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Romanisierung am Beispiel Kölns: Köln in römischer Zeit

Romanisierung am Beispiel Kölns: Köln in römischer Zeit
Hausarbeit
Datum: 02. Januar 2011 Autor: cicely Kommentare: 0

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Ausarbeitung zum Thema Köln in römischer Zeit.


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Romanisierung am Beispiel Kölns: Köln in römischer Zeit


1.1 Einleitung

Über Köln ist viel gedacht und geschrieben worden. Viel wurde untersucht, viel gelesen, und doch kristallisieren sich erst langsam die genauen Umstände und die Daten heraus, mit Hilfe derer und innerhalb derer diese beeindruckende Stadt nebst ihrem Umland entstanden ist.

Lange Zeit glaubte man, die Stadt wäre auf die Initiative der Ubier hin entstanden, und die Römer hätten, im Gegensatz zu anderen durch das Militär errichteten Siedlungen, diese Stadt erst im Nachhinein eingenommen und für sich beansprucht. Doch dem war nicht so. Neueste Münzfunde belegen, dass die Ubier erst zur zweiten Statthalterschaft Agrippas in den Jahren 18/19 vor Christus umgesiedelt wurden. Sie lebten vorher auf der rechten Seite des Rheines, und haben dann, auf Veranlassung der Römer, jedoch nicht unter Zwang, die Seiten gewechselt und blieben auch dann noch treue Verbündete der Römer. Dass die Römer die Stadt von Grund auf neu errichtet haben, und nicht die Ubier, lässt sich leicht an der Art der Bauweise erkennen, so dass die Geschichte dieses Territoriums mittlerweile recht klar und transparent geworden ist. Natürlich gibt es immer noch einiges, worüber zu wenig bzw. zu Ungenaues bekannt ist, wie zum Beispiel die Grenzen des Umlandes der eigentlichen Stadt, doch Annäherungen existieren.

Erstaunlich war es auf jeden Fall, wie es die ehrgeizige Agrippina erreicht hat, als einzige Frau, die es jemals geschafft hat, ihren Namen mit einer Stadt in Verbindung zu bringen, auch eben namentlich mit der Stadt Köln, ihrer Geburtsstadt, für immer verbunden zu bleiben. Mittels groß angelegter Überzeugung brachte sie Claudius dazu, der Stadt Kolonierechte zu verleihen und durch mindestens ebenso großartige Überredungskünste schwatzte sie zu guter Letzt ihrem Mann, dem Kaiser Claudius, der ja eigentlich ihr Onkel war[1], ihren eigenen Sohn Nero als Nachfolger auf. Dass sie Claudius später sogar noch umbringen ließ, aber auch sie selber durch die Hand ihres eigenen Sohnes sterben sollte, steht auf einem anderen Blatt.

1.2 Die Eroberung Germaniens

17 v. Chr. war von den Römern das „Saeculum" gefeiert worden, was den Beginn eines neuen (ruhmvollen) Jahrhunderts bedeuten sollte. Da verschiedene germanische Stämme einige Schlachten gewonnen hatten und bei der Schlacht gegen Lollius ("clades Lolliana") sogar des Legionsadlers habhaft werden konnten, wurde jetzt von Augustus eine neue Richtung eingeschlagen: Das römische Umdenken in der Politik bedeutete, dass man jetzt die Germanen direkt angriff. Augustus' imperiale Politik nahm ihren Anfang mit dem Vorhaben, die rechtsrheinischen Germanen zu unterwerfen und das Land als Provinz dem Reich anzugliedern.

Dafür wurden Truppen benötigt, die die Sicherung der Rheingrenze gewährleisten konnten. Es waren 7 Legionen, die zur Rheingrenze verlegt wurden. Eine Legion zählte zu dieser Zeit etwa 5500 Mann. Das heißt, hier waren etwa 38.500 Mann stationiert. Vor allem an den großen Flüssen entstanden einzelne römische Lager: Mogontiacum (Mainz), Novaesium (Neuss), Bonna (Bonn), Vetera (Xanten) u.a. . Der ganze Rhein war jetzt römisch.

Im Zuge dessen entwickelte sich eine weitläufige Infrastruktur, um die Versorgung der Truppen, die teilweise bis zu 40.000 Mann aufwiesen, zu gewährleisten. Das Straßennetz wurde ausgebaut, aufwendige Lager wurden angelegt, mit allem, was zu der damaligen Zeit für einen Römer nötig erschien. Zum Beispiel wurden parallel zu Rathaus und religiösen Kultstätten Thermen und Sportstätten gebaut. So zeugten die Lager von einer langfristigen Planung der Römer, was heißt, dass Germanien tatsächlich erobert werden sollte. Es ging also nicht um einzelne Vergeltungsschläge, sondern um Eroberungszüge.

Nach der Vorarbeit Agrippas, die unter anderem darin bestanden hatte, ab 20 v. Chr. das Straßennetz in Gallien weitläufig auszubauen und um 19/18 dann die Ubier auf die linke Rheinseite umzusiedeln, kam Augustus 16 - 13 v. Chr. nach Gallien, um das Gebiet in Provinzen zu gliedern, die Wehrhaftigkeit und die Loyalität der Gallier zu festigen und um die Germanen in ihre Schranken zu verweisen.

Tiberius, Bruder von Drusus - Mutter Livia hatte ihre beiden Söhne mit in die Ehe mit Augustus gebracht - besiegte 15 v. Chr. die Alpenregion. Agrippa kämpfte 13 v. Chr. in Illyrien gegen aufständische Stämme, bis sich schließlich 12 v. Chr. ein Plan herauskristallisierte: In Illyricum setzte man es sich zum Ziel, bis 9 v. die Aufständischen bis zur Donau besiegt zu haben. Außerdem sollten zeitgleich auch die aufständischen Germanen unter Kontrolle gebracht werden. Immer wieder waren sie auf die linke Rheinseite eingefallen und hatten Unruhe gebracht, so dass sie schließlich bis zur Elbe besiegt werden sollten. Bis 16 n. sollte so ganz Germanien mit Hilfe von Drusus, Tiberius und Germanicus in den Rahmen einer gesamten Provinz gebracht werden.

Als aber 11 v. Chr. Agrippa starb, erfolgten zunächst keine Angriffe mehr. Tiberius heiratete, angeordnet von Augustus, die Witwe Agrippas, um nicht die Nachfolge zu gefährden. Als kurz darauf sein Bruder Drusus überraschend bei einem Reitunfall auf dem Weg nach Mainz starb, musste Tiberius auch dessen Sohn Germanicus adoptieren.

Das Schwergewicht der römischen Aktionen sollte zu dieser Zeit eigentlich im Donauraum liegen, für den Agrippa beauftragt gewesen war. Tiberius und Drusus hatten „nur" den Auftrag, im Rheinland zu kämpfen. Nach Drusus' plötzlichem Tod aber übernahm Tiberius den Auftrag allein und führte ihn im Jahre 8 v. Chr. scheinbar erfolgreich zu Ende. Velleius Paterculus schreibt, Germanien habe damals beinahe den Status einer Provinz erreicht. Auch wenn Velleius Tiberius sehr ergeben war, scheint dies der Wahrheit zu entsprechen. [2]

Es wurden Heiligtümer erbaut, um sich mit ihrer Hilfe durch Feiern, Kulthandlungen und Opfer der Loyalität der Gallier immer wieder aufs Neue zu vergewissern. In Lugdunum, der Geburtsstadt von Claudius, dem heutigen Lyon, entstand das Vorbild für den späteren Altar (die „Ara") in Köln. Tiberius siedelte 7/8 v. die Sugambrer nach Xanten um. 9 n. Chr. fand dann die alles entscheidende Schlacht in der Nähe des Teutoburger Waldes statt, die Varusschlacht ("clades Variana"). Als 14 n. Chr. Augustus starb, erfasste eine Rebellion die niederrheinischen Truppen. Germanicus, Kommandant der Rheinarmee, schlug den Aufstand in kurzer Zeit nieder. So wurde er auch entsandt, um in mehreren Rachefeldzügen Varus dingfest zu machen. Eventuell wurde dieser Marserfeldzug nur unternommen, um die Meuterer von ihren eigenen Problemen abzulenken.[3] Einzelne Völker wie die Cugerni und die Brukterer, insgesamt ca. 40 000 Menschen, wurden noch umgesiedelt - meist zwangsweise aus der rechtsrheinischen Kölner Bucht.[4] Endgültig aber schloss Tiberius mit der Idee der großen germanischen Gesamt-Provinz erst 16 n. Chr. nach zahlreichen Verlusten ab, woraufhin er Germanicus zurückberief. Der Limes wurde daraufhin als Grenzsicherungswall gebaut.

