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Orthographieerwerb: Die Anlauttabelle - Ein phonologischer Ansatz
Datum: 13. September 2010 Kommentare: 0
Zusätzliche Informationen:
Das Prinzip der Anlauttabelle basiert auf dem Prinzip der Graphem-Phonem-Korrespondenz. Jeder einzelne Buchstabe wird hierbei durch ein zugehöriges Bild repräsentiert. Bei der Arbeit mit einer Anlauttabelle steht demnachein Wort und aus diesem Wort heraus isolierte Laute im Mittelpunkt.
Beschreibung:
Das Konfetti-Konzept des Diesterweg-Verlags im Vergleich zu Jürgen Reichens Konzept "Lesen durch Schreiben".

Orthographieerwerb: Die Anlauttabelle - Ein phonologischer Ansatz
Orthographieerwerb: Die Anlauttabelle -
Ein phonologischer Ansatz
Fokus der Arbeit:
Das Konfetti-Konzept des Diesterweg-Verlags im
Vergleich zu Jürgen Reichens Konzept „Lesen durch Schreiben“
Inhalt:
1. Einleitung
2. Arbeiten mit der Anlauttabelle
2.1 Kriterien für die Erstellung einer Anlauttabelle
2.2 Anordnung der Bilder auf einer Anlauttabelle
3. Konzepte im Vergleich: Anlauttürme vs. Anlautbogen
3.1 Das Konfetti-Konzept des Diesterweg-Verlags
3.2 Das Konzept von Jürgen Reichen
4. Vergleich der beiden Konzepte
4.1 Vergleich der Prinzipien
4.2 Vergleich der Materialien
4.3 Vergleich der Anlauttabellen
5. Fazit
Literatur
1. Einleitung
Bereits im Jahre 1865 schrieb der berühmte Schriftsteller Wilhelm Busch die Geschichte von Max und Moritz, zweier Knaben, die in ihrem vierten Streich nichts vom Lernen hielten. Mit Sicherheit kann gesagt werden, dass deren Lausbubenstreiche keineswegs Kavaliers-delikte waren. Zudem bleibt zu bezweifeln, ob die Unterrichtsweise des Lehrer Lämpels, mit Rohrstock und im Frontalstil, deren Vergnügen am Lernen förderte. Glücklicherweise gehören diese Methoden längst der Vergangenheit an. Durch den ständigen Wandel, dem das deutsche Schulsystem unterliegt, verändern sich auch immer wieder die Unterrichtsmethoden und -materialien . Doch welche Methode kommt den Bedürfnissen der heutigen Schüler am meisten entgegen?
In meinem zukünftigen Beruf als Lehrerin werde ich mich der schweren Aufgabe stellen müssen, die Lernfreude der Grundschüler zu wahren und zu fördern. Dies gilt ferner für das Lesen- und Schreibenlernen in der ersten Klasse, welches eine besonders wichtige Rolle in unseren Kulturkreisen spielt. Doch wie allgemein bekannt ist, kommen Schüler mit individuellen Lernständen im Hinblick auf die Schriftsprache in die Schule . Bereits hier werden Differenzen zwischen den einzelnen Kindern sichtbar, die es gilt so gut wie möglich aufzufangen und in Lernmotivation umzuwandeln.
Dazu liefert das Konzept der Anlauttabelle eine gute Möglichkeit. Dieses beruht auf den Ansätzen des Schweizer Lernpsychologen und Grundschullehrers Jürgen Reichen, der mit seinem Leselehrgang Lesen durch Schreiben in den achtziger Jahren eine Methode ent-wickelte, die sich bewusst gegen den herkömmlichen Fibel- und somit auch den Frontalunterricht stellte. Kein Konzept bietet eine Basis für viele andere Lehrbuchverlage. So zum Beispiel hat sich der Diesterweg-Verlag Reichens Grundlagen zu Nutzen gemacht und ein eigenes Konzept, das Konfetti-Konzept der Anlauttürme, daraus entwickelt. Doch ist das Konfetti-Konzept eine echte Alternative zu der Lesen-durch-Schreiben-Methode? Nach meinen Recherchen behaupte ich: Die Anlauttürme von Diesterweg sind für Reichen zum Einstürzen gefährdet.
In meiner Ausarbeitung setze ich mich daher kritisch mit dem Konfetti-Konzept und Reichens Konzept auseinander. Zuerst werde ich eine kurze Einführung über das Arbeiten mit der Anlauttabelle im Allgemeinen und deren Aufbaukriterien geben. Daran anknüpfend stelle ich die beiden Konzepte vor, was einen direkten Vergleich und eine kritische Analyse ermöglicht. Schließlich führt diese Analyse zu einem abschließenden persönlichen Fazit, welches den Abschluss meiner Ausarbeitung bilden wird.
