlich [!], das möglichste an dichterischer [...] Wirkung dem Thema abzugewinnen. [...] ein Zeugnis für die gereifte Kraft des Künstlers ist die Sicherheit, mit der er diejenige Durchführung wählt, die das innerste Wesen des Motivs am schlagendsten zur Anschauung bringt."[38] Heyse hat eine sehr genaue Vorstellung davon, wie eine wirklich gute Novelle aufgebaut sein sollte und worauf sie sich konzentrieren sollte. Er setzt zudem voraus, dass sie einen psychologischen Wert haben muss, denn nur so kann sie seinem Anspruch der Darstellung eines besonderen Momentes gerecht werden und sich somit auch von einer Erzählung abheben.
Eine wirkliche Theorie im wissenschaftlichen Sinne, welche ganz klare Strukturen, Anweisungen und Inhalte gibt bzw. vorschreibt, hat Heyse nie verfasst. Es ist eher eine Vorstellung von Form und Inhalt die Heyse von einer seiner Meinung nach gelungenen Novelle hat und die er auch detailliert und verständlich darlegt.
2.2.3 Anwendung der Theorie auf „L'Arrabiata"
Den oben genannten Ansprüchen Heyses an eine gute Novelle genügt diese Erzählung in allen Punkten.[39]
Als erstes werde ich die von Heyse geforderte starke Silhouette am Beispiel L'Arrabiata aufzeigen. Sie ist ja bereits durch die bei der Anwendung der Novellentheorie von Rath angeführte Inhaltsangabe, welche in wenigen Zeilen den Inhalt wiederzugeben vermag und dabei dem Thema der Novelle, nämlich dem psychischen Trauma welches Laurella erlebt hat und verarbeiten kann, trotzdem gerecht wird, belegt.
Des Weiteren ist der Anspruch, dass sich eine Novelle mit nur einem ganz individuellen und speziellen Konflikt befasst, erfüllt. Laurellas Problem steht im Mittelpunkt der Novelle und es geht nur um ihr spezielles Schicksal, nicht etwa um das gesellschaftliche Problem der unterdrückten oder misshandelten Frau.
Zudem ist der Charakter der Laurella klar umrissen, womit ein „abgegrenztes Charakterbild" gegeben ist. Es geht schlichtweg um ein menschliches Schicksal, dieses ist in der Erzählung nur im Bezug auf das, was für die Situation, bzw. die Geschichte relevant ist, beschrieben. Beschreibungen von Dingen oder Eigenschaften der Person, die nichts mit der Handlung zu tun haben, bleiben aus.
Auch die Erweiterung der Definition der Silhouette als „eine Fallgeschichte und ihre Struktur", auf die Rath in seinen Ausführungen schließt, lässt sich in L'Arrabiata wiederfinden. Heyse arbeitet geplant auf den Höhepunkt der Novelle hin. Laurellas Zustand wird in der Vorgeschichte, durch das Gespräch mit dem Pater klar, es wird eine Situation geschaffen, in der Laurella und Antonino allein sind und die schließlich eskaliert. Alles passt zusammen, reiht sich gut aneinander und verhilft der Novelle schließlich zu einem schlüssigen, guten Ende.
Man kann die Geschichte auch als eine Berichterstattung über eine Veränderung bzw. Neuerung im Leben von Laurella bezeichnen. Es kommen sehr „tiefe und sittliche" Fragen zur Sprache und werden ausgeführt. Der individuelle, seelische Konflikt Laurellas steht im Mittelpunkt des Berichtes. Sie möchte Antonino lieben, kann dies jedoch aufgrund der traumatischen Erfahrungen, die sie in ihrer Kindheit gemacht hat, nicht zulassen. Es stellt sich jedoch eine Neuerung bzw. Wendung in ihrem Leben ein und das Trauma kann überwunden werden. Damit ist auch das Kriterium, die Novelle sei ein Bericht über sittlich-existentielle Neuigkeiten, erfüllt.