1.3 Die Ubier

Marcus Vipsanius Agrippa, der ca. 40 v. Chr. den Auftrag von Octavian - der später Augustus genannt wurde - bekommen hatte, Gallien zu verwalten, war in dieser Zeit Statthalter in Germanien. Zuerst stand der Gedanke der Machtgewinnung in Rom weit im Vordergrund. An eine Neuordnung im Sinne einer Umstrukturierung in Gallien und Germanien hat Augustus nicht gedacht. Und die Umsiedlung der Ubier wäre Teil einer solchen Neuordnung gewesen. Sein Konzept zu dieser Zeit war die Sicherung der linken Rheinseite mit Hilfe germanischer Stämme, um die einfallenden rechtsrheinischen Germanen, die immer wieder für Unruhe sorgten, dauerhaft abzuschrecken.

Erst mit Augustus' imperialer Politik 27 v. Chr., als die römischen Verhältnisse für ihn weitgehend und nach seinem Geschmack geordnet waren, keimte die Idee, ganz Germanien als große Provinz zusammenzufassen. Auch sollte jetzt die innere Gestaltung der bereits eroberten Gebiete umstrukturiert werden.

Der Historiker Strabo berichtet über die Kriegsführung der Römer gegen die Germanen in seiner geographischen Weltbeschreibung "Geographika" folgendermaßen: "...Auf der anderen Seite lebten die Ubier, die sich freiwillig von Agrippa in das Gebiet diesseits des Rheines führen ließen." Hier wird angedeutet, dass die Ubier, im Gegensatz zu anderen germanischen Stämmen, freiwillig, das heißt, im Gegensatz zu manch anderen germanischen Stämmen ohne Zwang auf die linke Seite des Rheines übersiedelten.

Das Volk der Ubier war schon früher in Erscheinung getreten. Im Jahre 55 v. Chr. bestand mit Gaius Iulius Caesar (100-44) eine Freundschaftsbeziehung (amicitia). In der Zeit zwischen 55 und 53 v. Chr. wandelte sich diese Freundschaft in die bedingungslose Unterwerfung (deditio) unter die Römer. Somit galten die Ubier als "deditictii", als Verbündete der Römer. 50 v. Chr. baten sie die Römer dann auch um Hilfe.

Die Ubier selbst waren der Übersiedlung auch nicht abgeneigt, da sie genug Konflikte auf ihrer Heimatseite jenseits des Rheins am Dünsberg im Wieder Becken (Nähe heutiges Gießen) auszutragen hatten, möglicherweise auch deshalb, weil sie Verbündete der Römer waren und die anderen germanischen Stämme das mit großem Misstrauen sahen. Erst waren sie in Konflikt mit den benachbarten Sueben geraten, später mit den Treverern. Römisches Militär errichtete nun links des Rheins ein Lager, um die Germanen rechts des Rheins angreifen zu können. Aber nicht nur das war das Vorhaben der Römer. Auch waren sie hier stationiert, mit dem Auftrag, eine Siedlung anzulegen, einen Zentralort für die Ubier. Natürlich auch diese mit dem Hintergedanken, die Grenze dadurch zu sichern.

19 v. Chr. begann man dann mit den Vorbereitungen der Übersiedlung der Ubier, indem Landvermessungen auf dem ehemaligen Land der Eburonen durchgeführt wurden. Das Volk der Eburonen unter der Führung von Ambiorix war 51 v. Chr. fast ausgerottet worden, nachdem sie es gewagt hatten, eine von Caesars Legionen erfolgreich zu überfallen. Deshalb wurden sie anschließend mit solch unnachgiebiger Härte behandelt. Die wenigen Überlebenden waren nach Norden geflohen. Nun bestand hier seit längerer Zeit schon ein politisches Vakuum. Auch war der Boden fruchtbar, das Land also wie geschaffen, von den Römern für den Siedlungsbau erschlossen zu werden. Zu ihrem Glück konnten die Ubier gut mit Schiffen umgehen, was den Römern wegen der Lage Kölns mit seinem Hafen sehr gut passte. Zusätzlich bauten die Römer auch eine Brücke über den Rhein, bei der ihnen ein Wehrturm zu Hilfe kam, der noch von Caesars Rheinüberschreitung 53 v. Chr. übrig geblieben war.

Der vorhandene gute Ackerboden lässt darauf schließen, dass hier tatsächlich vorher Menschen gelebt hatten und die Ubier nicht in ein, wie Tacitus schreibt, "unbesiedeltes Gebiet" übergesiedelt waren. Diese Berichterstattung rührte wohl daher, dass die Ausrottung der Eburonen, die kein besonders gutes Licht auf die Römer warf, verschwiegen werden sollte.

1.4 Rom baut eine Stadt:
Das „oppidum Ubiorum" als Zentrum der Provinz Germania

In der augusteischen Zeit beginnt nun die Geschichte Kölns. Die Römer gestalteten die Welt, die sie erobert hatten. Lange vor dem denkwürdigen Jahr 9 n. Chr., dem Jahr der Varusschlacht, oder auch "clades Variana", als sie noch in die Ferne strebten, begannen sie Städte anzulegen. Vor allem an Flussmündungen, manchmal auch gegenüber solcherlei Landschaften oder an anderen an Verkehrswegen gelegenen Orten entstanden Siedlungen römischen Typs, wie zum Beispiel Noviomagus (=Nijmwegen), oppidum Batavorum und Waldgirmes (rechtsrheinisch).

1.4.1 Hinweise für den Zeitpunkt der Entstehung der Stadt

Die Umsiedlung der Ubier

Die Entstehung der Stadt geht Hand in Hand mit der Umsiedlung der Ubier. Um also den genauen Zeitpunkt der Umsiedlung festzulegen, muss man sich auf verschiedene historische Hilfswissenschaften stützen. So hat hier die Numismatik einen großen Teil dazu beigetragen, den genauen Zeitpunkt so gut wie sicher belegen zu können.

Die Numismatik untersucht umlaufende Münzen als Zahlungsmittel und als Grabbeigaben. Hier sind allerdings hauptsächlich die Münzen interessant, die beim Handel in Umlauf waren. Die in der Stadt gefundenen Münzen können also zur Bestimmung des Zeitpunktes der Umsiedlung dienen.

Die Ubier prägten eine ganze Reihe von Münzen. Sie hatten Gold- (Regenbogenschüsselchen) und Silbermünzen (Quinare). Geprägt wurden die Regenbogenschüsselchen ab 70 v. Chr. aus relativ reinem Gold. Nun wurden, bis zum Ende der Prägezeit, der Zeit um Christi Geburt, immer mehr unedle Bestandteile beigegeben. Diese Teile dominierten zum Schluss in der Zusammensetzung der Regenbogenschüsselchen.

Eine rapide Abnahme des Edelmetalls begann dann in den dreißiger Jahren vor Christi Geburt. So verschwanden folgerichtig die anderen, wertvolleren Stücke zwischenzeitlich in Privatbesitz, während die neueren Münzen verstärkt als Zahlungsmittel genutzt wurden. Die Ubier nahmen, wenn sie den Rhein überquerten, jeweils nur die neusten, heißt wertlosesten Münzen mit, die sie entsprechend beim Kauf benötigter Dinge dort ließen, so dass sie dort gefunden werden konnten. Die ältesten unter ihnen müssten dementsprechend den Beginn des Rheinübertritts der Ubier markieren.

Die im Kölner Raum gefundenen Münzen gehören nun zu den kupferdominierten Münzen, also zu den späteren Emissionen. In den dreißiger Jahren waren die Regenbogenschüsselchen noch nicht kupferdominiert. Also ist es nahe liegend, dass der Zeitpunkt der Umsiedlung der Ubier später zu sehen ist, nämlich eher zu dem angenommenen Zeitpunkt um 19 v. Chr. .