2. Arbeiten mit der Anlauttabelle
Um das Konzept Lesen durch Schreiben zu verstehen, sollte vorerst das wichtigste Werkzeug dieses Ansatzes erklärt werden. Anlauttabellen basieren auf dem Prinzip der Graphem-Phonem-Korrespondenz. Hierbei wird jeder einzelne Buchstabe durch ein Bild repräsentiert. Dieses Bild muss jedoch einen Begriff darstellen, der genau mit dem Laut beginnt, dem der Buchstabe entspricht. Ein Kind, welches nach dem Prinzip der Anlauttabelle arbeitet, würde beim Schreiben wie folgt vorgehen:
Zuerst spricht sich das Kind ein ausgewähltes Wort immer wieder laut vor. Es muss dabei möglichst genau und langsam sprechen und die einzelnen Laute isolieren, um diese anschließend analysieren zu können. Es kommt sowohl auf die kritische Hörfähigkeit, wie auch auf die genaue Aussprache des Kindes an. Während dieses Schrittes versucht das Kind, das Bild auf der Tabelle zu finden, das den jeweiligen Laut des gesuchten Wortes darstellt. Hat das Kind den Begriff in der Tabelle gefunden, malt es den Buchstaben, der neben dem Bild steht, ab. Dieser Prozess wird so oft wiederholt, bis das Wort vollständig niederge-schrieben ist. Auf diese Weise kann ein Kind ganze Sätze verschriften.[3]
Demnach stehen bei der Arbeit mit einer Anlauttabelle ein Wort und aus diesem Wort heraus isolierte Laute im Mittelpunkt. Daher müssen Anlauttabellen die regelhaften Buchstabenzuordnungen für die Standardlaute der deutschen Sprache abbilden. Bei den Lauten unterscheidet man lang und kurz gesprochene Vokale (a, e, i, o, u), Umlaute (ä, ö, ü), Diphthonge (ai, au, eu), Konsonanten (b, d, f, g, h, j, k, l, m, n, p, r, s, t, w, x, z) und die sogenannten Phonemfolgen (ch, er, ng, pf, sch, sp, st, qu).
2.1 Kriterien für die Erstellung einer Anlauttabelle
Das Konzept der Anlauttabelle greift die Lautunterscheidung auf und wurde in den achtziger Jahren von Jürgen Reichen begründet. Seitdem war sein Konzept des Schreibens von Anfang an weit verbreitet. Wie bereits erwähnt, war Reichens Anlautbogen für viele Verlage die Grundlage, um darauf aufbauend eigene Tabellen zu konzipieren. Dabei wurde meines Erachtens besonders viel Wert auf deren graphische Gestaltung gelegt, aber bei genauerer Betrachtung die bedeutungsvolleren, inhaltlichen Aspekte zu kurz gekommen.
Daher entstand bei mir der Eindruck, dass Anlauttabellen lediglich für jeden Buchstaben des deutschen Alphabets ein Anlautbild bereitstellen. Für mich war dies ein Grund ein solches Konzept abzulehnen. Wie sollen Kinder lesen lernen, wenn eine bunte Tabelle schöne Bildchen hat und Anlaute repräsentiert, mit denen man aber nichts anfangen kann? Die Schüler müssen erst lernen sich auf Laute zu konzentrieren und deswegen bedarf es beson-derer Kriterien, an denen sich eine fachlich fundierte Anlauttabelle orientieren muss. Diese Kriterien wurden von Sommer-Stumpenhorst ausgearbeitet.[4]
Das erste Kriterium besagt, dass die Laute der deutschen Sprache „vollständig durch die in der deutschen Rechtschreibung regelhaften Buchstabenzuordnungen abgebildet“[5] werden müssen. Aus diesem Grund werden die Buchstaben , , und vernachlässigt, da sie in deutschen Wörtern als Einzelbuchstaben nicht, beziehungsweise nur als Buchstaben-kombinationen vorkommen oder lautlich auf eine andere Weise verschriftet werden. Wichtig ist dennoch, dass in der Tabelle auch Laut- und Buchstabenfolgen, sowie Umlaute dargestellt werden.
Im zweiten Kriterium geht es um unterschiedliche Laute, die durch einen Buchstaben abgebildet werden können. Diese müssen dann in der Tabelle mit zwei Beispielbildern abgebildet werden. Dies gilt beispielsweise für den Laut [a], der in dem Wort Apfel kurz /a/ und im Wort Ameise lang /a:/ lautet.