Als nächstes werde ich den Falken in L'Arrabiata aufzeigen. Dieser ist hier sehr eindeutig bestimmbar als „der Biss", und genügt in allen Punkten den Ansprüchen Heyses an ebendiesen. Er ist kein greifbarer Gegenstand, was von Heyse auch nicht gefordert wird, sondern ein „Wahrnehmungsmoment" oder auch ein „Allerpersönlichstes". Er spiegelt Laurellas Innerstes, nämlich ihren tiefen Hass, den sie in ihrer Seele gegen alle Männer hegt, wieder, und hilft ihr gleichzeitig durch seine Folgen, diesen zu überwinden.
Heyse arbeitet zu Anfang der Geschichte nur darauf hin, Laurellas Widerspenstigkeit zunächst zu erklären bzw. zu begründen, um sie dann am Höhepunkt der Geschichte durch den Falken sich klären bzw. auflösen zu lassen. Alles arbeitet nur auf den Zeitpunkt des Bisses und Laurellas Sinneswendung hin. Die Ängste und Probleme, die Laurella in sich trägt, verdichten sich in dem Moment, in dem Antonino ihr gegenüber gewalttätig wird. Die Handlung steigert sich in sehr dramatischer Weise, bis Laurella sich schließlich dazu entscheidet, sich zu wehren. Da Antonino sich ihr gegenüber reumütig zeigt, und sie nicht weiter zu nötigen versucht, oder ihr gar einen Vorwurf daraus macht, das sie ihn durch ihren Biss arbeitsunfähig gemacht hat, bereut sie ihre Tat. Sie sieht ein, dass nicht alle Männer schlecht sind und kann somit ihren zwanghaften Hass ablegen. Ihre dahinter versteckt gewesene bzw. dadurch unterdrückte Leidenschaft, die sie eigentlich schon immer für Antonino empfand, kommt zum Vorschein.
Die Geschichte wendet sich zum Guten, was auch noch den Anspruch erfüllt, der Falke sei mit dem Wendepunkt gleichzusetzen bzw. tauche an diesem auf oder führe ihn herbei. Laurella kann plötzlich doch einen Mann lieben , worauf sich ihr ganzes Leben verändert. Sie wird von dem als L'Arrabiata verhöhnten, spröden Mädchen zu einer von allen akzeptierten, braven Ehefrau.
Auch Rath sieht den Biss als den Falken bzw. Wendepunkt, auf den Heyse die ganze Erzählung hindurch hinsteuert. Er bringt zudem das Sittliche, welches Heyse fordert, in seine Interpretation mit hinein, indem er Laurellas Wandel als einen solchen zum Sittlichen hin bezeichnet „Laurella kann nicht lieben; der Biß [!] in Antoninos Hand heilt sie im Mustervorgang eines Kristallisationsprozesses. Sie bessert sich nach sittlichem Postulat: Aus einer vom Pfarrer kritisierten rabiaten Laurella wird eine liebende Ehefrau."[40]
Heyse hat es meiner Meinung nach mit seiner Novelle L'Arrabiata tatsächlich geschafft, ein Musterbeispiel einer Novelle zu entwickeln, welche seinen Vorstellungen und Ansprüchen, die er an diese literarische Gattung stellt, in vollem Maße genügt. Alle seine Ausführungen und Theorien über Novellenform und -inhalt, lassen sich an diesem Beispiel konkretisieren und veranschaulichen.
3. Schluss
Nachdem ich mich in dieser Arbeit mit zwei der vielen so umstrittenen Theorien zur Novelle gründlich auseinandergesetzt habe, kann ich mich der einhelligen Meinung, die Novelle sei nicht eindeutig in ihrer äußeren Form und ihrem Inhalt bestimmbar, nur anschließen.
Die Theorien von Rath und Heyse sind auf das von mir gewählte Beispiel der Novelle „L'Arrabiata" beide anwendbar, obwohl sie doch in weiten Teilen unterschiedliche Aussagen treffen. Welche der beiden Theorien ich für eher geeignet oder besser halte kann ich an dieser Stelle nicht entscheiden, da ich dafür noch viele weitere Novellen dahingehend untersuchen müsste und das den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.
Wenn ich jedoch die beiden Theorien abgesehen von Beispielen miteinander vergleiche, so stelle ich fest, dass die Theorie von Rath die Form und den Aufbau von Novelle eher definiert als die von Heyse. Es sind klare Strukturen genannt, in denen eine Novelle aufgebaut sein sollte. Der Inhalt hingegen ist weniger detailliert bestimmt.