Die meisten Silberquinare sind um die Zeit 65 - 45 v. Chr. entstanden. Bei diesen Münzen, die sich lange als Silbermünze erhalten haben, entwickelte sich eine variantenreiche Ikonographie. Die meisten gefundenen Exemplare entfallen auf den zweiten Prägeabschnitt, die Zeit von 25 v. bis 10 n. so dass man hier ebenfalls sicherstellen kann, dass die Umsiedlung der Ubier in diesem Zeitraum erfolgt sein muss. Hätte sie früher stattgefunden, hätte man wesentlich mehr Quinare aus dem ersten Prägezeitraum finden müssen.

Der Bau der Siedlung

Wenn man bedenkt, wie lange der Bau insgesamt gedauert haben muss, kommt man mindestens in das erste Jahrzehnt vor Christus als Baubeginn der Siedlung. So ist die früheste „Urkunde" der Römer das sog. "Ubiermonument", das eigentlich passender Römermonument heißen müsste. Das Monument, entstanden in perfekter Quader- und Säulenbauweise, ist der übrig gebliebene untere Teil eines Turms an der Südost-Ecke der Siedlung. Wahrscheinlich hatte er die Funktion eines Leuchtturms, da er die südliche Einfahrt des Hafens markierte. Ein solcher Turm, peripher der Siedlung angelegt, wäre nicht alleine gebaut worden. Das heißt, dass es ein noch größeres bauliches Umfeld gegeben haben muss, nicht zuletzt deshalb, weil keine Handwerker nur wegen eines einzelnen Turmes an den Rhein gekommen wären.

An der anderen Hafeneinfahrt wurden mittlerweile auch Bodenplatten gefunden, die denen dieses Turmes entsprechen. Daraus darf geschlossen werden, dass der Hafen zwei Leuchttürme besessen hat, was wiederum auf eine hohe Bedeutung des Hafens hinweist. Wahrscheinlich blühte hier ein reger Handel. Da die Stämme des Turms 4/5 n. Chr. geschlagen wurden und solch ein Turm nicht den Anfang einer Bebauung darstellen würde, muss also die Siedlung früher entstanden sein. Das spätere Köln wird demnach 5 n. Chr. schon nahezu vollständig erbaut gewesen sein.

1.4.2 Begriffsbestimmung

Der Begriff oppidum wurde damals in verschiedenen Bedeutungszusammenhängen verwendet. Bei den Kelten war der Begriff sinnbildlich für "Fluchtburg". Für die Peregrinengemeinden im Westen wurde der Begriff ähnlich verwendet. Plinius dagegen bezeichnete Burgen und Städte aller Art so. Andere Erklärungsversuche erläutern den Begriff an sich, nämlich dass das oppidum die "civitas" umgibt, was ursprünglich als Begriff die schlichte Bedeutung Gebiet hatte. Etwas anders verstanden war das oppidum die umwallte "civitas". Eck bezeichnet das Gemeinwesen der Ubier als die "civitas Ubiorum". Die griechischen "poleis" (polis=Stadt) entsprachen den "civitates". Einen ähnlichen Ansatz finden wir bei der Abgrenzung zu "ager", dem Acker, der sich normalerweise außen vor der Kernsiedlung befand. [5]

Die Stadtgemeinde - der Begriff hier gebraucht als politischer - war eine Selbstverwaltungseinheit. Solch eine Einheit hatte einen urbanen Kern und ein Territorium, das sich um den Kern herum gruppierte und bildete dann insgesamt das "oppidum". Das urbane Zentrum beherbergte Entscheidungsträger in politischer und religiöser Hinsicht, es war das, was später die Stadtmauern zur Zeit der Kolonie umfassten. Es handelte sich hierbei also im weitesten Sinne um Stadtstaaten, die sich komplett selbst regieren konnten. Ursprünglich existierten also Selbstverwaltungseinheiten, die heutigen Städte mit Vororten und Umland.

Das weitläufige Territorium um den urbanen Kern herum war insofern wichtig, als es, als Träger der Landwirtschaft und somit der ökonomischen Grundlage der Stadt, die Voraussetzung dafür bildete, dass Familien, die die Stadt politisch-administrativ leiteten, sich erst durch diese wirtschaftliche Grundlage eine sozio-politische Stellung verschaffen konnten. Die Landwirtschaft war aber nicht nur eine finanzielle Grundlage sondern auch die zu dieser Zeit sozial am meisten angesehene Erwerbsquelle. Also wäre ohne das Territorium keiner in der Lage gewesen, sich eine solche Grundlage und solches Ansehen zu verschaffen, um die Stadt politisch zu führen. Urbaner Kern und Umland bedingten sich also gegenseitig.

1.4.3 Das Gebiet des römischen Köln

Die Gründe für die Wahl eines Ortes sind vielfältiger Natur. Der größte Teil des römischen Köln befand sich auf der Terrassenlandschaft links des Rheins und erstreckte sich von Aachen bis Krefeld. Dieser Teil lag direkt am Fluss auf einer 10 km breiten Niederterrasse, die Lehmböden aufweist, also als altbäuerliches Siedlungsland angesehen werden kann. Die Mittel- und Hauptterrasse war durch die Lößablagerungen besonders fruchtbar und somit sehr gut für die Landwirtschaft geeignet. Gegliedert waren die Terrassen durch den Durchlauf zweier Flüsse: Erft und Rur. Das bedeutete, dass Köln über diese Wasserwege an das gesamte nördliche Niedergermanien angeschlossen war, was sehr wichtig für die damalige Handelsschiffahrt war. Die Flüsse waren nicht sehr groß, jedoch Kähne dürften darauf gefahren sein. Besonders Holz und Holzkohle sowie landwirtschaftliche Güter wurden transportiert. Die Lage war außerdem hochwasserfrei und der Anlegeplatz für Schiffe extrem günstig. Durch die vorgelagerte Rhein-Insel existierte hier ein natürlicher Hafen, der von beiden Seiten kontrolliert werden konnte. So wurde auf der Insel ein Stapelplatz für Güter eingerichtet, der aus großen Speicheranlagen bestand. Der Handel, der so in Köln zu blühen begann, führte die Stadt allmählich zu großem Wohlstand.

Der Platz für den Beginn einer Siedlung war perfekt. Die Flusslage war unabdingbar für den Transport der beträchtlichen Mengen Essen, Werkzeug, Baumaterial und vieles andere mehr, das mit Schiffen herbeigeschafft werden musste. Das Straßennetz war zu diesem Zeitpunkt noch nicht weit genug ausgebaut, um alle Güter in einer angemessenen Geschwindigkeit herbeischaffen zu können, auch waren Schiffe größer als Wagen und bargen daher mehr Platz auch für Sperriges. Um noch mehr Schiffe (und auch anderes) zu bauen, vor allem zum Zwecke der Kriegsführung, wurde nun Baumaterial, Metall für Werkzeug, Nägel und ähnliches benötigt. Aber auch in Friedenszeiten war der natürliche Hafen ideal. Mehrere Schiffe konnten gleichzeitig in ruhigem und geschütztem Gewässer vor Ort liegen. Außerdem hatte man durch die engen Hafeneinfahrten die Kontrolle, wer sich näherte, wen man einlassen wollte und es war möglich, ihn gegebenenfalls ohne großen Aufwand daran zu hindern. Die Siedlung jedoch hatte noch mehr als diesen strategisch günstigen Hafen zu bieten. Die Römer achteten sehr darauf, ihre Standards zu halten. Sei es für die Handwerker, die sie extra aus dem italischen Raum geordert hatten, sei es für ihre Bündnispartner die Ubier, die so die Belohnung ihrer Loyalität direkt erfahren sollten. Um sie an die römische Lebensweise heranzuführen, stattete Agrippa das oppidum mit allen wichtigen Annehmlichkeiten (z.B. Bädern) aus. Nicht zuletzt um auch den zugereisten Römern es an nichts fehlen zu lassen, sollten diese Maßnahmen aber vor allem auch die Ubier so von den Römern begeistern, dass sie nicht von anderen germanischen Stämmen beeinflussbar würden. So versicherten die Römer sich der uneingeschränkten Loyalität der Ubier, die sie auch dringend nötig hatten, wie die spätere Geschichte noch zeigen sollte.