Ein drittes wichtiges Kriterium, das in einer Anlauttabelle berücksichtigt werden muss ist, dass ein Bild für einen Anlaut nie mit dem Namen eines Buchstabens anfangen darf. Das bedeutet, dass der Laut [h], der dem Buchstabennamen ‚ha’ entsprechen würde, nie mit dem Abbild einer Hand oder eines Hasen in einer Tabelle dargestellt werden dürfte, da die Wörter Hase und Hand mit ‚ha’ anfangen.
Das vierte Kriterium macht deutlich, dass das Analysieren von Lauten für Schüler eine sehr schwierige Aufgabe darstellt. Um ein einzelnes Wort bestimmen zu können, müssen etliche Teilanalysen angestellt werden, welche die Schüler immer wieder auf die Probe stellen. An Wortanfängen mit einer reinen Konsonantenfolge scheint dies bisweilen ein schwieriges Unterfangen zu sein. Bilder einer Tabelle sollten daher nur Begriffe repräsen-tieren, die einer Konsonant-Vokal-Folge entsprechen. Für den Laut [t] sollte deshalb statt eines Tropfens eine Tafel abgebildet werden.
Weitere Eigenschaften von Anlauttabellen sind, dass die verwendeten Bilder unterschiedlich und nicht von kulturellen Einflüssen geprägt sein sollten. Sie müssen aus verschiedenen Themenbereichen kommen und Oberbegriffe repräsentieren. Zudem muss auch die Eindeutigkeit der Bilder gesichert sein, um den Kindern die Arbeit mit der Tabelle zu erleichtern. In ihnen dürfen sich keine ambivalenten Eigenschaften erkennen lassen. Daher müssen die Bilder klar strukturiert und auch in stark verkleinerter Form eindeutig erkennbar sein [6].
2.2 Anordnung der Bilder auf einer Anlauttabelle
Die Anordnung der Bilder auf der Anlauttabelle ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt, den es nicht zu vernachlässigen gilt. Da die Kinder bei ihren Analysen nicht von den Buchstaben-namen des Alphabets, sondern von isolierten Lauten ausgehen, ist es unumgänglich, dass sich eine Anlauttabelle an genau diesen Lauten orientiert. Ihnen muss anschließend der jeweils passende Buchstabe zugeordnet werden.
Dabei muss darauf geachtet werden, dass sowohl Vokale und Umlaute, sowie Diphthonge auf unterschiedliche Weise kenntlich gemacht werden. Dies geschieht deshalb, weil Kinder anfänglich meist nur Konsonanten verschriften, da sie diese niemals isoliert sondern zugleich mit dem Vokal wahrnehmen [7]. Mit der Kenntlichmachung der Vokale, Umlaute und Diph-thonge erleichtert man dem Kind den Zugang zu den schwerer wahrnehmbaren Einheiten des deutschen Schriftsystems.
Zudem muss darauf geachtet werden, dass die Schüler hart und weich gesprochene Konsonanten unterscheiden können. Dies geschieht dadurch, dass man in einer Anlauttabelle gerade diese Buchstaben gegenüberstellt (b/p, d/t f/w und g/k). Somit ist das Kind gezwungen ein besonderes Augenmerk beziehungsweise Ohrenmerk auf deren Lautung zu richten. Auf diese Weise können Schwierigkeiten von Anfang an ausgeräumt und Unterschiede bewusst gemacht werden
3. Konzepte im Vergleich: Anlauttürme vs. Anlautbogen
Nachdem nun die Kriterien und der Aufbau einer Anlauttabelle erläutert wurden, stelle ich im Folgenden das Konfetti-Konzept des Diesterweg-Verlags und das Konzept Reichens vor. Anschließend werden die beiden Entwürfe erläutert, danach kritisch gegenübergestellt und Gemeinsamkeiten und Unterschiede analysiert. Ich versuche dabei herauszustellen, inwieweit die Materialien Diesterwegs geeignet sind und an welchen Stellen sie von Reichens abweichen.
3.1 Das Konfetti-Konzept des Diesterweg-Verlags
Die pädagogische Grundlage für die Anfertigung der Konfetti-Materialien für den Schriftspracherwerb ist der so genannte Spracherfahrungsansatz.[8] Der Schriftspracherwerb wird als eigenaktiver Lernprozess der Schüler verstanden. Hierbei spielt der individuelle Sprachlernprozess der Kinder eine wesentliche Rolle. Sie haben bereits sprachliche Anre-gungen aus der Umwelt gesammelt, systematisiert und gegebenenfalls korrigiert. Dabei sind die Denkprozesse nicht immer gleich richtig, da den Kindern noch nicht alle Bezugspunkte zur Verfügung stehen. Erst eigene Erfahrungen und daraus gezogene Schlussfolgerungen lassen die Kinder normgerechte Lösungen finden.