Bei Heyse ist genau das Gegenteil der Fall. Er bestimmt keine konkrete äußere Form der Novelle, äußert sich jedoch umso spezifischer und detaillierter zum Inhalt und stellt Forderungen an den Autor, wie dieser beim Schreiben der Novelle vorzugehen hat, bzw. worüber er sich schon im Voraus klar werden sollte.
Abschließend kann ich sagen, dass die von mir untersuchte Erzählung L'Arrabiata zwei sehr bedeutenden Theorien zur Novelle genügen kann. Ich denke, dass diese Erzählung die Bezeichnung Novelle deshalb in jedem Fall tragen darf, das sie jedoch auch kein Ideales Muster für die Novelle darstellt. Ein solches gibt es nicht und wird es wahrscheinlich auch nie geben, da diese Gattung dazu nicht eng genug eingrenzt, bzw. nicht nahe genug bestimmt werden kann.
4. Literaturverzeichnis
I. Primärliteratur
Heyse, Paul: L'Arrabiata / Das Mädchen von Treppi. 1969 Phillipp
Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 2002.
II. Quellensammlung
Polheim, Karl Konrad: Theorie und Kritik der deutschen Novelle von Wieland bis Musil, Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 1970.
III. Sekundärliteratur
Aust, Hugo: Novelle / Hugo Aust. 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Stuttgart; Weimar: Metzler, 1999.
Freund, Winfried: Novelle / Winfried Freund. Stuttgart: Reclam jun. GmbH & Co., 1998.
Hillenbrand, Rainer: Heyses Novellen, Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag, 1998.
Hillenbrand, Rainer: Heyses sogenannte Falkentheorie. In: Literatur, Sprache, Religion, Bd. 4, Hrsg. R. Berbig/ W. Hettche, Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag, 2001.
Kim, H.- Z.: Die Erzähltechnik in Paul Heyses frühen Novellen, Diss. Köln, 1981.
Krämer, Herbert: Theorie der Novelle, Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co., 1976.
Kunz, Josef: Wege der Forschung. Novelle. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1968.
Rath, Wolfgang: Die Novelle: Konzept und Geschichte. Göttingen: Vandenhoek und Ruprecht, 2002.
Spies, Bernhard: Der Luxus der Moral - Eine Studie zu Paul Heyses Novellenwerk. In: Literatur für Leser, 1982, Heft 3, S. 146 - 163.
[1] Krämer, S. 5
[2] Kunz, S. 34
[3] Krämer, S. 42
[4] Ebd., S. 26
[5] Rath, S. 15
[6] Ebd., S. 15
[7] Vgl. ebd., S. 15
[8] Vgl. ebd., S. 15 f.
[9] Ebd., S. 16
[11] Rath, S. 24
[12] Ebd., S. 24
[13] Ebd., S. 24
[14] Ebd., S. 25
[15] Ebd., S. 16
[16] Ebd., S. 16 ff
[17] Rath, S. 18
[18] Vgl. ebd., S. 18 f
[19] Ebd., S. 19
[20] Ebd., S. 19
[21] Ebd., S. 21
[22] Rath, S. 21
[23] Ebd., S. 21
[24] Vgl. ebd., S. 21
[25] Vgl. ebd., S. 246 f.
[26] Heyse, zitiert nach Pohlheim, S. 148
[27] Ebd., S. 147 f.
[28] Rath, S. 249
[30] Heyse, zitiert nach Pohlheim, S. 149
[32] Vgl. Rath, S. 249
[33] Heyse, zitiert nach Kunz, S. 66
[34] Rath, S. 245
[35] Ebd., S. 245
[36] Ebd., S.245
[37] Ebd., S 248
[38] Heyse, zitiert nach Pohlheim, S. 154
[39] Ich werde mich bei diesen Ausführungen nur selten auf Literatur
berufen, da zu der Novelle „L'Arrabiata" nur wenig Interpretationslektüre
zu finden ist. Die Anwendung der Theorie enthält also in weiten Teilen
meine eigenen Schlussfolgerungen
[40] Rath, S. 249
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