Um 12 n. Chr wurde das oppidum offiziell zum "oppidum Ubiorum". Das Territorium des "oppidum Ubiorum" war sehr viel größer als das Stadtgebiet des heutigen Köln. Es lag im Bereich der Provinz Germania inferior (Niedergermanien), deren Grenzen allerdings erst nach dem Entstehen des "oppidum" festgelegt wurden. Somit richteten sich die Grenzen der Provinz wahrscheinlich nach den Grenzen des bestehenden Stadtstaates.

Das "oppidum Ubiorum", das Tacitus 14 n. erstmals so nannte, wurde in seinen Grundzügen von Agrippa angelegt. Die südliche Ausdehnung seines Territoriums reichte wohl bis zum Vinxtbach, zwischen Bad Breisig und Brohl, die nördliche bis Gellep. Das Gebiet der Cugerner, die um Xanten wohnten, stieß an das Gebiet der Ubier, wie Plinius berichtet. [6] Die Truppen, die um 69 in Richtung des Stammes der Bataver vorstießen und bei Gellep (beim heutigen Krefeld) Halt machten, an einem sehr viel sichereren Platz, als es die andere Seite gewesen wäre, weisen darauf hin. Hier befanden sie sich noch auf dem Gebiet der loyalen Ubier. Nachdem sie eine Ruhepause eingelegt hatten, trauten sie sich in das Gebiet der Bataver vorzustoßen. Also muss - an dem Ort der Pause sozusagen - die Grenze des ubischen Gebietes gewesen sein.

Auf ungefährer Höhe der Einmündung des eher kleinen Vinxtbaches in den Rhein traf später der obergermanische Limes auf den Rhein. In dem Namen des Baches steckt das lateinische Wort "finis" für Grenze. Das tief eingeschnittene Tal, das er für eine kurze Strecke gegraben hat, prädestiniert ihn förmlich dazu, dort als eine Art Grenze zu fungieren. An dem Vinxtbach wurden zwei Weihesteine gefunden, die seine Funktion als Grenze recht klar belegen. Eine der beiden Weihungen stammt von einem Soldaten des obergermanischen Heeres, der als beneficarius consularis dort seinen Dienst tat. Ein beneficarius consularis war mit polizeilichen Aufgaben betraut und dort stationiert, wo Provinzgrenzen von Straßen durchschnitten wurden. Die andere Weihung haben andere Soldaten des niedergermanischen Heeres "Für die Götter der Grenzen und den Genius des Ortes"[7] vorgenommen.

Nach diesen Erkenntnissen scheint sich also die Colonia über rund 100 km erstreckt zu haben. Der urbane Kern lag genau auf der Hälfte der Strecke, also im Mittelpunkt dieses Territoriums. Die westliche Ausdehnung zu bestimmen gestaltet sich etwas schwieriger. Man nimmt an, dass sie sich in der Gegend um Aachen befindet, nicht zuletzt auch deshalb, da mittelalterliche Diözesangrenzen römische Civitas-Grenzen übernahmen. Der Nordwesten kann mit Hilfe des Xantener Territoriums bestimmt werden: Xantens Grenze verlief im 2. Jh. bis nahe Aachen, so dass dort die Kölner Zuständigkeit zu Ende gewesen sein muss.

Insgesamt umfasste das Kölner Stadtgebiet also ca. 4000 - 5000 km2, was im Vergleich zu vielen Städten in Italien sehr groß war. Doch die Gallier hatten ähnlich ausgedehnte Territorien vorzuweisen. Dafür entsprach Köln einer civitas mittlerer Größe.

1.4.4 Hinweise für einen römischen Ursprung der Stadt

Bauweise

Die Technik der Bauweise weist eindeutig auf Römer hin. Die akkurate viereckige ja fast schachbrettartige Grundgliederung der Stadt, rechtwinklige Straßen und Gebäude wie Thermen und Sportstätten weisen eindeutig auf die Römer als Bauherren hin, da solche Merkmale zu dieser Zeit nur römische Städte aufwiesen. So verläuft eine Straße parallel des Rheins, der Cardo Maximus, der in seiner Fortführung nach Nordosten einen Teil des späteren Limes bildet. Senkrecht darauf treffen würde der Decumanus Maximus, wenn ihn nicht kurz davor der Kultbezirk mit den Tempeln daran hindern würde. Das heißt er stoppt oberhalb des Bezirks. Cardo bedeutet hier Hauptachse und Decumanus ist die Achse, die rechtwinklig darauf trifft. Der (hier gedachte) Kreuzungspunkt (Tetrapylon) dieser Hauptachsen bezeichnet das Zentrum der Stadt. Da das Festlegen der Achsen als religiöser Akt durchgeführt wurde, kann man davon ausgehen, dass der Kreuzungspunkt sich genau im religiösen Zentrum der Stadt - hier der Kultbezirk mit der Ara und den Tempeln - befindet.

Die Straßen bestanden aus einem Fundament und einem Belag von festgestampftem Kies. Es entstanden die ersten Abwasserkanäle. Nur die Römer hielten es für nötig, richtige Straßen zu bauen, bei den germanischen Stämmen gab es bis zu dieser Zeit nur einfache "Feldwege" und Trampelpfade.

Viele zusammenhanglose kleine Architekturstücke, die uns bis heute aufgrund ihrer Zweitverwendung erhalten geblieben sind, bezeugen außerdem, dass in den ersten drei Jahrzehnten n. Chr. viele große Steinbauten in Köln gestanden haben müssen. Nur Militärs hätten diese außerordentlich filigrane Arbeit nicht geschafft. Also mussten extra Handwerker angefordert worden sein, die aus dem Mittelmeerraum anreisten. Die Aussicht auf besonders guten Verdienst mag sie gelockt haben.

Gräber

Gräber sind mitunter eine sehr wichtige Quelle für die Archäologie. An der Stelle der heutigen St. Severinskirche zum Beispiel, befand sich ein heidnischer Begräbnisplatz, d.h. die Toten wurden verbrannt und die Brandasche zusammen mit allen möglichen Beigaben der Erde übergeben.[8] Dazwischen jedoch fand man Särge aus Holz, Blei und Stein ohne Beigaben, teilweise älter als die heidnischen Gräber, die ostwestlich ausgerichtet waren, also schon von der Anlage her christlich. Das interessanteste aber war ein großer Behälter aus Tuff, dessen Deckel fast so mächtig war wie der Behälter selbst. Die Grabbeigaben waren Münzen, ein Denar von Vespasian, Bronzemünzen von Antoninus Pius und Marc Aurel und ein Denar der jüngeren Faustina von etwa 160 n. Chr. in stempelfrischer Erhaltung. Das heißt, dass dieser Friedhof von römischer bis christlicher Zeit durchgehend belegt war. Viele Kirchen sind so auf römischen Gräbern erbaut, d.h., die angelegten römischen Mauern waren manches Mal maßgeblich für die Ausrichtung des Kirchenschiffes.

Auch weisen Grabstätten von Freigelassenen und Sklaven, die das Vermögen des Augustus verwaltet hatten, darauf hin, dass Köln eine Finanzverwaltung gehabt haben muss. Das entsprach jedoch eher römischen Interessen und zeigte außerdem, dass es eine Niederlassung größeren Stils werden sollte. Das heißt, dass in Köln auch ein Zentrum für die Verwaltung der Finanzen entstehen sollte, was aber nur sein kann, wenn Augustus vorgehabt hat, eine Stadt zu gründen, als Zentrum für die neue Provinz.

Wissen, Geld und Motiv

Nur die Römer verfügten über das Wissen, die Finanzkraft und über die Motivation, notwendige Einrichtungen wie beschrieben zu schaffen. Auch das Modell des Altars war ein römisches. Nie wäre ein Germane auf die Idee gekommen, solch einen Altar anzulegen.

Archäologie

Vor der römischen Ansiedlung finden sich keinerlei Spuren ubischer Präsenz. Diese sind ausschließlich auf der anderen Rheinseite im ehemaligen Siedlungsgebiet der Ubier vorhanden.