Der Schriftspracherwerb ist demnach ein vielschichtiger Vorgang, der nicht von heute auf morgen erlernt werden kann. Den Kindern muss die Bedeutung, der Aufbau und die Verwendung von Schrift nahe gelegt werden. Mithilfe des Konfetti-Konzepts erarbeiten sich die Kinder die Schriftsprache über das lautorientierte Schreiben. Dabei muss jedes Kind einen eigenaktiven Prozess durchlaufen, der auf unterschiedlichen Lernwegen und mit unterschiedlicher Dynamik abläuft. „Die Konfetti Basis-Materialien begleiten die Kinder bei diesen Lernprozessen und geben den unterschiedlichen Lernentwicklungen eine Struktur“ [9].
Daraus folgt, dass es beim Schriftspracherwerb weniger darum geht, den Lernstoff möglichst kleinschrittig aufzubereiten, sondern Lernsituationen zu schaffen, in denen alle Kinder ihren eigenen Lernprozess aktiv mitgestalten können und der Lehrer jedes Kind individuell begleiten kann. Das wiederum verlangt ein hohes Abstraktionsvermögen der Kinder und zeigt, dass der Schriftspracherwerb ein langer und manchmal auch frustrierender Weg ist [10]. Dieser kann nur durch Motivation gemeistert werden. Konfetti versucht genau diese Motivation und zudem Freiraum für jegliche Art von Unterrichtsaktivitäten zu bieten
3.2 Das Konzept von Jürgen Reichen
Das Konzept Reichens basiert auf drei wesentlichen Prinzipien, die für das Lernen mit der Anlauttabelle wichtig sind. Er geht davon aus, dass alle Kinder zu Schulanfang willig sind zu lernen.[11] Daher bietet sein Leselehrgang neben den Leseanreizen auch etliche Schreibanlässe. Das Schreiben steht demnach im Mittelpunkt seiner Methode.[12] „Das eigentliche Lesen stellt sich nach einiger Zeit des Selber-Schreibens „von selbst“ ein: Lesenkönnen entsteht aus dem Schreiben“ [13]. Dabei ist wichtig, dass die Schüler in keiner Weise unter Druck gesetzt oder gar zum Lesen gezwungen werden. Denn „Kinder lernen umso mehr, je weniger sie belehrt werden“ [14] und umso aussichtsreicher werden sich deren Leistungen auf ihren Lernerfolg auswirken.
Der Vorteil Reichens Konzepts ist, dass sein Leselehrgang kein bloßes Aneinanderreihen von Lauten mit Hilfe der Anlauttabelle darstellt, sondern die Kinder zum sinnentnehmenden Lesen animiert. Dabei wird eine „umfassende Förderung und Erweiterung der Sprachkompetenz, sowie der Wahrnehmungsfähigkeiten der Schüler“ [15] gefördert. Zudem werden durch diese Methode zugleich das Lesedidaktische Prinzip, das Lernpsychologische Prinzip und das Schulpädagogische Prinzip angesprochen.
Das Lesedidaktische Prinzip konstituiert sich in der Forderung des Lesens durch Schreiben. Dabei stehen das Auflautieren und das Schreiben von Anfang an im Mittelpunkt des Unterrichts. Nach Reichen bietet die Anlauttabelle hierzu eine incidentelle Verinnerlichung der Graphem-Phonem-Korrespondenz [16]. Obwohl manche Kinder in dieser Phase noch nicht lesen können, sollten vielfältige Leseanreize geboten, aber dennoch kein Druck ausgeübt werden. Das laute Vorlesen ist für die Kinder anfänglich sogar verboten.
Schließlich folgt im Lernpsychologischen Prinzip der Grundsatz der Selbststeuerung. Hierbei steht die Individualität der Lernprozesse der jeweiligen Schüler im Vordergrund. „Kinder erwerben die Kompetenz zum Lesen und Schreiben durch aktive innere Gestaltungsprozesse, nicht durch didaktisch aufgezwungenes Buchstabentraining“ [17]. Daher sollte den ABC-Schützen ein möglichst großer Spielraum gewährt werden, in dem sie selbstgesteuert und aktiv lernen können.
Das Prinzip der Schulpädagogik knüpft an dem Lernpsychologischen Prinzip an. Dabei steht der Werkstattunterricht an erster Stelle. Dieser bietet die Möglichkeit ein hohes Maß an individualisiertem, sowie fächerübergreifendem Arbeiten. Zusätzlich deckt diese Methode des Unterrichtens alle Lernertypen ab, da diese aus einem reichhaltigen Angebot an motorischen, visuellen und auditiven Aufgaben auswählen können. Der Lehrer steht dabei nur als Berater zur Seite und richtet sich nach dem Prinzip der minimalen Hilfe. Daraus folgt, dass es Reichen vor allem um einen kindgerechten Unterricht geht, „in dem [...] (das Kind) nicht nur das Lesen, sondern vor allem auch das Lernen und das Denken lernen darf“ [18]
4. Vergleich der beiden Konzepte
Vorweg sei an dieser Stelle erwähnt, dass der Vergleich von Lehrwerk-Konzepten in der aktuellen Literatur kaum behandelt wird. Daher habe ich eigene Untersuchungen betrieben, um herauszufinden, inwieweit sich die Konzepte gleichen beziehungsweise widersprechen. Wie in den Darstellungen zu erkennen ist, steht bei Reichen und Konfetti das Kind im Mittelpunkt des Geschehens. Beide Konzepte knüpfen an den Vorkenntnissen der Kinder an und versuchen die Schüler in den Lernprozess einzubinden.
4.1 Vergleich der Prinzipien
Da Reichen der Vorreiter des Lesens durch Schreiben war, spiegeln sich im Konfetti-Konzept einige Gemeinsamkeiten, aber auch Abweichungen wieder. Dies betrifft beispielsweise die drei Prinzipien Reichens: 1. das Lerndidaktische Prinzip, 2. das Lernpsychologische Prinzip und 3. das Schulpädagogische Prinzip.
Konfetti greift das Lerndidaktische Prinzip insoweit auf, dass auch hier die Buchstaben-Laut-Beziehung im Vordergrund steht. Die Kinder kennen zwar bereits einige Buchstaben aus ihrer Erfahrungswelt, aber dennoch müssen sie lernen, Buchstaben von Lauten unterscheiden zu können. Diese Vorstellung entwickelt sich nicht innerhalb weniger Wochen, sondern im Laufe des Schriftspracherwerbs. Daher ist es wichtig, besonders die Augen und Ohren der Schüler zu sensibilisieren und deren Schreibmotorik zu fördern. Somit verläuft auch hier die Graphem-Phonem-Korrespondenz incidentell und ohne Zwang, laut vorlesen zu müssen. Die Kinder haben den Eindruck, sich das Lesen selbst beigebracht zu haben.
Durch die Anlauttürme des Diesterweg-Verlags wird ebenfalls das Schreiben von Anfang an gesichert. Den Schülern werden dabei vielfältige Lernsituationen geboten, die es erlauben anhand abwechslungsreicher Materialien das Lautieren und Verschriften auszuprobieren und zu üben. Dabei wird dem einzelnen Kind überlassen, was es schreiben will. Rechtschreibfehler werden auch hier als Indikator für den jeweiligen Lernstand der ABC-Schützen verwendet, nicht etwa als Selektionskriterium. Dies entspricht wiederum dem Lernpsychologischen Prinzip Reichens.
Der Diesterweg-Verlag versucht ebenfalls das Schulpädagogische Prinzip aufzugreifen. Der Unterricht ist hier weitestgehend offen gestaltet und bietet allen Kindern vielfältige Möglichkeit, sich frei zu entfalten. Außerdem wird dem Prinzip der minimalen Hilfe auch bei Konfetti ein hohes Maß an Beachtung zugesprochen. Der Lehrer wird zum Moderator und kann sich somit vor allem der Einzelbetreuung lernschwacher Kinder zuwenden
4.2 Vergleich der Materialien
Um nicht nur die Gemeinsamkeiten der Konzepte aufzuzeigen, habe ich mich auch mit deren Materialien beschäftigt. Dabei habe ich herausgefunden, dass die Konfetti-Kartei für Reichen ein Dorn im Auge darstellen könnte. Die Konfetti-Kartei besteht aus 160 Bildkarten, 28 Lautierkarten, 38 Schreibrichtungskarten und 11 Wortschatzkarten . Bei den Schreibrichungskarten entsteht der Eindruck, dass sie sich an einem Fibelkonzept orientieren. Dabei handelt es sich um Karten, die jeden einzelnen Buchstaben behandeln und kleinschrittig aufbereiten. Während hier die Buchstaben eingeübt werden, ist Reichen der Meinung, dass Kinder „die Kompetenz zum Lesen und Schreiben durch aktive innere Gestaltungsprozesse, nicht durch didaktisch aufgezwungenes Buchstabentraining“ erwerben.