1.5 Die "Ara Romae et Augusti" und die Provinziallandtage

Die Ara, der Altar, war für Kulthandlungen gedacht und von Drusus den Gottheiten Roma und Augustus geweiht. Die germanische Kultstätte war für die Ubier gebaut worden, damit sie durch Opfer und Spiele ihre Loyalität gegenüber Rom und Augustus als seinem Vertreter bezeugen konnten. Sein Vorbild war der Altar bei Lugdunun (Lyon), den Drusus für die drei gallischen Provinzen als "Ara „trium Galliarum" und als Auszeichnung für die Stadt gebaut hatte. Hier trafen sich jedes Jahr die Abordnungen der gallischen Stämme, um ihre Zugehörigkeit zur römischen Welt zu bekräftigen.

Landtag und Kultbezirk mit der Ara wurden benötigt, um der neuen Gesamtprovinz Germanien einen zentralen Ort zu bieten, an dem der Herrscherkult ausgeübt werden konnte. Der Provinziallandtag im "oppidum Ubiorum", der aus Vertretern aller germanischen Stämme bestand, wurde im Jahre 7 v. Chr. gegründet, als die Stämme der rechtsrheinischen Germanen scheinbar besiegt waren. Mit ihm verknüpfte sich ein germanischer Kult. Er hatte den Zweck, die Germanen an Rom zu binden, indem sich Führende der einflussreichen Familien der jeweiligen Stämme innerhalb dieses Landtags hervortun konnten, was eine Tradition der Römer war. Bei den Römern war es Usus, die Besiegten oder Verbündeten nach einer gewissen Karenzzeit teilhaben zu lassen an administrativen Aufgabenbereichen. Führende Familien der einzelnen Stämme konnten hier also, ebenso wie die Gallier in Lugdunum, ihre Herrschaft demonstrieren.

Provinzialpriester vollzogen die Kulthandlungen an der Ara, die Opferungen für die germanischen Gottheiten. Diese Priester, die das römische Bürgerrecht besaßen, wurden von dem „concilium provinciae", dem Provinziallandtag, gewählt. Sie versahen ein Jahr lang dort ihren Dienst.

Im oppidum wurden aber nicht nur Kulthandlungen abgehalten, auch die Finanzen sollten hier verwaltet werden und nicht zuletzt sollte der Statthalter - der höchste Vertreter Roms - hier seinen Sitz haben. Das war ein Indiz dafür, dass hier ein politisch-administratives Zentrum entstehen sollte, was wiederum ein Zeichen dafür war, dass eindeutig etwas Urbanes geplant war, das aus dem Nichts erschaffen werden musste, da an dieser Stelle etwas Entsprechendes noch nicht existierte (wie im Gegensatz dazu an vielen anderen Orten des Rheinlandes). Das heißt, dass im weitesten Sinne die Ara wahrscheinlich sogar die Gründung der Stadt veranlasste!

Da der Altar im Namen der späteren Stadt auftauchte (CC Ara A) muss er von weither sichtbar gewesen sein. Seine zentrale Wichtigkeit und die damit verbundene politische Funktion der Siedlung zeigten sich so nach außen hin deutlich. Dieser "Friedensaltar" sollte das sichtbare Ziel der römischen Politik darstellen.

Aufgrund archäologischer Befunde kann man mittlerweile sagen, dass die Ara sich innerhalb des Bezirks befunden haben muss, der sich an der Rheinfront zwischen dem späteren Prätorium und den beiden großen Podien erstreckte. Die Ara war damals das größte Bauwerk der Siedlung. Die anderen Bauwerke wie das Prätorium und die Platzanlage neben der Ara waren noch nicht so groß, wie wir wissen, dass sie es später wurden. Der Kultbezirk war wahrscheinlich von Tempeln gesäumt. Im Mittelpunkt stand dann der Altar, dessen Fundamente noch ausfindig gemacht werden konnten. Man hat Umfassungsmauern gefunden, die sich in Nord-Süd-Richtung über 220 Meter ausdehnen, von Ost nach West auf über 120 Meter. Die Schauseite lag zum Rhein also zum Territorium der germanischen Stämme hin.

Der Altar wird auch „ara Ubiorum" genannt, was darauf hinweist, dass langfristig hauptsächlich die Ubier dort Kulthandlungen vollzogen. Da 9 n. Chr. der Aufstand der Germanen stattfand, der letztendlich zur Folge hatte, dass die Römer ihren Eroberungsplan für ganz Germanien aufgaben, brachen viele Teilnehmer des Provinziallandtages weg. Nun war der Name „ara Ubiorum" tatsächlich gerechtfertigt, da jetzt hauptsächlich die Ubier die Kulte an dem Altar vollzogen.

1.6 Agrippina, Claudius und die Einrichtung einer Colonia bei den Ubiern

15 n. Chr., am 6.11., wurde Agrippina als Tochter des Germanicus und somit Schwester des Caligula geboren. Ihr Vater wurde kurz darauf - nämlich als der Plan für das Gesamt-Germanien fallen gelassen wurde - zurückbeordert nach Rom. Agrippina die Jüngere verbrachte also nur wenige Monate in der Stadt der Ubier, denn spätestens im April 17 n. Chr. hieß es, Abschied nehmen. Kaiser Tiberius hatte offiziell angeordnet, dass Germanicus' Anwesenheit dringend im Osten erforderlich sei, da es in Armenien und Kappadokien wegen Thronstreitigkeiten seit einem Jahr große Unruhen gegeben hätte. Dies war natürlich nicht der einzige Grund, warum Tiberius Germanicus aus Germanien entfernen wollte. Der wahre Grund lag eher in dem Chaos, das Germanicus seit 14 n. Chr. in Germanien angerichtet hatte. Selbst Tacitus[9], der ihn sonst nur in den höchsten Tönen lobt, äußert manchmal kritische Ansichten, so z.B. bei der Beschreibung des Jahres 15: „Indes wetteiferten um den Ersatz der Verluste des Heeres die gallischen, spanischen Provinzen und Italien, indem sie anboten, was jedes Land gerade zur Verfügung hatte..."[10], und für das Jahr 16 liest man: „erschöpft sei Gallien durch die Lieferungen von Pferden". [11] Er hatte also bei seinen diversen Versuchen, weitere Teile Germaniens zu erobern, nicht gut gewirtschaftet, so dass die Verluste die Erfolge bei weitem überstiegen. Trotz alledem wurde ihm im Mai 17 ein mehr oder weniger gerechtfertiger Triumphzug in Rom gestattet. Normalerweise war ein Triumphzug dann angebracht, wenn der Gegner völlig vernichtet worden war, was hier keineswegs der Fall war. Danach wurden keine Eroberungsfeldzüge von Seiten der Römer aus mehr geführt. Von Zeit zu Zeit wurden einfallende Germanen zurückgedrängt und generell wurde darauf geachtet, dass sie der linken Rheinseite nicht zu nahe kamen. Aber die Politik war nun lediglich defensiv.

41 n. Chr. wurde dann Caligula ermordet. Man suchte nach einem Nachfolger. Verzweifelt durchforsteten die Prätorianer sämtliche Verwandtschaftsverhältnisse, bis sie auf Claudius stießen, der sich vor den Unruhen im Palast versteckte. Claudius war der kleine Bruder des Germanicus und der Großneffe des Augustus. Er war von Anfang an nicht sehr politisch aber trotzdem intelligent, was ihm, eingesetzt durch Caligula, bereits den Posten eines Konsuls eingebracht hatte. Er war kein Mann, der auf Eroberungszüge aus war. Er eroberte Britannien 43 nur, um sich zu legitimieren. Der Beweis der kaiserlichen Tugend der Tapferkeit (virtus) war erbracht worden. Danach hatte Claudius kein Interesse mehr am Krieg. Er trieb lieber Handel mit England u.a. . Die Region am Rhein war indes weit entwickelt, was den Handel betraf (u.a. Keramik).