Im Gegensatz zu Reichen beinhaltet das Konfetti-Material auch Wortschatzkarten, mit denen die Kinder „das erlesen von Wörtern“ üben sollen. Ob dies Reichen wohl gefallen würde, möchte ich zu einem späteren Zeitpunkt klären. Fest steht jedoch, dass sowohl bei den Lautierkarten als auch bei den Wortschatzkarten die Kinder ihre Arbeit [...] selbst kontrollieren können . Dies fördert die Autonomie der Schüler und trainiert sogleich deren Selbsteinschätzungsvermögen.
Einen weiteren Unterschied stellt der Aufgabenrahmen der Konfetti-Hefte dar. Das Lehrerbuch beteuert zwar, dass die „Kinder nach einer Einführung (der Aufgabenstellung) selbstständig weiterarbeiten“ können, aber dennoch ist auch hier ein Teil der Aufgabenstellung sehr fibelnah angelegt. Die Schüler müssen eine Seite lang immer und immer wieder den gleichen Buchstaben schreiben, um eine gewisse Schreibroutine zu erreichen.
Reichen bietet in seinen Materialien indessen viele Arbeitsblätter zur Festigung des Wortschatzes, der Anlautkenntnisse und dem Erkennen von Zusammenhängen an. Durch das stark differenziert Material, ermöglicht er jedem Kind, am Unterricht teilzunehmen. Dennoch vertritt er die Meinung, dass der wirksamste Schreibanlass immer noch der natürliche ist. Alle seine Arbeitsmaterialien sollten daher nur insofern eingesetzt werden, dass sie die Natürlichkeit des Lernens nicht verdrängen.
4.3 Vergleich der Anlauttabellen
Trotz der Gemeinsamkeiten weisen die Tabellen der beiden Konzepte grundlegende Differenzen auf. Während Reichen seine Buchstabentabelle in Form eines Bogens gewählt hat, setzt der Diesterweg-Verlag auf drei verschiedenfarbige Anlauttürme. Beide Formate existieren sowohl in einer Kurz- als auch in einer Langversion. Dabei werden den Schülern bei Reichen zusätzliche Sonderzeichen, Laut-Buchstaben-Folgen und Fremdschreibungen in einer Box unter dem Bogen gereicht. Diesterweg hingegen baute für diese einen eigenen Turm.
In beiden Tabellen ist eine klare Ordnung der Buchstaben auszumachen. Reichen setzt dabei auf die beiden Säulen und den oberen Bogen. In den Säulen stellt er hart und weich gesprochene Konsonanten gegenüber und gliedert hier auch die Diphthonge ein. Im Bogen dagegen bringt er Vokale und Umlaute unter. Im Gegensatz dazu ordnet Konfetti die Buch-staben in drei Türmen an. In dem linken Turm stehen alle weich gesprochenen Konsonanten, der mittlere Turm beinhaltet Umlaute, Vokale, sowie Diphthonge und der rechte Turm bildet die hart gesprochenen Konsonanten ab. Indirekt stehen sich also die harten und weichen Konsonanten wieder gegenüber.
In einem direkten Vergleich fällt sofort ins Auge, dass Reichen in seinem Buchstabentor den Umlaut weggelassen hat. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der Buchstabe in zwei verschiedenen Varianten verschriftet werden kann. Das lang gesprochene [ä] wird zwar als verschriftet, das kurze dagegen als . In Reichens Version kommt dieser Buchstabe daher in die Box der Sonderzeichen. Das Konfetti-Konzept nimmt den Umlaut dagegen in den mittleren Turm auf. Auffallend sind hier gleich zwei Ungereimtheiten. Zum einen wird nur ein Anlautbild angeboten und zum anderen ist es ziemlich gewagt, das in den blauen Turm aufzunehmen, da je nach Suchrichtung das vor dem steht, „was dazu führen kann, dass leistungsschwache Schüler das lange ‚e’ immer mit ‚ä’ verschriften“ .
Einen weiteren Unterschied bildet die Buchstabenkombination . Konfetti listet diese im roten Turm auf. Dabei wird ihr unglücklicherweise nur ein Anlautbild zugeordnet, obwohl dieser ebenfalls verschiedene Auslautungen zustehen. Reichen löst dieses Problem wie folgt: Er bietet zwei Bilder, die das als Endlaut beinhalten. Auf diese Weise wird deutlich, dass die Buchstabenkombination im Deutschen nur im Wortinneren beziehungsweise am Wortende vorkommt und verschieden lauten kann .