Ein niedergermanischer übereifriger Statthalter namens Corbulo aber war emsig darauf bedacht, kriegerische Auseinandersetzungen mit den Germanen zu provozieren. Die Friesen im Norden wurden angegriffen, die einbrechenden Chauken zurückgedrängt und über den Rhein hinweg verfolgt. Auch stationierte er auf der rechten Rheinseite Truppen. Claudius jedoch pfiff ihn zurück, da er in diesen Aktionen keinen Sinn sah. Pflichtgemäß zog sich Corbulo 47 dann auch zurück[12].

Claudius galt als leicht beeinflussbar, vor allem auch von seinen Frauen. Wobei das vielleicht auch einfach nur bedeutete, dass er seine jeweilige Partnerin ernst nahm. Seine Frau Messalina übertrieb es allerdings auch für seine Verhältnisse ein wenig, als sie sich anderweitig verheiratete, während sie offiziell noch mit ihm verheiratet war. Sie wurde dementsprechend hingerichtet, damit Claudius sich nicht vollständig der Lächerlichkeit preisgeben musste. Nun kam die intelligente Agrippina ins Spiel: Die Tochter des Germanicus, Nichte des Claudius, Enkelin des Augustus war sehr ehrgeizig. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt schon lange beschlossen, eine entscheidende Rolle in Rom spielen. Dazu würde sie allerdings auf weite Sicht eine andere Position benötigen, wobei ihr der Titel Gattin des Kaisers für den Anfang schon ganz gut gefallen hätte. Da sie mit Claudius jedoch direkt verwandt war - immerhin war er ihr Onkel - warf diese Idee einige Schwierigkeiten auf. Nach einer unspektakulären Gesetzesänderung konnten die beiden schließlich 49 in Rom heiraten.

Claudius hatte einen eigenen Sohn, den Britannicus, der nur vier Jahre jünger war als Agrippinas zu dieser Zeit 13-jähriger Sohn Lucius Domitius Ahenobarbus (Nero). Doch sie erreichte es schließlich, dass Claudius 50 n. Chr. ihren Sohn adoptierte und diesem so die Nachfolge sicherte. Sein eigener Sohn hatte so keinerlei Machtbefugnisse mehr, weder zu Lebzeiten seines Vaters noch nach dessen Tod. Agrippina sicherte sich damit auch ihre eigene Machtposition. Wenn ihr Mann Claudius stürbe, würde ihr Sohn Kaiser werden, nicht sein eigener. Sie verließ sich damit auch auf ihre eigene Möglichkeit der Einflussnahme, würde ihr Sohn erst einmal kaiserliche Befugnisse haben. Agrippina erhielt daraufhin vom Senat den Beinamen Augusta.

Agrippina erbat bald darauf, nämlich im Jahre 50 n., von Claudius. die Deduktion einer Veteranenkolonie in Köln: "Sed Agrippina quo vim suam sociis quoque nationibus ostentaret, in oppidum Ubiorum, in quo genita erat, veteranos coloniamque deduci impetrat, cui nomen inditum e vocabulo ipsius." [13] Was so viel heißt wie "Agrippina, die dadurch auch den verbündeten Völkerschaften ihre Macht zeigen wollte, setzte durch, dass zu dem oppidum Ubiorum, in dem sie geboren war, Veteranen geführt und eine Kolonie eingerichtet wurde, die nach ihr selbst benannt wurde." Durch die Ansiedlung von Veteranen wurde das „oppidum Ubiorum" zur Colonia erhoben und mit dem „Ius Italicum" ausgestattet. Die beiden Legionen, die 1. und die 20. Valeria Victrix, wurden abgezogen, so dass genug Land zur Vergabe an die Veteranen vorhanden war. Die Zahl der Veteranen ist nicht bekannt, doch wahrscheinlich waren es mehrere Hundert. Das "Ius Italicum", das italische Recht, enthält das römische Bürgerrecht und beinhaltet die Möglichkeit, Grundeigentum zu erwerben. Außerdem gewährt es das Recht auf eine freie Verfassung mit selbst gewählten Obrigkeiten. Allerdings wurden nicht alle Bürger gleichermaßen mit den römischen Bürgerrechten ausgestattet. Den Anfang machte die Führungsspitze, die anderen (nur Männer!) bekamen zunächst das "conubia", das Heiratsrecht, was besagt, dass ein Römer eine ubische Frau heiraten durfte. Wobei führende Ubier zu diesem Zeitpunkt teilweise auch schon das römische Bürgerrecht besessen hatten und in dieser Funktion regen Anteil genommen hatten an den politischen Entscheidungen, die für das oppidum von Wichtigkeit waren. So hatten sie zum Beispiel auch in Rom gratuliert, als Claudius seine Nichte Agrippina geheiratet hatte.

Köln wurde also ab sofort CCAA genannt. Diese Abbreviation ist folgendermaßen zu übertragen:

C: Colonia = Kolonie

C: Claudia = der, der den städtischen Rang verliehen hat, hier Kaiser Claudius,

A: Ara = Ort des provinzialen Kaiserkultes

A: Agrippnensium: die, die die treibende Kraft für den Beschluss gewesen war, hier Agrippina.

Die Gründe, die Agrippina bewogen, das spätere Köln zur Kolonie zu erheben, waren vielfältig. Zum einen wollte Agrippina damit ihren Machtradius sichern, nicht nur in Rom sondern auch ihren Untertanen gegenüber. Sie erinnerte sich in diesem Zusammenhang ihrer Geburtsstadt und wollte das gleiche Prestige für "ihre" Stadt, wie es ihr Mann für seine Geburtstadt Lugdunum (gegründet 43 v. Chr. von Munatius Plancus) erreicht hatte. Auch dort hatten alle Einwohner das römische Bürgerrecht erhalten. Doch das wichtigste war ihre eigene Macht. Sie war direkt blutsverwandt mit dem Kaiserhaus. Dies und ihr extremer Ehrgeiz brachte sie dazu, Macht für sich zu beanspruchen, die sie durch sich selbst erlangt hat. Sie wollte nicht nur die Frau des Kaisers sein, in zweiter Reihe stehen. Nein, ihr gebührte weitaus Größeres, was sie letztendlich auch geschafft hat. Noch nie zuvor war eine römische Kolonie nach einer Frau benannt worden! Agrippina blieb auch die einzige Frau, deren Name mit einer römischen Kolonie verbunden worden war! Das war um so bemerkenswerter, als in Rom immer noch die alten Regeln der Politik galten, die besagten, dass Frauen in der Politik keinerlei Entscheidungsbefugnisse hatten. Ja noch nicht einmal Mitspracherecht wurde ihnen gewährt.

Andererseits war es auch ein Wunsch der Einwohner der Siedlung, die Bürger des "oppidum" selber wollten es so, da sie ganz genau wussten, welche Privilegien sie dadurch erlangen konnten, welche Vorrechte solch eine Koloniegründung langfristig mit sich brachte. Klientelbeziehungen gibt und gab es überall in der Geschichte. Bei diesen Beziehungen handelt es sich um eine Art asymmetrische Freundschaft, das heißt, dass beide Partner nicht gleichberechtigt sind, da sie sich nicht die gleichen Zugeständnisse machen (können). Die, die sie sich gegenseitig machen, gereichen aber beiden zum Vorteil. Nicht immer liegt der Vorteil dabei in ökonomischen Bereichen oder darin, Macht und Einfluss zu erlangen, sondern es ermöglicht beiden, ihren Status zu festigen. Dabei fällt für die "Gönner" ein wenig Prestige und Ehre ab, die anderen zeigen ihre Verbundenheit zu ihren "Patrones". Klientelbeziehungen, die man zu hochgestellten Persönlichkeiten hatte, wurden gesichert durch Patronatsverträge.

69 n. Chr. kam es dann zum Aufstand der Bataver, in den auch die Ubier verwickelt waren. Sie mussten sich im Laufe der Kämpfe zwar vorübergehend beugen, doch als Köln gestürmt wurde, lieferten sie die dort versteckten Römer nicht aus.[14] Rückblickend betrachtet hat die Koloniegründung also erstaunlich friedlich stattgefunden. Obwohl anzunehmen, sind keinerlei Zerwürfnisse zwischen Römern und Ubiern entstanden. Die peregrinen Einwohner der Colonia scheinen sich mit den römischen Veteranen gütlich geeinigt und ihnen einen Teil Land zugestanden zu haben. Die Revolte wurde schließlich von einem Feldherrn des Vespasian (69-70 n. Chr.) niedergeschlagen.

1.6.1 Die Ansiedlung der Veteranen

Durch die Gründung einer Kolonie wurde Raum geschaffen, in dem Veteranen nach römischem Recht leben konnten. Veteranen waren diejenigen, die sich nach 25-30-jähriger Amtszeit entweder mit ihnen zur Verfügung gestelltem Land zur Ruhe setzen konnten, wobei sie keinen Einfluss darauf hatten, ob das Land fruchtbar war oder nicht. Oder sie bekamen eine Abfindung von mehreren Jahresgehältern als Einmalzahlung. Die Entscheidung, ob sie lieber "missio agraria", also das Land, oder "missio nummaria", das Geld wählen würden, lag bei den Veteranen. So konnte man davon ausgehen, wer das Land wählte, würde auch längerfristig bleiben. Hier werden so ungefähr 1500 Personen angesiedelt worden sein, deren Umsiedlung ein paar Jahre gedauert haben dürfte. Diese Zahl kann man annähernd rückschließen aus Vergleichen mit anderen Städten. Köln allerdings stellt einen Sonderfall dar, weil in dem urbanen Kern, in dem, mit Stadtmauern umgebenen Zentrum der Stadt, keine wirklich freie Fläche zur Verfügung stand. Da nur die Veteranen, die führende Positionen ausüben sollten, innerhalb der Stadtmauern ihre Wohnstatt beziehen mussten, blieb für alle anderen die Möglichkeit, in das Umland, also sozusagen aufs Land, in Gutshöfe, die Villae rusticae zu ziehen, um Landwirtschaft auf den fruchtbaren Böden zu betreiben. Die meisten waren auch (noch) ohne Familie, so dass sie sich flexibel verteilen konnten. Nur wenige Veteranen werden sich demnach innerhalb der Stadtmauern, die anderen in ihren Landgütern außerhalb der Stadtmauern zur Ruhe gesetzt haben.

Die Veteranen stammten aus Italien und aus den schon etwas mehr romanisierten Provinzen wie Spanien, Südfrankreich und Dalmatien. Sie waren dadurch latinisiert und von der römischen Kultur stark geprägt. Dazu kam, dass sie ja lange Jahre in der Legion gedient hatten und somit die kulturellen Praktiken pflegten, die dem römischen Kulturkreis entstammten. All das war wichtig, da sie ja eine Art Ableger Roms bilden sollten. Allerdings ist es auch wahrscheinlich, dass einige der Veteranen aus Obergermanien und vielleicht sogar aus Spanien kamen. Als Belege finden sich lateinische Inschriften, hauptsächlich Grabinschriften, auf dem Gebiet des römischen Köln. Neben einzelnen Soldaten, die sich schon zu vorkolonialer Zeit in der Stadt niedergelassen hatten, stammen die Grabmäler aber eher von den Veteranen, die 50 zur Koloniegründung hier angesiedelt wurden. Schließlich müssen es Hunderte gewesen sein, so dass die Wahrscheinlichkeit eines erhaltenen Grabmales eines solchen Soldaten rein rechnerisch steigt. Die meisten Denkmäler lassen sich ungefähr datieren. Exakte Angaben sind jedoch nicht möglich. So sind Entscheidungen zur Datierung vor oder nach 50 schwer möglich.

Belegt ist zum Beispiel solch ein einzelner Soldat, Sohn eines Publius, der zur 20. Legion gehörte, die 43 nach Britannien gezogen war. Also wird er vor dem Britannienfeldzug ausgeschieden sein und sich im "oppidum Ubiorum" niedergelassen haben. Auch der bekannteste Soldat "Poblicius" dessen beeindruckendes Grab-Denkmal gefunden wurde, hatte sich allem Anschein nach vor dem Jahre 50 im "oppidum" niedergelassen. Poblicius war im Lager Vetera stationiert. Das Grabmal wird nach archäologischen Kriterien verschiedentlich datiert, meist so zwischen 40 und 70 n. Chr..[15]

Die Möglichkeit der Siedlung schloss normalerweise die besiegten Stämme und deren Land mit ein. Hier jedoch war es anders. Diese Stadt war gewachsen, die Ubier hatten ihren eigenen Rat, den "ordo decurionum", der die Geschicke der Stadt lenkte. Das alles konnte nun nicht einfach zerstört werden, vor allem deshalb nicht, weil die Ubier keine Besiegten, sondern Verbündete der Römer waren. So konnten sich auch nicht alle Römer in der Verwaltung der Stadt betätigen. Kein Römer bekam leicht Helfer für die landwirtschaftliche Arbeit, zumindest nicht auf einer Basis, die einer Ausbeutung gleichkommen würde. Sie mussten sich arrangieren und vor allem einfügen. Die civitas der Ubier verfügte wohl über Ländereien, die nicht genutzt wurden, und so einfach abgegeben werden konnten. Auch gab es die Möglichkeit, dass die Ubier Teile ihres Landes verkauft haben. Eine Landenteignung jedoch kann nicht stattgefunden haben, da die Ubier als Verbündete, die sie nicht nur waren, sondern auch weiterhin sein sollten, nicht weniger gut behandelt werden durften als die Römer selbst. Sie wurden als gleichberechtigte Partner angesehen, so dass auch alles Mögliche dahingehend getan wurde, sie den Römern zu verbinden. Ab Koloniegründung heirateten Veteranen dann auch Ubierinnen, so dass diese enge Verbindung dafür sorgte, dass die Ubier mit den Römern verwandt waren. Hätte eine gewaltsame Besiedelung ubischen Landes durch die Römer stattgefunden, hätten 69 n. die Römer der Stadt gegen die angreifenden Bataver keine Chance gehabt. Aber sie waren mittlerweile verwandtschaftlich so verwoben, dass die Ubier hätten ihre Kinder und Enkelkinder ausliefern müssen, hätten sie "die Römer" ausgeliefert.[16]

Die Größe des Landes, das die Veteranen erhielten, richtete sich, genau wie die Höhe der Geldsumme, nach dem Rang des ehemaligen Soldaten. Die Ansiedelung erfolgte systematisch, was man heute noch am gleichen Abstand zwischen den einzelnen Höfen sehen kann. So kann man auch davon ausgehen, dass bei der Wahl der anzusiedelnden Veteranen darauf geachtet wurde, dass höhere und niedere Positionen sich gleichermaßen im oppidum niederließen. Schließlich mussten auch verantwortungsvolle Positionen im Rathaus besetzt werden. Heute noch bei den Ausgrabungen zu erkennende unterschiedliche Betriebsgrößen hingen also möglicherweise damit zusammen, dass zum Beispiel Centurionen größere Parzellen erhielten.

Die neu entstandene Selbstverwaltungseinheit verlangte nun auch nach Verwaltungseinheiten. Was benötigten diese? Da war zuerst einmal ein Amtslokal für die jährlich wechselnden Magistrate und den Rat der Kolonie. Es gab auch gewisse Regeln, nach denen generell neu gegründete Kolonien vorzugehen hatten, so zum Beispiel, dass die Ratsherren der Kolonien, die Decurionen, für sich ein Haus bauen mussten, in dem sie wohnen würden.

Nun stellt sich die Frage, ob die civitas der Ubier weiterhin neben der neuen Kolonie bestanden hat oder ob sie sich komplett der neuen Selbstverwaltungseinheit einverleiben hat lassen. Alles in allem muss man immer wieder sehen, dass die Ubier und die Römer einander freundlich gesinnt waren und blieben. Das heißt, die Lösung musste allen zum Vorteil gereicht haben, oder zumindest den meisten. Vorstellbar ist also nicht, dass es eine Leitung der Kolonie gab, die ausschließlich aus Römern bestand. Die ubische civitas wird auch nach 50 nirgendwo mehr erwähnt. Die einzig zu findende Bemerkung stammt von Tacitus, der schreibt, die "civitas Ubiorum socia nobis", also der "mit uns verbündete Stamm der Ubier sei von einem unvorhergesehenen Unglück betroffen"[17]. Allein die Erwähnung des mit den Römern verbundenen Stammes lässt darauf schließen, dass sie so miteinander verbunden waren, dass sie sich die Leitung dieser neuen Kolonie geteilt haben. Dabei bleibt aber die Frage bestehen, wie die Ubier höhere Posten erlangen konnten.