Außerdem hat Reichen den Konsonanten und den Diphthong in die Sonderzei-chen-Box aufgenommen. Er hat dies wahrscheinlich aus dem Grund gemacht, da diese Buch-staben in der deutschen Sprache nicht so häufig vorkommen. In der Konfetti-Tabelle werden diese jedoch in den Türmen untergebracht. Ich denke, dass das dort tatsächlich recht gut bei den anderen Diphthongen aufgehoben ist, da somit die Ordnung nicht zerstört wird.
Zudem hat Reichen in seiner Tabelle mehr Platz für die Bilder gelassen. Dadurch sind sie größer und deutlicher. Dies ermöglicht die Bilder einfacher und schneller zu erkennen. Die Bilder der Konfetti-Anlauttürmen werden dagegen jeweils in einen Baustein gepresst. Bei den Lauten, die durch zwei Anlautbilder repräsentiert werden, führt dies zu klarem Platzmangel.
Beiden Anlauttabellen ist zugute zu halten, dass ihre Begriffe durchweg eindeutig ausgesucht wurden. „Es kommen keine Verwechslungsmöglichkeiten zwischen Laut und Buchstabennamen und keine Konsonantenverbindungen am Wortanfang vor“. Dennoch würde sich Reichen vermutlich über so manche Grafik der Anlauttürme den Kopf zerbrechen. So geschah es auch, als ich das Referat hielt und das Bild der Dose als ein Törtchen oder eine Klopapierrolle und das Bild der Wolken als eine Decke oder ein Kopfkissen abgestempelt wurden
5. Fazit
Nach eingehender Recherche der beiden Konzepte wurde mir klar, dass Reichen wohl einige Schönheitsmakel am Konzept der Konfetti-Anlauttürme entdecken würde. Für ihn wären die Schreibrichtungskarten wohl ein gezieltes Buchstabentraining. Aber gerade das würde wohl seiner Meinung nach die freie Entfaltung der Schüler verbieten. Allein aus diesem Grund wäre für Reichen das Konfetti-Konzept wohl zum Scheitern verurteilt.
Auch die Wortschatzkarten, mit denen die Kinder „das Erlesen von Wörtern“ [30] üben sollen, würde Reichen gewaltig widerstreben. Diese Form des Lesens entspräche einer Art des Entzifferns und erfülle demnach nicht seine Definition. Für ihn ist Lesen „ein rezeptives, nicht willentliches, nicht bewusst gesteuertes, rein geistiges Geschehen, bei dem im erkennenden Wahrnehmen gleichzeitig begriffliche Bedeutungen erfasst werden“ [31]. Wieso sollten Kinder Buchstaben auswendig lernen, wenn sie doch die Anlauttürme immer verfügbar hätten?
Ein weiteres Manko besteht bei den Konfetti-Heften. Nach Reichen würden gerade sie das stupide Abschreiben einzelner Lettern fördern. Dies hat für ihn jedoch keinen Bezug zum Gebrauchswert von Schrift, den das Schreiben nach seinem Konzept eigentlich haben sollte. Er behauptet sogar: „Mein Material ist schließlich genau und nur auf das Konzept von Lesen durch Schreiben zugeschnitten, was für andere Materialien nicht gilt“ [32]. Damit zeigt er meines Erachtens auf, dass alle anderen Konzeptionen nicht adäquat und somit zum Scheitern verurteilt sind.
Trotzdem denke ich nicht, dass Reichen die Anlauttürme als komplette Ruine oder gar als Fehlbau bezeichnen würde. Dennoch wären wahrscheinlich einige Fugen zwischen den Anlautbausteinen versandet und hier und da wäre ein Teil der schönen Fassade abgebröckelt. Diverse Kriterien für die Erstellung von Anlauttabellen wurden vom Diesterweg-Verlag einfach nicht ausreichend berücksichtigt und somit bedarf es einiger Modifikationen, um dem Schiefen Turm von Pisa keine Konkurrenz zu machen.
Aber gerade Reichen müsste wissen, dass es Zeit braucht, ein annähernd perfektes Konzept zu entwerfen. Ihn hat es wahrscheinlich viel Zeit und Mühe gekostet, seine Anlaut-tabelle auf den heutigen Stand zu bringen. Hätte man die Anlauttabelle Diesterwegs mit Reichens Originalfassung verglichen, wären die Anlauttürme wahrscheinlich für ihre Schön-heit ausgezeichnet worden. Ich denke auch, dass Max und Moritz den Anlauttürmen eine Chance gegeben hätten. Wahrscheinlich hätte man durch die Lesen-durch-Schreiben-Methode auch ihre Lust am Lernen wecken können.