Das römische Bürgerrecht hatten zu dieser Zeit schon einige führende Persönlichkeiten verschiedener germanischer Stämme. Das heißt, für diese war es kein Problem, sich an der Leitung der Kolonie zu beteiligen. Doch die anderen, die bisher noch ohne römisches Bürgerrecht geblieben waren, jedoch vorher schon weitgehend administrativ in ihrem Stamm tätig oder gar Führer des Stammes gewesen waren? Bekamen sie automatisch mit der Koloniegründung das Bürgerrecht? Dazu ist in den Quellen keine eindeutige Aussage zu finden. Fest steht, dass die Römer ein berechtigtes Interesse daran hatten, sie enger an die neue Kolonie und damit auch an sich zu binden. Das geschah möglicherweise durch ein hier angewandtes Sonderrecht, eine neue Gesetzgebung, die ihnen Heirat untereinander erlaubte ("ius conubii"). Außerdem müssen wenigstens die Clanführer direkt die Möglichkeit geboten bekommen haben, das römische Bürgerrecht zu erhalten. Sie waren es nämlich, die bei dem Bataveraufstand die entscheidenden Verhandlungen führten. Ihnen vertrauten die germanischen Stämme. So war es durchaus strategisch klug, sie vollkommen in das römische Leben mit einzubeziehen. Und wie sollte das schneller erfolgen als mit der unbürokratischen Übertragung des Ius Italicum auf das gesamte Gebiet der Kolonie? Das hieß auch, dass die Kolonie bodenrechtlich an Italien angeglichen wurde, wodurch hier auch Steuereinsparungen zur Geltung kamen. Alles in allem hat es definitiv eine Machtteilung gegeben, die den Anfang einer späteren Verbunden-, ja Verwobenheit darstellte.

1.7 Fazit

Das römische Köln, eine sehr eigenwillige Stadt mit einer langen und bewegten Geschichte, birgt viele Schätze, die es sich lohnt zu heben und damit die Stadt näher zu erfahren. Dass es die Römer waren, die diese Stadt im Ursprung angelegt haben, ist mittlerweile unumstritten. Dass ein weiteres Volk stark an der Entwicklung des oppidum beteiligt war, ebenfalls. Dass diese Symbiose letztendlich solch eine gefestigte Verwaltungseinheit schaffen und später doch relativ lange in Frieden bewohnen konnte, ist eine seltene Tatsache.

In der vorliegenden Abhandlung wurde dies erläutert. Aber nicht nur dies. Die Ausdehnung des römischen Köln, die wesentlich größer als die heutige war, ist untersucht worden, und auch wenn sie nicht exakt festgelegt werden kann, sind doch mögliche Grenzverläufe gefunden worden, die ihre Außenlinien beschrieben haben dürften.

Das Gebiet des römischen Köln - ein sehr weitläufiges, wenn man italische Städte zum Vergleich heranzieht - erstreckte sich über das gesamte linksrheinische Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen und schloss sogar Teile von Rheinland-Pfalz mit ein. Das war die einzige Möglichkeit, das damals von den Germanen weit zerstreut und scheinbar wahllos besiedelte Gebiet in Selbstverwaltungseinheiten zusammenzufassen.

Immer wieder wurden die großartigen Reste dieser alten Stadt überbaut - im Gegensatz zum Beispiel zu Xanten - so dass wir heute nur mehr oder minder zufällig auf enorme Funde an Zahl und an Extravaganz stoßen können. Doch wer sich in die Tiefen und Keller dieser Stadt begibt, wird viele Schichten der Besiedelung neben- und übereinander bewundern können. Diese Fülle von Informationen bietet die Möglichkeit, in der Geschichte Zusammenhängen nachzugehen, die verschiedene Zeitalter verbinden. Diese Stadt hat in dem Zeitraum, dessen Geschicke hauptsächlich die Römer lenkten, viel mitgemacht und war Ausgangspunkt zahlreicher Kampfhandlungen. Nachdem Köln diese lebendige "Karriere" bis ca. 70 n. Chr. hinter sich gebracht hatte, durfte es erst einmal Atem schöpfen. So lebte es immerhin 200 Jahre lang augenscheinlich in Frieden.

Literaturverzeichnis

Sekundärliteratur:

Eck, Werner, Köln in römischer Zeit, Greven Verlag Köln 2004

Eck, Werner und Galsterer, Hartmut (Hrsg.), Die Stadt in Oberitalien und in den nordwestlichen Provinzen des Römischen Reiches, Verlag Phillip von Zabern Mainz 1991

Borger, Hugo, Das römisch-germanische Museum. D.W. Callwey Verlag München 1977

Ternes, Charles-Marie, Die Römer an Rhein und Mosel, Reclam Verlag Stuttgart 1975

La Baume, Peter, Die Römer am Rhein, Wilhelm Stollfuß Verlag Bonn

Pörtner, Rudolf, Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit, München/Zürich1970

Cüppers, Heinz, Colonia Agrippinensis, KlP Bd.1 (1979) Sp. 1247 - 1248

Volkmann Hans, Oppidum, KlP Bd.4 (1979) Sp. 316 - 317

Fuhrmann, Manfred, Tacitus, KlP Bd.5 (1979) Sp. 486 - 494

Cüppers, Heinz, Ubii, KlP Bd.5 (1979) Sp. 1033 - 1035

Quellen:

Tacitus, Annalen, Hrsg. Erich Heller, Artemis Zürich und München 1982

Tacitus, Historiae, Hrsg. Joseph Borst u. M. von Helmut Hross und Helmut Borst, Heimeran München 1969

Vellei Paterculi, Historiarum ad M. Vinicium consulem libri duo 1988

Plinius, Quelle für Tacitus: Feldzüge des Germanicus


[1] Für die Heirat Agrippinas mit Claudius wurden extra die geltenden Heiratsgesetze verändert!

[2] K.Christ schreibt über das Verhältnis von Velleius Paterculus zu Tiberius in "Velleius und Tiberius", Historia 50, 2001, 180 ff.

[3] Ternes, Charles Marie: Die Römer an Rhein und Mosel, S. 31

[4] Galsterer, Römische Kolonisation im Rheinland (LV 5.)

[5] Def. der antiken Stadt: Vittinghoff, Handbuch 197 ff.; H. Wolff, Administrative Einheiten in: Lokale Autonomie und röm. Ordnungsmacht in den kaiserzeitlichen Provinzen vom 1. bis zum 3. Jh. , hg. W. Eck, München 1999, 47 ff.

[6] Plinius: nat. hist. 4,106

[7] CIL XIII 7732: Finibus et Genio loci et I(ovi) O(ptimo) M(aximo) milit(es) leg(ionis) XXX U(lpiae) V(ictris) M(arcus) Massianius Secundus et T(itus) Aurelius Dosso v(otum) s(olverunt) l(ibentes) m(erito) ="Den Grenzgöttern und dem Schutzgott dieses Ortes und Iupiter, dem Besten und Größten, haben Marcus Massianus Secundus und Titus Aurelius Dosso, Soldaten der 30. Legion mit dem Beinamen Ulpia Victrix, das Gelübde gerne und nach Verdienst eingelöst."

[8] Fritz Fremersdorf, der Leiter der Ausgrabungen von 1924 bis 1955

[9] Nach Plinius nat.hist. 7,76 hatte der römische Ritter Cornelius Tacitus (wahrscheinlich der Vater des Tacitus) seine Familie mit ins Rheinland gebracht; so hatte Tacitus wohl ein gewisses persönliches Interesse an den dortigen Geschehnissen

[10] Tacitus: Ann. 1, 71

[11] Tacitus: Ann. 2, 5

[12] Tacitus: Ann. 11, 18-20; Cassius Dio 60, 30, 3-6

[13] Tacitus: Ann. 12,27,I

[14] Tacitus: Hist. 4,65,I-3

[15] H.von Hesberg spricht später von der Mitte des 1. Jh. in: Römische Grabbauten, Darmstadt 1992, 141

[16] Tacitus: Hist. 4,65,2.

[17] Tacitus: Ann. 13,57,3



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