Fußnoten:
[1] vgl. Haase (2000), S. 254
[2] vgl. Haase (2000), S. 254
[3] vgl. Konfetti-Lehrerbuch (2006), S. 16
[4] vgl. Sommer-Stumpenhorst (2007)
[5] Sommer-Stumpenhorst (2007)
[6] Sommer-Stumpenhorst (2007)
[7] Sommer-Stumpenhorst (2007)
[8] Konfetti-Lehrerbuch (2006), S. 15
[9] Konfetti-Lehrerbuch (2006), S. 15
[10] vgl. Einsiedler [u.a.] (2000), S. 2
[11] vgl. Reichen (2006), S. 65
[12] vgl. Reichen (2006), S. 26
[13] Reichen (2006), S. 26
[14] Reichen (2006), S. 26
[15] Reichen (2006), S. 27
[16] vgl. Reichen (2006), S. 27
[17] Reichen (2006), S. 29
[18] Reichen (2006), S. 9
[19] vgl. Reichen (2006), S. 27ff
[20] vgl. Reichen (2006), S. 27ff
[21] vgl. Konfetti-Lehrerbuch (2006), S. 7
[22] Reichen (2006), S. 29
[23] Konfetti-Lehrerbuch (2006), S. 7
[24] vgl. Konfetti-Lehrerbuch (2006), S. 7
[25] Konfetti-Lehrerbuch (2006), S. 8
[26] vgl. Reichen (1988), S. 1
[27] Sommer-Stumpenhorst (2007)
[28] vgl. Sommer-Stumpenhorst (2007)
[29] Sommer-Stumpenhorst (2007)
[30] Konfetti-Lehrerbuch (2006), S. 7
[31] Reichen (2006), S. 84
[32] Reichen (2006), S.205
Literatur
• Anonym (2007): Verlag Moritz Diesterweg: Konfetti – Werkübersicht – Konzeption. Online in: http://www.diesterweg.de/grundschule/ deutsch/konfetti_neu/werkuebersicht.xtp. Gesehen am 03.01.2007.
• Anonym (2007): Verlag Otto Heinevetter Lehrmittel GmbH: Heinevetter Aktuell – Didaktische Spiele + Arbeitsmaterialien. Online in: http://www.heinevetter-verlag.de/ 05/46 79.gif. Gesehen am 12.02.2007.
• Busch, Wilhelm (1925): Max und Moritz – Eine Bubengeschichte in Sieben Streichen. München: Verlag von Braun und Schneider.
• Das Konfetti-Lehrerbuch (2006): Konfetti Basis Handreichungen. Braunschweig: Diesterweg Verlag, S. 3-18.
• Dummer-Smoch, Lisa (2000): Förderdiagnostische Begleitung der Lernprozesse beim Schriftspracherwerb. In: Haase, Peter (Hrsg.): Schreiben und Lesen sicher lehren und lernen – Voraussetzungen, Risikofaktoren, Hilfen bei Schwierigkeiten. Dortmund: borgmann publishing, S. 254-264.
• Einsiedler, Wolfgang [u.a.] (2000): Der Einfluss verschiedener Unterrichtsmethoden auf die phonologische Bewusstheit sowie auf Lese- und Rechtschreibleistungen im 1. Schuljahr*. In: IfG – Institut für Grundschulforschung der Universität Erlangen-Nürnberg: Berichte und Arbeiten aus dem Institut für Grundschulforschung, Nr. 93. Erlangen-Nürnberg: o.A..
• Reichen, Jürgen (1988): Lesen durch Schreiben – Lernangebote zum Lesen durch Schreiben. Heft 7, 3. Auflage. Zürich: sabe AG, Verlaginstitut für Lehrmittel.
• Reichen, Jürgen (2006): Hanna hat Kino im Kopf – Die Reichen-Methode LESEN DURCH SCHREIBEN und ihre Hintergründe für LehrerInnen, Studierende und Eltern. 4. unveränderte Auflage. Hamburg: Heinevetter Verlag.
• Sommer-Stumpenhorts, Norbert (2001-2003): Richtig schreiben lernen – Schritt für Schritt. Materialien zum Rechtschreibunterricht und zur Rechtschreibförderung. Beckum: Cornelsen Scriptor.
• Sommer-Stumpenhorst, Norbert (2007): Die Rechtschreib Werkstatt – Grundkonzept. Richtig schreiben lernen – Schritt für Schritt. Online in: http://rechtschreib-werkstatt.de/ rsl/me/ antab/index.html. Gesehen am 28.12.2006
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